Das Geheimnis des Schlosses

Liebe Gemeinde!

"(In dem Roman) ‚Im Schloss‘ schildert Franz Kafka einen Landvermesser, der Heimat und Familie verlässt, um den Ruf des Schlosses zu folgen. Spätabends kommt er ins Dorf unten am Schlossberg an und möchte bald hinauf ins Schloss, um sich vorzustellen und die Arbeit aufzunehmen. Eine ganz alltägliche Angelegenheit. Aber diesem Vorhaben stellt sich Hindernis um Hindernis in den Weg. Der ganze unvollendete Roman schildert nichts anderes, als die lächerlichen Versuche des Landvermessers, ins Schloss zu gelangen. Zuletzt stirbt der Landvermesser an Entkräftigung. – Ein eigenartiges Buch, man kann es auf mancherlei Weise deuten. Das Schloss trägt gespenstige Züge. – Darf ich das Schloss als Gleichnis nehmen für die Welt Gottes? Die Versuche des Landvermessers ins Schloss zu kommen, sind die Versuche des Menschen zu Gott zu kommen. Vielen Menschen ist es verwehrt, in die Welt Gottes vorzudringen. Das ist die Not des modernen Menschen, dass ihm Hindernis über Hindernis in den Weg gelegt wird, so dass er nicht zu Gott kommen kann. Auch sind sicher viele hier, die darunter leiden, dass sie nicht in das Göttliche, nicht in die Welt Gottes hinein kommen. Aber Jesus will nicht das wir an Entkräftung sterben. Darum öffnet er uns Menschen im Herrengebet gleichsam den Zugang zum himmlischen Schloss…..Und das ist das große Wunder, die große Einladung, die jetzt an uns ergeht, dass wir das Schloss besichtigen, betreten und bestaunen dürfen." ( R.Bohren, Das Vaterunser heute, Zürich, Stuttgart 1957, S.9f)

1. Der Schlüssel zum Schloss: Die Anrede
Wer zu Gott "Vater" sagt, meint keine blinde Himmelsmacht, keine unerreichbare, keine zürnende Majestät, sondern den nahen, "lieben" Gott, ein Gegenüber, das Vertrauen und Lebensmut schenkt. Jesus hat das sehr schön in dem Gleichnis von dem bittenden Sohn verdeutlicht: "Wer ist unter euch Menschen, der seinem Sohn, wenn er ihn bittet um Brot, einen Stein biete? oder, wenn er ihn bittet um einen Fisch, eine Schlange biete? Wenn nun ihr, die ihr doch böse seid, dennoch euren Kindern gute Gaben geben könnt, wieviel mehr wird euer Vater im Himmel Gutes geben denen, die ihn bitten." (Matthäus 7,9-11) Und wer "unser Vater" sagt, stellt sich in die Gemeinschaft der Heiligen und will nicht Vaterfigur sein , sondern Bruder oder Schwester unter Brüdern und Schwestern. Er kennt den Hinweis Jesu: "Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet." (Matthäus 6,7-8) Wer unser Vater sagt, weiß um die Zusage, von der Paulus spricht: "Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, daß ihr euch abermals fürchten müßtet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!" (Römer 8,15) Wer aber "unser Vater im Himmel" sagt, weiß, dass wir nicht im Himmel sind, sondern auf der Erde. Er ahnt den Widerspruch zwischen Himmel und Erde, zwischen Gottes Willen und unserem Willen, zwischen Gottes Reich und unseren Weltreichen. Er spürt den Mangel an Brot, an Schuldvergebung. Er leidet an der Schuld, der Verführung und der Macht des Bösen. Wer aber "unser Vater im Himmel" sagt, weiß um Luthers Erkenntnis: "Mit unsrer Macht ist nichts getan,wir sind gar bald verloren; es streit‘ für uns der rechte Mann,den Gott hat selbst erkoren. Fragst du, wer der ist?Er heißt Jesus Christ,der Herr Zebaoth, und ist kein andrer Gott,das Feld muss er behalten." (EG 362,2) Er vertraut darauf, dass der Vater im Himmel größer als die Not ist.

2. Die Räume des Schlosses: Die sieben Bitten

Zunächst führen uns die ersten drei Bitten: Dein Name werde geheiligt – Dein Reich komme – Dein Wille geschehe – in die Weite des Glaubens und Hoffens: wie im Himmel so auf Erden wird es sein. Jesus hat die Nähe des Reiches Gottes angekündigt gegen alle frommen Phantasien, die meinen wir müssten zu Gott kommen. Geradezu umgekehrt ist es: Gott kommt uns hier nahe. Er hat die Nähe des Reiches Gottes angekündigt gegen alle Weltflucht hier auf Erden, die meint erst jenseits unserer Tage sei Gottes Reich erfahrbar. In den Gleichnissen erzählt er immer wieder von seiner Wirklichkeit unter uns: "Das Himmelreich gleicht einem Schatz, verborgen im Acker, den ein Mensch fand und verbarg; und in seiner Freude ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte den Acker. Wiederum gleicht das Himmelreich einem Kaufmann, der gute Perlen suchte, und als er eine kostbare Perle fand, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie." (Mt 13,44-46) Zugleich macht Jesus damit deutlich, dass Beten in seinem Sinne keine Bedürfnisanmeldung an die Adresse Gottes ist, sondern immer wieder ein Ruf nach Gottes Reich, ein Schrei nach Freiheit und Liebe. Beten ist darum die Alternative zu unserer Perspektivlosigkeit, zu unserem Elend und unserer Müdigkeit. Und doch sehen viele – damals wie heute – im Beten eine Form von Illusion, die sich über die Wirklichkeit erhebt, eine Form von Vertröstung, die über die konkrete Situation hinweglügt. Aber genau das ist bei Jesus nicht vorgesehen, es sei denn wir beteten das Vaterunser nur halb oder falsch. Denn nach den ersten drei Bitten schlägt das Gebet in die Gegenwart, in die konkrete Situation zurück: Die vier Bitten um Brot, um Vergebung der Schuld, um Bewahrung vor Verführung und um Erlösung von der Macht des Bösen zeigen, dass das Vaterunser sich der Wirklichkeit ungeschminkt stellt.

· Es gibt das physische Elend, das die Grundbedürfnisse des Lebens für die Mehrheit aller Menschen nicht erfüllt werden.
· Es gibt das moralische und mehr als moralische Elend, dasss alle allen Liebe schuldig bleiben.
· Es gibt das metaphysiche Elend, dass wir tief drinstecken in der Versuchung, uns über unsere eigene Lage und die der anderen hinwegzulügen, unsere Bedürftigkeit und unsere Hoffnungen zu veraten.

Ich bin überzeugt, dass mit "Schuld" wie mit dem Hunger und der Macht des Bösen – sehr Konkretes gemeint ist: Mangel an Liebe. Dass wir anderen und und selbst etwas schuldig bleiben: Zeit füreinander, Geduld, zuzuhören, Mut, etwas zu ändern. Schuld ist konkretes Versagen: wir sind apathisch – wo wir hätten lieben sollen – hätten lieben können – vielleicht sogar lieben wollen – und es doch nicht getan haben, aus Angst vor den Folgen. Denn Liebe kann uns in Situationen bringen, denen wir uns nicht gewachsen fühlen, z.B: ungeliebte Menschen, die plötzlich Liebe erfahren, werden anhänglicher als uns lieb sein kann. Wir hätten lieben wollen – und haben es nicht getan – aus taktischen Gründen, wie wir meinten, jetzt sei der andere dran – erst er, dann ich. In allem – im Hunger – in der Schuld – in der Versuchung zeigt sich die Macht des Bösen. Zeigt sich, dass Gottes Name nicht geheiligt wird, dass sein Wille nicht geschieht, dass sein Reich nicht da ist. Wer nun betet, seine Hände also in den Schoß legt, legt diese Not vor Gott den Vater in der Hoffnung auf genug Brot, auf die Macht der Liebe und die Schuldvergebung, die neue Anfänge schenkt. Denn ich bin nicht mehr auf mein Versagen festgelegt, ich nuss anderen ihr Versagen nicht länger mehr vorhalten.

3. Das Geheimnis des Schlosses: Der Lobpreis
"Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit." Wie mit einer mächtigen Fanfare schließt das Vaterunser. Hier wird der Grund genannt, die Welt und ihr Zustand auszuhalten: Es ist die Gewißheit, dass wir in und aus Gottes Wirklichkeit heraus um das Kommen des Reiches, um die Nähe des fernen Vaters bitten. Es ist das Bekenntnis, dass uns die Hoffnung auf sein Reich kritisch macht gegen unsere Reiche und ihres Machtmissbrauches. Es ist das Bekenntnis, dass die Gegenwart und das Kommen seiner Kraft unsere Kräfte und Energien übertrifft, aber nicht zerstört. Es ist das Bekenntnis, dass Gottes Herrlichkeit in größere Freiheit, in größere Wahrheit und Liebe hinversetzen wird, als unsere religiösen Vorstellungen und Bemühungen es zu tun vermögen.

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