Das gehört sich aber nicht!

Liebe Gemeinde,

sie kennen sicher die Redewendung: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Und wir meinen damit, dass eine gute Erziehung nicht nur nötig, sondern auch sehr prägend für das spätere Leben ist. Was man nicht in der Kinderstube gelernt hat, das wird man als Erwachsener eben dann auch vermissen.

Die gute oder manchmal auch schlechte Kinderstube prägt eben. Übrigens ist das auch ein ganz wichtiger Grund für unsere Gemeinde, uns so um die Kinder in unserer Gemeinde zu kümmern. Wie ich mich als Erwachsener benehme und verhalte, das hängt ganz wesentlich also von meiner Erziehung ab.

Und manche Sätze, die einem der Vater oder die Mutter, um zu erziehen sagte, die klingen mir heute noch in den Ohren, und ich denke Ihnen auch. Ein wichtiger Erziehungssatz lautet sehr oft: „Das gehört sich nicht!“ Und unter diese Regeln, was sich nicht gehört fielen bei mir zum Beispiel: Den Ellbogen bei Essen auf den Tisch legen, das gehört sich nicht. Sich in das Gespräch von Erwachsenen ungefragt einzumischen, das gehört sich nicht! Oder laut mit meinem Bruder zu streiten, das gehörte sich nicht. Oder für meine Schwester gehörte es sich nicht nach 22.00 Uhr nach Hause zu kommen. Als Mädchen gehörte sich das nicht. Und ich sehe ihren Gesichtern an, dass viele von ihnen im Kindesalter auch gesagt bekamen, was sich nicht gehörte.

Als Kind und erst recht als Jugendlicher haben mich solche Sätze immer geärgert, oft habe ich mich darüber aufgeregt, losgeworden bin ich sie freilich nie. Und da Jesus eben nicht ein weltferner Sohn Gottes war, sondern eben auch ganz Mensch, deswegen wird auch er nicht um diese Regeln, was sie gehört und was nicht, herumgekommen sein. Auch Maria wird ihren Jesus dazu erzogen haben, was sich in Palästina für einen Jungen oder Mann gehörte.

So waren Männer die Träger und Bewahrer der religiösen Tradition des Volkes. Oder anders herum gesagt: Frauen hatten mit Religion eigentlich wenig zu schaffen. Noch heute gilt in Israel die Regel, dass ein Gottesdienst dann durchgeführt werden könne, wenn zehn Männer anwesen seien. !oo Frauen und 9 Männer würden also immer noch keinen gültigen Gottesdienst bewirken. Nur gut, dass wir diese Regel nicht im Christentum übernommen haben, in vielen Gemeinden würden die Gottesdienste reihenweise ausfallen.

Jesus war von Maria zweifelsohne als Mann erzogen worden. Und dazugehörte: Mädchen und Frauen beachtet man nicht sonderlich. Das gehört sich nicht. Mit unverheirateten Frauen spricht man nicht auf der Straße, das gehört sich nicht, am besten man spricht mir Frauen sowieso nur das Nötigste. Und über Religion spricht man mit Frauen sowieso nicht. Das gehört sich nicht. Und ich denke, in unserer Geschichte spürt man sehr deutlich, wie sehr Maria ihren Jesus als Mann erzogen hatte.

Aber auch die kanaanäische Frau, deren Name nicht einmal so wichtig war, dass ihn uns der Mann, der es die Geschichte aufschrieb uns überliefert hätte, auch sie wird von ihrer Mutter genau mit auf den Lebensweg bekommen haben, was sich für eine Frau nicht gehörte und was sich für eine kanaanäische Frau gegenüber Juden nicht gehörte. Einen Mann anzusprechen gehörte sich nicht. Einen jüdischen Mann anzusprechen gehörte sich erst recht nicht und vielleicht wird diese Frau das gleiche auch ihrer Tochter mit auf den Weg gegeben haben, die nun krank, und wie es heißt von einem bösen Geist geplagt zu Hause liegt.

Die Mutter versucht alles, um ihrer Tochter zu helfen. Die Tochter soll um jeden Preis gesund werden. Offensichtlich ist die Tochter schwer an ihrer Seele erkrankt. Und in dieser Situation vergisst sie ihre Kinderstube, sie spürt, wenn ich etwas für meine Tochter erreichen möchte, muss ich meine sogenannte „gute Kinderstube“ über Bord werfen. Sie spricht den Mann Jesus an, auf offener Straße, zwar mit einiger Ehrerbietung, aber doch ganz ungewöhnlich. Eine Frau, eine Nichtjüdin, spricht einen Mann an, einen Juden.

Doch Jesus reagierte für einen Mann ganz normal. Er reagierte nämlich überhaupt nicht. Auf Frauen „hört“ man nicht. Nur nebenbei gesagt, manchmal habe ich bei unseren Männern, wenn es darum geht auch einmal auf ihre Frauen zu hören, den Verdacht, dass orientalische Einflüsse in die Erziehung eingeflossen sind.

Für uns ist das freilich eine unerwartete Reaktion von Jesus. Das passt nicht in unser Jesusbild. Jesus, das ist der Retter, der, der alle liebt, der für alle da ist, der heilt und Wunder tut, nur eines ist er für uns kaum, nämliche ein ganz normaler Mann mit einer strengen jüdischen Erziehung. Für uns gehört es sich nicht, dass Jesus von einer Bitte um Hilfe unbeeindruckt bleibt, doch das eigentlich ungewöhnliche, das was sich nicht gehört, liebe Gemeinde, ist in Wirklichkeit nicht, dass Jesus zunächst unbeeindruckt bleibt, sondern dass er sich schließlich doch von der Frau überreden ließ, seine Kinderstube über Bord zu werfen.

Jesus tut sich schwer damit. Er war Jude und hatte sich niemals als etwas anderes verstanden. Er war zu seinem Volk gesandt und nicht zu den Kanaanäern. Für seine eigenen Leute will er sorgen, auch wenn sie ihn immer wieder enttäuschen, auch wenn er ja in die Gegend um Tyrus gegangen ist um sich zurückzuziehen. Denn zuletzt hatte er große Probleme mit den offiziellen Vertretern der jüdischen Religion gehabt. Die hatten nämlich noch einmal ganz andere Vorstellungen davon, was sich gehört und was nicht. Ährenausraufen am Sabat gehörte ich nicht, mit Sündern zu essen, gehörte sich nicht, Von Feindesliebe zu predigen gehörte sich nicht. Auge um Auge, Zahn um Zahn, das gehörte sich.

Vielleicht hatte sich Jesus daran erinnert, vielleicht waren es aber auch die Argumente der Frau gewesen, vielleicht war es, dass die Frau mehr an Jesus entdeckte, als nur den jüdischen Mann, wir wissen es nicht, auf jeden Fall ,lernt nicht die Frau etwas von Jesus, sondern Jesus lernt etwas von dieser Frau. So schildert es uns der Evangelist.

Die Frau überredet ihn um ihrer Tochter willen und um Gottes Willen, über seinen eigene Schatten zu springen. Ja vielleicht lernt Jesus sogar, erst durch diese Frau, dass die Liebe Gottes keine Grenzen kennt. Und das ist wörtlich zu nehmen. Die Liebe Gottes kennt die Grenzen nicht, die ihr religiöse Dogmas oder auch gesellschaftliche Normen aufzwingen möchten. ´Die liebe Gottes kennt keine Grenzen, liebe Gemeinde, auch jene Grenzen nicht, die uns durch die Tradition die Erziehung beigebracht worden sind. Jesus Weg ist nicht nur der Weg ans Kreuz, sondern in erster Linie der Weg zu allen Menschen.

Und nicht wahr, liebe Gemeinde, wir haben auch noch solche Grenzen im Kopf. Die Grenze zwischen den Konfessionen, die bei allem Verständnis füreinander nun doch wieder messerscharf gezogen wird. Das gehört sich nicht, sagt vor allem die katholische Kirche. So weit kann es doch dann doch nicht gehen. Wo kämen wir denn da hin? Das ist für mich zum Beispiel eine solche Grenze die vielen Menschen beigebracht worden ist. Nur, sie ist durch nichts zu rechtfertigen und erst recht nicht mit Gottes Wort.

Oder die Grenze, die wir im Kopf haben, dass wir Probleme haben mit Menschen, die uns ihrer Religion oder ihrer Nationalität wegen fremd sind. Manch einer fragt sich, was habe ich mit denen zu tun. Und ganz im Stile der ersten Reaktion Jesu argumentieren viele, wir als Kirchengemeinde hätten uns erst einmal um unserer eigene Gemeinde zu kümmern, und wir als Staat sollten uns erst einmal um unsere Deutschen kümmern, bevor wir Flüchtlingen, Ausländern helfen.

Gottes Liebe kennt keine Grenzen, liebe Gemeinde. Um das umzusetzen in unseren Alltag müssen, nein ich sagen besser einmal, dürfen wir auch das über Bord werfen, was uns so anerzogen wurde.

Zum Beispiel, dass man zunächst einmal selbst schauen müsste wo man bleibt, zum Beispiel, dass es das Ziel des Lebens ist nach beruflichem und finanziellen Erfolg zu streben. Christen und Christinnen, liebe Gemeinde, dürfen ungehörige Menschen sein. Um Grenzen zu überwinden, solche im Kopf und solche auf der Landkarte und solche zwischen den Religionen. Denn Gottes Liebe macht nicht halt vor den Grenzen zu denen wir erzogen sind.

Jesu Weg zu den Menschen mag von Grenzsteinen markiert sein. Es ist nicht schlimm, dass es diese Grenzsteine zu Hauf gibt. Schade ist nur, wenn sie uns wirklich noch hindern, dass die Liebe Gottes für alle Menschen spürbar und erlebbar wird. Vielleicht kann man ja diese Predigt auch so zusammenfassen. Seien sie um Gottes und seiner Liebe willen, bitte ungehörig und haben sie bitte den Mut Brücken zwischen den Menschen, den Religionen und
den Völkern zu bauen.

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