Das Licht in der Finsternis

Johannes schaut auf die Welt und er sieht schwarz. Er sieht eine große Finsternis. Ich denke, dass dieser Blick auf die Welt als eine Finsternis, in der es kaum Licht gibt, sehr aktuell ist. Viele suchen nach Sinn und Orientierung. Wir haben ein Gefühl des Niedergangs, wirtschaftlich und politisch. Wir fühlen, wie bedroht und zerbrechlich unser privaten Höhlen des Glücks sind: Scheidung, Arbeitslosigkeit, Sucht, Mobbing, nur noch schlecht funktionierende gesellschaftliche Teilbereiche. Die Probleme der Gesellschaft wirken zurück. Und da ist die Finsternis, die weltweit die Erde umspannt, Kriege, die nicht aufhören wollen. Kriege, die anscheinend unaufhaltsam auf uns zukommen. Und da ist die Finsternis der Zerstörung der Umwelt. Die Finsternis mit ihrer Falschheit, Verlogenheit, Niedrigkeit, Blindheit drängt sich in unser Leben. Je länger ich diesem Text nachspüre, merke ich, wie diese beiden Seiten miteinander ringen: Licht und Finsternis. Es kommt auf mich an, auf welche Seite ich mich stelle, wovon ich mich ansprechen lasse. Das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hats nicht ergriffen, sagt Johannes. Das macht mir Mut: Die Finsternis kann das Licht nicht überwältigen, nicht besiegen, nicht auslöschen. Auch wenn es mir manchmal anders vorkommt und ich nur noch schwarz sehe: Nein, das Licht, das Jesus in diese Welt bringt, ist stärker als die Finsternis. Ich habe eine große Sehnsucht danach, dass diese Welt heller wird, freundlicher, liebevoller. Das Licht, das Jesus in diese Welt bringt, ist stärker als die Finsternis, höre ich. Das macht mir Mut.

Johannes spricht in seinen Worten noch eine zweite Sehnsucht an, die sicher nicht nur ich habe: Die Sehnsucht nach Leben, nach echtem, erfülltem Leben. Es muss doch mehr geben als nur Arbeit und Vergnügen, als Sorge und Kummer, als Erfolg und Misserfolg, Gesundheit und Krankheit. Es muss doch wahres Leben geben: Leben, das man fühlt, das sprudelt und überquillt. Das nicht von Angst, sondern von Freude beherrscht ist. Im griechischen gibt es für „Leben“ zwei Worte: bios – davon kommt Biologie – meint das Leben, das geprägt ist von essen und trinken, von wachsen und vergehen, von alt werden und sterben, von arbeiten und schlafen. Und das andere Wort heißt zoe: Lebensfülle, Lebensqualität, echtes, erfülltes Leben. Johannes sagt: Dieses zoe, dieses echtes, erfüllte, wirkliche Leben, das nicht nur an der Oberfläche bleibt, sondern tiefe Befriedigung schenken kann, dieses zoe-Leben ist in Jesus Christus. Und nirgendwo anders. Mit und in Jesus Christus gibt es echtes, erfülltes Leben – überall anders wird nur vor vegetiert. Überall anders wird der Wert meines Lebens definiert von meiner Herkunft, wird bestimmt von dem, was ich schaffe und was ich leiste, wird beherrscht von der Anerkennung und Bestätigung der Menschen, von Erfolg und Misserfolg, von meinem Wohlbefinden und von der Zuwendung anderer.

Zoe – das ist etwas anders. Ich habe meinen Grund in Gott. Ich bin Kind Gottes. Ich habe in Gott meinen wahren Wert. Wenn ich mich von Gott her definiere, dann werde ich frei von der Macht der Menschen, von der Macht ihrer Erwartungen und Ansprüche. Die wahre Freiheit, die Freiheit der Kinder Gottes, erfahre ich nicht durch meine Leistungen und nicht durch das Urteil der Menschen, sondern von Gott her. Durch Jesus Christus werde ich Kind Gottes. Da haben die Menschen keinen Zugriff mehr auf mich, und vor Gott darf ich leben als der, der ich bin, ohne mich vor Menschen rechtfertigen zu müssen.

Doch Johannes spricht mit wenigen Worten eine große Tragödie aus: Er, Jesus, das Licht, das Leben, er kam in sein Eigentum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Er kam und brachte wahres, erfülltes Leben, und die Menschen wollen es nicht haben. Das Licht scheint in der Finsternis, und die Menschen laufen nicht jubelnd hin, sondern wenden sich ab. Denn die Menschen, so schreibt Johannes später, lieben die Finsternis mehr als das Licht. Ja, das kenne ich gut: Dass ich das Licht scheue. Dass ich lieber niemand so genau hinter meine Fassade schauen lasse. Dass ich lieber niemand so genau erzähle, was für Gedanken in mir wohnen. Stellt euch vor, ihr hättet alle einen Bildschirm auf der Stirn, und alle euere Gedanken werden da für alle sichtbar eingeblendet. Ans Licht gebracht. Nein, wir lieben die Finsternis mehr als das Licht. Und bleiben lieber im Dunkel. Denn wir fürchten das Licht. Wir fürchten das Licht, in das Gott uns stellt. Wir verstecken uns vor ihm – so wie Adam in der Geschichte vom Sündenfall. Wir laufen vor Gott davon. Weil wir ihn nicht kennen.

Niemand hat Gott jemals gesehen. Viele versuchen sich Gott vorzustellen, sich ein Bild von Gott zu machen. Aber es geht nicht. Letztlich bleibt uns Gott verborgen, hinter einem dichten Nebel verborgen. Einem Nebel, den kein Mensch durchdringen kann. Aber eines Tages kam Gott durch diesen Nebel hindurch. Er kam als eine ausgestreckte, offene Hand. Eine lebendige, warme, weiche Hand. Diese Hand ist Jesus. Das Wort wurde Fleisch – an Weihnachten bekommt Gott Hand und Fuß. Das Wort wurde Fleisch – an Weihnachten wird Gott für uns begreifbar, anschaulich. Das ist für Johannes die Hauptsache überhaupt, er erzählt es uns ganz am Schluss in einer Art Triumph, worum alles geht: "Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.". Das war es nämlich, was Johannes und die anderen Jünger gesehen hatten, als sie mit Jesus auf Erden wandelten.

Das war das Entscheidende, was er in seinem Alter zu erzählen hatte. Dass er die Herrlichkeit Gottes gesehen hatte, voll von Gnade und Wahrheit. Er hatte in Christus all das gesehen, was bei Gott von Ewigkeit an gewesen war. Er hatte das Licht kommen sehen, das Licht vom Morgen der Schöpfung. Er hatte in die Ewigkeit selbst hineingesehen.

Und er hat durch Jesus Christus gesehen: Gott ist voller Gnade. Gott ist voller Erbarmen mit mir armem Würstchen. Gott ist voller Mitgefühl mit mir, der ich mich mit meinem harten Herz herumplage.

Und Gott kennt meine Wahrheit, denn er selber ist die Wahrheit. Gott kennt mich, ich brauche mich nicht zu verstellen, mich nicht zu verbergen. Ich darf sein, wie ich bin, und kommen, wie ich bin. Ich darf ihn aufnehmen und sein Kind werden. Ich darf mich ihm anvertrauen und heimkommen. Geborgenheit erfahren. Geliebt werden ohne Ende. Im Licht der Liebe Gottes stehen. In dieses Licht sollen wir blicken, das Licht, das Liebe und Wahrheit zugleich ist, und in dem Licht sollen wir unser Leben leben. Die Finsternis mit ihrer Härte und Unbarmherzigkeit und ihrem Zynismus gibt es zwar noch immer, in uns und zwischen uns, in den großen Zusammenhängen und im Kleinen, aber wir sollen und dürfen im Licht leben und wachsen und zu den Menschen werden, als die uns Gott von Anfang an gesehen hat. Und Weihnachten ist er erste Anfang, an dem wir erneut das Licht der Ewigkeit in dem neugeborenen Kinde sehen. Und mit dem Herzen des Kindes, das in uns schlägt, und dem Licht in uns, sollen wir durch die Finsternis des Winters gehen. Zum Ostermorgen. Und zur Wärme von Pfingsten und dem sommerhellen Tag. Ja, und einmal wird die Finsternis vergehen, und wir werden in Klarheit sehen, von Angesicht zu Angesicht im Lichte der Gnade und der Wahrheit. Das hat einmal begonnen, in der Ewigkeit bei Gott. Das vollendet sich schließlich wieder in der Ewigkeit Gottes. Aber das beginnt immer wieder in dir und in mir. Denn wir tragen das Wort in uns und das Licht und das Leben, das von Gott kommt.

Denn am Anfang war das ewige Wort Gottes: Christus. Immer war er bei Gott und ihm in allem gleich. Durch ihn wurde alles geschaffen. Nichts ist ohne ihn geworden. Von ihm kommt alles Leben, und sein Leben ist das Licht für alle Menschen. Er ist das Licht, das die Finsternis durchbricht, und die Finsternis konnte dieses Licht nicht auslöschen. Christus ist dieses wahre Licht, das für alle Menschen in der Welt leuchtet. Doch obwohl er unter ihnen lebte und die Welt durch ihn geschaffen wurde, erkannten die Menschen nicht, wer er wirklich war. Er kam in seine Welt, aber die Menschen nahmen ihn nicht auf. Die ihn aber aufnahmen und an ihn glaubten, denen gab er das Recht, Kinder Gottes zu sein. Das wurden sie nicht, weil sie zu einem auserwählten Volk gehörten, auch nicht durch menschliche Zeugung und Geburt. Dieses neue Leben gab ihnen allein Gott. Gottes Sohn wurde Mensch und lebte unter uns Menschen. Wir selbst haben seine göttliche Herrlichkeit gesehen, wie sie Gott nur seinem einzigen Sohn gibt. In Christus sind Gottes Barmherzigkeit und Liebe wirklich zu uns gekommen.

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