Das ist doch unerträglich!

Liebe Gemeinde,

unser Predigttext heute ist ein Lied, in Gedichtform. Es sagt uns etwas über den Diener Gottes. Deshalb wurde es auch Gottesknechtslied genannt. Dieser Diener Gottes ist einerseits der Profet Jesaja aber andererseits auch das Volk Israel. Wir als Christinnen und Christen lernen aus diesem Lied etwas über den Auftrag und die religiöse Bedeutung Israels für die ganze Welt und besonders für uns als Christinnen und Christen. Schon in der Zeit des neuen Testaments fanden die ersten Christinnen und Christen in diesem Lied auch Jesus Christus wieder. Aber hören wir uns das Lied einmal an: Ich lese Jesaja 49,1-6.

[TEXT]

Der Diener Gottes ist bereits vor seiner Geburt von Gott berufen worden. Er soll die Wahrheit sagen, und die verstreuten Juden wieder zusammenbringen. Gott will Ehre durch ihn gewinnen. Und die Bedeutung ist nicht auf Israel beschränkt. Er hat Bedeutung für die ganze Welt. Durch ihn sollen alle Völker einen Zugang zu Gott bekommen.

Dieses Lied ist zweieinhalbtausend Jahre alt. Es ist ein alter jüdischer Text. Aber ich bin heute hier, um ihn aus christlicher Sicht auszulegen. Und da kann ich sagen, an uns, die wir heute leben, hat er sich erfüllt. Uns den Nachkommen der Germanen, die zu der Zeit als das Lied geschrieben wurde, noch nicht einmal hier in der Gegend gelebt haben, ist Israel als Volk, ist ein besonderer Jude, nämlich Jesus von Nazareth zum Licht und Heil geworden. Durch beide haben wir Zugang zu Gott bekommen. Wenn Sie eine Bibel aufschlagen, ist das ganz offensichtlich. Der größte Teil der Bibel, der erste und ältere Teil, den wir das alte Testament nennen ist zugleich die heilige Schrift der Juden. Und es geht in ihr – wie die Konfirmandinnen und Konfirmanden inzwischen alle wissen – ja um die Geschichte des Volkes Israel, besonders seine Geschichte mit Gott. Aber auch wenn wir in das neue Testament schauen, bewegt sich die Handlung im Rahmen des Judentums. Jesus wird drei Tage nach seiner Geburt beschnitten. Sein erster Auftritt mit 12 findet im Tempel von Jerusalem statt. Er zieht durch jüdische Gegenden und redet in Synagogen. Als eine syrische Frau ihn bittet, ihre Tochter zu heilen will er zuerst nicht, weil sie nicht aus Israel stammt. Und das geht immer so weiter. Selbst noch Paulus, der Jesus Christus bis an die Enden der Erde bringen will, redet, wenn er neu in einen Ort kommt, erst einmal in der Synagoge und wendet sich in erster Linie an die im römischen Reich verstreut lebenden Jüdinnen und Juden und diejenigen Heiden, die sich am Judentum orientieren. Durch die Überlieferung des Judentums und durch den Juden Jesus ist unser Glaube tief und grundlegend geprägt. Auch wir glauben – und inzwischen ist es im Grundartikel unserer Kirche festgeschrieben -: zuerst hat Gott Israel als sein Volk erwählt, und durch Jesus Christus sind später auch wir, die Gläubigen aus den Heiden, zu dem Bund Gottes mit Israel dazugekommen. Wir haben den Jüdinnen und Juden viel zu verdanken. Ihre Tradition ist für uns wichtig, ist für uns die Grundlage unserer Geschichte. Das Christentum ist aus dem Judentum hervorgegangen und mit ihm noch in besonderer Weise verbunden.

Warum erzähle ich Ihnen das so ausführlich? Weil ich in der letzten Woche etwas schockierendes erfahren habe und ihnen klar machen möchte, dass wir als Christinnen und Christen auch in Messel davon betroffen sind. Eine Frau, Mitglied der jüdischen Gemeinde in Berlin schreibt über die Synagoge in Berlin:

Die Sicherheitsmaßnahmen sind hier in Berlin weit über das hinausgefahren worden, was wir sonst als höchste Sicherheitsstufe kennen. Bis jetzt kam immer jeder, der wollte in das Gebäude in der Oranienburger Straße hinein. Im Gebäude war dann die Sicherheitsschleuse mit den Kontrollen. Am Freitag war dann schon der Zugang vor der Straße abgeriegelt. Die erste Sicherheitskontrolle fand schon 50 m vor dem Eingang statt. Wir haben immer am Freitagabend ein Wort zur Woche, das von einem Gemeindemitglied gesprochen wird. Dieses Mal hatte niemand etwas vorbereitet. Ein junger Mann, der vor einigen Monaten Vater geworden ist, hat spontan gesagt, wie unerträglich er es findet, dass sein Kind unter Polizeischutz aufwachsen muss und dass es eine Gefährdung für seine Tochter bedeuten könnte, wenn sie einen Davidstern trägt. Der offizielle Kurs ist "wir-müssen-jetzt-als-Juden-selbstbewusst-auftreten". Man spürt aber die große Ratlosigkeit dahinter. Im Prenzlauer Berg beim Kollwitzplatz, wo ein Restaurant neben dem anderen liegt, ist ausgerechnet in das Restaurant, das von einem russischen Juden geführt wird, letzte Nacht ein Stein reingeworfen worden. Im Moment ist das Bedürfnis nach der Nähe der anderen sehr groß. Auch damit wird es zusammenhängen, dass die Synagogen sehr voll sind. Wir hoffen alle sehr, dass zu Jom Kippur – der Sonntagabend beginnt – nichts passiert.

Stellen Sie sich das einmal vor, wenn das in unserer Kirche so wäre. Dann könnte niemand mehr zu Frau Litzius zu Besuch kommen ohne, dass er vorher kontrolliert würde. Wenn die Konfirmandinnen und Konfirmanden in ihren schwarzen Kleidern zur Konfirmation gingen und somit als evangelisch erkennbar wären, wären sie in Gefahr von Rechtsradikalen angegriffen zu werden. So wäre das doch wenn es um uns ginge. Das ist doch unerträglich. Was vor über 50 Jahren war, das war vor über 50 Jahren, da könnte man verschiedenes dazu sagen, aber das will ich nicht, weil ich damals noch nicht geboren war, und es schwer beurteilen kann. Aber das, das passiert heute. Ich fasse es nicht. Und es ist ja nicht nur in Berlin weit weg. Im letzten Jahr waren da die Schmierereien am Gedenkstein und das Hakenkreuz im Putz vom Haus von der Frau Gleixner. Sie können jetzt sagen, na ja das sind ein paar dumme Jungs, die uns ältere provozieren wollen. Ich weiß es nicht genau, aber könnte es sein, dass die ersten Nazis hier auch nur ein paar dumme Jungs waren?

Ich finde jedenfalls, dass wir als Christinnen und Christen die Aufgabe haben, denen klar zu machen, dass das so nicht geht. Wenn ich einen bei so was sehe, dann zeige ich ihn an und hoffe, dass er ernsthaft Ärger bekommt, und mache ihm soviel Ärger wie immer ich kann. So was ist kein Scherz und auch nicht einfach ein dummer Jungenstreich, wenn ich sehe, dass Leute, die eine Synagoge besuchen wollen, schon wieder Angst haben müssen. Es kann doch nicht sein, dass ein paar Tausend Neonazis die Macht haben, schon wieder Mitglieder von jüdischen Gemeinden zu terrorisieren. Und es kann auch nicht sein, dass ein paar Messeler Jugendliche das lustig finden, sich da dran zu hängen. Das kann sich unsere Gesellschaft, das können wir uns doch nicht einfach bieten lassen. Wir verdanken Israel als Volk und seinem Gott zu viel. Wir verdanken dem Juden Jesus zuviel, um bei so etwas einfach zur Tagesordnung übergehen zu können. Ich finde es gut, dass die Evangelische Kirche in Deutschland den jüdischen Gemeinden Unterstützung signalisiert hat, und wir in Messel sollten es doch schaffen, diese Hakenkreuzschmierer entweder zu erwischen oder ein Klima herzustellen, wo die sich das nicht mehr trauen. Wenn wir uns da einig sind, schaffen wir das.

Und wir sind uns doch einig im Glauben an den Gott Israels, der uns Menschen aus den Völkern sein Heil geschenkt hat. Sein Segen reicht bis zu uns und bis an die Enden der Erde. Wir dürfen im Glauben an den Gott leben, der uns trägt und schützt und tröstet. Und in diesem Glauben ist uns auch wichtig, dass Gottes auserwähltes Volk die Juden unter uns in Frieden leben können. Lassen Sie uns dafür sorgen, wenn immer wir Gelegenheit haben!

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