Der Alte redet aber seltsam daher!

Weihnachten ist vorüber. Die Heilige Nacht mit den großen Wundern des Himmels – vorbei. Der Gesang der Engel und ihre Stimmen – verklungen. Die Hirten sind wieder bei ihrer harten Arbeit. Die Weisen aus dem Morgenland sind auf dem Rückweg. Eine Woche nach Weihnachten sieht die Welt schon ganz anders aus. Auch für Maria und Josef war es eine Woche nach Weihnachten. Wir lesen im Lk-Ev., wie die wundersame Geschichte der Heiligen Nacht in vorgeschriebenen Bahnen des Alltags weiterging (V22). In den vorgeschriebenen Bahnen des Gesetzes, nach jüdischer Ordnung. Da stehen die beiden auf den Stufen des Tempels. Maria hat das Kind auf dem Arm, sie gehen in die Halle hinein. Es ist ein vertrauter Weg, heißt es doch an anderer Stelle: Seine Eltern gingen alle Jahre hinauf nach Jerusalem zum Passafest. Und doch liegt eine große Spannung über der Szene: Der vor kurzem geborene Messias taucht erstmals in Jerusalem, der Hauptstadt, der Königsstadt auf. Herodes, sein ärgster Feind, der Namen und Aufenthaltsort seines vermeintlichen Widersachers so gern gewusst hätte, ahnt nicht, wie nah der Gesuchte ist. Auch den Eltern ist das Göttliche an diesem Kind kaum bewusst. Wir denken vielleicht, angesichts der bedeutenden Worte von Engeln, Hirten und Weisen würden Maria und Josef das Jesusbaby als ein gewaltiges Wunderkind ehrfürchtig bestaunen und von aller Welt Bewunderung erwarten. Nun, wir als die Späteren kennen alles, das dürfen wir aber nicht voraussetzen an jenem Vormittag, wo der Kleine im Tempel dargebracht wird. Für die Eltern war der kleine Jesus ein Kind, das nach den besonderen Umständen seiner Geburt wohl ein Geheimnis umgab. Aber sie konnten das noch nicht recht einordnen. Dem Josef wird die Herkunft des Kleinen nach wie vor suspekt gewesen sein, auch von den Worten der Hirten wird gesagt, nur Maria hätte sie in ihrem Herzen bewegt. Alles in allem ist es also eine recht nüchterne Szene gewesen, wahrscheinlich wurden jährlich Tausende von Neugeborenen im Tempel zur Darbringung gebracht, und der jeweils diensthabende Geistliche hatte sich darum zu kümmern.

Ich stelle mir vor, wie die beiden das Gebäude betreten. Am Eingang hockt wie oft an Tempelpforten ein Bettler. Als sein flüchtiger Blick auf den Kleinen fällt, denkt er wohl: Du armer Kerl! In was für eine Welt bist du hineingeboren! Die Römer im Land. Keine Hoffnung, dass es besser werden könnte. Deine Eltern fast so arm wie ich!" Dann wendet er sich wieder den Wohlhabenden zu, um eine Gabe zu erbitten. Im Tempel selbst hat das Gedränge zugenommen. Von der Empore sieht ein Schriftgelehrter die Eltern daherkommen. "Der hats auch nicht leicht" denkt er. "Lesen und Schreiben wird ihm wohl unbekannt bleiben. Bei so einfältigen Eltern, die kennen ja kaum das Gesetz. Ich höre es an ihrem Dialekt, diese Nordlichter aus Galiläa. Das sind doch alles Ungläubige. Eigentlich dürfte man sie gar nicht in den Tempel hineinlassen, der Vorhof der Heiden, da gehörten sie hin. Mal schauen, was sie für ein Opfer bringen wollen. Sieh an, hab ich mirs doch gedacht! Zwei Tauben, die armseligste Gabe, das unterste Minimum nach dem Gesetz." Maria und Josef gehen weiter. Eine reiche Pilgersfrau, umgeben von Dienstpersonal, beobachtet sie mitleidig. Sie denkt: "Ach, der süße Kerl. Wie schade, dass mir Kinder versagt geblieben sind. So ein goldiges Kind, leider bei den falschen Eltern. Bei mir hätte er es gut. Ich würde etwas aus ihm machen!" So, liebe Gemeinde, stelle ich mir die Szenerie bei der Darbringung Jesu vor. Sie beginnt durch und durch gewöhnlich und alltäglich. Im Rahmen eines ganz normalen Gottesdienstes wird im folgenden die Herrlichkeit Jesu offenbar. Werden zwei Menschen, auf die wir gleich noch kommen, ergriffen vom Heiligen Geist.

Es gibt manche Kritiker, unfromme wie überfromme, die über die herkömmliche Art und Weise gottesdienstlichen Geschehens die Nase rümpfen. Da ließe sich nichts erleben, da wehe Gottes Geist nur als ein laues Lüftchen.

Hier aber werden wir belehrt: Gerade im Umfeld des üblichen liturgischen Ablaufs altkirchlicher Gesänge, einem Ritual der Kindersegnung ähnlich unserer Taufe, Einlegen der Opfergabe ereignet sich Wunderbares. Mitten in dem Gedränge, in dem Getriebe des Volkes mit höchst unterschiedlichen Interesse: Da waren Touristen, da waren Priester, die nur amtierten, weil es Familientradition war, da mischen sich Taschendiebe unter die Pilger, da werden Geschäfte gemacht mit Spendengeldern, ein bunter Wirrwarr. Wie soll da der Heilige Geist zum Zuge kommen? Einmal hatten wir hier eine Hochzeit, da war auch so ein buntes Gewusel. Die Blitzgeräte surrten, die Kinder turnten auf der Kniebank herum, die Aufmerksamkeit bei der Predigt ließ immer mehr nach, und der Vertretungsorganist fragte kopfschüttelnd: Was wohl Gott dazu sagt?

Nun: im Großen und ganzen wird es häufig so sein, dass die Menge aus vielen äußerlichen Beweggründen feiert, auch wenn es in einem kirchlichen Gebäude ist. Der Glaube ist immer die Sache Einzelner. Aber wenn so ein einzelner, in diesem Fall Braut und Bräutigam, um die es damals ging, bewusst vor den Herrn treten und aus seiner Hand gläubig den Segen empfangen, und diesen Eindruck hatte ich da während des Schlusssegens, den übrigens ein katholischer Kollege hielt, dann spielt das wuselnde Drumherum und die vielleicht ungeistlichen Motive anderer keine Rolle.

Auch Josef und Maria kamen, das wird hier ganz unverblümt festgestellt, des Brauchs wegen in den Tempel, nicht aus anderen Gründen. So wird in dieser Geschichte das überkommene Brauchtum geadelt, und auch beim späteren Wirken Jesu ist es ähnlich. Er hat den herkömmlichen Gottesdienst nicht verachtet. Wir finden den 12jährigen bei den Lehrern des Tempels, wie er ihnen zuhört, wie er sie fragt. Das erste Auftreten des etwa 30jährigen ist ein Besuch in den Synagogen von Kapernaum. Dort wird ein Besessener frei von seinen Zwängen. Wenig später sehen wir Jesus, wie er im Gottesdienst seiner Vaterstadt Nazareth die Schriftlesung hält und eine Auslegung dazu gibt. Natürlich haben sich große Taten Jesu auch anderswo ereignet, auf der Straße, in Privathäusern. Das heißt aber nicht, wir müssten die Sphäre des Wunderbaren abseits gottesdienstlichen Geschehens suchen. Das meint ja der Aberglaube, wo die prophetische Ansage ihren Ort hat in einem Zirkuswagen vor einer Kristallkugel und die sogenannte Heilung, wo Ärzte keinen Rat wissen, im Nebenzimmer des Besprechers.

Nein, die großen Taten Gottes sollen da geschehen, wo sie auch verkündigt werden, im Gottesdienst. Deshalb muss für uns, wenn wir etwa besondere Gottesdienste begehen für bestimmte Zielgruppen, die langfristige Absicht immer sein, wie können wir diese Dinge integrieren in den Sonntagvormittag. Es kann nicht unser Ziel sein, dass wir das freie Gebet, eine Einzelsegnung unter Handauflegung, das Kennenlernen neuen Liedguts, die Beteiligung von Laien, das Eingehen auf kleine Kinder abkoppeln in besondere Veranstaltungen. Das ist zwar wichtig, um ohne Druck andere geistliche Formen entwickeln zu können. Langfristig aber muss das einfließen in den Sonntagvormittag, und da ist auch in Zukunft mit Veränderungen zu rechnen.

Aber nun nimmt im folgenden der Vorgang, der eigentlich nach dem üblichen Brauch sich vollziehen soll, einen ganz unerwarteten Verlauf. Unangemeldet unterbricht ein Fremder die Feier. Er freut sich mit und will seiner Begeisterung Ausdruck verleihen. Mich erinnert diese Szene an einen Gottesdienst im April, wo ein Übernachtungsgast im Pfarrhaus am darauffolgenden Sonntag mit in die Kirche kam. Er kam aus Indonesien und alles an einem deutschen Gottesdienst in einer normalen Kirche, er kannte nur den freieren Ablauf in einer Gemeinschaft in Kassel, das war also alles kolossal aufregend für ihn. Und hinterher war eine Taufe angesagt. Das ließ er sich natürlich nicht entgehen. Ich hatte gedacht, er würde bescheiden in einer der hinteren Reihen sitzen und sich alles aus gebührendem Abstand betrachten. Weit gefehlt. Er stürzte nach vorne, Kamera im Anschlag, baute sich direkt vor Eltern und Paten auf und bat: Kann ich bitte ein Foto machen? Die Freude und Anteilnahme war so echt, so tief, die konnten ihm den Wunsch einfach nicht abschlagen.

Ähnlich ist es hier mit dem alten Simeon. Auch er ist auf den 1. Blick ein einfacher Mann. Ohne besondere soziale Stellung, ohne politisches Amt, ohne kulturelle Bedeutung. Und doch ein besonderer Mann. Denn er ist beseelt von einer Hoffnung. Ihn trägt eine lebendige Hoffnung. Auf dem Papier bejahten die andern es auch, dass einmal der Erlöser kommen werde. So einen allgemeinen Glauben hatten viele, sicher auch der Priester, der eigentlich vorgesehen war, das dargebrachte Jesuskind zu segnen. Praktisch aber hielten sie alle den Trost Israels für ein Phantom. Sie griffen längst nach anderen, handfesten Tröstungen. Denn nach irgendwelchen Tröstungen muss der Mensch ja greifen. Und so werden sich damals die meisten Alten getröstet haben mit ihrem behaglichen Wohlstand. Mit den kleinen Freuden des Alltags. Mit ein bisschen Wärme und Sonnenschein. Dem Simeon war all das zu wenig. Er hatte eine ganz bestimmte Hoffnung. Er hatte die Gewissheit: Ich werde irgendwann in meinem Leben dem Heiland begegnen. Dann kann ich getrost sterben. In der Antike gab es ein geflügeltes Wort: "Neapel sehen und sterben." Diese Stadt galt den damaligen als Krönung des Sightseeing. Und wer das Höchste, das Größte und Schönste gesehen hat, der kann getrost abtreten. Neapel sehen und sterben. Was ist es, das du noch vorhast, das du unbedingt sehen willst? Vielleicht ein berühmtes Bauwerk? Einen Filmklassiker, dann aber im Kino in Dolby Surround? Das Konzert einer Superband, hoffentlich bevor sie sich auflöst? Da schickt ein weit herumgekommenes Ehepaar zu Jahresende den obligatorischen Rundbrief an den großen Freundeskreis. Sie erzählen begeistert von dem, was sie im ausgehenden Jahr alles gesehen haben: Ägypten, die Türkei, Griechenland. Das Letzte und Absolute haben sie wohl noch nicht gefunden, denn sie planen bereits neue Reisen. Daneben gibt es Alte, die haben das in ihren Augen wichtige alles schon hinter sich. Abenteuer satt, 2 Kriege haben sie hinter sich. Vieles haben sie überstanden, Grund zur Dankbarkeit gibt es genug: Die Ehe hat gehalten, Goldene Hochzeit war auch schon. Nachwuchs? Jawohl, Enkel reichlich vorhanden. Aber was ist mit dem Tod? Könnten Sie in Frieden diese Welt zurücklassen? Könntest Du es denn? Das ist nun keine Frage des Alters. Könntest Du in Frieden abtreten? Vielleicht sagst du: Zu Sterben bin ich bereit, ich kann mir den Zeitpunkt ja nicht aussuchen. Aber wenn ich ehrlich bin: Frieden habe ich nicht. Da sind Enttäuschungen, die hast du nicht verwinden können. Enttäuscht von Menschen. Von den Eltern vielleicht. Von Autoritätspersonen, die ein Vorbild hätten sein sollen, die dich hätten formen sollen in guter Absicht. Von Lebensgefährten. Sie haben dich verletzt, sie haben versagt, das in sie gesetzte Vertrauen missbraucht. Sie haben jämmerlich versagt. Du hattest dir so viel von ihrer Hilfe versprochen. Das kannst du nicht einfach wegwischen. Vieles ist einfach geschehen und im nachhinein nicht mehr zu ändern. Wie solltest du je Frieden darüber bekommen? Andere sind da, die sind mit Gott nicht im reinen. Sie sind bitter geworden über Leiderfahrungen, an denen sie sich schuldlos fühlen. Sie fanden sich von Gott im Stich gelassen. Warum musste gerade ich das alles mitmachen? Darauf haben sie bis heute keine Antwort. Mit den Menschen haben sie vielleicht Frieden, aber mit Gott nicht.

Vielleicht war auch der Simeon in Gefahr, ähnlich zu verbittern zu jenem Zeitpunkt, als ihn sein Weg am Tempel vorbei führte. Einfältig hat er sich vielleicht manchmal ein Herz gefasst und den wenigen, zu denen er ganz offen sein konnte, anvertraut: Du, ich bin ganz sicher, bevor ich sterbe, werde ich noch dem Messias begegnen. Statt Verständnis hat er vielleicht ein mitleidiges Lächeln empfangen. Hör mal, Simeon, da wartet unser Volk schon 500 Jahre drauf. Und ausgerechnet dir soll er begegnen? Woran willst du ihn denn erkennen? Irgendwann hat er nicht mehr darüber geredet. Aber rumgesprochen hatte sichs, und die Leute sagten: Simeon? Ach, das ist wohl der Alte mit dem Splin? Die Bitterkeit und das Versanden der christlichen Hoffnung lauern allenthalben. Gott hat ihn lange warten lassen, den Simeon. Gott lässt auch dich vielleicht lange warten. Ich muss daran denken, wie wir mit der christl. Studentengruppe in Göttingen für ein Haus gebetet haben, und so lange tat sich nichts. Erst in meinem letzten Jahr, im Examensjahr. Warum so lange? Simeon hatte eine klare Hoffnung, aber noch war nichts zu sehen. Als sich der norwegische Seemann Björn Kristiansen bekehrte, hatte er bald darauf den Eindruck, er solle in Zukunft ein Schiff mit einem christlichen Auftrag steuern. Er nahm an einem Treffen von Christen teil, die bei der Schiffahrtsvers. Lloyds arbeiteten und sprach von seiner Idee. Da erfuhr er von einer Gruppe namens OM, Operation Mobilisation, ein junges christliches Missionswerk. Dort betete man seit 6 Jahren für Offiziere, eine Mannschaft und ein Schiff. Bis dato war ein engl. Kapitän der einzige, der sich für dieses Projekt verpflichtet hatte. In den Augen der meisten verkörperte er das Unternehmen: Ein Kapitän ohne Schiff und ohne Mannschaft. War das nicht lächerlich? Ein Ehepaar in Belgien erfuhr davon. Sie verkauften ihre ganze Habe und fuhren nach Belgien zu einer OM-Konferenz. Ihr Pastor hielt sie für verrückt und ließ diese guten Mitarbeiter traurig ziehen. Die beiden nahmen an, dort ein fleißig arbeitendes Schiffsteam vorzufinden. Die Konferenz war in einer alten, leeren Brauerei. Dann kam ein Engländer herein, der Kapitän. Danach noch ein der Norweger. Diese beiden waren also das ganze Schiffsteam. Nach dieser Ernüchterung erfuhr das belg. Ehepaar, wo sie schlafen sollten: Ein völlig kahler, leerer Raum, 4 Wände, Fußboden, Decke, sonst nichts. Wenigstens bekamen sie eine Rolle Wellpappe, wo sie sich drauflegen sollten. Erst zwei Jahre danach war die Schiffsmannschaft auf 15 angewachsen. Wenig später fanden sie ein zum Verkauf stehendes günstiges Schiff, aber weil bis dahin kaum Spenden eingegangen waren, was Wunder, wussten sie bis zum Zahltag, nicht, ob der Preis von 300.000 $ zusammenkommen würde. Und doch kam der Betrag zusammen, nach so langer Zeit des Wartens. So hat Gott den Glauben dieser Leute strapaziert. Aber sie wurden nicht enttäuscht. Auch der Glaube des Simeon wurde strapaziert. So lange musste er warten. Selbst der Anblick des Jesuskindes strapazierte seinen Glauben. So unscheinbar. Gar nichts Besonderes. Wem immer sie hinterher erzählten, ich habe den Heiland gesehen, und die Rückfrage wäre gekommen, was war denn daran besonderes, da war kein sichtbarer Beweis. Aber sie waren gewiss: Der ist es gewesen. So mag Gott auch deinen Glauben strapazieren. Nämlich dann, wenn das, was dich bewegt, auf wenig Zustimmung stößt. Wie war es denn bei dir in den letzten Tagen?

Viele von uns haben sich da getroffen mit Verwandten, mit Freunden, mit Leuten, die über die Feiertage im Lande sind. Einen Nachmittag oder einen Abend saß man beisammen. Vielleicht haben manche von uns diese Treffen als rundum schön erlebt. Andere werden darunter gelitten haben, dass sich die gemeinsame Freude über die Geburt des Heilands, wie wir sie begehen in den Gottesdiensten an Heiligabend, in jenen Runden nicht fortsetzen lässt, wo man sich versammelt um Braten und Stollen. Ich hörte in meinem privaten Umfeld, also jetzt nicht in Hastedt, andernorts, von viel Enttäuschung und nervigen Begegnung. So nervig, dass einige Betroffene sagten: Nie wieder! Nächstes Jahr Bescherung unter uns und dann ab in den Urlaub!

So war auch die Reaktion auf das, was der Simeon da begeistert ausruft, Wie herrlich, meine Augen haben den Heiland gesehen, das ich das noch erleben darf. Da ist wenig Entgegenkommen. Maria und Josef sind leider nicht begeistert und sagen: Das muss stimmen, Simeon, was du da sagst, lass dir noch erzählen, was vor wenigen Wochen im Stall passiert ist. Nein, die Eltern sind verblüfft. "Der Alte redet aber seltsam daher!" Vielleicht kam später noch der diensthabende Geistliche dazu und hat gesagt: "Nun hören Sie mal zu, wenn Sie nicht so alt wären, würde ich Sie auf der Stelle rausschmeißen, die Herrschaften sind zu mir gekommen, was mischen Sie sich da ein mit Ihren wirren Ideen. Darum ist es so gut, dass die Hanna dazukommt und den Eindruck des Simeon bestätigt. Aber damit musst du rechnen, wenn du Großes von Jesus erwartest: Manche Bestätigung, manche Ermutigung aus nächstem Kreise wird ausbleiben. Ich habe den Eindruck, der Simeon war allein mit seiner Hoffnung. Die Hanna war allein mit ihrer Hoffnung. Und dann treffen sie sich zufällig im Tempel und stärken sich gegenseitig im Glauben. So brauchst auch du die Gemeinschaft von Menschen, die mit dir empfinden und dich bestätigen. Sieh zu, dass dir dafür der Blick geschärft wird, dass du dich mit ihnen aussprechen kannst und ihr einander im Glauben stärkt. Denn sonst kommt schnell der Frust auf, der einen zurück wirft. Wenn du etwas Großes erlebt hast, nimm meinetwegen an unsere Kirchweih am 2. Advent mit diesem eindrucksvollen Stück "Der Traum der drei Bäume" Und du bist auf dem Heimweg und sagst zu dem neben dir, war das nicht herrlich und kriegst zur Antwort: Mir hats nicht gefallen, ich hatte einen schlechten Platz und der Kaffee wurde nicht so schnell nachgeschenkt wie ich das erwarte. Das Unverständnis anderer darf dich nicht irremachen. Es wird noch zunehmen. Unser Land entfernt sich immer mehr vom Christentum. Rechne nicht allzu sehr mit Ermutigung und Bestätigung auch im engsten Umfeld. Auf dem Glaubensweg musst du wichtige Schritte allein wagen. Aber schreibe die Leute auch nicht ab, die so viel Unverständnis an den Tag legen. In der Familie Jesu hat sich viel verändert, wenn auch erst im Laufe von Jahrzehnten. Das kann auch in deiner Familie geschehen, in der Generation vor dir, in der Generation nach dir. Sogar, ohne dass du etwas dazu beiträgst. So wie bei Simeon. Er kann in Frieden abtreten, ohne Sorge, wie soll denn dies ohnmächtige Kind den Willen Gottes durchsetzen. So brauchst auch du nicht sorgen, was in Zukunft aus unserer Welt, aus dieser Kirche und aus deinen glaubensfernen Angehörigen werden wird. Gott kümmert sich darum und um vieles andere auch. In dieser Gewissheit geht Simeon seiner Wege, und so sollte es bei uns auch werden.

Auf der Titelseite des Gottesdienstprogramms ist ein Bild von Paul Ras, ehemaliger Leiter und Gründer der Kirche des Guten Samariters in Indien, im Hintergrund der Fluss Godavari, wo die von ihm gegründeten Gemeinden wohnen. Als dieses Bild aufgenommen wurde, fuhr eine Besucherdelegation mit ihm durch dieses Gebiet. In einem Dorf treffen sie einen Schafhirten. Er ist 65 Jahre alt. Irgendwer hat ihm vor 30 Jahren kurz von Jesus erzählt. 30 Jahre lang wartete er auf die Taufe. Es war niemand da, der sie ihm hätte geben können. In einer Vision aber hatte er den Mann gesehen, der ihn einmal taufen würde. Als Paul Raj auf ihn zutrat, rief er aus: Nun bist du gekommen, auf den ich gewartet habe. Solche Alten wünsche ich mir in unseren Gemeinden. Wie dieser Hirte, wie der Simeon, wie die Hanna. Im Leben gereifte Frauen und Männer, die den Mut nicht verloren haben, die nicht vergangenen Zeiten nachtrauern, die etwas von Jesus erwarten. So möchte ich einmal sein, wenn ich alt bin. Und du hoffentlich auch.

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