Den Himmel aufschließen

Liebe Pfingstgemeinde,

gestern haben wir den Geburtstag der Kirche gefeiert. Durch die Ausgießung des Heiligen Geistes kamen Menschen aus allen Völkern zusammen und bildeten die erste christliche Gemeinde. Heute geht es in unserem Predigttext um die Grundlage der christlichen Gemeinde: was ist ihr Fundament? Was braucht sie, um die befreiende Botschaft Jesu wirksam weitergeben zu können? Wie muss sie organisiert sein, damit die Geschichte der Erlösung weitergeht?
Wir haben eben schon die Geschichte vom Petrusbekenntnis aus dem Matthäusevangelium Kapitel 16,13-19 gehört. Ich lese sie noch einmal in einer anderen Übertragung:

[TEXT]

Liebe Gemeinde, in evangelischen Ohren klingt das nicht ganz einfach. Wie kann ein einzelner der 12 Apostel eine solche Sonderstellung einnehmen? Wie kann irgendein Mensch das Fundament der Kirche sein, der Fels, auf dem sie gebaut wird? Wie kann ein Mensch die Schlüssel zum Himmelreich haben?
Schauen wir einmal genau hin! Was macht Petrus hier zu etwas Besonderem? Nicht Fleisch und Blut haben ihm offenbart, dass Jesus der Messias ist, sondern Gott selbst durch seinen göttlichen Geist. Petrus wird zum Felsen, zum Fundament der Gemeinde, weil er offen ist für den göttlichen Geist. Und nur als der Ort des göttlichen Geistes, als der Leib des Gottessohnes kann die Gemeinde die Schlüssel zum Himmel haben.

Stellen wir uns die Situation damals vor. Das Land Israel befindet sich in einer großen Herausforderung. Es muss verarbeitet werden, dass die Römer das Land besetzt halten und ihre Burg Antonia den Tempel überragt. Es muss verarbeitet werden, dass alle Welt griechisch spricht und versucht, nach den griechischen Vorstellungen zu leben. Herodes hat eine ganze Stadt bauen lassen, Tiberias, die völlig griechisch ist. Mit den entsprechenden Tempeln, mit der Sportarena, mit griechischen Philosophen. Die alte Elite, die Hohenpriester und Sadduzäer, lassen sich auf die neuen Herren ein und versuchen, die Waage zu halten zwischen dem Volk und der Militärmacht. Die Pharisäer versuchen, das Land neu zum Glauben zu bewegen. Sie hoffen, dass der Messias dann kommt, wenn alle sich einen lang Tag lang an alle Gesetze halten. Johannes der Täufer predigt, dass der himmlische Richter ganz nahe ist und dass deshalb alle umkehren sollen und sich zum Zeichen im Jordan taufen lassen sollen. Immer wieder gibt es Wundertäter und Messiasse und immer wieder werden sie getötet. Johannes der Täufer wurde erst vor kurzem hingerichtet.

Nun gibt es da Jesus. Er hat viele Wunder getan. Er ist beliebt. Er tritt mit großer Autorität auf. Er sagt z.B. in der Bergpredigt: Ihr wisst, dass es heißt: Liebe deinen Mitmenschen, hasse deinen Feind. Ich aber sage euch: liebt eure Feinde und betet für alle, die euch verfolgen.“ Wie kann er mit solch großem Anspruch auftreten? Wer ist er?

Diese Frage stellen sich viele. Aber es sehr gefährlich, mit dem Messiastitel umzugehen. Denn vom Messias erwarten alle, dass er die Römer vertreibt und die Römer haben ihre Spione überall im Land verteilt. Viele, von denen es hieß, sie seien der Messias, sind schon getötet worden.

Jesus beendet die Spekulationen. Und Petrus spricht aus, was in der Luft liegt, was gefährlich ist und was dann letztendlich Jesus ans Kreuz führt. Du bist es. Du bist der, der die Erlösung bringt. Du bist der, der die Welt retten wird. Du bist der, der den menschenfreundlichen, väterlichen Gott zur Welt bringt.

Jesus hat eine Lösung für die Herausforderung des jüdischen Glaubens. Er geht zu den Verlorenen und Sündern und lädt sie ein zu Gottes Fest. Durch ihn wird der Glaube fähig, die ganze griechischsprachige Welt zu erneuern. In Jesus beginnt eine neue Kraft, die die Tore der Totenwelt nicht überwältigen können.

Liebe Pfingstgemeinde,
von dieser neuen Kraft, die das Himmelreich aufschließt, leben wir heute noch. Wo gibt es sie heute noch? Wie finden wir Zugang dazu? Kann diese Kraft des Geistes, die tiefer dringt als alles Fleisch und Blut, irgendwie organisiert werden? Und wenn sie organisiert werden kann, welche kirchliche Organisationsform ist dann dazu geeignet?

Vor einer Woche ist in Berlin der erste deutsche ökumenische Kirchentag zu Ende gegangen. In der Öffentlichkeit war er geprägt durch den Streit über die Abendmahlsgemeinschaft. Die katholischen Priester, die ein ökumenisches Abendmahl gefeiert haben, sind vom Priesteramt suspendiert worden. Hintergrund ist die Amtslehre der katholischen Kirche und eine ganze zentrale Stelle dafür ist unser Predigttext. Die katholische Kirche beansprucht, dass das Amt der Schlüssel, das Amt des Petrus, im Papstamt weiterlebt und ausgeübt wird.
Wir Evangelischen neigen eher dazu, zu sagen: alle kirchliche Organisation ist nur Krücke, Hilfsmittel, Baugerüst. Der Heilige Geist wirkt, wo er will, in der Seele des Einzelnen. Im Gebet und in meinem Gewissen bin ich unmittelbar zu Christus und brauche eigentlich keine Kirche, keinen Priester, keine Sakramente.

Ich denke, wir Evangelischen können noch einiges dazu lernen. In der Auseinandersetzung z.B. mit diesem Bibeltext und im ökumenischen Gespräch. Menschen scheinen manchmal die Stütze eines priesterlichen Amtes zu benötigen, jedenfalls viel stärker als wir es denken. Der Erfolg von Gurus aller Art spricht dafür. Menschen schaffen es oft nicht, ihre Seele direkt mit Gott ins Gespräch zu bringen, sodass das Befreiende und Heilende und Tröstende des Glaubens geschehen kann. Menschen sind oft so in Zweifeln und Vorurteilen gefangen, dass sie dringend jemand bräuchten, der zuhört, mit ihnen Schritte der Entwicklung geht, Worte der Weisheit weitergibt, die weiterbringen.

Das Problem ist: das katholische Modell funktioniert in dieser Hinsicht auch nicht allzu gut. Und die Esoterik-Szene auch nicht. Und bei uns Evangelischen finden die, die Hilfe brauchen, oft nicht die passende Hilfe. Wir haben in Deutschland nicht nur eine wirtschaftliche und politische Krise, sondern auch eine religiöse. Und vielleicht ist diese Krise sogar die entscheidende. Denn wenn wir wieder Mut fassen, wieder wissen, was sinnvoll ist, wieder gemeinsame Werte haben, dann können wir alle anderen Schwierigkeiten bewältigen.

Welche kirchliche Organisationsform ermöglicht es, dass der göttliche Geist in uns wirksam wird, damit wir Dinge sehen können, die nicht Fleisch und Blut offenbart haben? Ich denke, wir brauchen beides: der Einzelne in freier, ungebundener Verbindung mit Gott in der Tiefe seiner Seele und zugleich die Gemeinschaft der Glaubenden, die uns Impulse gibt und denen wir Impulse geben. Viele Menschen sagen mir: Ich habe meinen Glauben, aber ich gehe nicht so häufig in die Kirche. Ich begegne Gott z.B. im Wald. Dazu kann ich sagen: Es ist gut, dass Sie Ihren Glauben haben. Aber die Gemeinschaft der Christen in unserer Gesellschaft ist schwach geworden. Und wir brauchen Ihre Unterstützung. Der Heilige Geist weht wo er will, auch bei Einzelnen, auch im Wald, aber er braucht auch einen größeren Resonanzraum: die Versammlung derer, die sich für Gott öffnen, die ihren Glauben einander stärken, die das Heilsame und Tröstende und Verändernde des Glaubens in unsere Gesellschaft einbringen.

Eine normale Kirchengemeinde kann keine Bedürfnisse nach Gurus erfüllen. Aber vielleicht ist das auch ganz gut so. Denn das Amt der Schlüssel, das Petrus hier bekommt, ist allen zugesprochen, allen, die glauben und offen sind für Gott. Unser Glauben mag manchmal ziemlich schwach sein, und doch kann er uns und anderen den Himmel aufschließen.
Ich wünsche uns zu Pfingsten, dass der Geist des väterlichen Gottes in uns wirksam ist. Dass er uns offenbart, was uns hilft und weiterbringt. Dass wir den Felsen für uns finden, auf dem wir sicher stehen können. Dass in uns das Leben wirkt, das die Tore der Totenwelt nicht überwältigen können. Dass uns selbst der Himmel aufgeschlossen wird durch die göttliche Weisheit, die uns begleitet. Und dass wir anderen den Himmel aufschließen können, weil uns die göttliche Weisheit Dinge sagen lässt, die nicht von Fleisch und Blut offenbart sind. Möge der Geist über uns kommen, damit das, was verschlossen war, uns aufgeschlossen wird.

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