Denn das Heil kommt von den Juden …

Liebe Gemeinde,

auf einer seiner Reisen war Jesus zwischen Jerusalem und Galiläa unterwegs. Er hatte in Jerusalem das Passha-Fest gefeiert und zog mit seinen Jüngern hinauf in den Norden, nach Galiläa. Dabei führte sein Weg durch Samarien. Als die Sonne am höchsten stand, ging es schier nicht mehr weiter. Hitze, Staub und Müdigkeit raubten Jesus und seinen Jüngern alle Kraft. Und als sie am Rande der Stadt Sychar einen schattigen Platz an einem Brunnen fanden, war dies eine willkommene Gelegenheit für eine Rast. Jesu Jünger gingen in die Stadt einkaufen und Jesus blieb allein am Brunnen zurück. Und als die Jünger aus der Stadt zurückkehren, wundern sie sich, dass Jesus mit einer Frau redet. Was war geschehen?

Vielleicht war Jesus eingeschlafen und vom Geklapper eines Tonkruges, der auf dem Brunnenrand abgestellt wurde, geweckt. Eine Frau war gekommen um Wasser zu holen. Der Brunnen war tief und ohne ein Schöpfgerät war es nicht möglich diesem das erfrischende Nass zu entnehmen. Und deshalb bittet Jesus die Frau ihm Wasser zu geben. Die Frau schaut Jesus verdutzt an, denn vor ihr sitzt doch wohl ein Jude und sie selbst aber ist Samaritanerin. "Wie, du als Jude willst von mir, einer Samaritanerin, Wasser haben?" fragt sie ihn erstaunt.

Die Geschichte von Jesus und der Samaritanerin beschreibt, wie und unter welchen Bedingungen Menschen sich begegnen können, die sich sonst eher aus dem Wege gehen oder untereinander verfeindet sind. Samaritaner hier und Juden dort. Spannungen und Ablehnung zwischen ihnen. Die Juden sind anders. Die Samaritaner sind anders. Man mag nicht das andere. Die Samaritaner halten die Juden für arrogant und für die Juden sind die Samaritaner die Menschen mit falschem Glauben. Ein rechtschaffener Jude hatte mit Samaritanern nichts zu tun. Wenn ein Jude nur ein Gefäß benutze, aus dem ein Samariter getrunken hatte, dann verunreinigte er sich.

In biblischen Zeiten gehörte Samaria zum Nordreich Israels. Doch bereits 722 v. Chr. brach das Nordreich zusammen und fiel in die Hände der östlichen Großmacht Assyrien. Vom judäischen Reich blieb im Süden das Land Juda übrig. Dieses geschichtliche Schicksal hat das nördliche Israel und das südliche Juda tief getrennt. Die Samaritaner blieben auf dem geistigen Stand des Zusammenbruches von 722 v. Chr. stehen. Und sie sind überzeugt, dass nur die 5 Bücher Mose die Heilige Schrift ist. Die Juden hingegen fügten zu den 5 Bücher Mose noch die prophetischen Bücher, die Schriften der Könige und die Psalmen hinzu. Für die Samaritaner ist der Berg Garizim der heilige Ort. Dort muss man Gott dienen. Für die Juden ist es der Berg Zion in Jerusalem, wo sie feiern wollen, denn Gott hat versprochen hier gegenwärtig zu sein. So glaubt und feiert man verschieden und geht sich gewöhnlich aus dem Weg.

In dieser spannungsgeladenen Situation begegnet Jesus der samaritanischen Frau. Und auch die Jünger wundern sie sich, als sie aus der Stadt zurückkehren, dass der Jude Jesus mit einer samaritanischen Frau redet. Wie die Geschichte weitergeht möchten sie jetzt sicher wissen. Hören wir hierzu den Predigttext des heutigen Sonntag. Wir können ihn bei Joh 4, 19 – 26 nachlesen.

[TEXT]

Die samaritanische Frau fragt Jesus, was sie schon lange bewegt und immer schon wissen wollte: "Wer feiert denn nun den rechtmäßigen Gottesdienst? Wo und wie findet der rechtmäßige Gottesdienst statt?" Was für Fragen dieser Frau, die offenbar genug andere Probleme hat. Aber die Sache mit Gott, das ist ihr sehr wichtig. "Was stimmt denn nun? Das, was die Juden sagen, dass man Gott in Jerusalem im Tempel verehren soll, oder das, was die Samariter sagen, dass Gott hier auf diesem Berg zu verehren sei?" Auf solch konkrete Fragen der samaritanischen Frau gibt Jesus ebenfall ganz konkret Antwort: Wir, die Juden haben Recht! Dabei ist und bleibt Jesus Jude. Und der Jude Jesus fügt noch hinzu: "Ihr betet an, was ihr nicht kennt; wir beten an, was wir kennen, denn das Heil kommt von den Juden." "Ihr betet an, was ihr nicht kennt; wir beten an, was wir kennen."

Liebe Gemeinde, Anbetung – was ist das? Wo hat sie ihren Ort, ihre Zeit, ihre Form? Das griechische Wort für Anbetung heißt eigentlich "sich ducken wie ein Hund", "dem Herrn zu Füßen liegen". Anbetung ist ein Ausdruck der Verhältnisbestimmung: "Vor dir, Gott, bin ich klein." Beten wir Gott an? Oder wird nur noch die "Angebetete angehimmelt"? Mit Liebe hat Anbetung zu tun, Anbetung ist der Ausdruck des Vertrauens, Inneres drängt zum äußeren Ausdruck, sucht nach einer Form, Anbetung ist kein alltägliches Wort. Anbetung Ist etwas seltsam Fremdes, dem Leben Entrücktes. Sich an Gott wenden mir einer Bitte, einer Danksagung. einem Lob, ja an ihn glauben, auf ihn hoffen, ihn lieben, alles dies ist leichter zu fassen und zu vollziehen. Dafür gibt es ähnliche Erfahrungen zwischen Menschen, die man bittet, die man rühmt, denen man Glaube und Liebe schenkt. Anbetung aber gibt es nicht zwischen Menschen Anbetung kommt einzig Gott zu, sie allein wird seinem Wesen gerecht. Darum erfährt auch der Anbetende in besonderer Weise Gott, nämlich als den Erhabenen und den Heiligen. Anbetung ist die Wurzel aller unserer Gebete.

Das Wesen des Gebetes, liebe Gemeinde, besteht in der Aufmerksamkeit. Wenn wir beten, richtet unsere Seele alle Aufmerksamkeit, deren sie fähig ist, auf Gott. Und die Beschaffenheit unseres Gebetes hängt zu einem großen Teil von der Beschaffenheit der Aufmerksamkeit ab. "Wir beten an, was wir kennen; denn das Heil kommt von den Juden." Dies haben wir wohl nicht erwartet, was Jesus da sagt. Er bescheinigt: die Juden kennen Gott. Die jüdische Bibel, die für uns das gesamte Alte Testament ist, erzählt von Gott und macht ihn bekannt. "Wir beten an, was wir kennen," sagt Jesus und das bedeutet zugleich, dass der Gottesdienst im Tempel von Jerusalem der richtige Ort ist. Denn auch Jesus geht dort hin um Gott anzubeten.

Und noch etwas wichtiges sagt Jesus: Gott hat eine Geschichte mit seinem Volk Israel angefangen. Und deshalb muss das Heil – hier meint Jesus sich selbst – von den Juden kommen und zwar aus der Mitte des Volkes. Jesus hätte also nirgends anders geboren werden können. Denn Gott wird in dem Volk, welches er sich erwählt hat, Mensch. "Das Heil kommt von den Juden." Ist denn nun alles falsch gewesen, was die samaritanische Frau bisher geglaubt hat? Denn eigentlich hat sie ja gar nicht auf einen Messias gehofft, weil man diese Hoffnung unter ihrem Volk nicht kannte. nd gerade sie ist es, weil da plötzlich und unvermittelt eine Gewissheit in ihr ist, die sie aus tiefster Seele bekennen lässt: "Ich weiß, dass der Messias kommt." Und weil sie diese Gewissheit so frei aussprechen kann, kann Jesus ihr auch antworten: "Ich bin`s."

Liebe Gemeinde, die samaritanische Frau ist zur Apostelin geworden. Ich denke, sie hat nie mehr Wasser mit ihrem Tonkrug geschöpft. Sie selbst aber hat jenes Wasser, von dem Jesus sprach, zu den Menschen gebracht; sie ist in die Stadt gegangen und hat ihren Mitmenschen von Jesus erzählt. Ja, die Samaritanerin ist zur Botin der frohen Botschaft geworden. Und auch heute noch führt sie uns hinaus aus der Stadt zu diesem Brunnen. Dann erzählt sie uns von jenem Wasser, welches den Durst nach Leben zu stillen vermag. Sie weist uns auf Jesus und fragt uns genau so wie damals: "Sollte das der Messias sein? – Erinnert ihr euch etwa an diese jüdische Hoffnung?" Heute, liebe Gemeinde, begehen wir den Israel-Sonntag. Dies ist der Sonntag im Kirchenjahr, der uns daran erinnern soll, dass ein erneuertes Verhältnis von Juden und Christen wichtig ist. Denn die Beziehung zu den Juden ist für uns Christen immer da, "denn das Heil" – Jesus Christus – "kommt von den Juden."

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