Das Lied zum Lobe Gottes

Liebe Gemeinde,

vor zwei Monaten hatten wir die ökumenische Bibelwoche mit Texten aus der Genesis. Dabei spielte auch das Lied des Mose eine Rolle, das er Gott zu Ehren sang, nachdem dieser die Israeliten durchs Meer hatte ziehen und die Streitmacht des Pharao in den Fluten ertrinken lassen. Manche werden sich an die Gespräche darüber erinnern. Wie kann Gott so grausam sein und sein Volk retten, indem er andere sterben lässt, fragten einige. Ist das nicht ungerecht? Hätte Gott das nicht humaner lösen können?

Nun erinnert uns die Offenbarung, das letzte Buch der Bibel, noch einmal an das Jubellied des Mose im ersten Buch der Bibel. Der Kreis der Geschichte Gottes schließt sich. Und auch am Ende der Geschichte, am Ende der messbaren Zeit, die abgelöst wird von der Ewigkeit, geht es wenig friedvoll zu. Vom Feuermeer ist die Rede, vom Sieg über das satanische Tier, vom Fürchten und von Gottes Endgericht über die Völker.

Wieder erklingt das Lied aus dem Munde der Siegermächte. Und so reizvoll und verlockend es klingt, zu den Siegermächten zu gehören – so wie in "Star Wars" oder bei der Fußball-WM, so fragwürdig bleibt es, ob wir denn am Ende der Zeit zu den Siegern gehören. Schließlich hatten die Israeliten unter Moses Führung grenzenloses Vertrauen in ihren Gott, als sie sich darauf einließen, zwischen hohen Wassermauern hindurchzuziehen in der Hoffnung, dass sie nicht von den Kriegern des Pharao eingeholt würden. Und schließlich berichtet die Offenbarung des Johannes vom Mut, der Geduld und Standhaftigkeit bei den aufrechten Glaubenden, die es gegen alle Versuchung und Verfolgung schaffen, Gott treu zu bleiben.

Liebe Gemeinde, sind wir das auch – voller Vertrauen und bis zum Letzten treu? Können wir uns also unauffällig unter die Endzeitjubler mischen, von denen unser Predigttext spricht? Dürfen wir unter Harfenklängen mit einstimmen in das Lied des Gekreuzigten und Auferstandenen? Oder wäre das unangebracht, anmaßend, vermessen?

Eine rhetorische Frage, so scheint es; denn wir singen unsere Loblieder aus dem Gesangbuch sowieso. "Lobe den Herrn, den mächtigen König der Ehren", "Lobet den Herren, alle, die ihn ehren" ""Allein Gott in der Höh sei Ehr" oder nachher beim Abendmahl: "Heilig, heilig, heilig ist Gott, der Herre Zebaoth". Kann man uns, liebe Gemeinde, deswegen vorwerfen, wir seien dabei nicht würdig genug? Wohl kaum. Schließlich heißt dieser Sonntag ja "Kantate – Singet dem Herrn ein neues Lied!"

Dass wir bei unserem Singen vor Glück, Freude und Siegesrausch aus dem Häuschen geraten, die Gefahr scheint ohnehin nicht groß. Für die fröhlichen Schlachtgesänge aus dem Westfalenstadion fehlt es uns nun doch an spontaner gottesdienstlicher Freude, vor allem aber an der Masse, die schon ohne besonderen Anlass ansteckend wirkt.

Durchschnitt sind wir, nicht wahr, liebe Gemeinde? Wir geben uns Mühe, laut zu singen, ohne dass man einzelne Stimmen heraus hört. Wir haben sonntags gute Laune, aber von Übermut kann auch keine Rede sein. Wenn wir singen, dann verdrängen wir dabei nicht immer unsere kleinen und großen Sorgen, und oft tauchen sie ja auch auf in den Klassikern unseres Gesangbuchs. Nicht umsonst gebrauchen Ältere zuweilen den Spruch: "Ach, mir geht`s nicht so ´Lobe den Herrn`!"

Doch halt – ertappe ich mich etwa dabei, unser Loblied, zu dem der Predigttext ermutigt, aus Bescheidenheit lieber eine Oktave tiefer zu singen oder ab und zu einen Moll-Akkord mit einzustreuen, damit es realistischer klingt? Genau so ist es, liebe Gemeinde, und das ist nicht gut.

Schließlich weiß die Offenbarung in ihrer Zukunftssicht genau, wovon sie redet. Wenn sie zum grenzenlosen Jubel über Gott aufruft, dann deshalb, weil die Glaubenden, die Treuen und Standhaften, am Ende nach vielen Irrungen und Wirrungen siegen. Es ist nicht das Loblied, das wir jeden Sonntag singen können, sondern der endgültige Jubel. "Gott hat gesiegt – für alle Zeiten!"

"Wir holen den U-U-EFA-Cup und wir werden Deutscher Meister!" So singen sich die Fußballfans selbst die Hoffnung, die Erfüllung ihrer Träume herbei. Und es erstaunt mich immer wieder, wie viel Einfallsreichtum in mancher Saison in den Schlachtgesängen steckt, wie sich Hoffnung und Freude Texte und Melodie suchen, die sofort ins Ohr gehen. Kirchenmusiker würde die Nase rümpfen, aber aus mehreren tausend Kehlen klingt schließlich auch gut, was bei einem versierten Kirchenchor albern klänge.

Doch die Fangesänge haben einen entscheidenden Nachteil: Jede Saison müssen die Fans von neuem hoffen und zittern, einen Titel oder eine Qualifikation zu holen oder wenigstens nicht abzusteigen. Auch wir Christen sind immer wieder aufs neue bedroht von Versuchungen, von Resignation und Abstumpfung durch den Alltag. Wovon dagegen die Offenbarung redet, das ist der endgültige Sieg.

Im Grunde ist das noch die – vielleicht nicht logische, aber doch theologische – Konsequenz von Ostern. Christus hat die Mächte des Todes ein für allemal besiegt. Davon profitieren wir. Darum feiern wir sonntags den Tag der Auferstehung. Und das feiern wir gleich als kleinen Vorgeschmack im Abendmahl. Als Konsequenz dieses Sieges wird der Auferstandene – bzw. das Lamm, wie die Offenbarung sagt – am Ende der Zeit alle Mächte des Bösen besiegen.

Seltsamerweise, liebe Gemeinde, dürfen wir diesen Sieg schon im voraus feiern. Nicht dass er uns leicht gemacht wird – ganz bestimmt nicht. Viel Blut, Schweiß und Tränen fließen bis dahin, und der Weg dahin ist mühsam, schmal und steinig. Aber im Gegensatz zu den Trainern der Bundesliga, die ihren Spielern strikt verbieten, zu früh den Titel herbeizureden oder im voraus zu beklatschen, dürfen wir nicht nur – wir sollen sogar davon reden. Und – so will es der heutige Sonntag – auch singen. Die Sprache der Bibel kennt dafür ein Wort, das international geworden ist: "Halleluja".

Das "Halleluja" in seinen unzähligen Variationen von den Psalmen über die Gospel und Händels "Messias" bis hin zu unseren modernen Fassungen, dieses Halleluja verbindet die Menschen des Alten und des neuen Testamentes mit uns heute und den Siegern der Endzeit. Durch alle Zeiten hindurch zieht sich das Lied zum Lobe Gottes.

An den Psalmen sehen wir, warum das funktioniert: Da bleibt es nicht beim fröhlichen, lauten Jubel. Da fließen immer auch die persönlichen und gemeinschaftlichen Erfahrungen durch Leid, Krankheit und Verfolgung mit ein. "Lobt Gott, weil er uns gerettet hat, und zählt dabei ruhig auf, wo er uns geholfen hat", so könnte man die Lobpsalmen zusammenfassen.

Nicht zufällig legt die Offenbarung dem Lamm, also dem Gekreuzigten, ein Lied in den Mund, das typisch für ihn sein soll und doch eigentlich untypisch klingt für jemanden, der unschuldig leidet und stirbt. Sie sangen das Lied des Lammes: Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr, allmächtiger Gott!

Das ist das Eigentümlich bei uns Christen: Unser Halleluja unterscheidet sich von den fröhlichen Gesängen im Bierzelt und im Stadion, weil es das Leid nicht übertönt, verdrängt oder mit Herz-Schmerz-Trallalla verniedlicht, sondern mit hineinnimmt in das Lob. Gott nimmt sich unseres Elends an – deshalb singen wir ihm ja Lieder. Deshalb können wir auch zu den traurigsten Anlässen Loblieder singen wie z.B. bei einer Beerdigung. Je intensiver unsere persönliche Erfahrung mit dem bewahrenden und rettenden Gott ausfällt, desto ehrlicher gelingt auch unser Halleluja.

Unsere Bedrohung im Glauben liegt nicht in Verfolgung oder dramatischen Bekenntnissituationen, sondern im Kampf gegen Gleichgültigkeit und Auf-sich-selbst-Gestelltsein im Alltag. Das satanische Tier und sein Name, wie die Offenbarung das Böse nennt, hat sich geschickt getarnt, um uns wegzulocken vom Glauben, vom unbedingten Vertrauen auf Gott. Ich weiß nicht, ob die Glaubenden einst in der großen Schlacht von Armageddon gegen die Mächte der Finsternis kämpfen wie in einem Science-Fiction-Streifen. Mir reicht eigentlich schon der langwierige und mühsame Kampf um die Menschen unserer Gemeinde, die mit dem Glauben und der Kirche nichts mehr anfangen können, weil es ihnen zu gut geht.

Liebe Gemeinde, ich denke auch an das Ende der Offenbarung, an jene tröstliche Vision, die all die Endzeitgemetzel beendet: "Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu."

Diese Vision teile ich; denn sie kann uns Kraft und Mut geben, kann unsere Erdverhaftetheit mit einer wirklichen Perspektive nach vorne aufbrechen. Nicht: Alles wird gut, sondern: Alles wird neu. In diesem Sinne verstehe ich dann auch unseren Wochenspruch: "Singet dem Herrn ein neues Lied; denn er tut Wunder." Nicht neue Choräle oder swingende Gospelinterpretationen sind gemeint, so schön die auch klingen, sondern ein wirklich neues Lied, ein Loblied, wie es noch nie da gewesen ist, komponiert von den Engeln, die Gottes Thron umgeben. Aber ich bin sicher, liebe Gemeinde, auch dieses Lied wird beginnen mit dem Wort "Halleluja!"

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