Das Licht Gottes

Liebe Gemeinde:

Paulus ist bekannt geworden als ein großer Verkündiger des Evangeliums Jesu Christi. Seine Missionsreisen, die er damals unternommen hat, übersteigen in der Entfernung und in der Dauer immer noch viele Reise, die wir heute so bequem unternehmen können. Paulus hat viele Entbehrungen und viele Gefahren auf sich genommen, um das Wort Gottes zu den Menschen tragen zu können. Er ist allerdings dafür auch reich belohnt worden: Gemeinden sind entstanden, ja er hat das Reich Gottes sich ausbreiten sehen, ein umfangreicher Briefwechsel ist bis heute erhalten geblieben, aus dem wir ersehen können, was die Menschen Pauli Wirken zu verdanken hatten.

Allerdings sind die Menschen damals auch nicht viel anders gewesen als heute und wir dürfen kein zu idealistisches Bild von ihnen zeichnen. Es wird nicht so gewesen sein, dass Pauli Meinung einfach so wie sie war angenommen worden ist, sondern es war wohl eher so, wie es heute auch noch ist, nämlich dass ein jeder das hört, was ihm oder ihr schon irgendwie vertraut und gewohnt ist. Wenn ich ihnen heute erzählte, wie ich damals meine große Liebe kennen gelernt habe, dann würde sich bei ihnen trotz meiner Worte doch immer etwas beimischen von ihrem eigenen Erleben, als sie sich selber damals verliebten. Und würde ich sie dann ein, zwei Tage später bitten, mir meine eigene Geschichte nochmals zu erzählen, hätte ich bestimmt einige, ganz verschiedene Versionen, die ich zu hören bekäme.

Genauso war es aber auch bei den Menschen, denen Paulus von seiner großen Liebe, genauer von seiner Liebe zu Gott und von Gottes Liebe zu ihm erzählte. Viele nahmen das Wort begeistert auf und versuchten, ihr Leben in Zukunft danach auszurichten, aber natürlich konnten sie das Wort nur so aufnehmen, wie sie vorher schon eigene Erfahrungen gemacht hatten. Und so kam es, wie es kommen musste und auch heute noch so ist: es kam zum Streit. Zum Streit über Auslegungsfragen, über Fragen des Alltags über moralische und rechtliche Dinge über die Art der Vorstellungen, die man sich von Gott machen soll oder auch nicht, usw. usf. Ganz genauso, wie es bei uns heute auch noch ist. Vielleicht nur mit dem Unterschied, dass die Fragen des Glaubens heute nur noch wenige zum Diskutieren und Disputieren herauszufordern scheinen.

Unser Predigtwort ist eine Antwort Pauli auf eine solche Auseinandersetzung über das, was er einst selbst den Korinther gesagt und geschrieben hatte. Da gab es Gruppen, die die Worte, die Paulus ihnen überbracht hatte, mit einem anderen Geist füllten, als es Paulus beabsichtigt hatte. Übrigens, liebe Gemeinde, auch das ein Phänomen, das wir heute ständig wiederfinden. Schauen Sie in die Werbung, z.B. auf die Engel: als was werden uns heute Engel alles verkauft: als kleine, dickliche Unschuldskinder, die uns anregen sollen, irgendetwas zu kaufen, was angeblich "himmlisch" wäre. Auch da ist das Wort Gottes mit einem anderen Geist gefüllt worden. Diesen anderen Geist kennt und benennt Paulus ziemlich deutlich: es ist der Gott dieser Welt. Ja, wie, wird man sagen: es gibt doch nur einen Gott und das ist der Vater Jesu Christi. Ja, hätte Paulus gesagt: das ist wahr, Gott unser Herr, der Schöpfer und Erhalter der ganzen Welt hat das Böse besiegt und den Tod überwunden, aber – liebe Gemeinde – aber sein Reich ist noch nicht überall aufgerichtet, noch ist das Ende dieser Welt nicht gekommen, noch leben wir in einen seltsamen Zwiespalt, der uns beides sagt: nämlich, dass wir Gottes Kinder sind und deswegen gerettet, aber auch, dass wir noch Sünder sind und dieser Welt immer wieder anhängen. So verweist nun Paulus auf jenen Gott dieser Welt, der für ihn all das Böse darstellt, was noch nicht endgültig überwunden ist.

Für uns und für die Christen in Korinth damals ist es immer schwer zu erkennen, worin sich dieser böse Herrscher der Welt zeigt. Oft genug ist das hier im Gottesdienst ein Thema, ein Versuch, Beispiele zu finden für diesen ungeheuerlichen Vorgang, der uns immer wieder in die Irre führt, der uns verblendet, die Sicht verstellt und uns den Kopf verdreht, bis wir nicht mehr wissen, was oben und unten ist. Aber das ist das Schicksal dann auch dieser Beispiele: sie bieten keinen Halt, sie sind nicht von Dauer und wollte man sie aufschreiben in ein Buch, das mir erzählt vom Bösen und vom Guten: sie würden auch darin sich umkehren und mehr Schaden anrichten als Nutzen bringen. Eine Grundstruktur aber hat die Verführung durch das Böse, von der Paulus spricht: sie verdreht und verkehrt alles: das Böse erklärt sie zur Liebe. Das Dunkle lässt sie hell erscheinen. Gewalt will sie als Wohltat verkaufen.

Und das sind ja nach wie vor die Fragen, mit denen wir in unserem Leben zu kämpfen haben: darf ich denn einen Menschen aus Liebe töten, etwa, weil er schwer krank ist und ich nicht möchte, dass er weiter leiden muss? Woher kommt denn die Faszination für das Dunkle, für die Abgründe – weshalb erscheint es vielen einleuchtender im wahrsten Sinne des Wortes, sich für Magie und Geisterkraft zu engagieren als ein Leben als Christ zu führen? Noch eine Frage, die wohl lange bleiben wird: ab wann und v.a. bis wann darf ich denn einen Krieg führen, weil ich damit etwas Gutes erreichen will? Muss ein ganzes Volk unterdrückt werden? Müssen tausende Kinder an Hunger sterben, damit ich einen Krieg erklären kann oder muss die reiche Welt getroffen werden, damit die Waffen zum Zuge kommen können? Wer rechnet denn das Gute gegen das Böse auf?

Das also ist in Korinth nach Meinung des Paulus auch geschehen: der Gott dieser Welt hat einigen den Sinn verkehrt, dass sie das Evangelium nicht sehen können, ja genauer, dass nicht das helle Licht erkennen können, das von Jesus Christus als Gottes Sohn her strahlt. Liebe Gemeinde, ich bin kein großer Apostel, wie es Paulus war, aber ich würde mich nicht trauen, eine solche Aussage in dieser Weise zu machen. Das müsste ja heißen, dass ich weiß, wer von Gott erwählt ist und wer nicht. Ich glaube auch, dass ich damit wieder in die Falle tappen würde, von der ich eben erzählte: ich würde ja wieder mich hinreißen lassen und die Guten ins Töpfchen und die Schlechten ins Kröpfchen einordnen, ich würde ja wieder anfangen mein Gut-Böse-Buch vollzuschreiben und den Herrn X. auf die gute Seite und die Frau Y. auf die schlechte Seite einzuordnen. Und wieder würde passieren, was ich vorhin sagte: meine Einteilung würde unter meiner Hand wieder verschwinden und verwaschen und sie würde mehr Unheil anstiften, als dass sie Heil bewirken könnte.

Dann aber fährt Paulus fort und erklärt: es ist ein Fehler, wenn man glaubt, die Christen müssen schon überall hell erstrahlen in dieser Welt, so als ob man nicht das Evangelium predigen wollte, sondern die, die daran glauben. Auch hier ein Missverständis, welches sich durch die Jahrhunderte zieht: die Menschen verwechseln die Botschaft mit den Personen und stellen die Personen auf einen unerbittlichen Prüfstand: "Ja, wenn der Herr Z., der ja Christ sein will, es nicht mal schafft, seine Ehe in Ordnung zu halten, wie kann denn dann das Christentum etwas taugen!" Sie kennen solche Beispiel selber zur Genüge. Ähnlich auch mit Paulus: er war kein besonders beredter Mann, heißt es, viele erfuhren ihn wahrscheinlich auch als einen Eiferer usw. usf., aber da sagt Paulus deutlich: wir predigen uns ja nicht selbst: sondern: Christus ist der Herr und wir sind nur Knechte.

Auch das, liebe Gemeinde, wieder eine grundlegende Wahrheit, die uns heute noch ganz genauso trifft. Wir werden hier vor Ort als christliche Gemeinde in der Welt nicht besser dastehen als andere: unter uns wird sich alles finden, was sich auch in der Welt findet: zum einen das, was moralisch verhandelt wird: Ehestreit und -bruch, Lug und Trug, Neid und Hass, Gemeinheit und Bosheit. Dann findet sich auch das andere: Tod und Krankheit, Leid und Verzweifelung, Angst und Verzagtheit. All das und auch das, was ich hier nicht erwähnte wird sich bei uns finden, auch, wenn wir Christen und ChristInnen sind. Aber, liebe Gemeinde, aber das trifft nicht die Botschaft, das trifft nicht das Evangelium, das heißt nicht, dass das Wirken Gottes ja ein jämmerliches sein muss, wenn es so in der Christenheit bestellt ist. Dagegen geht Paulus an und dagegen werden auch wir unser ganzes Leben hindurch immer angehen müssen.

Die Kraft Gottes ist in den Schwachen mächtig! Das Kreuz gilt in der Welt als Torheit! Diese Wahrheit müssen wir verteidigen, dieser Wahrheit müssen wir uns selber immer wieder stellen, diese Wahrheit müssen wir selber immer wieder neu glauben lernen und uns auf sie einlassen.

Wie aber kann das gehen? Denn es ist ja eben nicht so, wie es uns z.B. die Magie verspricht: tue einen Zauberspruch und es wird sichtbar folgendes passieren: nein, das Evangelium ist kein Zauberspruch, sondern es ist ein Wort, das Licht schafft und das will heißen, ein Wort, das uns hilft, die Dinge in Gottes ewigem Licht zu sehen, ein Wort, das uns herausreißt aus der Verwechselbarkeit, in der das Dunkle zum Licht verdreht worden ist. Also, mit anderen Worten, ein Wort, das uns zur Erkenntnis führt. Und dieses Wort, dessen Sprecher kein anderer ist als Gott selbst durch seinen Heiligen Geist, erleuchtet unser Leben mal stärker, mal schwächer. Es erleuchtet unser Leben in den Augenblicken, die wir rückwirkend erkennen werden als von Gott geführte Momente unseres Lebens.

Schauen wir in unser Predigtwort: welches Beispiel gibt Paulus selber: er führt seine eigene Erleuchtung an, seine Erkenntnis Gottes, als er damals in Damaskus, gerade auf dem Wege, die Christen zu verfolgen und zu töten, von der Helligkeit Gottes getroffen wurde, vom Pferd stürzte und seinen Lebensweg änderte. Solche Erlebnisse haben auch wir, liebe Gemeinde, vielleicht kleiner, vielleicht unspektakulärer, aber doch Erlebnisse, in denen wir von Gott geführt und gehalten worden sind. Lichte Momente in unserem Dasein. Und wenn sie besonders hell waren, dann passiert auch heute noch das, was damals Paulus passiert ist: dann wird unsere Helligkeit für Augenblicke zu einer Helligkeit, die für andere Menschen ebenfalls zum Licht wird, damit sie erkennen Gottes Wirken in der Welt.

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