Der Befreite Gärtner

Liebe Gemeinde,

zwei Bilder prägen unser Predigtwort von heute: das eine unerbitterlich, das andere recht tröstlich. Ich denke, es ist sinnvoll, beide Worte miteinander zu hören, um in keine Schieflage zu geraten, wenn man über sein eigenes Leben nachdenkt.

Beginnen wir mit dem ersten Bild, eines, das wir aus unserer Alltagswelt bestens kennen: Unglücke aller Art suchen uns täglich heim und wenn wir die Zeitung aufschlagen, so ist uns das eine näher als das andere. Da bricht eine Gangway bei der Einweihung eines großen Schiffes in die Tiefe und reißt mindestens 15 Menschen in den Tod, noch dazu meist Angehörige von den Menschen, die am Schiff selber gebaut haben. Zur gleichen Zeit werden 1000 km entfernt Menschen von Autobomben zerfetzt, die – wenn man sich in die Logik der Attentäter versetzt – doch gar nicht der Mehrzahl der Getöteten gegolten haben. Noch näher aber sind uns unsere eigenen Geschichten: Warum trifft es denn gerade mich, diesedieses oder jenes Unglück? Warum muss ich immer die Karte ziehen, die den größten Nachteil verspricht? Die Not verengt den Blickwinkel und setzt uns eine eigenartige Brille auf die Nase. Blicken wir durch diese hindurch sehen wir v.a. unser eigenes Leid, können aber unsere eigene Freude nicht mehr entdecken. Blicken wir aber auf unseren Nächsten ist es genau umgekehrt: dort sehen wir nur seine Freude, niemals aber sein Leid. Dies ist die schreckliche Macht der Not und einem Menschen in dieser Situation zu sagen: „Ja, dir fehlt zwar ein Bein, aber schau doch mal auf den Herrn sowieso: dem fehlen beide Beine! Also sei still und genüge dich mit deinem Los!“ Das kann es nicht sein, liebe Gemeinde, das ist kein wahrer Trost für die Betroffenen. Um uns herum bieten andere Weltanschauungen scheinbar Lösungen für diese Problematik. Sie sagen z.B.: „Du hast in deinem letzten Leben etwas Böses getan – deswegen musst du jetzt leiden!“ Oder von der Zukunft her gedacht: „Du hast dir selbst dein schreckliches Schicksal ausgesucht, damit du im nächsten Leben auf eine höhere Stufe kommst!“

Solche Lösungen werden immer populärer und finden mehr und mehr Anhänger, vielleicht weil sie gerade in unserer immer komplizierter werdenden Welt so herrlich simpel, so unsagbar einfach und leicht zu verstehen sind. Jesus wehrt sich gegen diese Lösungen, indem er einen Kausalzusammenhang schlicht ablehnt: „Denkt ihr wirklich, diese wären umgekommen, weil sie schlechter waren als andere?“ Und er führt es weiter aus: wenn es wirklich so ist, dass auf euer böses Tun ein solcher Tod folgt, dann werdet ihr alle umkommen – und zwar genauso unvorhersehbar, genauso grausam, genauso schrecklich. Denn das ist für Jesus der entscheidende Punkt: ihr alle – wir alle sind so verstrickt in unser tägliches, böses Tun, dass wir alle vor Gericht nicht bestehen könnten. Wir müssten alle untergehen. Der eine vielleicht, weil er absichtlich zum eigenen Vorteil böse gehandelt hat, der andere, weil er etwas Gutes tun wollte, aber unabsichtlich Böses bewirkt hat, der dritte einfach deshalb, weil er nie etwas getan hat und seine Hände in den Schoß legte, damit er äußerlich rein bleibe. Wir alle, liebe Gemeinde, hätten solch einen Tod verdient, weil wir nicht besser sind, als der ganze Rest.

Der Reformationstag ist nicht lange her und der neue Film über Martin Luther ist gerade angelaufen: dort können Sie nachsehen, was es bedeutet, in dieser Todesangst zu leben. Luther ging extra in das strengste Kloster, was er finden konnte, weil er hoffte, dort seinem Gott, der ja geregerecht war, durch seine Taten am besten entsprechen zu können. Und was musste Luther erfahren? Er schafft es nicht, er kann Gott nicht gerecht werden. Und doch müsste man auf dieser Stufe sagen: wenn es einer verdient hätte, gerettet zu werden anhand seiner Taten, dann wohl so ein Mensch wie Luther, der sich bemühte und anstrengte, wie sonst wohl nur ganz, ganz wenige. Gott-sei-Dank machte Luther eine Entdeckung, die die Welt veränderte und die Vorstellung der Menschen wieder an die Lehre der Bibel anglich. Aus dem Angst-machenden und strafenden Gott wurde ein Gott, der seine eigene Gerechtigkeit den Menschen schenkte und sie so gerecht machte. Aus dem Hochleistungsglauben: „Ich muss und muss noch mehr tun und noch mehr schaffen, damit ich das Heil erlange!“ wurde eine befreiender und ein rettender Glaube, der sich in Gottes Hand fallen lassen konnte im Vertrauen darauf, dass Gott ihn dort nicht preisgeben würde. Wie aber passt nun dies mit unserem Predigtwort zusammen? Heißt es nicht: wer nicht Buße tut, der wird genauso schmählich umkommen wie jene Galiläer und jene, die zufällig am Turm von Siloah vorbeiliefen, als dieser einstürzte? Doch, und daran, liebe Gemeinde, gibt es auch nichts zu rütteln. Wer nicht Buße tut, der wird umkommen, denn ein Gericht gibt es wohl, eine Zeit, in der wir uns mit Verantwortung für unsere Taten vor jemanden stellen müssen und Rechenschaft ablegen über das, was aus unserem Leben geworden ist. Nun aber hilft uns unser zweites Bild, mit dem rechten Maß auf dieses Gericht zu sehen. So sehr wie die damals Umstehenden und viele Menschen von heute mit ihren Reinkarnationslösungen Unrecht haben, wenn sie sagen: „Seht her – dort ist ein Unglück geschehen, also muss jemand eine schwere Schuld auf sich genommen haben!“, so sehr hat dies zweite Bild Recht, wenn es uns auf die Perspektive des Gärtners verweist. Der Gärtner nämlich, der sich um den Pflanzenbestand kümmert, der ihm zur Betreuung zugewiesen wurde. Nicht er ist der Besitzer des Weinberges, in dem auch der Feigenbaum steht, sondern er wurde nur zur Pflege dort hingestellt. Wie stelle ich mir diesen Gärtner vor?

Vielleicht als einen Menschen, der seine Arbeit aus einer inneren Freude heraus tut, jemand, der gerne draußen ist bei seinen Weinstöcken und seinen Bäumen, ja ein Mensch, der so etwas wie eine Liebe zu dem entwickelt hat, was ihm anvertraut worden ist. Woher aber, liebe Gemeinde, nimmt er diese Liebe, woher nimmt er diese innere Freude und diese innere Freiheit? Ich denke, er kann sie nicht aus sich selber heraus bekommen haben, sondern der Gärtner kann nur so leben, weil er selber etwas geschenkt bekommen hat, weil er selber derjenige ist, dem man mit Liebe begegnet ist. Der Gärtner weiß sich selber aufgehoben in einem größeren Plan, geborgen in einer größeren Liebe, so dass er diese weitergeben und anderen angedeihen lassen kann. Diese Liebe des Gärtner aber geht noch weiter. Es ist nicht bloß ein Naturliebhaber, der romantisch verklärt und das will heute in diesem Beispiel sagen: unrealistisch – mit seinem Bestand umgeht. Er wird ja auf ganz konkrete, ganz realistische Dinge angesprochen: „Haue diesen Feibaum um, denn er nimmt den anderen Pflanzen völlig unnötig das Wasser weg!“ Er reagiert nicht so, dass er irgendwie spiritistisch verklärt sagen würde: „Ja, auch dieser Baum hat eine Seele und muss weiterleben …“. Nein, der Gärtner sagt, „lass ihm noch dieses Jahr, und ich will ihn pflegen, vielleicht entspricht er dann deinen Ansprüchen!“ Mit anderen Worten: auch der Gärtner muss in seinem Leben etwas erfahren haben, was ihn Misserfolg und Rückschläge, eigene Schuld und eigenes Versagen anders deuten lässt, als die Menschen aus unserem ersten Bild. Da ist einer Hüter und Pfleger, der selber weiß, wie es ist, wenn man mal versagt, wenn man Fehler macht. Erst aus dieser Haltung heraus ist es ihm überhaupt möglich, auch für seine Schützlinge anzutreten. Buße und Beichte, liebe Gemeinde, hat genau damit zu tun. Beichte kommt von dem Wort bejahen her: ich soll „Ja“ sagen zu den Fehlern, die ich gemacht habe – nicht in dem Sinne, dass ich sie rechtfertige oder sage, „Ja, das waren ja tolle Dinge, die ich da gemacht habe!“, sondern dass ich sagen kann: „Ja, das habe ich getan, das waren meine Fehler, dafür muss ich einstehen!“ Diese Eingestehen können wir tun, weil wir wissen, dass Jesus für uns gestorben ist, weil er selbst für uns eingestanden ist. Darauf, liebe Gemeinde, möchte ich heute den Blick lenken: wir dürfen bejahen, wir dürfen beichten, wir dürfen unsere Schuld eingestehen und sie vor Gott ablegen, weil Gott uns dazu frei gemacht. Gleichwie die Gerechtigkeit Gottes diejenige ist, die uns Gott schenkt, genauso schenkt er uns die Möglichkeit zur Beichte, zur Buße. Wir, wenn wir von seinem Geist erfüllt sind, werden dann so reagieren wie der Gärtner. Also eben nicht unsere Nächsten und unsere Mitmenschen verurteilen, ihnen die Berechtigung zum Leben absprechen und sagen: „Ja, diesen hier könnt ihr umhauen, er ist eh nur ein Sozialschmarotzer und nimmt den anderen das Wasser weg!“ Sondern der befreite Christ wird sprechen wie der Gärtner uns sagen: „Lass ihm noch ein Jahr, ich will mich um ihn kümmern und dann urteile erneut!“ Gott als der Herr unseres Weinberges wird erneut urteilen – das steht außer Frage – wir aber, als selbst Befreite und Gerechtfertigte in Jesus Christus – dürfen immer wieder für den Nächsten einstehen und die Hoffnung nicht verlieren, dass auch er gerettet werde: vielleicht im nächsten Jahr, vielleicht im übernächsten Jahr, vielleicht im Jahr darauf. Buße und Beichte, liebe Gemeinde, ist ebenfalls keinkeine Leistung, die uns zu Gott hinmarten soll: wir würden daran zerbrechen! Sondern es ist eine Freiheit, die uns Gott geschenkt hat und immer wieder neu schenkt: dass wir ablegen dürfen, dass wir bekennen dürfen, dass wir darüber sprechen dürfen, was unser Leben verdunkelt. Gottes Zusage ist das Licht, das diese Dunkelheit vertreibt und uns zu neuem Leben für uns und alle anderen Feigenbäume ermächtigt!

Und der Friede Gottes, der stark ist wie die Axt, die an den Feigenbaum angelegt wurde und der gnädig ist wie der Gärtner, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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