Das Leben erhält ein neues Gewicht

Liebe Gemeinde!

Woran denken Sie bei Ostern? Diese Frage hängt draußen als Plakat, Sie haben sie im Gemeindebrief gelesen.

Ich vermute, Sie verbinden die Symbole dieser Nacht damit. Sie haben sich zu später Stunde in die finstere Kirche aufgemacht. Bedrohlich wirkt dieser Raum ohne Licht. Klein und hilflos komme ich mir vor, wenn ich das weite Echo meiner Schritte in der dunklen Kirche höre. Bedrohlich auch die leisen Stimmen von Menschen, die ich nicht sehen kann. Dunkelheit – ein Sinnbild für alles, was unser Leben bedroht, ein Sinnbild für den Tod. Christus ist am Kreuz gestorben. Das war Karfreitag. Seitdem schweigen Orgel und Glocken. Der Tod hat – so könnte man meinen, gesiegt.

Doch dann die Botschaft dieser Nacht: Es wird hell! Gottes Licht durchbricht den Tod. "Christus – Licht der Welt!", mit diesen Worten ist das Licht zurückgekehrt. Christus erleuchtet das Dunkel, auch das Dunkel des Todes. Das schwache erste Licht der Osterkerze ist nun zum hellen Leuchten geworden. Neue Hoffnung für das Leben. Und das nicht nur im Bild der Kerzen. Neue Hoffnung für mein, für Ihr Leben – sogar über den Tod hinaus. Darum geht es zu Ostern.

Paulus, bekannt für seine komprimierten Sätze, schreibt das mit folgenden Worten an seinen Freund Timotheus:

[TEXT]

Wieder einmal sitzt Paulus im Gefängnis. Finster müssen wir uns das vorstellen. Noch bedrohlicher als die dunkle Kirche. Bedroht vom eigenen Tod. Kaum ein Leiden ist ihm erspart worden. Schläge, Hohn, Fesseln. Paulus hätte allen Grund zu verzweifeln, den Kopf hängen zu lassen. Aber Christus ist ihm Licht. Er hält dieses Licht hoch vor sich. Es gibt im Trost. Paulus lässt das Licht durch die Gefängnismauern hindurch leuchten: Halte Jesus Christus im Gedächtnis. Er ist von den Toten auferstanden! So ruft der Gefangene dem Freien, draußen zu. Freund Timotheus, mach dir keine Sorgen um mich, sorge dich lieber um dich. Achte darauf, dass dein Licht der Hoffnung brennen bleibt.

Paulus sitzt im Gefängnis und ist doch frei; Timotheus ist nicht eingesperrt und doch in seiner Furcht gefangen.

Liebe Gemeinde, ich möchte Ihnen von Menschen erzählen. Von Menschen, die im Finstern sitzen; die auf das Licht dieser Nacht warten.

Da ist die Frau, deren Mann vor einigen Wochen gestorben ist. Gerade einmal 50 Jahre alt ist er geworden. Schnell und schmerzhaft hat sich der Krebs durch seinen Körper gefressen. Hilflos musste sie diesem Sterben zusehen. Nun sitzt sie allein zu Hause. Die Kinder sind ausgezogen. Ihr ganzes Leben war auf den Haushalt und ihren Mann ausgerichtet. Nun stößt sie überall an ihre Grenzen. Vor allem bleibt die Leere. Das Haus ist still. Niemand isst mit ihr, niemand verändert etwas. Auch ihr Leben ist stehen geblieben. Die Freundinnen trauen sich nicht zu ihr, wissen nicht, was sie sagen sollen.

Dieser Frau rufen wir heute Nacht zu: Halte Jesus Christus im Gedächtnis. Er ist von den Toten auferstanden! Der Tod ist nicht das Ende. Es ist ein Übergang zu neuem Leben. Dein Mann ist bei Gott geborgen. Auch du sollst leben!

Da ist ein Mann. Gefangen in seinen Sorgen. Nach Jahren harter Arbeit wurde er entlassen. Dem Druck der Arbeit könne er nicht mehr standhalten, so haben andere entschieden. Die Kollegen, mit denen er früher oft noch abends zusammen gesessen hatten, meiden ihn. Sie, die diesmal noch davongekommen sind, drückt ihr Gewissen. Er mag auch nicht mit ihnen fröhlich sein. Immer wieder hat er ihre Gesichter vor Augen, als die Entscheidung gefallen ist. Gut, dass es einen anderen getroffen hat. Schmerzlich erinnert er sich an die mühsam vor ihm versteckte Erleichterung. Nun sitzt er zu Hause, jede Lebenslust hat er verloren. Die Hoffnung auf neue Arbeit hat er längst aufgegeben. "In Ihrem Alter?", hat die Frau beim Arbeitsamt abschätzig gesagt, "das wird schwierig!" Immer häufiger greift er nun zum Alkohol. Immer enger werden die Mauern, die ihn einsperren.

Auch diesem Mann möchte ich zurufen: Halte Jesus Christus im Gedächtnis. Er ist von den Toten auferstanden! Dein Leben sieht anders aus, als du es geplant hast. Aber Du bist nicht verloren. Du bist wertvoll. Deine Zeit, deine Kraft, deine Erfahrung können anderen zum Licht werden. So wertvoll, dass Jesus für dich in den Tod ging. Mit ihm sollst du leben. Lass das Licht dieser Nacht strahlen!

Da ist der junge Mann. Nach Jahren der Ausbildung soll es nun losgehen. Endlich Geld verdienen. Endlich unabhängig sein. Doch wie Gefängnismauern stapeln sich die Absagen um ihn herum. "Vielen Dank, aber…" "Die allgemeine wirtschaftliche Lage…". Immer schwerer fällt es ihm, neue Versuche zu unternehmen. Immer mühsamer wird es, den dynamischen jungen Kollegen zu präsentieren, der er doch sein will. Immer schwerer wird es auch, mit den ehemaligen Schulfreunden zusammen zu sitzen. Die meisten haben eine feste Stelle gefunden. Gönnerhaft laden sie ihn zu einem Bier ein. Da bleibt er lieber allein.

Auch ihm rufen wir heute Nacht zu: Halte Jesus Christus im Gedächtnis. Er ist von den Toten auferstanden! Jesus steht an deiner Seite. Vertraue auf ihn. Lasse dich vom Licht anstecken. Komm mit Jesus ins Leben. Über das Verhältnis zwischen dem Wert eines Menschen und seinem Verdienst wollen wir in den nächsten Wochen nachdenken.

Liebe Gemeinde, Ostern anzunehmen ist nicht einfach. Vieles in mir sträubt sich dagegen. Gottes Sieg über den Tod, das lässt sich mit dem Verstand nicht begreifen. Der Verstand beschränkt sich selber auf das, was er erklären kann. Auch das sind Gefängnismauern. Auch für diese Mauer gilt: Halte Jesus Christus im Gedächtnis. Er ist von den Toten auferstanden! Das ist nicht zu erklären. Aber spüren kann ich, dass nur hier ein Ausweg ist.

Das was Ostern geschehen ist verändert die Welt in einer Tiefe, die sich meinem Vorstellungsvermögen entzieht. Nicht wir sind es, die unsere Identität in Gottes Reich hinübertragen, sondern Gott spricht uns eine neue Identität zu. Es gibt in der Bibel einige Versuche, diese neue Identität zu beschreiben. Auch Jesus selber hat das, vor allem mit Bildworten, immer wieder getan. In vielen Gleichnissen versucht er eine Ahnung davon zu vermitteln, wie das Reich Gottes aussieht.

Mit ist dabei besonders wichtig, dass alle diese Bilder Auswirkungen auf die Gegenwart haben. Die neugeschaffene Existenz im Reich Gottes strahlt zurück in meine, in unsere Gegenwart. Es geht nicht nur um ein schönes Jenseits.

Weil Gott Jesus durch den Tod geleitet hat, hat der Tod seine Bedrohung verloren. Tod, wo ist dein Stachel? Nicht der Tod verschlingt das Leben, sondern das Leben erweist sich als stärker.

Das nimmt uns nicht unsere Endlichkeit. Auch Jesus hat den Tod nicht einfach übersprungen. Aber das Leben erhält ein neues Gewicht. Weil Gott den Tod überwunden hat, kann ich schon jetzt erkennen, wie sehr Gott das Leben liebt. Der Glaube an Gottes Sieg verändert das Leben.

Ich kann diesen Sieg nicht beweisen, aber ich kann ihn mit meinem Leben ausdrücken. So wie das Christinnen und Christen seit 2000 Jahren tun. Mein Leben ist kein Fall nach unten, sondern ein Aufsteigen zu Gott. Das will ich glauben, weil das Leben Jesu genau so war – auch wenn es für seine Zeitgenossen zunächst anders aussah. Wie Paulus möchte ich mit meinem Leben der Welt zurufen: Halte Jesus Christus im Gedächtnis. Er ist von den Toten auferstanden!

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