Das quälende Warum

Der Berg hatte gewartet, bis die Menschen schliefen und die Kinder träumten und die Verliebten sich in den Armen lagen. Der Berg hatte gewartet, bis es dunkel war. Dann brach er aus. Mit reißenden Feuerströmen von glühender Lava und kochendem Schlamm überfiel er die Menschen, schlug zu und tötete sie. Ein Kleinbuss fuhr mit schlafenden Jugendlichen nachts auf der Autobahn und kam ins Schleudern. – Ein Flammenmeer – Drei der Jugendlichen verbrannten in dieser Hölle. Eine Mutter lief des morgens durch ihren Wohnort und schrie: "Gott wo warst du heute nacht?" Und wie schwach war Gottes Arm, der die Mächtigen vom Thron stürzen kann, als die nackten Menschen wie betäubt vor den Gaskammertüren standen. Wie war so etwas möglich gewesen? Wo war Gott? – Gott stand zwischen den wartenden Menschen und er weinte.

Wenn Leid und Unglück und wenn Katastrophen über uns hereinbrechen, dann sind wir sehr schnell geneigt zu sagen, dass es Gottes Wille war. Warum so viel Leiden? Warum die Lähmung? Warum der Krebs? Warum die Behinderung? Warum dieser Unfall und nie mehr gehen können? Warum? Und wenn wir keine Antwort auf das Unheil wissen, so wollen wir dennoch froh sein, dass wir in Gott eine Antwort auf das Schöne in der Welt finden.

Das Unheil ist vielleicht nicht mehr als die Verneinung von Gutem, unsere Abwesenheit von Gott. Gott, der um der Freiheit der Menschen willen seine Allmacht gefesselt hat, kann das Leiden nicht verhindern. Aber er will, dass aus Leid und Schmerz etwas Gutes und Schönes entsteht und dass das Böse zum Guten gewendet wird durch Vergebung und Versöhnung. Solche Prozesse können sich aber nur dann entwickeln und vollziehen, wenn "Liebe" vorhanden ist.

Gott ist die Liebe. Und sein Wille kann nichts anderes als Liebe, Güte, Freude und Friede für alle Menschen sein. Dieser machtlose Gott ist auf der Suche nach dem Menschen, weil allein der Mensch imstande ist, Gott wieder Zugang zur Welt zu verschaffen, dass seine Liebe wieder mächtig und das Angesicht der Erde neu wird. Hören wir hierzu den Predigttext aus Jer 20,7-11:

[TEXT]

Wohl selten wagte es damals ein Mensch, gegen Gott so kühne Worte zu gebrauchen. Und aus der Klage gegen Gott ist in unserer Welt die Diskussion über ihn entstanden. Dabei dienen unsere Einwände und Vorwürfe gegen Gott meist als Argument gegen seine Güte, gegen seine Macht und gegen seine Existenz überhaupt. Und dabei nehmen wir Gott insofern nicht als Gott ernst, als wir unsere Vorwürfe und Klagen oft nicht mehr an ihn richten. Vieles würde anders, so denke ich, wenn wir es wieder lernen könnten mit unseren Klagen vor ihn zu kommen. Denn dann müsste unsere Klage sicher nicht das letzte Wort bleiben. Im Gegenteil: dadurch, dass diese ausgesprochen wird, würde Gott uns Raum für eine Antwort geben.

Der Prophet Jeremia macht Grenzerfahrungen mit sich selbst und mit Gott. Er erfährt Leid und muss Krisensituationen bewältigen. Und in allem stellt sich für ihn die Frage nach Gott und dem Sinn der eigenen Existenz. Vieles würde anders, wenn wir es lernen würden mit unseren Klagen vor Gott zu kommen. Dann sind neue Chancen des Verstehens, die aktuellen Lebens- und Glaubenszusammenhänge, die ermutigen und weiterhelfen können, möglich. Denn auch heute erfahren wir Leid. Wir leiden an uns selbst, an anderen und auch an Gott. Wir fragen nach dem Sinn im Leid. Wo und wie ist Gott darin zu finden? Und auch Jeremia erhält keine Antwort, warum er das Leiden unter seinem Prophetenamt aushalten muss. Er beklagt sich bei Gott, er klagt Gott mit harten Worten an.

Gezwungenermaßen kommt der Prophet dem Auftrag Gottes, Unheil zu verkünden, nach. Und aus Dank erntet er nur Spott, Hohn und Verachtung. Seine Unheilsbotschaft lässt die Menschen unberührt. Sie wollen sich nicht ändern. Jeremia wird zum Gespött der Menschen. Jeremia will fliehen, er will Gott und sein Amt vergessen. Er will als Prophet aufgeben. Doch er muss feststellen, dass dies unmöglich ist. Der Prophet klagt Gott die Konsequenzen, die sich aus seinem Prophetenamt ergeben. Schwere Anklagen werden gegen ihn erhoben und es gibt Rachegedanken, sowie Versuche ihn zu Fall zu bringen.

Nach seiner Klage gibt es einen deutlichen Einschnitt. Gott kommt als starker Helfer in den Blick. Er steht auf der Seite von Jeremia. Gott ist da und deshalb können die Gegner nicht gewinnen. Am Ende kann der Prophet wieder klarer sehen. Er hat schwere Zeiten durchlebt und er hat überlebt. Gott ist bei ihm in allem und trotz allem. Gott hat ihn nie verlassen. Jeremia steht wieder auf festem Boden, er hat Halt bei Gott gefunden. Wenn ich an das Leiden und Unheil der Unschuldigen und an die Gräuel des Bösen in der Welt denke und wenn ich an die Toten denke, dann stehe ich vor der Frage: Warum? Ich kann dann zwar versuchen nichts zu denken, zu vergessen oder mir etwas einzureden. Doch so lange ich Verstand und ein Herz habe, wird mich das "Warum" quälen. Warum lebt in unglücklichen Menschen noch so viel Hoffnung, die Hoffnung auf ein besseres Leben, auf ein ewiges Leben? Warum will jeder Mensch am Leben bleiben?

Die Menschen wissen keine Antwort und darum gehen sie den tiefsten Lebensfragen aus dem Weg. Das Rätsel des Leidens und des Bösen, das Rätsel des Lebens und des Sterbens hängen mit dem Geheimnis Gottes zusammen. Wir leben in einer Zeit der Verfinsterung im Denken und Reden von Gott. Es herrscht eine große Leere um Gott. Liebe Gemeinde, Gott hört unserer Geschichte, mit all ihren quälenden Fragen, unser ganzes Leben lang zu. Er lässt uns ganz und gar freie Hand, ohne uns irgendwie zu hindern oder ins Wort zu fallen. Erst beim Tod, wenn wir völlig zu Ende geredet und gefragt haben, dann beginnt er zu sprechen und zu antworten.

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