Das Leben soll wieder heilig werden

Liebe Gemeinde,

es war ein wunderschönes Land mitten in Europa. Es hatte harte Zeiten hinter sich, aber die Menschen waren fleißig und hatten es zu etwas gebracht. Das Land war durchzogen von Autobahnen und guten Straßen, viele hatten sich ein Haus bauen können und wie reich sie waren, das zeigten sie nach außen durch wunderschöne Autos. Die Geschäfte waren voll, übervoll und in jedem Supermarkt war so viel, dass man gar nicht alles kaufen konnte und vieles wegwerfen musste. Zu allen Ländern der Welt hatte das Land Beziehungen aufgebaut und bald gemerkt, dass man vieles aus anderen Ländern viel billiger kriegen konnte. Ob Hemd oder Hose oder Computer, es kostete alles einen Bruchteil von dem, was man im eigenen Land hätte bezahlen müssen. Herrliche Länder konnten sie mit ihrem harten Geld bereisen und galten überall auf der Welt als reich. Und so ging es von Jahr zu Jahr und man dachte, es geht so weiter. Viel Geld lag auf den Banken, schon Kinder hatten ein Sparbuch und Oma und Opa stockten es fürs gute Zeugnis auf. Junge Leute mussten sich nicht mehr bei Wind und Regen auf ein Moped setzen, sie leisteten sich Autos und hatten noch Geld übrig zum Rauchen und Trinken.

Was sollen wir nur noch machen, fragten manche Menschen, wir sind überall hingereist, wir essen reichlich und können uns so vieles leisten. Sie schenkten ihren Kindern einen eigenen Fernseher und Computer, sie zeigten jedem, dass sie ein Handy hatten und das viele Geld zum telefonieren dazu. Eigentlich waren sie auf viele Jahre versorgt und es hätte immer so weiter gehen können. Eins hatten sie vergessen, dass sie eine Seele haben und dass man sie nicht mit Wohlstand füttern kann. Anfangs war für die Seele noch Gott zuständig, sie gingen in die Kirchen und passten auf, dass ihre Kinder noch etwas von Gott hörten. Aber sie hatten immer weniger Zeit, weil sie immer mehr organisieren mussten. Und sie merkten, es ist unbequem, sich die Zeit für Gott einzuteilen. Denn der Staat hatte ihnen in der Verfassung große Freiheiten gegeben. Es war alles möglich, man machte die Nacht zum Tage, es war kein Platz für Gott. Nein, nein, sie hatten doch nichts gegen den Glauben, aber da war so viel anderes. Und Gott dachte sich, ihr armen Menschen. Was nützt euch alles, was ihr habt, wenn die Seele kaputt ist. Ihr merkt gar nicht, wie man eure Seele von euch fordert, euch wegnimmt. Und sie merkten es wirklich nicht, sie erschraken nur. Auf einmal wurde manches teurer und man musste dafür sparen. Sie bauten in ihre Autos Sicherheiten ein, die sie nur brauchten, weil sie rücksichtslos geworden waren. Sie erschraken, dass 13-jährige eine Rentnerin überfielen und ein zwanzigjähriger zwei Radfahrer tot fuhr. Sie schwiegen still, wenn ihre Kinder einen ganzen Arbeitstag lang in der Schule festgehalten wurden, sie verstanden nicht mehr, was im Theater gespielt wird und immer mehr wurden krank. Es fiel anfangs nicht auf, wie viele einer Sucht verfielen, keiner sagte etwas, wenn immer mehr Kinder geschlagen wurden und die Angst ging um. Allein durch dunkle Straßen zu gehen, traute sich keiner mehr. Immer bessere Sicherheitsschlösser kamen in die Wohnungstür und nur über eine Sprechanlage konnte man sie besuchen. Einige entdeckten, dass man mit Religion ein Geschäft machen kann. Jede Zeitung druckte ein Horoskop ab, und Wahrsager verdienten auf Volksfesten viel Geld. Jedes Jahr kam ein neuer Wirkstoff, der gesund machen sollte und die Leute kauften es. Aber die Seelen blieben krank, die Angst wurde größer und die Gewalt grausamer. Weil alle viel verdienen wollten, verloren sie die Arbeit. Geld war der Gott geworden und jeder Radiosender lockte mit einer hübschen Summe, wenn man der erste war, der anrief. Dafür hatten sie Zeit.

Und Gott sagte, Ihr Narren, habt ihr wirklich geglaubt, dass es ohne mich geht. Habt ihr wirklich geglaubt, dass Ihr Euer Leben sichern könnt ohne mich. Habt ihr geglaubt, es geht immer so weiter auf Kosten anderer. Habt ihr gedacht, Ihr habt ein Recht darauf, alles billig zu kriegen, während andere hungern? Habt ihr wirklich gedacht, ich bin so eine Nebensache, die dazu herhält, euer Wohlstandsfest im Dezember auszurichten? Wacht endlich auf, sonst wird man noch mehr von Eurer Seele fordern.

Liebe Gemeinde, so könnte Jesus heute geredet haben. Damals hat er es anders erzählt. Und wer gedacht hat, damit war es das, hat sich geirrt. Jede Generation neu steht vor der Frage: welchen Platz hat in meinem Leben Gott? Und jede Generation steht vor der Frage: Heil mit Gott oder Unheil ohne Gott. Wir stehen am Scheideweg. Und wir klagen und klagen und schimpfen. Und sicher wird es mit Gott morgen nicht gleich anders. Aber es ist die einzige Chance, den verfahrenen Wagen wieder auf die richtige Bahn zu bringen. Und dazu müssen wir erst einmal die Schwerpunkte neu setzen. Nicht, wenn ich mal Zeit habe, gehe ich in die Kirche. Sondern ich nehme mir zuerst diese Zeit. Nicht, wenn mein Kind neben Sport und Computer und Fernsehen noch Zeit hat, geht’s zur Christenlehre, sondern erst mal die Christenlehre, weils der Seele gut tut. Heute ist Erntedankfest. Dieses Fest wurde erfunden, weil Menschen gesagt haben, unser Leben verdanken wir Gott. Und dass nach dieser langen Trockenheit hier frisches Obst und Gemüse liegt, ist das nicht auch ein Zeichen? Ein Zeichen an die Seele: du sollst es gut haben. Ein Zeichen von Gott: ich will doch, dass du lebst. Keiner käme auf die Idee, das nachher alles in die Tonne zu werfen. Es ist wie etwas Heiliges, was wir mit Liebe aufgebaut haben. Warum machen wir
das, wenn tagtäglich viel größere Mengen auf die Halde geschafft werden. Haben wir doch noch ein Gefühl für Gott? Haben wir ein Gefühl dafür, dass wir danken können. Für Brot und Wasser, für Auto und Reisen. Für alles, was das Leben schön macht. Wie wäre es, wenn wir dieses heilige Gefühl in den Alltag mitnehmen und mit allem so umgehen. Mit essen und trinken, mit den Menschen, mit den Tieren. Das Leben wie ein Altar? Mein Mitmensch wie ein Altar- wie kann ich ihn dann noch auf der Autobahn bedrängen? Die Kinder wie ein Altar – wer könnte sie dann noch schlagen? Wenn immer Gott dahinter steht und seine Hände drüber hält. Auf so einen Apfel würden wir nicht treten, aber wir überfahren Katzen und Igel. Das Leben soll wieder heilig werden. Vielleicht ist das ein Weg. Vielleicht ist das ein Weg, unsere Seelen wieder zurückzukriegen, vielleicht unsere Chance?

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