Das Traumhaus

Am Ende des Kirchenjahres beschäftigt sich die christliche Gemeinde mit dem Thema Tod. Heute steht dabei der gewaltsame Tod durch Kriege im Vordergrund, Völker und Schlachten kommen in den Blick. Nächsten Sonntag geht es mehr um den Einzelnen. Dann wird in vielen Gemeinden an die in den letzten 12 Monaten Verstorbenen erinnert.

Am ersten dieser beiden Sonntage, dem heutigen Volkstrauertag, fälllt der Kirche eine besondere Aufgabe zu. Auf säkularen Gedenkfeiern wird in erster Linie der Opfer von Krieg und Gewalt gedacht, dann an Gewaltverzicht und Versöhnungsbereitschaft appelliert. Der Rückblick ist für uns der gleiche, aber beim Ausblick erinnert sich die Kirche an andere Kräfte als guter Wille, geschichtliche Einsicht, Beschlüsse von Konferenzen. Beim Ausblick reden wir nicht von den Möglichkeiten des Menschen, wir reden von Gottes Möglichkeiten. Wir reden vom Leben. Insofern ist der Tod gar nicht das Thema an diesen beiden letzten Sonntagen des Kirchenjahres, das darf nur der Ausgangspunkt sein. Wir reden vom Leben.

Hierzu geben uns heute morgen zwei Bibelabschnitte Hilfestellung, Trost, Orientierung. Die Anfänge dieser Texte sind extrem wichtig. Hast du das mitbekommen? Da war das Evangelium. Ein Gleichnis, in dem erzählt wird, wie Gott am Ende der Tage scheidet und urteilt. Das wichtigste Wort diesem manche düster anmutenden Gleichnis lautet nicht: "Gericht". Sondern "Herrlichkeit". Denn so beginnt der Bericht: "Wenn der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit." Jesus will dich dabei haben in seiner Herrlichkeit. Er will dir daran Anteil geben. Aber, diese Frage kann ich uns nicht ersparen: Wer von uns wird daran Anteil haben? Das Gleichnis vom Weltgericht beschreibt dann ja, wie eine Scheidung geschieht. Eine Trennung. Es kommen nicht alle, alle in den Himmel.

Deshalb kann die Kirche dem verständlichen Drängen unserer Zeit, in diesen Tagen wieder einen nützlichen Beitrag zu geben zur gewünschten Versöhnung, zum Weltfrieden, diesem Drängen darf Kirche nicht so einfach entsprechen. Weil wir vom Worte Gottes her wissen: Am Ende der Zeit kommt nicht einfach die große Versöhnung, der umfassende Völkerfrieden, die Auflösung aller Widersprüche. Sondern es geschieht eine Trennung. Gott kann die nicht in seinen Himmel lassen, die dort nur Unruhe hinein bringen würden. Er kann die Zukunft nicht anbrechen lassen, bevor die Vergangenheit geklärt und geordnet wird. Gewiss, er wird die Trennung anders vornehmen als wir vielleicht. Wir würden vielleicht moralisch sortieren in Gutherzige und Geizhälse, in Streithähne und Friedfertige. Wir würden vielleicht klerikal sortieren in Gläubige und Kirchenferne, in Bekehrte und Gleichgültige. Gott wird das auf seine Art tun, und es wird dann allseits überraschte Reaktionen geben. Aber wie aus dem Gleichnis zu erfahren ist, protestieren tut da keiner. Es gibt Rückfragen, erstaunte Rückfragen. Aber alle beugen sich dem Urteil. Weil nun dieses Ereignis noch bevor steht, weil wir nicht mit Sicherheit sagen können, auf welcher Seite wir uns befinden (im Glauben kann ich es wohl sagen, aber nicht mit Sicherheit) darum müssen wir uns dem eben gehörten Predigttext mit einer Scheu nähern. Mit Ehrfurcht. Auch hier ist wie gesagt der Anfang ganz wichtig: "Denn wir wissen, wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel."

Hier ist also die Rede von einem Space Park, der mit Sicherheit eine anziehende Attraktion sein wird. Aber nicht jeder wird Zugang haben. Hüte dich daher, dieses "wir" nassforsch zu annektieren. Als wären wir alle damit gemeint. Als hätten wir alle einen Anspruch auf die Ewigkeit. Wer gibt uns das Recht dazu? Das steht nur Gott zu! Was wir wissen dürfen, ist, diese neue, bessere, ganz andere Zeit wird einmal anbrechen. Diese alte Schöpfung wird gewiss einmal aufhören. Aber ob du selbst einziehen darfst, Platz hast in jener neuen Welt, darauf haben wir keinen Anspruch, das kann nur ein unverdientes Geschenk sein.

Immerhin werden im Zusammenhang einige Details über die zukünftigen Bewohner dieser himmlischen Neubauten verraten. Es sind jene, die im Glauben leben und sich nicht allein am Sichtbaren orientieren. Es sind jene, die Gott wohl gefallen möchten. Es sind jene, die leiden unter den Einschränkungen des Lebens hier. Man könnte vielleicht fragen: Malt der Apostel nicht ein bisschen zu schwarz? Wenn er die menschliche Existenz mit einer herunter gekommenen Bruchbude vergleicht? Oder ist es umgekehrt so, dass wir unser Leben schön färben? Während die göttliche Bestandsaufnahme eine lange Mängelliste ans Tageslicht bringen würde. Gestern war ich auf Trauerbesuch in der Wohnung einer vor einigen Tagen verstorbenen Hastedterin. Der Sohn und einige Angehörige hatten alles leergeräumt. Einige Säcke lagen noch herum, alle Schranktüren offen. Die Wände, nunmehr ohne jegliche Dekoration, offenbarten ihren wahren Zustand. Es war alles ziemlich vergilbt und sanierungsbedürftig. Kein Wunder, die Bewohnerin war wochenlang im Krankenhaus und musste von dort aus ins Heim, so konnte das alte Domizil nur notdürftig versorgt werden. Alles in dieser Umgebung ist mir eine Veranschaulichung dieser Beschreibung des Apostels, wo er das Menschenleben mit einem baufälligen Haus vergleicht. Aus so einer Bude würde ich auch sofort ausziehen oder alles gehörig auf Vordermann bringen.

Aber eben das wird in Gottes neuer Welt nicht mehr nötig sein: Neue Böden und Tapeten, frische Farbe und erweiterte Wohnzimmer. Die Zukunft heißt nicht: das Alte wieder aufmöbeln. Die Zukunft heißt: Alles wird komplett neu, komplett anders sein! Das ist ja schon mal eine sehr tröstliche Nachricht für alle, die in schöner Regelmäßigkeit Zimmer streichen müssen, Auslegeware austauschen und dabei womöglich die alte mühsam abkratzen, und wer zur Miete wohnt und das vom Vermieter gemacht kriegt, wird anschließend verstärkt zur Kasse gebeten. Da ist es tröstlich zu wissen: Das wird eines Tages vorbei sein.

Nun hat der Apostel Paulus selten zur Miete gewohnt. Der war Zeltmacher von Beruf. Daher formuliert er, wörtlich übersetzt: Wenn unser Zelt abgebrochen wird. Das ist, bezogen auf unser Leben, ein hartes Bild. Wenn jemand gezeltet hat und dann weiter zieht, hinterlässt er an dem Ort wo er war, keine Spur. Er hat sich ja nicht fest gesetzt dort. Mit dem Zelt zieht man fort, geht man fort. Mit dem Tod vergehen wir. Das ist eine harte und schlimme Wahrheit. Sie gilt für alle Menschen, gleich welchen Glaubens. Sie betraf auch Jesus, den Sohn Gottes, denn er war auch in dieser Hinsicht ganz Mensch wie wir. Es ist schlimm, wenn dieses Zelt abgebrochen wird. Der Todesschrei Jesu am Kreuz unterstreicht das. Nicht ein Hinübergleiten in eine andere Seinsweise. Der Tod ist das Ende.

Nun meint vielleicht mancher, na ja, wenn jemand alt ist und die Gebrechen des Alters sich verstärkt einstellen, beschleichen einen solche Gedanken und daher auch dieses Klagelied des Apostels. Manche Leute machen ja um Seniorenkreise und andere Altentreffs einen großen Bogen, weil die Gespräche dort angeblich stets um das eine Thema kreisen: Wo tut es denn bei dir weh und welche Maßnahme verspricht Linderung? Aber auch jüngere müssen sich schneller als ihnen lieb ist, mit dem Altersverschleiß befassen.

In einem Song von Jonny Jaworsky werden die Wehwehchen und die entsprechenden Gegenmaßnahmen aufgezählt: "Ich werde runderneuert, denn es ist jetzt schon Zeit. Ich bin so um die 40. Und bald ist es soweit. Mein Rücken tut mir weh. Der Kreislauf spielt verrückt. So werde ich von Arzt zu Arzt geschickt. Der erste macht ein EKG, der zweite dann ein EEG. Der dritte röncht mir meinen Zeh, der vierte fragt: Wo tuts denn weh? Der fünfte zapft mir Blut noch ab. Der sechste sieht mich schon im Grab. Er meint, es sei mein Lebensstil. Ich schlaf zu wenig, rauch zu viel. So wird ich runderneuert durch ärztliches Geschick. Man schreibt mir dann Rezepte mit gönnerhaftem Blick. Gibt manchen weisen Rat, wie ich jetzt leben soll. Und schreibt mir dann mein ganzen Inspektionsbuch voll. Ich schlucke Pillen nach Ärztewillen. Ich treibe Sport schon im Akkord. Und weiß genau, was ich mal werde. Ganz sicher: Asche, Staub und Erde.

Ja, die Hinfälligkeit des Körpers kann einem schon Not machen. Die alten Griechen meinten, der Körper sei ein Gefängnis für die schöne Seele. Und wir könnten froh sein, wenn wir diesen Körper endlich los wären. Die Bibel weiß es besser: Körper, Denken, Wille und Gefühl, das alles ist von Anfang an unter dem Vorzeichen des Todes. Wenn ein Mensch zu Jesus findet und sein Leben durch den Glauben erneuert wird, dann werden Denken und Wille und Gefühl qualitätiv verändert. Unser Leib dagegen bleibt auf Vergehen programmiert. Ich merke das jeden Tag. Man wundert sich, warum die Kopfhaut oben durchwächst und spürt den Zahn der Zeit in allen Gliedern mehr und mehr.

Schön ist das nicht, dass wir sterben müssen. Ich kann verstehen, wenn mancher vor dem Tod und dem endgültigen Zerbruch des Lebens ausweicht und damit nichts zu tun haben möchte. Und der Zeitgeist fördert das ja auf vielerlei Gebieten. Die Gesellschaft lebt in einem kollektiven Aufschrei gegen das Abbruchunternehmen Tod. Die Mode muss jung machen, in den USA lassen sich die Alten liften oder seit neuestem spritzen gegen Falten, nur lässt das nach kurzer Zeit wieder nach wie bei Jekyll und Hyde. Wer ins Sonnenstudio geht, kommt sportlich gebräunt wieder raus, und erst recht nach einer Stunde Fitness-Studio spürt man es in allen Gelenken: Du lebst!

Wenn das alles dazu dienen soll, das Wissen um den Tod zu überspielen. Dann ist das ein großes Täuschungsmanöver. Nur gut, dass uns hier der Apostel einen Spiegel vors Gesicht hält und sagt: Eigentlich solltet ihr wissen um eure Vergänglichkeit. Ja, das wissen eigentlich alle. Aber die Gläubigen wissen noch etwas darüber hinaus: Es gibt nicht nur diese Bruchbude vergänglicher Leib. Es gibt noch einen anderen Bau, von Gott gebaut. Der uns gehört. ein anderer Lebensbau, in dem wir leben dürfen und leben werden. Wir sind Eigenheimbesitzer, wir haben eine Zweitwohnung im Himmel. Ja mehr noch, umgekehrt ist es richtiger, Erstwohnung dort, Zweitwohnung hier. Ein Traumhaus ist uns versprochen.

Aber vorher kommt der Tod, und das fürchten wir. Lieber würde ich , sagt Paulus, und das können wir so richtig nachempfinden, lieber würde ich das neue Kleid überziehen und hoffen, dass der alte Anzug einfach darunter verschwindet. Aber das wird nur wenigen vergönnt sein. Die wenigen Gläubigen, in deren Lebenszeit die Wiederkunft Jesu fällt, die werden das erleben, die werden in den Genuss des Überkleidetseins kommen. Alle anderen werden erst ausgezogen mit ihrem Leib und dann mit dem himmlischen Leib angezogen. Sie müssen erst sterben.

Aber dann haben wirs besser. Gibt es eine Garantie dafür? Nun, es gibt ein Pfand. Dieser Tag war ein Bettler hier, hat einen Vorschuss bekommen für die versprochene Arbeit am nächsten Tag. Der wollte mir ein Pfand geben, einen Ausweis. Ich hab davon keinen Gebrauch gemacht. Er kam sogar wieder am nächsten Tag. Ein Pfand gibt uns jemand, der uns was schuldet. Gott schuldet uns nichts. Und trotzdem gibt er uns ein Pfand. Hier heißt es: Der uns als Unterpfand den Geist gegeben hat. Den heiligen Geist bekommt ein Mensch, wenn er Vertrauen zu Jesus fasst, sich mit Jesus verbindet. Dann nimmt der heilige Geist in ihm Wohnung. Das ist ein Geheimnis, aber es ist wahr und die Erfahrung vieler Christen. Der heilige Geist gibt uns Hoffnung im Angesicht so vieler Erfahrungen von Tod und Schrecklichem. Der heilige Geist lässt uns an Jesus denken. Es heißt: Wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen. Die Welt sagt: Ich glaube nur, was ich sehe. Christen glauben an Jesus. Den sehen sie im Geiste vor sich, dem glauben sie. Und deshalb ist Leben im Glauben und nicht im Schauen kein Problem für sie. Ich sehe Jesus am Kreuz und das gibt dem Christen die Gewissheit, hinter dem Tod steht das Leben. Und deshalb freuen sie sich auf den Himmel. Ich habe Lust, daheim zu sein beim Herrn, sagt Paulus. Wir kennen die Lust in anderen Zusammenhängen: Ich habe Lust zu gammeln. Ich habe Lust auf ein Bier. Ich habe Lust auf Kino. Aber Lust auf den Himmel. Warum nicht? Wir dürfen uns freuen darauf, und es ist gut, sich danach zu sehnen.

Denn der Himmel ist auch die Erfüllung der Sehnsucht der Völker. Ein Haus, eine Wohnung, die sicher ist, wieviele Völker können davon nur träumen. Die Juden, die verfolgt wurden durch viele Jahrhunderte und sich auch jetzt wieder absichern müssen in Israel durch ständige Militärpräsenz und Stacheldrahtzäune. Die Kurden, deren Dörfer von Razzias und Giftgasattacken heimgesucht wurden. Die Menschen im Kaukasus, die in Ruinen vegetieren. Es wird eine Zeit kommen, wo die Völker sicher wohnen und nie mehr ein Attentat die Ruhe stören wird.

Aber wer wird dieses Glück genießen dürfen? Die Bibel gibt eine doppelte Antwort: Einmal, das gilt auf alle Fälle: Alle, die sich an Jesus halten. Denn Jesus ist schon dort, und jeder, der sich mit ihm verbindet, wird auch dort sein. Bei anderen, die von Jesus nicht gehört haben, die keine Gelegenheit hatten, sich für ihn zu entscheiden, wird nach den Werken gefragt. Kranke aufsuchen, Hungernde speisen, es geht um Liebeswerke, um Zivilcourage, um Menschlichkeit. Unmenschlichkeit und Unglaube schließen vom Himmel aus, so die klare Aussage. Aber ich warne diejenigen unter uns, die das schon alles lange zu wissen meinen und denken, da kann ich mich ja bequem zurück lehnen. Für Jesus entscheiden habe ich mich ja mal, also gerettet bin ich auf jeden Fall, und ob ich dann in der Ewigkeit eine Suite kriege oder nur eine Mansarde, spielt ja keine Rolle. Die Bibel betont hier: Wir müssen ALLE, ALLE offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder seinen Lohn empfange gemäß den Werken, also wie er gelebt hat, ob er sich angestrengt hat, was er umgesetzt hat im Leben an Erkenntnis im Glauben. Eine Garantie, wer im Glauben angefangen hat, kommt gewiss in den Himmel, gibt es nicht. Kirchliche Gruppen haben diese Garantie konstruiert, bei den Ablasshändlern wurde es an den Spendenfleiß gebunden, sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt. In der Volkskirche hieß es einmal getauft, garantiert gerettet, bei den Pietisten einmal bekehrt, garantiert gerettet. Es gibt keine Garantie. Wir können glauben und hoffen, und wir dürfen damit rechnen, dass Gott treu ist, und wir berufen uns auf Jesus. Es hängt an Jesus, weder an unseren guten Werken, auch nicht an unserer Bekehrung. Es hängt an Jesus und darum kommt alles darauf an, dass du eng mit ihm dich verbindest und mit ihm verbunden bleibst.

Ein altgewordener Christ wurde gefragt, ob er sich denn gar nicht fürchte vor dem Tod. Er sagte: "Ich gebe zu, manchmal zittere ich. Aber ich stehe auf einem Felsen, und der Fels unter mir zittert nicht." Solche Festigkeit in Jesus brauchen wir. Je baufälliger unser Leib, unsere Welt wird, desto mehr.

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