Dem lebendigen Gott vertrauen

Liebe Schwestern und Brüder!

Traurig und niedergeschmettert waren die beiden Männer, die von Jerusalem nach in das ca. sechs Kilometer entfernte Dorf Emmaus gingen. Sie werden die Emmaus Jünger genannt. Aus; Schluss und zu Ende war es mit der Herrlichkeit des Jesus von Nazareth, der vor drei Tagen in Jerusalem gekreuzigt worden war und der sich selbst als den Christus und Messias bezeichnet hatte. Da war keine Hochstimmung, sondern eher eine schleichende und wandernde Depression als Grundstimmung. Aus war es auch mit dem Glauben an Gottes Herrlichkeit. Zu Ende war die Hoffnung auf Erlösung und ein besseres Leben. Schluss und vorbei war es mit dem Glauben an Jesus Christus als Gottessohn und Erlöser der Menschheit.

Beim Einzug in Jerusalem schrie das Volk „Hosianna“, kurz darauf brüllten sie: „Kreuzigt ihn!“ Erst himmelhoch jauchzend, dann zum Tode betrübt. Die Stimmung war betrübt und depressiv und plötzlich kommt einer daher, der von all dem anscheinend nichts versteht. Wie kann man nur so ignorant und unwissend sein und nichts von Jesus Christus wissen? Er, der von Pilatus als der König der Juden verspottet worden war, hatte doch mächtigen Staub aufgewirbelt in Jerusalem und Umgebung. Doch der anfänglichen Euphorie wichen jetzt Traurigkeit und Verlassenheit. Wo war die Herrlichkeit Gottes?

Liebe Schwestern und Brüder, wenn man versucht das Geheimnis der Auferweckung Jesu Christi zu verstehen, dann kommt man schnell an seine gedanklichen Grenzen! Wenn man versucht Ostern als den Sieg des Lebens über den Tod zu begreifen, dann holt einem die Realität meistens brutal ein! Das werden viele bestätigen können. Der Zweifel scheint größer als der Glaube. Die Hoffnungslosigkeit stärker als die Hoffnung. An die Auferstehung, an Leben, neues und ewiges Leben zu glauben, im Angesicht des Todes und dem manchmal langsamen qualvollen Sterben zu zuschauen, scheint nahezu paradox und widersinnig zu sein.
Insofern können wir der Gefühlslage der beiden Männer bestimmt folgen.

Und doch geschieht in dieser phantastischen Auferstehungs-geschichte etwas Anrührendes und Geheimnisvolles. Jesus, der Christus, von dem wir glauben, dass er uns erlöst und vom endgültigen Tod rettet, offenbart sich den beiden Männern ganz langsam und scheinbar unmerklich. Er bricht mit ihnen das Brot und sie erkannten ihn. Beim Brotbrechen, beim Abendmahl spüren, sehen und erkennen die beiden Männer Jesu Anwesenheit. Sie sehen ihn. Sie sehen ihn mit ihren Augen, sie spüren seine Anwesenheit in ihren Herzen und sie begreifen das Geheimnis des Glaubens.

Gott in Jesus Christus offenbart sich diesen beiden Männern, so dass sie anschließend verkündigen: „Jesus Christus ist auferstanden; er ist wahrhaftig auferstanden!“ Das ist die Botschaft von Ostern. Das Geheimnis von göttlicher Seite lautet: Jesus von Nazareth, der Christus, der Gottessohn, unser Erlöser und Retter wurde von Gott auferweckt von den Toten. Und wir werden dereinst auch auferstehen von den Toten und in Gottes Angesicht schauen. Nichts anderes, nicht weniger und nicht mehr spricht uns der Herr Jesus selber zu, wenn er verheißt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nicht mehr sterben.“ (Joh.11,25f) Das ist die göttliche Gegenwirklichkeit, trotz aller menschlichen Betrübnis, Trauer und allen Tod, den wir sehen, miterleben und dereinst selber erleben müssen.

Und dass Christus auferstanden ist von den Toten, dass ist in erster Linie ein Bekenntnis, ein Glaubenssatz. Glauben heißt bekanntlich nicht wissen. Wir beweisen nicht die Existenz Gottes. Wir glauben an die Existenz Gottes, der aus dem Tod neues Leben schafft und Christus von den Toten auferweckte.

Und noch eines gilt, wenn wir das Geheimnis von Ostern begreifen wollen. Glauben heißt nicht wissen, denn Glauben ist immer mehr als Wissen. Glauben ist immer mehr als Wissen und pure logische, rationale und wissenschaftliche Erkenntnis, weil im Glauben eine Dimension der Wirklichkeit beschritten wird, die nicht auf Beweise und Logik aus ist, sondern alles daransetzt, dass Gott unsere Wirklichkeit mit seinem Wort und seiner Tat durchdringt. Und wieso steht denn fest, dass das, was wir für wirklich halten, die einzige mögliche Wirklichkeit ist? Wirklichkeit ist immer eine Sache der Interpretation.

Unsere Interpretation der Wirklichkeit ist: Es gibt einen Gott wie in die Bibel und Geschichte bezeugen, der seinen Sohn Jesus Christus, unseren Herrn und Erlöser, auferweckte von den Toten und uns durch den Glauben an ihn die Gewissheit der Auferstehung und des ewigen Lebens schenkte. Und zu diesem Jesus Christus bekennen wir uns, mit unserer Stärke und unserer Schwäche, mit unserem Glauben, aber auch hin und wieder mit unseren Zweifeln. Wir glauben, dass sein Geist, der Heilige Geist mitten unter uns lebt und uns Menschen zu Liebe, Nächstenliebe und immerwährender Hoffnung anspornt. Wir bekennen, dass er auferstanden ist von den Toten und dass er lebt. Das sind das Bekenntnis und die Verheißung von Ostern. Bloß wir zeigen leider viel zu wenig von der österlichen Freude, von der Macht der Erlösung, die uns ins Gesicht geschrieben sein müsste, die man nicht sieht und den Philosophen Nietzsche zum Hohn über das Christentum bewog.
Und wenn Jesus auch uns uuspricht: "Friede sei mit dir" und es nicht zur Floskel werden soll, dann müssen wir dafür Sorge tragen, dass Friede in die Welt kommt im privaten, familiären und gesellschaftlichen Rahmen, durch Wort und Beispiel, durch Liebe und Tat der Liebe. Auch im Irak und für die Menschen im Irak.

Wo sagen wir in unserem Leben: Jesus lebt, mit ihm auch ich? Wie nimmt der Glaube an ihn, den Gekreuzigten und Auferstandenen, bei uns sozusagen "Fleisch und Knochen", Kontur an? Wie und wo "begreifen" wir ihn im wörtlichen Sinn, den lebendigen Gott?

Und wenn ich „begreife“ und glaube, dass die Auferweckung nicht nur ein "Symbol" ist, sondern ein Heilsereignis Gottes, dass Veränderung in mir bewirkt, dann kann ich jeden Tag neu ‚aufstehen‘ mit der Gewissheit der Gnade und Treue Gottes.

Dann schenkt Gott mir auch die Kraft um einen Neuanfang zu beschreiten, wenn es mich in die Irre führen sollte. Verkrustete Beziehungen können sich verändern. Menschen werden durch die Macht der göttlichen Kraft und Liebe erneuert. Und weil Gott ein lebendiger Gott ist, der die Macht des Todes ein für allemal besiegte und ewiges Leben verheißt, weil er uns Menschen als seine Kinder kennt, will er, dass wir seine Lebendigkeit, seine Kraft und Dynamik als Auftrag im eigenen Leben umsetzen.
Und das geschieht durch die Auferstehung mitten in unserem Leben und dabei ist sein Reich dann auch punktuell zu sehen. Da blitzt es auf, das Reich Gottes, vielleicht unscheinbar, aber im Effekt für viele Menschen gewaltig. Der Glaube an die Auferstehung ist kein statisches und leeres Dogma, sondern eine wunderschöne verändernde Tat Gottes für uns Menschen. Gott will, dass wir mit Ostern leben. Und die österliche Lebenspraxis, die Verkündigung des lebendigen Gottes Sohnes, unser Auftrag, kann im eigenen Leben vielfältig geschehen. Es bedeutet sowohl Freude über die Liebe der Nächsten, das Glück des wortlosen Verstehens in der Familie oder Partnerschaft, das Einssein und die Fülle als auch das Wissen über den Schmerz, das Nichtverstehen, die Fremdheit und das Entbehren. Beides gehört zum Glauben und zur Liebe, beides kommt aus Gottes Hand, beides gehört zur Verkündigung des lebendigen Gottes. Und Jesus Christus verkündigen heißt dem lebendigen Gott Vertrauen zu schenken und zu folgen und davon auszugehen, dass Jesus mitten unter uns aufersteht. Gleichwie der Osterruf gilt: "Christus ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!" Und wie unser Herr Jesus selber sagte: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nicht mehr sterben.“ (Joh.11,25f)

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