Den Glauben neu buchstabieren

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

kennen sie die Rede von den Weihnachtschristen? Damit sollen die Menschen gemeint sein, denen vor allem oder nur noch Weihnachten aus dem Kreis christlicher Feste und Feiertage am Herzen liegt. Damit, dass ein Kind geboren wurde, ein Kind, das Veränderung mit sich bringt, können sie noch etwas anfangen. Ein Kind in den Mittelpunkt des Glaubens zu stellen, gelingt ihnen womöglich noch, weil sie sich dabei auch intellektuell nicht so meinen verbiegen müssen, wie das mit anderen Sätzen unseres Glaubens manchmal ist.

Wenn ich die Weihnachtsbotschaft höre, dann ist alles so einfach, mit den Worten des Weihnachtsevangeliums so vertraut. Ein Kind, das ist Inbegriff der Hoffnung, Inbegriff des Lebens und der Zukunft. So ist das mit unseren Kindern und so ist das mit dem einen Kind schlechthin.
Wenn wir keine Hoffnung mehr hätten, dem Leben und der Zukunft nicht mehr trauen, dann gäbe es auch keinen Raum mehr für ein Kind. Wenn ich an der Krippe stehe und ganz leise betrachte, im eigentliche Sinne meditiere, was in dieser einen Nacht, die hinter uns liegt , geschehen ist, wenn ich das Wunder des Lebens bestaune, dann ist das einmal nicht kopflastig, sondern herzlastig. Da bin ich Herzmensch und nicht mehr Kopfmensch.

Vielleicht bin ich ein Stück weit auch ein Weihnachtschrist, auch wenn darin meist der indirekte Vorwurf der Oberflächlichkeit steckt, als ob entscheidendes unseres Glaubens ausgeblendet wird, wenn ich nur auf die Krippe schaue. Diesem Vorwurf widerspricht allerdings der Predigttext des 1. Christtages ganz entschieden.
So lesen wir im Titusbrief:

[TEXT]

Als aber erschien die Menschenfreundlichkeit Gottes – das klingt doch ganz und gar nach Weihnachten, danach , dass sich in diesem Kind alles konzentriert, mit diesem Kind alles gesagt und von Gott schon alles getan ist. In Jesus Christus ist Gottes Menschenfreundlichkeit erschienen.

Weihnachten hilft uns, unseren Glauben noch einmal ganz neu zu buchstabieren, Weihnachten ist gewissermaßen so etwas wie ein Alphabetisierungskurs des Glaubens: Wie kann und wie soll ich von Gott denken und reden! Da lehrt mich Weihnachten entscheidendes: Gott ist den Menschen freundlich. Dieser Gedanke kann, wenn ich ihn ernst nehme, heute fremd und neuartig sein. Wir reden zwar gerne vom lieben und meinen damit einen niedlichen Gott, aber wenn Menschen dann seine Nähe suchen, gehen sie doch oft genug hart mit ihm ins Gericht: wenn du der gnädige, der liebe Gott bist, wie kannst du dann soviel Leid und Unmenschlichkeit unter den Menschen zulassen. Dagegen sollen wir daran festhalten: Gott ist den Menschen freundlich, so sehr, dass er sich ganz und gar auf sie eingelassen hat und Mensch geworden ist, Mensch unter Menschen. Das Kind in der Krippe zeigt Gottes großen Annäherungsversuch. Er hat alles, was trennt, aus dem Weg geräumt. Näher können wir uns nicht kommen.

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder, damit ist auch – aus Gottes Sicht wohlgemerkt – über uns Menschen entscheidendes gesagt. Gott nimmt ihn, er nimmt uns um unser selbst willen an. Er lässt Menschen gelten. Das ist wirkliche Menschenfreundlichkeit mitten in einer Zeit, in der die Menschlichkeit auf der Strecke zu bleiben droht, in der die Welt in gut und böse eingeteilt wird und sich die Fürsorge für Arme, Schwache und Hilfsbedürftige nicht mehr rechnet und deswegen wegrationalisiert zu werden droht, da stellt Weihnachten den Menschen in die Mitte: So sehr liegt Gott an den Menschen, an jedem einzelnen, dass er einer von ihnen wird und gerade die Rolle der unbedingten Schutzbedürftigkeit wählt. Ein Kind hat keine Chance zu leben, zu übeleben ohne die tatkräftige Hilfe anderer.

Gott lässt jeden Menschen gelten. Ich kann auch sagen: er macht mich groß, er gibt mir Wert und Anerkennung. In seinem Brief an Titus spricht Paulus von Seligkeit, nicht wegen meiner Taten, die machen mich manchmal eher klein, sondern aufgrund seiner Barmherzigkeit, als Ausdruck seiner Menschenfreundlichkeit. Wer es nicht glauben kann, mag sich festhalten an den Zeichen, den Symbolen , die Gott uns gegeben hat.

Er mag mit Luther gesprochen inmitten seiner Zweifel und seiner Fragen wieder hineinkriechen in die Zusage im Augenblick der Taufe : sowie dieses Kind Gottes menschenfreundliches Angesicht ist, so bist als Menschenkind von Gott liebevoll angeschaut, beim Namen gerufen und in die Mitte gestellt.
Sicher ist für uns heute die Taufe nicht mehr so eine Erfahrung, auf die wir uns berufen können, an die wir uns erinnern, wie es bei den ersten Christen als Beginn als Datum ihres neuen Lebens, eben als Bad der Wiedergeburt noch war; dazu mag es für eine zunehmende Zahl von Menschen auch wieder werden. Aber das Datum meiner Taufe – und das verbindet uns doch heute morgen zu einem Großteil – bleibt in meinem Leben eine Orientierungstatsache: daran verzweifle nicht. Gott bleibt dir freundlich. Das hat er dir versprochen, dir "Brief und Siegel" darauf gegeben.

Manchmal spüren wir davon etwas in unsrem Alltag. Gottes Nähe, seine Freundlichkeit kann tragen und das über schwierige Wegstrecken hinweg, sie kann uns die Augen und die Herzen öffnen für die Nöte anderer, für Ungerechtigkeiten, unter denen Menschen leiden, Mut machen zu Schritten, die dem Frieden und der Versöhnung dienen.

Manchmal spüren wir, dass wir richtig im Leben stehen, mit beiden Beinen auf dem Boden, uns wohl fühlen , zu Hause sind, in den Spiegel schauen können. Das ist dann etwas von Gottes Geist in unserem Leben. Er will uns beleben, bewegen, begeistern, manchmal auch verändern, Mutmachen, aufrichten, die Hände stärken, Steine der Schuld und des Versagens aus dem Weg räumen. Ja, Gottes Geist ist seine Menschenfreundlichkeit in der Bewegung meines Lebens. Und Leben ist Bewegung.

Es hat einen Anfang wie bei dem Kind in der Krippe, es ist Weg, auf dem ich unterwegs bin, und es hat ein Ziel. Gottes Menschenfreundlichkeit, erschienen in Jesus Christus, lässt nur ein Ziel erkennen: ewiges Leben nach unserer Hoffnung. Wenn Gott den Menschen gelten lässt, wenn er uns mit Namen meint und uns anschaut, dann ist das Leben so wertvoll, dass es nach Ablauf unserer Tage nicht einfach im Nichts und im Vergessen versinken kann. Wenn Gott sich im Kind von Bethlehem mit uns gleichmacht, der größtmögliche und damit auch der einzig mögliche Gleichmacher ist, dann will er uns auch für die Ewigkeit ihm gleichmachen.

Ja, Gottes Menschenfreundlichkeit ist erschienen im Kind in der Krippe und es lässt uns unseren Glauben ganz neu buchstabieren. Darauf dürfen und können wir uns einlassen, auf diesen Gott, nach dem wir uns nicht ausstrecken müssen, weil er sich längst zu uns gesellt hat.

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