Das Heil wird wehtun!

"Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht." (Lukas 21,28) Diese Verheißung haben wir. Aber was ist Erlösung? Ist es die Beseitigung von Krankheit, Armut, Krieg oder Hunger – oder ist es ein jenseitiges Geschehen, mit dem wir uns manchmal auch selbst nur beruhigen – dann wird alles gut? Es gibt einen Unterschied: Menschen planen Zukunft. Sie tun das manchmal mit mehr – manchmal mit weniger Vernunft, aber es ist notwendig, über den Tag hinaus zu planen. Aber es ist auch notwendig, einzusehen, dass all unser Planen vorläufig ist, was wir planen ist Zukunft, was Gott bereitet, ist Advent, seine Ankunft, seine Zukunft mit uns, etwas Unplanbares, Unmachbares, etwas ganz Anderes. Davon erzählen prophetische Texte des Alten Testaments und Neuen Testaments. Zum Beispiel der Prophet Jesaja:

[TEXT]

Erst einmal ist unser Text eine Verheißung für das jüdische Volk, nicht für uns. Zwei Aspekte sind enthalten: Rache, die dunkle Seite Gottes (V.4), die sich gegen alles richtet, was dem Wohl seines Volkes entgegenstand. Positiv steht dem gegenüber das Heil, das Gott bereiten will. Dieses Heil nennen wir als ChristInnen auch Advent. Es beschreibt unsere Erwartung. Es ist keine sehr deutliche Beschreibung, aber eine in schönen Bildern. Das was wirklich sein wird, lässt sich nicht beschreiben, lässt sich nicht planen. Es lässt sich nur voller Freude erwarten. Es lassen sich Auswirkungen schildern, über die wir ins Schwärmen kommen können. Es ist wie, wenn wir ein-Kind erwarten. Es lässt sich nicht planen. Es hält sich nicht an Termine und Vorstellungen. Es kommt einfach und will dann genommen werden, wie es ist. Aber es ist schön.

Advent: Wir haben eine Erwartung – es wird etwas passieren, das steht außerhalb unserer Macht – es wird großartig! Advent heißt: wir müssen nicht alles machen, aber wir dürfen anfangen zu hoffen und aus der Hoffnung heraus die ersten Schritte wagen.

Gott schafft einen Weg. Es ist sein Weg, aber er ist ein Weg für uns. Ein Weg auf dem wir ins Heil gehen können. Auf dem wir allerdings auch nie vergessen dürfen: Wo Heil – da auch Unheil. Es gibt kein Heil, das nur allen wohltut. Nicht der Gott-Papa wird es schon alles richten und niemandem weh tun. So hätten wir es oft gerne. Davon träumen wir in unserer Harmoniesucht. In der Politik, in der Familie, in der Nachbarschaft ein Frieden, der allen gerecht wird und niemandem weh tut. Aber das kann uns fast nie gelingen. Auch Gottes Heilsweg ist nicht automatisch gut für alle.

Heute, am 10. Dezember ist Tag der Menschenrechte. Wir denken an die Menschenrechte, die überall auf der Welt mit Füßen getreten werden – auch bei uns! Auch bei uns gibt es ungerechte Gewalt gegen Frauen und Kinder, auch in den Gefängnissen und gegen Behinderte. Von Menschen, die (berechtigt) Asyl suchen bei uns und nicht immer finden ganz zu schweigen. Würden wir all denen ihr Recht verschaffen wird das auch Menschen weh tun. Schon gar, wenn wir es schaffen würden die Ungerechtigkeit in Unrechtsstaaten zu beseitigen. So wird auch das Heil Gottes Menschen weh tun – vielleicht gerade denen, die es am wenigsten vermuten. Aber es ist das Heil.

Wir leben in der Spannung zwischen Verheißung und Erwartung. Wir warten auf den Advent Gottes, darauf, dass sein Reich Wirklichkeit wird bei uns. Wir haben den Sohn Gottes und sein Evangelium. Aber das Heil ist noch nicht wirklich bei uns. Wir kennen Gottes Willen, aber schaffen es höchstens in Ansätzen ihn zu leben. Wir können das Reich Gottes nicht zwingen, aber wir können das Unsere tun, dass auf dieser Welt etwas davon spürbar wird, dass Gott das Heil in ihr will. Das ist Advent. Noch nicht endgültig Weihnachten – aber wir leben darauf hin.

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