Das Leben in Ordnung bringen

Liebe Gemeinde,

das ist schon eine interessante Gestalt, dieser Zachäus. Ein Mann, dem es wirtschaftlich wohl gut geht und dem es dennoch schlecht geht. Er gehört zu denen, die keiner mag. Er gehört zu denen, die schon lange nicht mehr Zugang zur Gemeinde haben. Er gehört zu denen, die keine Gemeinschaft in der Gemeinde haben. Solche Menschen gab es und gibt es zu allen Zeiten. Damals waren es Zöllner und Sünder oder Heiden, heute sind es die Kirchenfernen, die nie kommen, die Atheisten, oder die, die nicht die richtige Frömmigkeit haben. Die vielleicht es irgendwann mal mit Gott zu tun hatten, aber es letztlich nicht kapiert haben.

Zachäus hat Sehnsucht. Nach einem anderen Leben. Wie so viele Menschen immer wieder. Aber so den direkten Weg findet er nicht. Vielleicht, weil er Angst hat vor dem Urteil der anderen, vielleicht, weil er sich viel zu fremd fühlt. Vielleicht, weil ihn niemand annimmt ohne Bedingungen. Aber Jesus sehen, wenigstens sehen, das will er. So wie mancher zum Religionsunterricht geht, um zu wissen, was da los ist. So wie mancher in die volle Kirche zu Weihnachten geht, weil es da nicht so auffällt und viele da sind, die auch nicht so Bescheid wissen. Oder wie zu DDR Zeiten manche Leute, Offiziere der NVA oder Lehrer z.B. ihre Kinder haben in anderen Orten taufen lassen, weil es zu gefährlich war.

Zachäus versteckt sich. Vor den anderen und vielleicht auch vor Jesus. Zu nahe soll er ihm nicht kommen. Also steigt er auf einen Baum. Niemand sieht ihn, er sieht alles.

Und dann passiert es doch. Jesus ahnt, wenn Menschen ihn brauchen. Ob er ihn gesehen hat oder ob es so ein Gefühl war, wir wissen es nicht. Und dann das große Staunen. Jesus lädt sich bei Zachäus ein. Was dieser Mann nie erwartet hätte, das passiert. Er, der nie mehr Gäste hatte, wird auf einmal Gastgeber. Und die Menschen. Alles hätten sie erwartet, nur das nicht. Und sie knurren und sie murren, denn das geht zu weit. Schließlich gibt es genug Leute in der Gemeinde, die es verdient hätten, von Jesus beachtet zu werden. Genug Leute, die wissen, wie Jesus ist und wie er handelt. Aber einfach so mit dem Zachäus verschwinden, das schockt. Und es schockt noch mehr, dass so ein Mann sich ändern kann. In einem Satz schildert es Lukas: Zachäus gab zurück, was er zu viel genommen hatte. Kann es so schnell gehen? Vielleicht ist es wirklich hier ein Zeitraffer, denn mal ganz praktisch – so einfach kann man nicht alles weggeben. Da hängt zu viel dran. Aber eins macht es deutlich: als Zachäus dem Jesus begegnet, beginnt die Änderung seines Lebens. Sicherlich zuerst in seinem Herzen und dann wirtschaftlich. Von der Freude der anderen lesen wir nichts. Der Frust, dass Jesus sich um jemanden kümmert, der es gar nicht verdient hat, ist groß.

Darum sein eindeutiger Satz: die Gesunden brauchen doch keinen Arzt, ich bin zu denen gekommen, die es nötig haben.

Und natürlich ist der Satz gut. Aber schwierig wird er vielleicht, wenn wir ihn umsetzen sollen in unsere Zeit. Wenn wir uns Christen nennen, dann heißt das ja, das nachzumachen, was Jesus vorgemacht hat. Dann heißt das ja, diese und andere anstößige Geschichten selber zu erleben.

Oft ist es der Kirche nicht gelungen. Die Pfarrer waren gern gesehen mit den Honoratioren des Ortes und natürlich ist es ganz wichtig, die treuen Gemeindeglieder nicht zu vergessen. Aber wer kümmert sich um die anderen? Dass wir die hohen Geburtstage besuchen und bedenken, das wird erwartet, aber was ist mit den 40jährigen, den 50 jährigen, die auch eine Menge Sorgen haben? Was ist mit den Leuten vor dem Bahnhof und in den Kneipen. Was mit denen, die täglich unsere Dorfstraße hinauf und hinab gehen? Was mit denen, die einmal im Jahr zu Weihnachten die Kirche füllen, brauchen Sie nicht mehr, das ganze Jahr durch?

Zachäus kommt vielfältig vor. Da ist ein Mädchen, das sich interessehalber zum Religionsunterricht anmeldet, da kommt in Leutersdorf ein Mädchen einfach so mit zum Konfirmandenunterricht, da sind junge Eltern, die ihr Kind taufen lassen wollen und dabei die Kirche entdecken, da sind Trauernde dankbar, wenn der Bestatter in seiner weltlichen Rede von Gott redet, da wird unser kleines Theater nach Bautzen eingeladen, um die Eröffnung eines Theaterwettbewerbs zu gestalten, weil es eine kirchliche Gruppe ist und das Thema Hoffnung macht. Alles Dinge am Rande, die kaum bekannt werden.

Aber da sagt Jesus – dort will ich sein. Dort will ich Leben in Ordnung bringen.

Werden wir da murren, wenn die Kirche sich in den nächsten Jahren um Menschen kümmern wird, die eben nicht traditionell hier auftauchen. Wenn wir neue Aufgaben übernehmen und dafür anderes lassen müssen. Denn unsere Gesellschaft ist krank und es ist einiges durcheinandergeraten. Klarheit muss wieder her. Alte Ordnungen, alte Normen und Vorstellungen greifen nicht mehr. Und so wie Zachäus weit draußen war, den Weg nicht mehr fand, so sind heute viele Menschen weit draußen. Sie verstecken sich allenfalls und schauen. Manchmal sagen wir vielleicht – na sie brauchen doch nur zu kommen, aber das hat ein Zachäus auch nicht gemacht. Da war der Tempel, da waren die Gottesdienste, da gab es Priester und Schriftgelehrte, da gab es eine große Gemeinde, und doch hatte er keinen Platz.

Freilich, wir sollten uns hüten, zu meinen, wir wüssten alles. Wir hätten den Durchblick und könnten die Gesellschaft heilen. So einfach ist es nicht und die Geschichte macht deutlich, es geht um den Einzelnen, um Zuwendung zu ihm, um das Gespräch, die Auseinandersetzung. Denn für Zachäus wird es nicht einfach. Es gab ja auch andere Zöllner, mit denen er in Konflikt kommt, vielleicht die Zollgebühren drückt, vielleicht, weil die Leute seine Zollstation bevorzugen werden. Sein Leben ändern, sich auf das Angebot von Jesus einzulassen, das ist mühevoll. Unsere biblische Geschichte ist allenfalls der Anfang. Aber eine Geschichte, die zeigt, was unser Auftrag ist. Wenn wir ihn annehmen, wird sich wirklich etwas ändern, zuerst wahrscheinlich bei uns selber und dann bei Einzelnen. Und dadurch auch an dieser Welt. Das ist meine Hoffnung, die durch diese Geschichte geweckt wird.

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