Das Ziel ist Umkehr

Zu spät kommen ist eine Alltagserfahrung: Der Zug ist weg, der Termin geplatzt, die Bewerbungsfrist abgelaufen und das Sonderangebot vergriffen. Manchmal kann ich mich kriminell ärgern. Manchmal lebe ich nach der Devise: "Morgen ist auch noch ein Tag". Viele ‚Zu spät‘ bringen aber auch die schmerzliche Erfahrung, dass da etwas unwiederbringlich versäumt wurde, dass da eine Chance vertan wurde. Dass das auch im geistlichen Bereich gilt, weiß Jesus und sagt es sehr deutlich:

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Jesus auf dem Weg nach Jerusalem, auf dem Weg zum Kreuz geht durch Städte und Dörfer, geht zu den Menschen. Mit ihm diskutiert einer die These: Nur wenige können selig werden. Jesus nimmt zu der Frage selber überhaupt nicht Stellung. Er gibt keine Antwort, weil ihm die Frage zu abstrakt, zu weit weg ist. Nicht die Seligkeit anderer kann Inhalt christlichen Nachdenkens sein, sondern die eigene. Jesus rät dem Einzelnen: Ring Du darum, daß Du den Weg schaffst. Viele werden durch dieses Nadelöhr wollen, nicht alle aber kommen. Nur: es bringt nichts, über die Seligkeit der anderen zu meditieren. Das nützt denen nichts und Dir schon gar nichts. Darum greife Dir selber an die Nase und betrachte Dein eigenes Leben. Dem, der hier so gerne mit Jesus über die anderen diskutieren möchte, hält Jesus den Spiegel vor: Wenn Du einmal (wie die Jungfrauen) an der verschlossenen Tür klopft, wird dir nicht mehr aufgemacht. Der Herr wird euch nicht kennen.

Eine schwere Erfahrung: Beziehungen reichen nicht aus. Es genügt nicht, Jesus gekannt zu haben, es genügt nicht, sein Wort gehört zu haben oder seine Lehren verstanden zu haben. Aber was wirklich zählt, darüber wird nichts gesagt. Nur das Eine: Gewissheit gibt es nicht.

Jesus warnt alle Frommen, die damit hausieren gehen, wie gut sie ‚ihren‘ Herrn Jesus kennen. Sein Jünger, sein Nachfolger zu sein reicht nicht – aber was reicht?

Und dann läuft mir auch noch dieses ‚Zu spät‘ über den Weg – ziemlich eklig. Anfang der Woche legte mir eine fromme Russland-Deutsche dieses Zu spät aus. Sie betet jeden Morgen und Abend, spricht Morgen- und Abendsegen und das Vaterunser und auch als ich kam, war das gemeinsame Vaterunser erst einmal wichtig. Denn der Herr kommt wie ein Dieb in der Nacht und sie wollte vorbereitet sein. Sie sollte niemand unvorbereitet treffen. Das Jenseits wäre kein guter Ort umzukehren, sagte sie mir. Das ist gut biblisch – und doch hinterlässt es einen Nachgeschmack in mir. Ich fühle mich eingeengt und bedroht. Dieses ‚Zu spät‘ bedroht mich. Meine Lebenspläne sehen anders aus. Meine Hoffnung auch – für sie gibt es kein zu spät. Und trotzdem warnt mich Jesu. Ihn zu kennen reicht nicht – es wird einen Punkt geben, wo Ja oder Nein gesagt wird: zu mir! Ich mag das nicht.

Ich mag allerdings auch nicht ausweichen, wenn mir ein Wort Jesu begegnet. Vielleicht liegt darin ja gerade die enge Pforte, der Engpass, durch den nicht alle kommen. Diese Versuchung, immer wieder auszuweichen, wenn der Anspruch Jesu mich trifft, wenn er mich meint. Denn eigentlich ist das Ganze doch ziemlich lästig. Ich selber will viel lieber ausweichen, viel lieber meinen Weg suchen, fragen, was für mich jetzt gerade richtig ist – und nicht fragen müssen, wo Jesus mich jetzt haben will.

Buß- und Bettag: Beten und umkehren. Ein evangelischer Feiertag, weil gerade Christinnen und Christen der Reformation immer in der Gefahr stehen, die Gnade so groß zu schreiben, dass kein Platz mehr bleibt für das eigene Tun, das dieser Gnade entsprechen kann. Martin Luther und viele andere, die vor ihm, mit ihm und nach ihm über die Gnade nachgedacht haben, haben gelernt und gelehrt, dass wir uns Gnade nicht mit irgendwelchen frommen Werken verdienen können. Gleichzeitig war ihnen aber immer auch wichtig, dass dem Geschenk Gottes ein Tun der Menschen entsprechen muss. Ich glaube um diese Entsprechung geht es auch Jesus: Er will mich dazu ermutigen, mir nicht so viel Gedanken zu machen, sondern einfach in seiner Nachfolge zu leben: ‚ama et fac quo vis‘: Liebe und tu, was du willst, hat es Augustinus ausgedrückt. Um mehr geht es nicht Oder auch um so viel. Um das Leben in der Buße.

‚Ziel ist Umkehr‘ – das sagt sich recht einfach, will aber in jedes Leben neu hinein buchstabiert werden. Ich muss nicht fragen: Wo müssen andere sich ändern. Die Frage nach den anderen oder der Gesellschaft ist oft eine böse Frage, weil sie der Versuch ist, nicht zu sehr über sich selbst nachdenken zu müssen.

Aber Jesus will mich auch trösten: Du hast die Möglichkeit, eingelassen zu werden. Du kannst sie nutzen.

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