Das Kreuz – Zumutung und Ermutigung

Es ist eine Zumutung, liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder! Was Johannes so sachlich und nüchtern berichtet, ohne spektakuläre Randerscheinungen, wie eine
präzise Zeitungsnotiz mit genauer Schilderung der Umstände und Details des Todes Jesu, ist kaum auszuhalten. Wir müssen hinschauen und können unseren Blick nicht abwenden. Es ist eine Zumutung wie die kahle Kirche an diesem Karfreitag, ohne das warme Licht der Kerzen und den vertrauten Klängen der Orgel. Statt in fröhlichen Frühlingsfarben ist der Altar nur mit
Dornen geschmückt. Es ist eine Zumutung und die Menschen spüren das. Die Proteste gegen das Kreuz als Zeichen der Gewalt und der Unterdrückung werden lauter, die Fragen nach solcher christlichen Symbolik immer drängender. Die Stille dieses Tages ist eine Zumutung. Vorbei die Zeiten als an diesem Tag nicht nur die
Arbeit ruhte, sondern das Leben sich insgesamt für einen Augenblick verlangsamte. Einmal innehalten angesichts des Leids dort am Kreuz und angesichts des Leids, das sich darin
spiegelt. Landschaften des Todes gibt es da zu entdecken, gezeichnet durch Krieg im Irak und im Kongo, der Gewalt im Nahen Osten, unterstrichen durch Hunger- und Naturkatastrophen, am eigenen Leib erfahren durch die Unglücke , denen wir durch Krankheit, Unfall oder Verbrechen ausgeliefert
sind. Basra, Bagdad, Hebron, Eschweiler, Erfurt, New York – die Bilder dieser Orte und die Schicksale der Menschen verwunden uns tief und wer kann es da jemandem verdenken, dass er diesen Bildern, diesen Symbolen einer vom Tod regierten Welt entfliehen möchte. Diese qualvolle Stille unter dem Kreuz geht unter die Haut und dann manchem auf die Nerven. Da wo Generationen vor uns der Trauer und Ohnmacht angesichts des Todes für einen Tag oder eine Woche Raum gaben, da drängen heute Ablenker und Stimmungsmacher hinein. 112 öffentliche Partys zählte das Land Berlin im vergangenen Jahr. Das Leben darf auf keinen Fall stillstehen. Dem Alltag
entfliehen ist das Motto der Stunde.

Es ist eine Zumutung, was die Menschen damals mitansehen mussten: „Jesus aus Nazareth, König der Juden“ so stand es weithin sichtbar zu lesen in lateinischer, griechischer und aramäischer Sprache. Die ganze Welt sollte wissen, mit wem es sie es hier zu tun hat. Eine Zumutung für die Ankläger. Genau das wollten sie doch vermeiden, dass noch mehr einstimmen in diesen Ruf: Jesus, Gottes König, sein Anspruch, sein manifestierter Wille, seine Herrschaft unter uns. Und jetzt schreibt es Pilatus selbst beinahe wie ein heimliches, ungewolltes Bekenntnis zu diesem Jesus auf das Kreuz. Jesus ein Mensch aus Fleisch und Blut, ausgeliefert der römischen Macht, die über und Tod und Leben bestimmen kann, so haben sich das die Freunde nicht gedacht, als sie in ihm den Anbruch der neuen zeit schon gekommen glaubten und ihn verklärten und auf Händen trugen. Was für eine Zumutung und Enttäuschung zugleich.

Es ist eine Zumutung für die Spötter und Verächter der Liebe, die Jesus gelebt hatte, mitansehen
zu müssen, wie dieser Mann sich nicht brechen ließ, nicht zusammensackte unter dieser Qual, nicht verzweifelte, obwohl sie ihn bloßstellten und um seine Kleider losten. Aus den wenigen letzten Worten „es ist vollbracht“, die Johannes überliefert, spricht eine ungeheure Kraft, die sich aufgehoben und geborgen weiß, im Willen Gottes, der auch noch über allem steht, was Menschen sich ausdenken und aushecken können. Ja, uns wird zugemutet, unsere Welt und unsere Wirklichkeit unter dem Kreuz entlarvt zu sehen. Es ist eine Wirklichkeit, die zeigt, wie sehr Menschen sich von Gott, von ihren Wurzeln, von ihrem Ursprung entfernt haben und wozu sie bis heute fähig sind.
Auch wer es nicht gerne hören will, muss es aushalten: wir leben in einer sündigen, noch unerlösten Welt. Das Kreuz öffnet uns schonungslos die Augen, befreit uns von allem Fortschrittsoptimismus im Blick auf den Menschen. Aber mit so geöffneten Augen, können wir dann auch das andere sehen, die Zeichen und Spuren
Ermutigung unter dem Kreuz. Da ist die Aufrichtigkeit Jesu, der nicht andere zu Opfern werden ließ, um seine Haut zu retten, sondern sein Leben als Opfer gab, der seinen Weg konsequent zu Ende ging, auch an das Kreuz,
verurteilt zu sterben zwischen zwei Verbrechern, weil Gott es von Anfang an so wollte. Siehe das Lamm Gottes, welches der Welt Sünde trägt, hatte Johannes der Täufer ausgerufen, als er Jesus zum ersten Male begegnete und damit das Ende schon vorausgesagt. Die Welt, Gottes gute Schöpfung, wir
Menschen sollen nicht uns allein überlassen bleiben im Teufelskreis der Sünde, der Schuld. Der Gottverlassenheit und Gottvergessenheit.
Jesus macht uns Mut aufrecht und konsequent auf den Weg des Glaubens zu gehen – denn er hat schon die Spirale von Gewalt und Gegengewalt und Bedrückung buchstäblich durchkreuzt. Wir dürfen es ihm nachtun. Und da sind Maria und Johannes, wie die Überlieferung den Lieblingsjünger Jesu nannte. Nicht dass Maria eine Familie gebraucht hätte , sie hatte Kinder, die sich um sie sorgten und sich hätten um sie kümmern können. Nein, unter dem Kreuz ist Platz für all die Mütter und auch für all die Väter, die um ihre Kinder bangen oder trauern und da finden sich Menschen, die sich ihrer annehmen, wie Mutter / Vater und Kind füreinander da sind. Menschen unter dem Kreuz sind aneinandergewiesen, sollen füreinander da sein – wie die Familie Gottes. Und da ist am Ende der Tod. Er erscheint nicht als Abbruch eines viel zu kurzen Lebens, nein er ist Vollendung, denn Jesus stirbt mit den Worten: es ist vollbracht. Sein Werk, sein Leben, sein Auftrag kommt an sein von Gott bestimmtes und gewolltes Ende. Wollte er alle Todesmächte entkräften, entmachten, dann musste er den Tod aller Menschen erleiden. Er ist nicht Niederlage, dieser Tod, auch wenn viele ihn so verstanden haben. Er ist auch nicht das Ende, für keinen, niemals. Er ist der Anfang eines großen Sieges des Lebens. Noch ist es dunkel. Noch halten wir einen Moment stille , noch bleibt das Leben wie für einen Augenblick stehen.
Aber bald wird dieser Sieg für alle, die Augen und Ohren haben , sichtbar werden. So bleibt das Kreuz für alle Zeit eine Zumutung, aber noch viel mehr auch eine Ermutigung.

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