Dem Vater im Wort begegnen

Liebe Gemeinde,

„Bedenke wohl die erste Zeile, dass deine Feder sich nicht übereile“ – so lässt Goethe seinen Faust sagen, als dieser sich anschickt, das Johannesevangelium zu übersetzen. Erste Worte haben stets besonderes Gewicht und herausragende Bedeutung. Orthodoxe Juden haben deshalb so viele Kinder, weil das Gebot „Seid fruchtbar und mehret euch“ das erste Gebot Gottes überhaupt in der Bibel ist – wenn man von vorne zu lesen anfängt. Deshalb hat dieses Gebot für sie einen so hohen Stellenwert.

In dem Bericht vom zwölfjährigen Jesus im Tempel ist auch solch ein erstes Wort enthalten: das erste Wort aus dem Mund Jesu, das uns die Bibel überliefert. „Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?“ Das ist der erste Ausspruch, den wir aus dem Mund Jesu vernehmen im Lauf seines Lebens. Wir erfahren nicht, welches überhaupt das aller erste Wort war, das Jesus sagte, ob er als erstes „Mama“ oder „Papa“ gesagt hat. Die Bibel sagt uns nicht alles. Aber sie sagt uns alles, was für unseren Glauben wichtig ist. Und so überliefert uns Lukas hier das erste bedeutsame Jesuswort: „Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?“

Er sagt dieses Wort im Vorhof des Tempels, wo ihn seine Eltern im Gespräch mit theologischen Lehrern antreffen. Dass es der Vorhof war, wird schon daran ersichtlich, dass auch seine Mutter ihn dort findet, denn nur der äußere Vorhof des Tempels war auch für Frauen zugänglich. Und in den Säulenhallen dieses Vorhofs pflegten sich die Rabbiner mit ihren Schülern hinzusetzen, um sie im Lehrgespräch zu unterrichten – in Rede und Gegenrede, in Frage und Antwort. So war das pädagogische Konzept jüdischen Lernens.

Und an diesem Schulbetrieb nimmt jetzt auch der zwölfjährige Jesus teil. Er hält sich dort auf, wo das Wort Gottes gelehrt und ausgeteilt wird. Damals war es nämlich noch nicht so wie heute, wo fast jeder seine Bibel zuhause hat. Die Schriftrollen der Tora wurden in jahrelanger Handarbeit geschrieben und waren nur im Tempel und in den Synagogen vorhanden. In den jüdischen Synagogen ist das bis heute so, und für das Geld, das solch eine aufwendig hergestellte Schriftrolle kostet, können Sie sich ein neues Auto kaufen.

Jesus geht dorthin, wo das kostbare Wort Gottes ausgeteilt wird, und dort sagt er dieses erste uns überlieferte Wort: „Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?“

In der aufklärerischen Auslegung des neunzehnten Jahrhunderts hat man diesen Text gern psychologisch gelesen. Man wollte daran die Bewusstseinsbildung Jesu studieren, wie er nach und nach ein Sendungsbewusstsein als Messias und Gottessohn entwickelte. Aber diese Geschichte will nicht unsere Kenntnisse in Psychologie vermehren, sondern sie will uns Jesus als Sohn Gottes vor Augen malen, um in uns Glauben zu wecken.

Aber wir sollten auch nicht auf der anderen Seite vom Pferd fallen und in allzu wunderbarer Weise schon in dem Kind Jesus den allmächtigen und allwissenden Gottessohn sehen, als der er jetzt zur Rechten des Vaters sitzt. Immerhin heißt es am Ende dieses Berichtes, dass Jesus noch an Weisheit und Alter zunehmen musste. Auch er kam nicht als fertiger und erwachsener Mensch auf die Welt. Es ist auch die Frage, ob Jesus als Zwölfjähriger schon um die wunderbaren Umstände seiner Geburt wusste. Hatte Maria ihm bereits davon erzählt? Er war jetzt ja gerade erst in dem Alter, in dem Eltern mit ihren Kindern über so etwas zu sprechen beginnen – zumindest damals fand die Aufklärung noch nicht so früh statt wie heute.

Hat Jesus vielleicht im Vorhof des Tempels, an dem Ort, an dem das Wort seines Vaters gelehrt wurde, zum ersten Mal ganz verstanden, wer wirklich sein Vater ist? „Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?“ Vielleicht überliefert uns Lukas auch deshalb dieses als das erste Wort aus dem Munde Jesu, weil er hier zum ersten Mal sich selbst als Sohn Gottes versteht und bezeichnet. Jesus begegnet seinem Vater in seinem Wort.

Jesu Beziehung als Gottessohn zu seinem Vater war und ist etwas ganz Einmaliges und Einzigartiges. Und doch lehrt er auch uns, im Vaterunser zu Gott „Vater“ zu sagen – weil wir durch den Glauben an Jesus zu Kindern Gottes werden, weil Gott uns als seine Kinder annimmt aufgrund dessen, was Jesus für uns Menschen getan hat.

Wer ich bin, dass Gott mich geschaffen hat und möchte, dass ich sein Kind bin – das erkenne ich, wenn ich dem Vater in seinem Wort begegne. Im Wort des Vaters erfahre ich alles über Gott, über mich und über das, was Gott für mich bereit hält. Dem Vater im Wort begegnen – im heutigen Evangelium zeigen uns gleich drei Experten, wie wir das auf fruchtbare Weise tun können:

Die ersten Experten sind Jesu Eltern. Und was sie uns zeigen, ist: Dem Vater im Wort begegnen in begleitender Gemeinschaft.

Josef, Maria und Jesus sind Teil der Glaubensgemeinschaft ihres Volkes. Sie leben ihren Glauben, und sie geben ihn so ihren Kindern weiter, wie er ihnen selbst überliefert wurde. Sie begehen die großen jüdischen Jahresfeste und nehmen Jesus mit zum Passafest nach Jerusalem. Eigentlich musste man dreimal im Jahr nach Jerusalem pilgern, zum Passafest, zum Wochenfest und zum Laubhüttenfest. Aber in den weiter entfernten Gegenden Israels beschränkte man sich meist auf das Passafest; Nazareth ist von Jerusalem Luftlinie über hundert Kilometer entfernt, die zu Fuß bewältigt werden mussten. Meist zog die ganze Dorfgemeinschaft gemeinsam los zum Fest nach Jerusalem, und jeder achtete auf jeden. Deshalb machen sich Jesu Eltern zunächst auch keine allzu großen Sorgen um den vermissten Jungen und vermuten ihn bei den Verwandten und Bekannten in der Weggemeinschaft. Josef und Maria werden Jesus daheim auch zum Gottesdienst in der Synagoge mitgenommen haben; im Predigttext an Neujahr war zu hören, dass es Jesu Gewohnheit war, regelmäßig den Gottesdienst zu besuchen. Mit dreizehn wurde ein jüdischer Junge religionsmündig – so ist das im Judentum bis heute – und war dann ab diesem Alter selbst verantwortlich dafür, die göttlichen Gebote einzuhalten. Schon einige Zeit vorher wurde in der Familie damit begonnen, den heranwachsenden Jungen an die Gesetzesbeobachtung zu gewöhnen. So nehmen Josef und Maria schon den zwölfjährigen Jesus mit zum Passafest nach Jerusalem, und dort nimmt er dann auch schon am biblischen Unterricht im Tempelvorhof teil – wenn auch hier auf eigene Faust. Aber durch ihre ganze Erziehung helfen Josef und Maria Jesus, dem Vater im Wort zu begegnen in begleitender Gemeinschaft.

Deshalb tut jeder und jede von Ihnen genau das Richtige, wenn Sie in der Gemeinde den Gottesdienst besuchen und auch ihre Kinder mitnehmen, wenn Sie in der Kirche und zuhause mit Ihren Kindern die kirchlichen Feste wie Weihnachten und Ostern feiern und Ihren Kindern auch erklären, was diese Feste bedeuten. Sie tun das Richtige, wenn Sie zuhause in der Bibel lesen und auch Ihre Kinder darin einführen. Deshalb schenken wir jeder Tauffamilie eine Kinderbibel. Sie tun das Richtige, wenn Sie Ihre Kinder zum Kindergottesdienst und zur Jungschar, zum Religionsunterricht und zum Konfirmandenunterricht schicken. Sie tun das Richtige, wenn Sie einen Hauskreis besuchen und dort Gespräche über der aufgeschlagenen Bibel führen. Denn damit befolgen Sie für sich und ihre Kinder den Expertenrat, den Josef und Maria uns hier geben: Dem Vater im Wort begegnen in begleitender Gemeinschaft.

Der zweite Experte in unserer Geschichte ist Jesus selbst. Und was er uns zeigt, ist: Dem Vater im Wort begegnen in demütigem Hören.

Ich habe verschiedene Kunstbilder vom zwölfjährigen Jesus im Tempel angeschaut und überlegt, ob ich heute eines mitbringe und mit dem Tageslichtprojektor an die Wand werfe. Ich habe es nicht getan, weil fast alle diese Bilder im wahrsten Sinn des Wortes ein falsches Bild vermitteln. Sie zeigen Jesus meist auf einem Katheder, wie er die Schriftgelehrten belehrt, die alle recht verlegen oder verärgert dreinschauen, dass ein Zwölfjähriger sie so vorführt. Aber so steht es nicht im biblischen Text. Josef und Maria, schreibt Lukas, fanden Jesus „mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte.“ Das ist ein Unterschied. Jesus doziert nicht. Er hört und fragt. Er will etwas lernen, mehr erfahren über seinen Vater. Sicher, uns wird auch vom Erstaunen der Umstehenden berichtet, welch schlaue Fragen dieser zwölfjährige Jesus stellt und wie klug er auf Gegenfragen seiner Lehrer antwortet. Aber all das bewegt sich trotzdem im üblichen Rahmen des damaligen theologischen Lehrbetriebs. Jesus ist ein besonders aufgeweckter, aber trotzdem ein ganz normaler Bibelschüler. Er will dem Vater im Wort begegnen in demütigem Hören.

Selbstverständlich gehört zu diesem Bibelschulunterricht, an dem uns Lukas hier teilhaben lässt, auch das Nachfragen dazu. Vermitteln die Lehrer das Wort Gottes auch richtig und unverfälscht? Unsere Kirche hier ist so gebaut, dass einer redet und die anderen zuhören. Von unserem Evangeliumstext her muss man schon fragen, ob das nicht ein Baufehler ist. Zum Glück haben wir in der Gemeinde auch Orte und Gelegenheiten, wo wir miteinander ins Gespräch kommen können. Aber auch dann soll es kein Gespräch sein, wo wir einander mit erhobenem Zeigefinger belehren, sondern wo wir miteinander hören und fragen, was der Vater uns in seinem Wort sagen will.

Durch manche Begegnungen und Gespräche bekomme ich auch mit, was in der näheren Umgebung über unsere Gemeinde gedacht und gesprochen wird. Und da höre ich bisweilen heraus: Die in Adelshofen halten sich für etwas Besseres und für frommer als die anderen. Ich bin mir nicht sicher, ob das immer nur böswillige und falsche Unterstellungen sind; teilweise sicher auch. Aber vielleicht stünde uns wirklich manchmal etwas mehr Demut gut an – nach dem Vorbild Jesu: Erst einmal hören und fragen in dem Bewusstsein, dass wir noch viel zu lernen haben, und nicht meinen, schon alles zu wissen und die Bibel mit Löffeln gegessen zu haben. Da schließe ich mich ausdrücklich mit ein. Im heutigen Evangeliumstext hören wir: „Jesus nahm zu an Weisheit“, und nicht: „Er war voller Wissen.“ Wie steht es erst mit uns, wenn schon Jesus so viel Zeit zum Wachsen und Lernen brauchte? Sein Expertenrat an uns ist jedenfalls: Dem Vater im Wort begegnen in demütigem Hören.

Und als dritte Expertin hören wir noch einmal auf Maria persönlich. Sie hat sich mit Josef große Sorgen um ihr verlorengegangenes Kind gemacht, und verständlicherweise macht sie aus ihrem Schmerz heraus Jesus Vorwürfe: „Kind, warum hast du uns das angetan?“ Jesu Antwort muss ihr noch einmal sehr weh getan haben: „Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?“ Sie spürt als Mutter, dass sie ihren Sohn zu verlieren beginnt – an seinen himmlischen Vater, dem er wirklich gehört. Lassen Eltern ihr Kind gehen, wenn es seiner göttlichen Berufung folgt?

Aber obwohl Maria und Josef jenes Wort Jesu nicht verstehen, wie Lukas ausdrücklich festhält, heißt es weiter von Maria: „Und seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen.“ Ganz ähnlich war es schon in der Weihnachtsgeschichte zu lesen, 32 Verse oder zwölf Jahre vorher: „Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“ Diese Bemerkungen sind zunächst wohl als Fußnote zu verstehen, in der Lukas die Quelle angibt, aus der er zitiert. Lukas schreibt zu Beginn seines Evangeliums, dass er die Geschichte Jesu genau erforscht und Augen- und Ohrenzeugen befragt hat. Und über die Kindheit und Jugend Jesu konnte natürlich Maria am besten Auskunft geben. Die Jünger waren damals ja noch nicht mit dabei, und Josef ist offenbar schon früh gestorben; unter dem Kreuz steht jedenfalls nur noch Maria.

Zweimal wird bei Lukas betont, wie genau sie sich alles eingeprägt hat. Und sie hat auch jenes erste bedeutungsvolle Wort Jesu im Herzen bewahrt, obwohl sie es damals nicht verstand. Sie wartete geduldig darauf, dass sie es vielleicht einmal verstehen kann. Manches erschließt sich dem Glauben erst später. Hätte sie das, was sie nicht verstand, einfach links liegen gelassen, hätte sie es aus ihrem Gedächtnis gestrichen und wäre zur Tagesordnung übergegangen, dann würden uns wichtige Teile der Bibel fehlen, und wir hätten nicht jenes erste Jesuswort zu hören bekommen: „Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?“ Auch was ich nicht verstehe, kann mir und anderen später noch zum Segen werden, wenn ich es trotzdem im Herzen bewahre. Wenn der Engländer vom Lernen mit dem Herzen spricht („to learn by heart“), dann meint der damit – Auswendiglernen. Vielleicht verstehe ich ein auswendiggelerntes Bibelwort erst später, aber ich trage es in meinem Herzen, und dort kann es seine segensreiche Wirkung entfalten. Deshalb ist dies Marias Expertenrat an uns: Dem Vater im Wort begegnen in geduldigem Warten.

Also: dranbleiben an der täglichen Bibellese, am Bibelgespräch, am Gottesdienstbesuch! Auch wenn es Zeiten gibt, wo ich überhaupt keinen Zugang zu Gottes Wort finde und es mir überhaupt nichts zu geben scheint – das geduldige Warten des Glaubens wird belohnt werden und segensreiche Frucht tragen. Vielleicht haben Sie im Herbst Blumenzwiebeln in ihrem Garten vergraben. Aber nun müssen Sie auch erst den langen Winter hindurch warten, bevor im Frühjahr die Farbenpracht erblüht. So ist es mit Gottes Wort auch manchmal. Dem Vater im Wort begegnen in geduldigem Warten.

Maria bewahrt alle diese Worte. Sie wirft nicht einfach alles hin. Sie rechnet damit, dass Gott sie weiter führen wird. Sie weiß, dass noch nicht aller Tage Abend ist. Sie ist bereit, auch dann noch mehr zu lernen, wenn sie es nicht gleich versteht. Und darin ist sie ein Vorbild des Glaubens.

Ja, liebe Gemeinde, heute ging es entgegen meiner sonstigen Gewohnheit etwas länger mit der Predigt. Aber nehmen Sie einfach dieses erste Jesuswort mit nach Hause: „Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?“ Und dazu die drei Expertenratschläge aus dem Evangelium:

Dem Vater im Wort begegnen in begleitender Gemeinschaft.
Dem Vater im Wort begegnen in demütigem Hören.
Dem Vater im Wort begegnen in geduldigem Warten.

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