Das Vielleicht des Sandmalens

Liebe Gemeinde,

da kommen sie nun – die Männer der Gerechtigkeit, die Ordnungshüter, diejenigen, die vor der Gemeinde Zeugnis abzulegen haben über die Richtigkeit der Gesetze und über die Stimmigkeit der moralischen Vorstellungen. Diese Menschen kommen nun vor Jesus, der ihnen schon lange ein Dorn im Auge geworden ist wegen seiner radikal anderen Lösungen fürs Leben und sie versuchen ihn, damit er ihnen einen Anlass gäbe, ihn zu töten. Denn der Fall ist ganz klar, auch wenn uns nicht mehr so einsichtig: entscheidet sich Jesus, die Frau gehen zu lassen, bricht er das Gesetz des Mose – ganz so, wie die Männer es betonten: das wäre genug Grund zu einer Anklage. Ruft er jedoch auf, die Frau zu töten, so bricht er das Gesetz der Römer – denn ihnen allein steht es zu, über Leben und Tod zu entscheiden. Auch hier wäre genug belastendes Material gegen Jesus da, ihn anzuklagen.

Wir wissen: Jesus hat einen Ausweg gefunden, so gesehen einen genialen Ausweg, um dieser Falle zu entgehen. Dieser Ausweg hat auch der Frau auch zu ihrem Leben verholfen hat – er ist vielen Menschen wegen seiner Eindrücklichkeit deutlich Augen; noch dazu wird gerne übertragen: wie Jesus vergeben hat, so sollst auch du vergeben. Ist das etwa schon alles?

Was denn, liebe Gemeinde, ist mit der sogenannten Gerechtigkeit? Hat denn die ehebrechende Frau nicht gegen geltendes Recht verstoßen? Hat denn die Frau nicht das Vertrauen ihres Mannes missbraucht? Wie ist das bei uns in der Kirche: haben wir nicht diesen hohen moralischen Wert zu verteidigen?: "Ich aber sage euch: wer eine Frau ansieht, sie zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen."? Nicht zuletzt durch solche Aussagen ist unsere Kirche eine gute Zeit lang sehr leibfeindlich gewesen, nicht zuletzt durch solche Aussagen sind viele Bereiche, die mit Sexualität, mit Lust und mit Genuss zu tun haben ganz stark tabuisiert worden. Und das wirkt heute noch fort.

Ich höre sie rufen, die Sittenwächter von heute: "hier ist der Teufel am Werk", wenn ein Mädchen leicht bekleidet im Sommer durch die Straßen läuft oder auch andersrum: das Vergewaltigungsurteil aus Italien vor ca. einem Jahr – ich habe es noch vor Augen: weil die junge Frau eine enge Jeans anhatte, als sie vergewaltigt wurde, haben ihr die Richter eine Mitschuld zugeschrieben: erstens hätte sie sich ja nicht so aufreizend anziehen müssen und zweitens bekäme man wohl kaum eine so enge Jeans alleine aus! Beschämend sind solche Aussagen und Urteile – beschämend für die, die sich so sehr auf der richtigen Seite der Gerechtigkeit glauben und beschämend für die Gesellschaft, in der ein solches Sittenwächtertum möglich ist. Wie wird das gewesen sein bei der Frau, die vor Jesus geführt worden ist? Sie hat die Ehe gebrochen, sie ist auf frischer Tat ertappt worden, heißt es dort: nun, wir Heutigen werden es nicht mehr herausfinden, inwieweit die Initiative von der Frau ausgegangen ist, inwieweit sie die männerfressende Schönheit war, die sich alle nehmen konnte, die sie wollte und die armen männlichen Wesen um sie herum macht- und willenlos werden ließ. Wir wissen nur, dass die Frauen in der damaligen Gesellschaft insgesamt gesehen ziemlich recht- und schutzlos waren: vielleicht konnte sie sich nicht wehren gegen den Mann, der sie bedrängte: vielleicht hatte er sie in der Hand, als Vorgesetzter, als Vermieter, als Beamter – wir kennen eine Geschichte aus dem Alten Testament: dort war es der König selber, der eine Frau missbrauchte, als ihn die Lust ankam. Diese Frage ist heute nicht mehr zu entscheiden – es fällt nur auf, dass nur die Frau angeklagt wurde und, was noch wichtiger ist: die Männer, die sie zu Jesus schleppen, haben wohl nur vom Hörensagen her vom Ehebruch gehört: Schriftgelehrte und Pharisäer – er wäre schon ein arger Zufall, wären sie höchstpersönlich beim Ehebrechen dabei gewesen. So muss es das Zeugnis oder die Verleumdung anderer gewesen sein, die die Sittenwächter auf den Plan brachte. (Noch dazu sich doch der Fall genauso eignete, Jesus vor die Anklage zu treiben.) Die Frau selber schweigt – warum tut sie das? Wäre es nicht besser gewesen, hinauszurufen, warum sie mit diesem Mann im Bette erwischt wurde: eben vielleicht, weil er sie dazu genötigt hat – vielleicht aber auch, weil sie ihn ehrlich und von Herzen liebte. Vielleicht war sie ja unglücklich verheiratet, dem Mann entfremdet, ihre Ehe schon seit langem zerstört und sie hat in ihrem Liebhaber endlich den Menschen gefunden, mit dem sie ihr Leben verbringen möchte: wer würde das nicht verstehen? Würde es nicht v.a. Jesus verstehen, der doch die Liebe predigte und sie lebte – hätte er nicht eine Lösung finden können für dieses heikle Situation? Er war doch derjenige, der immer betonte, dass die Gesetze für den Menschen gemacht waren und nicht der Mensch für die Gesetze: er hätte es doch bestimmt verstanden, diese Frau aus der krankmachenden Situation, in der sie lebte zu befreien: eine tote Ehe kann doch niemanden dienen: Gott doch wohl erst recht nicht.

Aber sie schweigt – sie sagt kein Wort, selbst dann nicht, als Jesus sagt: wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Ich denke, sie hätte damit rechnen müssen, dass tatsächlich ein Stein geflogen kommt. Aber sie bleibt stumm. Vielleicht aus Scham: vielleicht ist sie ja wirklich schuldig – vielleicht hat sie ja in der Tat die Ehe zerstört, ihre eigene und die des fremden Paares. Und jetzt schämt sie sich und würde am liebsten im Boden versinken oder wirklich von den Steinen getroffen werden – sie hat den Kopf verloren, als die Gefühle aufwallten: sie war abgeschaltet einen Augenblick lang und hat ihrem Körper freien Lauf gelassen: und jetzt bereut sie es und blickt zu Boden, weil sie es keinem erklären kann: nicht ihrem Mann, den sie wirklich liebt, nicht ihren Kindern, die nicht verstehen, was passiert ist, nicht ihren Eltern, die nun in ihrer Straße zu den Leuten gehören über die man redet, nach denen man sich umdreht, und sich selbst auch nicht: was war denn dran an diesem anderen, dass sie wegen der paar Stunden mit ihm ihr ganzes Leben aufgibt: warum bloß?

Ich glaube, dass Jesus gewusst hat, wie es wirklich um die Frau stand. Ich glaube, dass er es einschätzen konnte, welche der geschilderten Situationen am ehesten diejenige der Frau war, die vor ihm stand. Und er wird es noch besser gewusst haben, als wir es uns erdenken können, denn im Leben ist es in der Regel nicht so einfach, dass man eine Schublade aufmachen könnte und sagen könnte: diese Frau da, die gehört ganz eindeutig in die Schublade A, oder in die Schublade B: nein, meistens ist es verzwickter, meistens spielen viele andere Gründe, die wir nicht kennen mit hinein, sei es Geschichten und Erfahrungen des Lebens, die einen seit der Kindheit verfolgen, seien es Gründe von außen, die eine Situation erst zu einer Ausnahme-Situation machen: der Tod eines Angehörigen etwa, tiefe Trauer, Kündigung oder ungerechte Behandlung in der Schule: all dies mag mit hinein spielen in unsere Leben und wie wir sie gestalten.

Um all das weiß Jesus – und er wusste es auch bei dieser Frau und er wusste es bei denen, die diese Frau anklagten, bei den Sittenwächtern, die das Gesetz verdrehten, um ihren eigenen Vorteil durchzusetzen. Auch Jesus antwortet nicht direkt auf die Anklagen – er schweigt und tut etwas, was offentlich so aussieht, als kümmere er sich nicht um die Diskussion: er malt in den Sand. Und damit gibt er Zeit zum Überlegen – er bremst die Anklagegeschwindigkeit herunter und gibt den Menschen Zeit, sich ihre Situationen auszumalen, ganz ähnlich vielleicht wie wir das eben getan haben. Zeit, einen Gang runter zu schalten und sich zu fragen: wie war das denn eigentlich; oder: wie könnte das denn eigentlich gewesen sein. Und das – und dies ist immer wieder das Erstaunliche bei Jesus – das gilt für alle: für die Frau ebenso, wie für die Schriftgelehrten, für die Phärisäer gleich wie für die Umstehenden: alle bekommen sie Zeit, ein wenig inne zu halten und sich zu überlegen: um was geht es eigentlich bei dieser Anklage? Wo bin ich selber schuldig geworden? Warum reagiere ich auf manche Sachen so heftig? Was gilt es eigentlich im Leben zu fördern? Und als die Fragen nicht aufhörten, sagte er: dann soll derjenige den Stein werfen, der sein Leben für gradlinig empfindet – derjenige, der sich nicht hineinfühlen kann in die Situation der Frau – derjenige, der für sich beanspruchen kann, immer alles so zu machen, wie er es selber möchte. Derjenige soll den Stein werfen, der von sich sagen kann: Ja, ich habe alles versucht, um dieser Frau zu helfen: ich habe sie begleitet, als ihre Ehe brüchig wurde – ich habe ihr geholfen, als sie Hilfe brauchte – ich habe mit ihr Auswege aus der Krise besprochen.

Keiner hat schließlich den ersten Stein werfen können und sie sind alle davon geschlichen. Als Jesus und die Frau alleine sind, spricht er sie noch einmal an: hat dich niemand verdammt? Nein, sagt die Frau und bleibt dennoch stehen, denn auch sie hatte die Zeit zu überlegen – vielleicht zum ersten Mal. So gehe nun und sündige hinfort nicht mehr.

Ich stelle mir vor, dass Jesus noch eine Zeit lang sitzen geblieben ist und im Sand gemalt hat – wahrscheinlich wusste er, wie es im Leben der Frau und der Männer weitergehen würde und wahrscheinlich hat er ein wenig geseufzt, als er die mangelnde Einsicht und die Schwäche gesehen hat, die uns immer wieder zu Besserwissern werden lässt. Aber vielleicht hat er auch nur gelächelt und sich überlegt, wieviele Sandstrände er wohl vollmalen könnte, wenn er all den Menschen, die mal innehalten müsste, ihre Zeit zum Überlegen gäbe.

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