Das Kreuz in der Mitte

Liebe Gemeinde!

Heute ist Erntedankfest. Da sind die Altäre in den Kirchen geschmückt mit den Früchten des Feldes und der Gärten, den Früchten unserer Arbeit. Wir haben wieder Grund zufrieden zu sein, auch wenn die Trockenheit eine Rekordernte verhindert hat. Aber es reicht wieder. Unser tägliches Brot ist gesichert.

Wie passen dazu aber die harten Worte gegen die Habsucht und die traurige Geschichte von dem reichen Bauern, der sich verrechnet hat? Da ist doch kein Wort von Dank zu hören.

Das passt so zusammen wie die Erntegaben auf dem Altar mit dem Kreuz in der Mitte. Es überragt alles, was wir sonst noch auf den Altar legen. Ohne dieses Kreuz in der Mitte könnte man an Erntedank manche Altäre mit den Auslagen eines Obst- und Gemüseladens verwechseln. Erst das Kreuz macht einen Altar daraus.

Das Gleichnis vom reichen Kornbauern ist die Antwort Jesu auf die Erbstreitigkeiten von zwei Brüdern. Er schimpft nicht auf die Bauern und auch nicht auf die Reichen. Er will keinen Berufsstand in seiner Ehre verletzen. Der Kornbauer ist vielmehr ein Beispiel für einen ganz normalen Menschen, der sich auf seinen gesunden Menschenverstand verlässt. Dieser Mann ist weder geizig noch rücksichtslos. Er freut sich vielmehr an seiner reichen Ernte und hofft, sich nach redlicher Mühe endlich zur Ruhe setzen und die Früchte seiner Arbeit genießen zu können.

Was soll denn falsch sein an seinem Verhalten? Ein Theologe (Adolf Schlatter) hat zu dieser Stelle geschrieben: „Die überall übliche Methode zu wirtschaften ist hier absichtlich so dargestellt, wie sie allen als verständig und nützlich erscheint. Der Bauer, der mit seiner Ernte nicht so verfährt, wie es Jesus beschreibt, wird von seiner Frau, seinen Kindern, seinem Dorf gescholten und verachtet werden; es ist nach ihrem Urteil seine Pflicht, seine Ernte in seine Scheune einzubringen.“

Trotzdem nennt Jesus ihn einen „Narren“: „Du Narr, diese Nacht wird man dein Leben von dir fordern!“ Er hat sich verrechnet. Er hat nicht damit gerechnet, dass er sterben muss. Wer seinen Tod nicht bedenkt, der ist ein Narr. Klug ist dagegen, wer seinen Tod bedenkt: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“ (Ps 90,12). Aber das Denken an Sterben und Tod genügt noch nicht; denn auch dabei kann der Mensch auf Holzwege geraten. Das sind bekanntlich Wege, die mitten im Dickicht des Waldes aufhören.

Der eine Holzweg ist der, dass man von Angst und Trauer sich überwältigen lässt. Das ganze Leben erscheint dann sinnlos. Der Tod stellt alles in Frage. Alles scheint vergeblich zu sein. Aus dieser Sinn- und Hoffnungslosigkeit folgt sehr schnell eine gefährliche Gleichgültigkeit und Lähmung. „Es ist alles ganz eitel“ (Pred 1,2), also hohl, sinnlos und leer. Warum soll ich mich da noch anstrengen?

Der andere Holzweg zieht aus der Vergänglichkeit den Schluss, den schon der römische Dichter Horaz gezogen hat: „Carpe diem!“ d.h. nütze den Tag und genieße, was er hergibt. „Lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot!“ (Jes 22,13).

Nicht nur bei jungen Leuten kann man hören: „Ich will was vom Leben haben!“ Diese Haltung ist aus der Angst geboren, man könnte in diesem Leben, das so rasch vergeht, zu kurz kommen.

Beide Holzwege führen nicht zum Ziel. Sie bewegen niemand, sein Leben so zu planen und einzurichten, dass es am Ende für ihn und für seine Mitmenschen einen Sinn gehabt hat, dass sich etwas in seiner Welt ändert oder bessert. Was ist also der Fehler des reichen Kornbauern und damit des „gesunden Menschenverstandes“?

Er hängt sich an seinen Besitz. Vom Haben erwartet er sein Leben in der Gegenwart und die Garantie für sein Leben in der Zukunft. Obwohl er doch so vernünftig denkt und plant, ist er doch ein Narr, weil er seinen möglichen Tod nicht bedenkt. Die Bibel meint mit „Narren“ immer auch Menschen, die Gott vergessen, also „gottlose Narren“. Er rechnet nicht mit Gott, dem Herrn über Leben und Tod. („Herr lehre doch mich, dass es ein Ende mit mir haben muss; und mein Leben ein Ziel hat und ich davon muss. Siehe, meine Tage sind eine Hand breit bei dir, und mein Leben ist wie nichts vor dir. Wie gar nichts sind alle Menschen, die doch so sicher leben! Sie gehen daher wie ein Schatten, und machen sich viel vergebliche Unruhe; sie sammeln und wissen nicht, wer es einbringen wird…“ (Ps. 39,5-7).)

Der Reiche hat also den möglichen Tod nicht bedacht und damit zugleich Gott vergessen. Deshalb ist er ein gottloser Narr. Er lässt sich von seinem Besitz blenden. Er verwechselt die Lebensmittel mit dem Leben. Aber Leben kann man nicht kaufen, vor allem kein erfülltes, sinnvolles, gutes Leben. Essen und Trinken sind wichtig. Man sagt: sie halten Leib und Seele zusammen. Wir brauchen das, um unser Leben zu fristen. Aber sie sind nicht das Leben.

Ich warne davor, diesen Mann im Gleichnis zu belächeln oder zu verurteilen, als ob wir klüger und besser wären. Denken Sie doch einmal darüber nach, was wir unbedingt zu einem guten Leben brauchen: „Wenigstens eine Play-Station“, sagt der Erstklässer, „mindestens ein Mofa“, sagt der 15-Jährige, „vor allem ein Auto oder ein Motorrad“, der 18-Jährige usw. bis hin zu Haus und Garten, Urlaub und gesicherter Rente und „vor allem Gesundheit!“ Wir sollten uns fragen: Was kann ich denn von den Dingen des alltäglichen Bedarfs hergeben ohne zu murren und unzufrieden zu sein? Sind wir nicht alle Gefangene solcher nützlichen und guten Dinge wie Auto, Fernseher, Waschmaschine, Kühlschrank, Telefon, Computer … Und wen von uns beruhigt denn nicht ein gutes Polster auf einem Bankkonto?
Wir sind gemeint. Auch wir müssen uns sagen lassen: Ihr Narren, demnächst wird euer Leben zu Ende sein. Wie willst du dann vor Gott bestehen? Was gehört denn nach unserer Meinung zu einem guten Leben?

Vor ca. 30 Jahren habe ich in allen Schulen in Bayreuth eine Umfrage gemacht. Schüler der 4., 6., 9. und 12. Klassen sollten einen Aufsatz schreiben zum Thema: „Wie stelle ich mir mein Leben in 20 Jahren vor?“ Ergebnis: Alle wollten glücklich werden. Von den Kleinen wollten fast alle ein Traumhaus am Waldrand haben mit Swimmingpool und Ponys, eine hübsche, liebe Frau, bzw. einen starken, reichen Mann, ein bis zwei brave Kinder, dazu ein Traumauto und einen Traumberuf, in dem man sich nicht anstrengen braucht und trotzdem im Geld schwimmt. Mit zunehmendem Alter wurden die Träume zwar immer bescheidener und die Erwartungen pessimistischer, aber im Grunde ähnelten sie sich. Fast alle erhofften sich vom Haben ein erfülltes Leben. Am liebsten würde ich heute die ehemaligen Schülerinnen und Schüler noch einmal befragen, was sich von ihrem Lebenstraum verwirklicht hat.

Aber sind denn wir Erwachsenen im Grunde unserer Seele klüger als diese Schülerinnen und Schüler? Wie oft verlieren wir uns an Sachen. Wir nehmen sie ernst und halten sie für wichtig; wir bauen darauf unser Leben, unsere Karriere und leiten von ihnen unseren Selbstwert ab. Wir sind besessen von unserem Besitz. Damit wird der Besitz zum Götzen (Ersatzgott), der uns das gute Leben garantieren soll.

Hütet euch vor der Habgier, sagt Jesus. Immer mehr haben wollen ist eine Gefahr für uns, eine Sucht, also Krankheit der Seele. Der Psychologe Erich Fromm schreibt in seinem Buch „Haben oder Sein“ von diesem Götzen: „Diese Dreieinigkeit von unbegrenzter Produktion, absoluter Freiheit und uneingeschränktem Glück bildet den Kern der neuen Fortschrittsreligion…“. Die Gläubigen dieser neuen Religion „scheinen nicht zu wissen, dass Habgier die Menschen verdummt, und sie unfähig macht zur Verfolgung ihrer eigenen wahren Interessen, ob diese nun ihr eigenes Leben oder das ihrer Frauen und Kinder betreffen.“ (S. 12 und 20)

Der Psychologe spricht von Verdummung durch Habgier. Jesus nennt den Reichen, der sich verrechnet hat, einen Narren – wie modern! Aber Jesus bleibt nicht bei diesem Urteil stehen. Er ruft uns damit zur Umkehr! Wir sollen unsere Holzwege nicht bis zum ausweglosen Dickicht weitergehen, sondern uns von ihm den rechten Weg zeigen lassen, der zum Ziel führt. Wahres Leben gibt es für den, der Gott anerkennt und sich Jesus Christus anvertraut.

Der Reiche ist ja zutiefst einsam. Er ist der einzige Mensch, der im Gleichnis vorkommt. Er redet nur mit sich selbst. Weil er blind für Gott ist, ist er auch blind für seine Mitmenschen. Sein Horizont ist beschränkt durch den Besitz, den er hat, und der ihn hat.

Das Gleichnis vom reichen Kornbauern ist keine Abhandlung, die wir zur Kenntnis nehmen und abhaken könnten nach dem Motto: So, jetzt kennen wir auch die Meinung von diesem Jesus von Nazareth. Umkehr zum wahren Leben ist keine Theorie. Es geht um jeden von uns persönlich. Sie und ich sind gemeint. Nicht der Mann oder die Frau in der Bank neben oder vor Ihnen, sondern Sie ganz persönlich.
Wenn Ihr Besitz oder auch Menschen (Frau, Kind, Freund, Idol) den Platz in Ihrem Herzen einnehmen, der allein Gott zusteht, und den allein Gott ausfüllen kann, dann werden Sie Ihr Leben verfehlen.

Alles andere, alle anderen können mein tiefstes Verlangen nach einem erfüllten Leben nicht stillen. Sie wären maßlos überfordert. Wer Gott dagegen über alle Dinge liebt, ihn fürchtet (ehrt) und ihm vertraut (M. Luther zum 1. Gebot), der ist reich für Gott, offen für Gott, frei für Gott – und damit auch für die Welt und die Menschen um ihn – und für sich selbst. Dazu will uns Jesus Christus befreien, wenn wir an ihn glauben und annehmen, was er für uns getan hat: „… gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, am dritten Tage auferstanden …“ Das hat er für uns getan, darum steht das Kreuz in der Mitte zwischen den Erntegaben.
Denn Gott verdanken wir unser Leben. Er hat uns geschaffen und schützt, bewahrt und erhält unser Leben auch durch die Gaben, die er uns täglich schenkt.

Jesus Christus verdanken wir unser ewiges Heil, die Erlösung von Sünde, Tod und Teufel. Er ist unsere Hoffnung über Tod und Sterben hinaus.
Und der Hl. Geist, der in uns wohnen und uns von innen her erneuern will, macht uns gewiss, dass unser Leben in der engen Bindung an Jesus Christus einen bleibenden Sinn hat. Darum soll unser ganzes Leben ein Dank sein.

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