… denn er ist wie du!

Kennen Sie nicht die Situation, irgendwo, auf einem Campingplatz. Sie sind im Zelt, sind bei dieser Hitze endlich eingeschlafen; da weckt sie morgens um zehn nach drei das Handy ihres Nachbarn; sie sind hundemüde und müssen jetzt noch ein ewig langes Gespräch mitverfolgen, das für die Sprechenden sicher seine Berechtigung hat, aber in ihnen nur ohnmächtiges Stöhnen hervorruft. Die Zeltwände sind einfach zu dünn; die Nähe zu groß. Kennen wir, sagen jetzt manche, daher gehen wir im Urlaub nur ins Hotel. Doch auch da wartet vielleicht eine Überraschung auf sie; im Zimmer nebenan, hat sich eine junge Familie eingenistet; das Baby schreit; die Türen öffnen sich immer dann, wenn sie denken, Jetzt ist endlich Ruhe. Deswegen machen wir nur im Club Urlaub, sagen jetzt andere; da ist für Kinderbetreuung gesorgt. Doch da treffen sie vielleicht auf das schwule Pärchen, bei dem sie nicht wissen, ob sie hin- oder wegschauen sollen, auf ignorante Amerikaner oder irgendwelche eingebildeten Menschen, mit denen sie im Urlaub eigentlich gar nichts zu tun haben wollen. Und das enge Beieinander in einer Clubanlage wird zum schwierigen Eiertanz. Daher bleiben wir auch zuhause; im eigenen Bett schläft es sich eh am besten, mögen sie jetzt sagen. Doch schon wieder werden sie gestört; die Nachbarn nutzen die freie Zeit, um ihr Haus umzubauen; Dreck und Staub machen den Urlaub ungenießbar.

Liebe Gemeinde, das Leben könnte so schön sein, wenn da nicht immer die anderen wären, die es schwierig werden lassen. Ist das nicht eine Erfahrung, die wir immer wieder zu machen scheinen? Die anderen, die nächsten? Wie schwer sind sie manchmal zu ertragen! Nicht immer ist das Verhältnis zu ihnen ungetrübt. Dabei gibt es eigentlich in der Bibel Anweisungen wie mit ihnen umzugehen ist. In unserem heutigen Predigttext hören wir davon. Ich lese aus dem 12. Kapitel des Mk-Evangeliums.

[TEXT]

Liebe Gemeinde, aber … so mögen sie denken, muss ich die denn alle lieben. Und warum lieben? Ist das wirklich das, was Jesus gemeint hat? In unserem Text wird Jesus von einem Schriftgelehrten gefragt, was denn nun das höchste, das eigentliche Gebot. In einer jüdischen Welt, in der es für gläubige Menschen bis zu 365 Verbote und 248 Gebote gab, sucht hier einer nach dem einen Gebot, nach, dem, was wirklich zählt, was in unserem Verhältnis zu Gott das Wesentliche ist. Und Jesus antwortet ihm mit dem Anfang des Jüdischen Glaubensbekenntnisses: Höre Israel, Gott, unser Herr ist einer. Und du sollst Gott lieben von ganzem Herzen und von ganzer Seele. Dieses Gebot ist die Grundlage für das, was dann kommt: du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Eigentlich ist und war das nichts neues für einen jüdischen Menschen, finden sich doch beide Gebote im Herzen ihrer Bibel, der Tora, wieder. Und so erntet Jesus auch die Zustimmung seines Gegenübers.
Für uns sind diese Sätze das Zentrum des christlichen Glaubens geworden. Sie sind Grundlage unseres abendländischen Denkens; sind die Wurzel, zu der religiöse Erneuerungsbewegungen immer wieder zurück gefunden haben. Würden wir heute von Menschen anderer Religionen gefragt, wie unsere Regeln und Gebote lauten, wäre dieses sogenannte Doppelgebot der Liebe, die Antwort, die wir geben können. „Liebe Gott, und liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“

Und doch: was bedeutet die Nächstenliebe für jeden und jede einzelne von uns.? Ist sie nicht oft mehr eine abgedroschene Phrase? Mit dem Hinweis auf diese vermeintliche Liebe werden immer wieder Konflikte unterdrückt; denn „als Christ oder Christin muss man doch alle lieben“. Und was heißt das überhaupt „alle lieben“? Wir lieben unseren Mann, unsere Frau, die Familie, vielleicht noch den Familienhund, aber darüber hinaus? Das kann doch wirklich keiner verlangen. So ist es erst einmal wichtig darauf hin zu weisen, dass es nicht um Liebe gehen kann, in ihrem erotischen Sinne und nicht um die Liebe einer Freundschaft. Andere Übersetzungen weisen daraufhin: Liebe deinen Nächsten; denn er ist wie du. Das liebe Gemeinde setzt den Akzent anders. Auf einmal wird betont, dass der andere ja wie ich ist; dass wenn ich ihn so sehen kann, es mir leichter fallen kann, ihn zu respektieren, ihn anzunehmen als der, der er ist. D.h. aber auch, dass ich mich annehmen muss als die oder der, der ich bin. Und das fällt uns oft gar nicht so leicht; selbst in unserer Zeit, in der der eigene Lustgewinn, das eigenen Vergnügen, der eigene Vorteil so groß geschrieben wird; denn all das bedeutet ja nicht, dass ich mich selber mag, mich selbst so annehmen kann, wie ich bin.
Eher projizieren wir die Anteile unserer Selbst, die wir nicht mögen, die nicht in unser eigenes Selbstbild passen, in andere. Andere tragen dann die Merkmale, die wir an uns nicht sehen mögen und in der Folge oft verneinen. Dann wird der andere, die andere zu einer Person, die meine Nächste nicht sein soll, ein Feindbild ist entstanden. Niemand soll mich an das erinnern, was ich an mir nicht mag. Der Mann mit den Machomanieren, der seine Frau und Kinder unter seiner Fuchtel hat; habe nicht auch ich Anteile dieses Herrschaftsgebarens, die ich nicht ausleben will? Ist er mir nicht deshalb so unangenehm, weil ich merke, hilfe, auch ich bin gefährdet so zu sein. Oder die Frau, die sich herumkommandieren lässt. Schaue ich nicht deswegen lieber weg, weil auch ich manchmal gerne die Verantwortung einfach abgeben möchte, vielleicht selbst um diesen Preis. Oder so manche junge Leute, die nur ihr eigenes im Kopf zu haben scheinen, ohne Gedanken an die Umwelt, an das Wohl anderer, wie der junge Mann im Nachbarzelt, der nachts um 3:00 anfängt, zu telephonieren. Wünschen wir uns nicht manchmal auch, einfach so, verantwortungslos in den Tag zu leben. Aber es geht nicht; so ist es einfacher, diese Seite von uns zu verneinen und auf sie zu schimpfen.

Liebe deinen Nächsten; denn er ist wie du.

Dieser Satz Jesu, ist und bleibt eine Zumutung, nicht nur in unserem Verhältnis anderer gegenüber; sondern auch und gerade für uns selbst; denn es heißt, dass ich mich selber erkennen muss, mich mit allen meinen guten aber auch meinen unschönen Seiten und mich annehmen, als der oder die, die ich bin. Dabei sind wohl nicht nur meine eigenen Schranken zu überwinden, sondern auch die, die andere mir setzen; denn auch ich bin immer Teil der Projektionen anderer. Wie ich in andere herein projiziere, tun es andere natürlich auch in mich, nennen mich faul oder chaotisch, begabt oder ungeschickt. Auch mit diesem Teil müssen wir leben lernen, bevor ich auch den anderen vorurteilsfrei betrachten kann.

Doch hat Jesus dieses Gebot nicht als erstes, nicht als alleingültiges hingestellt, sondern hat ihm das Gebot der Gottesliebe vorausgestellt. Entstanden ist dieses „Höre Israel“ aus der Situation nach der Flucht aus Ägypten. Gott hat sein Volk zuerst geliebt; Gott hat es aus der Sklaverei befreit; erst daraus wächst das Gebot an die Gläubigen: „du sollst Gott lieben von ganzem Herzen und von ganzer Seele“. Gott liebt uns immer schon zuerst; nimmt uns immer schon zuerst an, als die, die wir sind. In seinen Augen sind wir liebenswert, jeder und jede einzelne von uns, und damit befähigt, uns selbst anzunehmen mit allen Ecken und Kanten, mit allem, was dazu gehört. Aus diesem tiefen Wissen heraus, kann es uns möglich werden, Hürden zu überwinden auf dem Weg zum zweiten teil des höchsten Gebotes: Liebe deinen Nächsten; denn er ist wie du.

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