Das Weizenkorn-Modell

Als ob das so einfach wäre: loslassen, alles aufgeben, auf jede Sicherheit und auf jeden Halt verzichten, sich ganz fallen lassen und in der Erwartung eines neuen Morgen alles, ja sogar den Tod in
Kauf nehmen. So einfach ist das wohl tatsächlich nicht. Doch es ist die Fragen, ob dieses Wort vom
Weizenkorn, das in die Erde fällt, als Verhaltensvorschlag an uns gedacht ist, oder ob damit etwas anderes gemeint ist.

Hingabe des Lebens, den Tod in Kauf nehmen für ein höheres Ziel, das Leben lassen, sich selbst nicht achten dies ist in besonderen Weise in unseren Tagen in Misskredit geraten und zu einer fragwürdigen Sache geworden. Jeder Selbstmordattentäter könnte dies für sich in Anspruch nehmen. An allen Fronten wird in unseren Tagen für höhere Ziele gestorben. Der Selbstmordattentäter nimmt dabei in Kauf andere, Unschuldige in den Tod zu reißen. Unter einer solchen Voraussetzung wird die Hingabe des Lebens todbringend und führt nicht in ein neues Leben. Das kann also nicht der Entwurf „Weizenkorn“ sein, von
dem das Evangelium spricht. Der Entwurf „Weizenkorn“ mit dem man Leben gewinnt.

Ich denke, dass das Wort vom sterbenden Weizenkorn isoliert auch nur schwer verständlich ist. Es gehört hinein, es ist bezogen auf die Passion Jesu. Die Sonntage vor Ostern sind im Kirchenjahr gedacht als innere Vorbereitung auf das, was kommt. Station auf dem Weg. Doch worauf sollen wir vorbereitet werden, worauf können wir uns vorbereiten, was haben wir zu gewärtigen?

Das Wort vom Weizenkorn ist eine Antwort. Eine Antwort an Menschen, die gekommen sind und Jesus sehen wollen. Gottesfürchtige Griechen sind es. Vergleichbar einer Studienreise sind sie aus Bildungsgründen unterwegs im Heiligen Land. Sie wollen Jesus sehen. Die Formulierung ist verräterisch. Sehen wollen, heißt das nicht, das was auch wir gerne hätten – eindeutige Gewissheit, sich objektiv überzeugen
können, die endgültige und letzte Antwort finden auf unsere ach so vielen Fragen – die Bestätigung der eigenen Meinung bekommen, dass es so ist und nicht anders und vielleicht mehr als das, sogar noch die Lösung aller Nöte und Fragen gleich dazu, die Abschaffung von Unrecht und Gewalt frei Haus. Jesus
sehen wollen. Wünsche und Erwartungen hätten wir wahrlich genug, gerade in unseren Tagen. Ist dann das
Wort vom Weizenkorn auch eine Antwort an uns und unsere Fragen und Erwartungen?

Diese Begegnung Jesu mit den Menschen seiner Zeit ist eine Station auf dem Weg der Passion und will auch so verstanden werden: in Betanien gesalbt, auf dem Esel geritten, hinaufgezogen nach Jerusalem, noch unangetastet im Tempel, aber der Todesbeschluss ist gefasst. Jesus auf dem Weg der Passion. „Seht wir ziehen hinauf nach Jerusalem.“ Mehrdeutig ist diese Ankündigung. Den Jüngern war sich gleich nicht geheuer. Was wird geschehen? Sie spürten, dass da eine Entwicklung in gang kommt, die unumkehrbar ist, die sich vollzieht in innerer Konsequenz. Ein Geschehen, in das sie einbezogen sind, und für das ihnen noch das Verständnis fehlt.

Passion ist kein Heldenweg. Das Wort vom Weizenkorn verführt fast dazu hier heroische Ideen zu bekommen. Aber Passion ist kein Heldenweg, den einer zielstrebig auf sich
nimmt, es ist ein Vertrauensweg, der Schritt für Schritt zu gehen ist und der Schritt um Schritt mitgegangen werden muss. Ein Weg, dessen Sinn sich erst vom Ziel her erschließt und dessen Bedeutung erst danach verstanden werden kann.

Gerade in der Darstellung des Johannesevangeliums hat man den Eindruck, dass es so etwas wie eine doppelte Sichtweise gibt. Dass hinter dem Tagesgeschehen die Handlung einer anderen Tagesordnung
folgt. Zwei Linien, die gegeneinander laufen. Was gibt es zu sehen, wenn man Jesus sieht, Jesus in seiner Passion?

Einen, über dem der Stab schon gebrochen ist, einen, von dem die anderen sagen, dass er weg muss, einen Verurteilten, dessen Ende über kurz oder lang beschlossene Sache ist. Sich überstürzende Ereignisse, Tagesgeschehen, von dem man den Eindruck haben muss, dass es niemand mehr steuern kann, dass eins das andere auslöst und die Katastrophe unausweichlich ist. Das ist die eine
Linie. Und die andere? Mitten in all dem, geschieht, was geschehen muss. Mitten im Durcheinander scheint etwas auf von innerer Konsequenz, mitten in all dem Schritt für Schritt nähert sich etwas dem
notwendigen Ziel – Kreuz nicht das Ende sondern das Ziel, zu dem alles hinführt.

Kreuz, der schändliche Tod, die Katastrophe von größtem Ausmaß wird Erhöhung. Erhöhung dessen, der die Welt überwunden hat. Passion ist eine Geschichte, in der die Siege der Siegreichen, keinen Gewinn mehr
bieten und die Glorie der Glorreichen allen Glanz verliert und in der die Selbsternannten Retter der Welt, sich ihrer eigenen Rettungslosigkeit gegenüber sehen. Die Geschichte des Weizenkorns – eine ganz andere Geschichte, eine Geschichte, die in den Geschichtsbüchern und Heldensagen keinen Widerhall findet. Die Botschaft des Weizenskorns eine Botschaft für die Menschen dieser Zeit. Menschen, die über den Tagesereignissen beunruhigt waren. Ihnen wird gesagt, dass hinter diesen Ereignissen, sich eine andere, weit bedeutsamere Geschichte abspielt, die Geschichte des Weizenkorns: Fallen, Sterben und in der Gemeinschaft mit vielen zu neuem Leben auferstehen.

Nein, das ist kein Naturgesetz, nein, das ist nicht das wie auch immer geartete Stirb und Werde und es ist erst recht nicht der Hinweis auf den Heldentod eines Menschen. Das ist nichts, was ein Mensch für sich erreichen oder erwirken könnte. Das ist Handeln Gottes an der Welt zu ihrer Rettung und Befreiung. Einer Welt, die nicht sieht und nicht erkennen mag, dass sie sonst rettungslos verloren ist. Verloren in kurzsichtigen Zielen, das eigenen Handeln für letzt- und endgültig haltend, verblendet von dem, was vor Augen ist und den Blick auf das
Eigentliche verstellt. Jesus, das Weizenkorn. In liebevoller Hingabe für die seinen, eine Hingabe, für die es in dieser Welt keine Entsprechung gibt, weil sie getragen ist, von seinem einzigartigen Einssein mit dem Vater. Kraft geht von ihm aus. Es ist der Weg dessen, der die Auferweckung hinter sich und das Leben vor sich hat. Vor der Passionsgeschichte steht im Johannesevangelium das Kapitel
11, die Geschichte von der Auferweckung des Lazarus. Die Diskussion Jesu mit Marta über die
Wirklichkeit der Auferstehung. Passion ist der Weg, auf dem Jesus die Auferstehung hinter sich und das
Leben vor sich weiß. Auch wir kommen von Ostern her und haben Auferstehung hinter uns und mit ihm das Leben vor uns und sind berufen zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes in dieser Welt. Der Weg des Weizenkorns ist kein Weg der Opferhaltung und des passiven Erleidens von Weltgeschehen. Der Weg des Weizenkorns ist getragen von der Gewissheit, vom Sieg, der die Welt überwindet.

Passion heute. Die Tagesereignisse mögen uns schrecken. Zu unterwerfen haben wir uns ihnen nicht.
Denn die Tagesordnung Gottes ist über dem Wüten der Welt schon lange zu ihrem Ziel gekommen. Auf dem Feld der Ehre gibt es keine Lorbeeren mehr zu gewinnen, weil Gott alle Ehre ihm zuteil werden hat lassen. In der Menschheitskatastrophe der Kreuzigung hat Gott Jesus zum Herrn aller Herren gemacht.

Ihm gilt es zu folgen. Seinen Weg gilt es zu gehen. Seine Werte gilt es zu achten. Mit ihm haben wir das Leben vor uns. Mit ihm sind die Mächte des Schreckens, der Gewalt und des Todes ihrer Macht beraubt, ihr Anspruch sie zu respektieren als ungerechtfertigt entlarvt. Darum gehen wir in Zuversicht, denn Passion bedeutet: Überwindung der Macht des Bösen.

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