Das große Geschenk

Liebe Weihnachtsgemeinde,

wenn man eine Geschichte, wie die Weihnachtsgeschichte schon sehr oft gehört hat, dann tut es manchmal gut, das Ganze aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Wir wollen das heute morgen einmal versuchen, indem ich ihnen die Weihnachtsgeschichte aus der Sicht eines braven, Bethlehemer Bürgers erzähle.

Am Ortsrand von Bethlehem lebte ein Mann auf einem mittelständischen Hof. Er war ein kluger, ein fleißiger und frommer Mann. Das hatte ihm einen gewissen Reichtum gebracht. Er war ein treuer Ehemann und guter Vater, ein braver Bürger und Steuerzahler. In der Nacht, als Jesus, der Sohn Gottes, das Licht des Stalles erblickte, stand unser Mann auf seinem Balkon und schaute zu den Sternen hinauf. Er konnte nicht schlafen, ein paar Sorgen bedrückten sein Herz und viele Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Plötzlich sah er, wie fünf Hirten im Dauerlauf auf das Dorf zueilten. Als sie an seinem Haus vorbei kamen, rief er: „Was ist los?" Einer der Hirten hielt kurz an und sagte atemlos: „Der Heiland ist geboren!" Dann eilte er weiter. Unser Mann dachte, was für ein Quatsch. Das ist wieder typisch für diese Tagelöhner und Bettler – lassen die Herden im Stich, reden Blödsinn und tun nicht, was man ihnen sagt: Die spinnen, die Hirten. Aber was geht‘s mich an, ich hab meine eigenen Sorgen – und schaute hinauf zu den Sternen, so als würde dort die Antwort auf seine Fragen stehen.

Im frühen Morgengrauen kamen die Hirten zurück. Unser Mann stellte sich ihnen in den Weg, er wusste, wie man mit solchem Gesindel umgehen musste. Er schrie sie an: „He, ihr Burschen, was glaubt ihr denn eigentlich…?" Lachend sagte Sam, der Älteste der Hirten: „Wir glauben an den Heiland, wir haben ihn gesehen!" Das verschlug unserem Mann die Sprache, er sah die strahlenden Gesichter der Männer, die er schon so lange kannte, und es war ihm, als hätte er sie heute zum ersten Mal gesehen. Er rief den Hirten nach: „Wo…?" Einer drehte sich um und rief zurück: „Im Stall bei der Schenke." Er ging ins Haus und dachte, was für ein Quatsch! Der Heiland der Welt in einem Stall – bei der Schenke. Oh ihr Halunken, da habt ihr euch was eingeschenkt – na ja, die Asozialen! Er wusste, was er von denen zu halten hat. Während er frühstückte, dachte er immer noch an die merkwürdige Behauptung der Hirten. Der Heiland in einem Stall? Das kann nicht sein. Obwohl, bei Gott muss man ja immer mit Überraschungen rechnen. Und wenn er nun doch dort geboren ist, weil es sonst keinen Platz in Bethlehem gab? Wenn doch, dann möchte ich schon gern dabei sein – das möchte ich nicht nur den Hirten überlassen. „He Anna", rief er seine Frau: „Pack mal ein Brot ein und Milch und Butter und ein bisschen Honig, ich muss einen Besuch machen!" Dann ging er zu seinem Safe, nahm ein Bündel Geldscheine und machte sich auf den Weg zu jenem Stall, von dem die Hirten sprachen. Das Geld hatte er zur Sicherheit mitgenommen – denn, wenn da wirklich der Heiland zur Welt gekommen ist, dann ist dieses Geld gut angelegt.

Unser Mann kam zur Schenke, ging in den Hinterhof und tatsächlich: Dort vor der Stalltür stand ein Engel und hielt Wache. Unser Mann grüßte höflich und wollte am Engel vorbei in den Stall. Der aber hielt ihn auf und fragte: „Was hast du da in deinem Beutel?" Aha, Sicherheitskontrolle, dachte unser Mann und war nun schon fast überzeugt: Dort im Stall muss wirklich eine ganz wichtige Person zu Hause sein. Er zeigte brav das Brot, die Milch, die Butter, den Honig und auch das Geldbündel. Da wurde der Engel irgendwie traurig und sagte zu unserem Mann: „Tut mir leid, aber damit kannst du nicht hinein! Leg deine Geschenke da drüben auf den Tisch und dann komm!" Der Mann wurde rot vor Scham, denn ihm war klar geworden, mit so einem kleinen Trinkgeld darf man nicht zum König der Welt kommen. Er legte das Mitgebrachte auf den Tisch und ging schnell, aber immer noch würdevoll nach Hause. Dort nahm er das restliche Bargeld aus dem Safe, dazu eines von den vier Sparbüchern und die Grundbucheintragung für sein Haus. Das alles wollte er dem Heiland schenken – vor allem das Haus wollte er ihm anbieten – ihn zu einem Umzug bewegen, raus aus dem Stall – er der Herr der Welt, sollte bei ihm wohnen – in einer sauberen Stube und ordentlichem Bett.

Auf dem Rückweg zur Schenke war er sehr mit sich zufrieden und malte sich aus, wie das in den nächsten Wochen und Monaten sein wird, wenn all die vielen Leute kommen, um den König der Welt zu besuchen – in meinem Haus – ich war der Erste, der sein Haus dem Heiland zur Verfügung stellte – ich habe ihm Tor und Tür geöffnet Der Engel empfängt ihn freundlich – das haben Engel so an sich. Mit feuchten Händen, aber voller Stolz zeigt unser Mann das Bargeld, das Sparbuch Nr. 4 und die Grundbuchurkunde.

Der Engel schüttelt bedauernd den Kopf: „Oh, mein Freund, hast du‘s noch nicht begriffen? Geh, leg‘ alles zu den anderen Sachen drüben auf den Tisch und dann komm!" Unser Mann gerät in Panik. Zu wenig?! – und dabei habe ich doch fast alles … Er schaut hinüber zu dem Tisch – dort sitzen einige Männer und Frauen, Bettler aus dem Dorf – sie essen sein Brot, seine Butter, seinen Honig – und jetzt teilen sie lachend das Geld – sein Geld. Wütend schreit er: „He, was soll das, lasst die Finger von meinem Sach‘, ihr Lumpen!" „Na, na", sagt der Engel beruhigend, „du hast doch all die schönen Sachen verschenkt – und sieh nur, wie sie sich freuen – und wie es ihnen gut tut" „Ja, schon verschenkt, aber doch nicht an dieses Pack – ein Ausländer ist auch noch dabei. Das sind Gaben, die gehören dem Heiland der Welt – Mann, ich werd noch ganz verrückt." Der Engel schaut ihn jetzt nicht mehr ganz so freundlich an – auch das haben Engel so an sich – und sagt: „Der Heiland der Welt braucht deine Mitbringsel nicht – die da drüben aber brauchen sie ganz dringend." Etwas hilflos und wütend fragt unser Mann: „Ja um Himmelswillen, was will er denn dann, wenn das, was ich biete, noch immer zu wenig ist?" „Er will dein Leben – und nicht deine Lebensmittel!" Nur allzu gern gibt der Engel diese Auskunft. Und schon will er ihm die Türe aufhalten, aber unser Mann geht traurig weg, nach Hause, zu sich, dort wo sein Lebensraum ist.

In der kommenden Nacht kann unser Mann wieder nicht schlafen – seine Gedanken schlagen Purzelbäume. Am nächsten Morgen ist ihm alles klar. Er nimmt seinen Taufschein, seinen Konfirmationsschein, seinen kirchlichen Trauschein, seine Schulzeugnisse – die kann er getrost zeigen – das Polizeiliche Führungszeugnis hätte er fast vergessen. Dann setzt er sich hin und schreibt all die Psalmen und Liedverse auf, die er auswendig kann. Beim Blättern findet er auch noch ein seelsorgerliches Zeugnis vom Gemeindeleiter. Seinen Blutspendepass und den Mitgliedsausweis vom Posaunenchor hat er sowieso immer dabei. Jetzt fehlen nur noch die Spendenbescheinigungen und die Tempuskalender der letzten drei Jahre – da wird der Herr aber Augen machen. Das alles packt er in eine Schuhschachtel. Das also ist mein Leben, das will ich ihm geben.

Der Engel empfängt ihn freundlich. „Na, was hast du denn diesmal mitgebracht?" „Na, das was du gesagt hast, hier ist mein Lebenslauf, mit allen Belegen und Zeugnissen!" Freudestrahlend hält er dem Engel die Schuhschachtel hin und ist sich ganz sicher, dass er nun endlich eine Audienz beim König der Welt bekommt Nun ist der Engel ganz traurig – auch das haben Engel so an sich – „Soso, das also ist dein Leben – transportierbar in einer Schuhschachtel?!" Während dessen kommen die fünf Hirten, pfeifend und von Herzen fröhlich. Sie grüßen kurz den Engel, der geht ein wenig zur Seite und lässt sie eintreten. Behutsam und sorgfältig macht er die Türe wieder zu. Bitter enttäuscht, fragt unser Mann: „Was haben die, was ich nicht habe?" „Die, die haben gar nichts, du kennst sie doch, das sind Habenichtse, wie sie im Buche stehen." „Und was bringen die dann dem König der Welt?" „Nichts, ihre leeren Hände, das ist ihre Eintrittskarte. Du aber willst dir den Eintritt kaufen. Meinst du wirklich, Gott ist korrupt und du kannst ihn mit deinen Geschenken und Leistungen bestechen? Bei dem Herrn, unserem Gott, ist kein Unrecht, weder Ansehen der Person noch Annehmen von Geschenken (2. Chr. 19,7). Gib ihm deine Sorgen und dein geteiltes stolzes Herz, dann wirst du wie die Hirten das volle und pralle Leben empfangen – er will dich und jeden, der mit leeren Händen kommt, reich beschenken, lass dir‘s gefallen. Jetzt geh, leg deinen Lebenslauf dort auf den Tisch und dann komm – er wartet auf dich."

(Die ersten Gäste beim Heiland der Welt waren die Habenichtse – bekannt als die Hirten vom Felde. Der letzte Gesprächspartner Jesu war ein Gangster, der Schächer am Kreuz. Für die Ersten und für den Letzten ging der Himmel auf, weil sie nichts hatten, nur ihr kaputtes Herz. Wie reich will uns Gott beschenken! Komm, er wartet auf dich! -> wird erst am Schluss der Predigt zitiert!)

<i>[Eugen Reiser, Das große Geschenk – Nicht nur zur Weihnachtszeit, gefunden im: Freundesbrief 160 der Ev. Missionsschule Unterweissach, 3/2002]</i>

Liebe Weihnachtsgemeinde! Ob unser „guter Mann" wohl noch den Weg zum Kind in der Krippe gefunden hat? Ob er es endlich kapiert hat, dass er sich selbst mit dem allergrößten und wertvollsten Geschenk den Zutritt zum König der Welt nicht erkaufen kann?

Gott hat es manchmal schon sehr schwer mit seinen Menschenkindern. Und ich befürchte fast, dass wir unserem „guten Mann" in der Geschichte ähnlicher sind, als es uns lieb ist. Wie hartnäckig klammern wir uns an das, was wir selber aufgebaut haben. Wir träumen den Traum vom self-made-man und woman (!), die alles aus eigener Kraft auf die Reihe kriegen – auch in Glaubensdingen. Wollen auch auf der frommen Karriereleiter möglichst hoch hinaus kommen. Wie gerne möchten wir den Herrn der Welt beeindrucken mit unserer Frömmigkeit und Rechtschaffenheit, mit unserer Anständigkeit und Wohlerzogenheit. Wir möchten gut dastehen vor dem "König aller Ding". Wir wollen unser Dasein irgendwie rechtfertigen und merken dabei gar nicht, wie wir uns der Gnade Gottes verschließen, wie wir uns den Zugang zum Heiland dieser Welt selber verstellen.

Sehnsüchtig schauen vielleicht auf andere, die fröhlich und unbekümmert wie die Hirten in unserer Geschichte ihren Weg des Glaubens gehen und versuchen doch weiterhin verbissen und angestrengt uns selbst den Weg zum König der Welt zu verdienen. Dabei ist es doch so einfach „nach Hirtenart" bis zum Herrn der Herren vorzudringen, mit leeren Händen als Eintrittskarte am Türengel vorbeizukommen.

Es ist kein Zufall, dass dieser Türengel ausgerechnet diese Hirten ohne Probleme passieren lässt. Und es ist gewiss auch kein Zufall, dass der Engel des Herrn ausgerechnet dem Hirtenvolk von Bethlehem die Geburt des Christuskindes als ersten verkündigt. Weihnachten beginnt ganz unten: mit einer Geburt im Stall in Armut und Not und mit Augenzeugen, die am Rande der damaligen Gesellschaft lebten und deren Zeugenaussage vor einem Gericht noch nicht einmal gezählt hätte. Gott fängt ganz unten an. Nicht mit Größe und Macht, zart und klein beginnt die Gnade in dieser Welt. Seine Gnade erscheint im Kind in der Krippe. Seine Gnade erscheint in einem armseligen Stall. Seine Gnade ist da für die ausgestoßenen und verachteten Hirten. Das ist der Weg der Gnade, dass sie sich ganz nach unten begibt, sich klein macht, uns aufsucht, wo wir gerade stehen. Gott neigt sich zu uns herab. Er ist sich nicht zu schade, hineinzukommen in menschliche Armut und Niedrigkeit. Er ist sich nicht zu fein, die Zerbrochenheit und Schuld dieser Welt auszuhalten und zu heilen.

„Euch ist heute der Heiland geboren!" Das erfahren die Hirten zuerst. Das ist es, was ihre Herzen so froh macht. Und wir merken: Hier stellt Gott das gesamte Weltgefüge von oben und unten auf den Kopf. Er durchbricht das eherne Gesetz des „Haste-was-dann-biste-was" und wendet sich den Ausgestoßenen und Verachteten, den Armen und Randsiedlern der Gesellschaft zu. Denn gerade denen, die gar nichts zu bringen haben als ihre Bedürftigkeit, gilt Gottes Liebe ganz besonders. Denen, die nichts anderes vorzuweisen haben als ihre leeren Hände, schenkt er großzügig sein Erbarmen.

Der Theologe Helmut Thielicke hat das einmal so formuliert: „Die Zukunft gehört den Empfangenden!" Wer mit leeren Händen dasteht, wer aus eigener Kraft nicht mehr weiterkommt, der darf sich vor Gott glücklich preisen. Denn wer nichts mehr von sich, aber alles von Christus, dem Herrn, erwartet, der ist frei sich von ihm beschenken zu lassen. „Die Zukunft gehört den Empfangenden!"

Der rechtschaffene Mann in unserer Geschichte hat ein ernsthaftes Problem den Sinn dieser göttlichen Logik zu begreifen. Wie gerne würde er sich den Weg zur Krippe gewissermaßen freikaufen und damit seine eigene Tüchtigkeit unter Beweis stellen. Wie gerne würde er das Christuskind mit vielen Geschenken überhäufen und ihm dabei doch das Wichtigste vorenthalten: sein eigenes Herz. Doch gerade darauf kommt es an:

„Gib ihm deine Sorgen und dein geteiltes stolzes Herz," so lädt ihn der Engel ein, „dann wirst du wie die Hirten das volle und pralle Leben empfangen – er will dich und jeden, der mit leeren Händen kommt, reich beschenken, lass dir‘s gefallen."

Weihnachten wird es für die, die sich ihrer leeren Hände vor Gott nicht schämen, denn der Heiland der Welt schenkt gerade in ihre innere Leere hinein Gottes Fülle, gerade in ihr Leid seine Nähe, in ihre Schuld seine Vergebung, in ihre Enttäuschung neue Hoffnung, in ihre Zerrissenheit Gottes Frieden.

Die ersten Gäste beim Heiland der Welt waren die Habenichtse – bekannt als die Hirten vom Felde. Der letzte Gesprächspartner Jesu war ein Gangster, der Schächer am Kreuz. Für die Ersten und für den Letzten ging der Himmel auf, weil sie nichts hatten, nur ihr kaputtes Herz. Wie reich will uns Gott beschenken! Komm, er wartet auf dich!

Er wartet auf dich und hat dir den Tisch reich gedeckt.

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