Das ist Pfingsten

Liebe Pfingstgemeinde!

Mit einer kleinen Geschichte lassen Sie mich beginnen: In einem sizilianischen Bergdorf liebte es ein Pfarrer die großen Geheimnisse Gottes möglichst sichtbar zu machen. So ließ er zu Pfingsten gleich nach der Evangeliumslesung durch den Küster eine Taube in die Luft werfen. Nicht den Heiligen Geist selbst natürlich, aber seine irdische Symbolgestalt. Und alle wußten: Wem sich die Taube auf die Schulter oder den Kopf setzte, dem ist eine besondere Erleuchtung durch den Heiligen Geist gewiß. Beweise gab es genug: Vor einigen Jahren war die Taube dem Seminarlehrer auf die Schulter gepflogen und dieser hatte danach ein geistvolles Buch geschrieben. Oder einmal hatte sie sich dem jungen, eingebildeten Grafen auf den Kopf gesetzt und der ließ eine neue Wasserleitung bauen, die „Wasserleitung des Heiligen Geistes“, wie sie die Dorfbewohner nannten. Oder der undurchsichtige Verwalter des Armenhauses fasste den Entschluss, mit den unterschlagenen Geldern eine Kapelle zu errichten, die Kapelle „des Heiligen Geistes“. Dann kam ein neuer Pfarrer aus dem unfrommen Norden. Der hielt nichts von diesem Aberglauben. Er nannte die Taube einfach „Vogel“. Wenn er auch gegen diesen Unfug wetterte, so wollte er den Flug der weißen Taube am Pfingstfest nicht kurzerhand verbieten. Aber er ordnete an, dass alle Türen und Fenster der Kirche weit offen bleiben müßten. Doch ohne sich groß darum zu kümmern, flog die Taube dreimal hin und her und setzte sich dann – dem neuen Pfarrer auf die rechte Schulter. Ihm war das sehr peinlich, aber das ganze Kirchenvolk geriet darüber außer sich und applaudierte lange voller Freude.

Das ist Pfingsten: Ein Fest der Überraschungen! So war das schon damals in Jerusalem, als die Jünger auf einmal zu reden anfingen. Sie, die verängstigt waren, verschlossen in ihren Häusern, beginnen von Gottes Geist erfüllt, zu reden, überschwenglich, aus vollem Herzen, ungeachtet des Spottes. „Die sind voll des süßen Weines!“ Später schreibt Paulus seiner Gemeinde in Korinth: „Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, daß wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist.“ (V.12)

Das ist Pfingsten: 1. sich erinnern: „was uns von Gott geschenkt ist.“ In den USA wollte der Präsident Clinton während seiner zweiten Amtszeit eine allgemeine Krankenversicherung einführen. Diese Absicht führte zu einer landesweiten heftigst geführten Debatte. Viele gerade auch jüngere Amerikaner sind dagegen,weil sie nicht mitbezahlen wollen für die Ärmeren, die aufgrund schlechterer Ernährung etc. natürlich schneller krank werden. Die Tatsache, dass jene Bessergestellten besseren Zugang zu Bildung und Ausbildung, bessere Ernährungsgewohnheiten u.a.m. mitbekommen, ja „geschenkt“ bekommen haben, und sie nichts dazu getan haben, in bessere Umstände hineingeboren zu werden, ist vielen Menschen – auch hier bei uns – fremd. Das, was ich habe und bin, all meine Privilegien aufgrund von Geburt oder Talent als „Geschenk“ von Gott zu betrachten, und nicht als ichbezogene Großtat, ermöglicht tatsächlich einen anderen Blickwinkel auf Gott, Mitmenschen und mich. Das Leben als Geschenk zu sehen, ist ein geistlicher Aspekt, der uns unterscheidet von weltlichen Menschen, die alles sich selber zugute halten. Wem diese Erkenntnis fremd und fern bleibt, der lebt natürlich, nicht geistlich, sagt Paulus. Was meint der Apostel mit dieser Unterscheidung?

Der natürliche Mensch wird als natürlich verstanden, weil er die Welt mit den Kategorien der Natur, der biologischen Gesetze beurteilt. Ich habe mein Leben in der eigenen Hand. Was daraus wird, folgt aus den Gesetzen der Natur. Ich bin der Macher meines Lebens. Der natürliche Mensch ist bis heute nicht ausgestorben. Die technische Entwicklung hat die Macher-Mentalität kräftig genährt. Geräte übernehmen menschliche Arbeit. Was früher ein ganzes Regal füllte, paßt heute auf eine Diskette. Geerntete Äpfel gibt es schon, wenn die Apfelbäume noch blühen. Das ist zunächst nicht schlecht. Wir sind Täter und Gestalter geworden, nicht nur mehr Erdulder unseres Geschickes. Nur dringt die Erfahrung tief in die Selbst-Einschätzung des Menschen ein. Erfolg rechtfertigt jedes Handeln. Der Einzelne orientiert sich an der Lebenserfüllung des Subjektes. So schenkt er die höchste Aufmerksamkeit sich selbst, seiner Gesundheit und seinem Wohlgefühl. Aber in der Selbsterfüllung seines Glücks ist er überfordert. Die Haltung landet schnell in Nicht-Erfüllung, Unglück und Wehleidigkeit. Wieso kann sich sonst eine Gesellschaft voller Reichtum der Massen so unbeweglich und so wehleidig zeigen. Das ist der moderne natürliche Mensch.

Geistlich dagegen lebt, wer alles von Gott erwartet, nicht von seiner eigenen Kraft. Der große Theologe Karl Barth gibt das Schlüsselwort zum Verstehen dieses Textes. "Der Heilige Geist ist der intimste Freund des gesunden Menschenverstandes." Es ist nicht das Ergebnis einer besonderen geistlichen Leistung, zu erkennen, daß ich all die wesentlichen Dinge des Lebens nicht selber machen kann. Das Brot habe ich nicht selber gebacken, das Korn nicht wachsen lassen, meine Gesundheit nicht selbst erwirkt. Er weiß von der Grunderfahrung des Menschen: Alles Wesentliche habe ich empfangen. Wer offen für das Empfangen ist, erlebt ständig Überraschungen. Er entdeckt ein Wort, das eine Woche mit ihm geht. Er sieht etwas, was er jeden Tag sieht, aber dieses Mal völlig neu. Aus den vielen geschenkten, kleinen Überraschungen wächst die Erkenntnis, daß das ganze Leben nicht von Planung und Organisation lebt, sondern geschenkt ist. Wer weiß, daß ihm das Leben von Gott geschenkt ist, lebt und denkt geistlich.

Das ist Pfingsten: 2. sich erinnern: „Wir aber haben Christi Sinn.“ In der eingangs erzählten Geschichte wird punktuell deutlich, Menschen wie du und ich, Menschen mit ihren Kanten und Ecken, ihren großen und kleinen Fehlern, um mit Martin Luther zu sprechen: Sünder und Gerechte zugleich, handeln im Sinne Christi. Sie tun nichts Aussergewöhnliches, nichts Unmögliches, vielmehr etwas ganz Naheliegendes: ein geistvolles Buch schreiben, eine Wasserleitung oder eine Kapelle bauen eben, was dem Einzelnen möglich war. Von Franz von Assisi wird erzählt, er habe seinen Bettelsack über der reich gedeckten Tafel des Kardinals Hugolin ausgeschüttelt und den anwesenden Herren angeboten, sich doch am Gerstenbrot zu bedienen. Einige der geistlichen Herren sollen vor Erstaunen und Erschrecken ihre Samtmützen abgenommen haben. Da wurde etwas sichtbar, von dem Paulus spricht: „Wir aber haben Christi Sinn.“

Als eine Frau ihrem Pfarrer erzählte, dass sie gegen die Vorschriften gehandelt habe, als sie nach einem langem Arbeitstag und dem Einkauf im Linienbus, der sie nach Hause bringen sollte, einfach sitzen blieb und trotz mehrfacher Aufforderung nicht aufstand, da rief der Pfarrer – es war Martin Luther King – seine Gemeinde zu einer gewaltlosen Demonstration gegen die rassistischen Gesetze seiner Stadt und Staates auf. Und so bewegte sich Woche für Woche ein immer mehr anschwellender Strom durch die Straßen. Und überraschenderweise entwickelte sich eine große Bürgerbewegung in den USA. „I have a dream“, so sagte Martin Luther King beim Marsch auf Washington 1963: „Ich habe einen Traum, dass sich eines Tages kleine schwarze Jungen und kleine schwarze Mädchen, kleine weiße Jungen und kleine weiße Mädchen sich als Brüder und Schwestern an den Händen halten werden.“ Da wurde etwas sichtbar, von dem Paulus spricht: „Wir aber haben Christi Sinn.“

Und in der Pfingstbotschaft des Ökumenischen Rates lese ich: „Und doch kann die Kirche, wenn sie sich vom Heiligen Geist an Pfingsten inspirieren lässt, eine andere Zukunft für die Welt gestalten. Wir können eine Alternative zu den todbringenden Mächten anbieten, die darauf aus sind, uns als Menschheitsfamilie im Namen von Gier und Macht zu spalten. Denn wenn wir den Ruf des Geistes hören und ihm folgen, dann werden wir zum Zeichen der Königsherrschaft Gottes, zu einer Gemeinschaft, die die Barmherzigkeit, Hoffnung, Liebe und Gerechtigkeit praktizieren, dann schaffen wir einen Frieden, den wir der Welt weitergeben können …"

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