Das Gebet und die Bilder

Liebe Gemeinde:

Rogate heißt unser Sonntag – der fünfte Sonntag nach Ostern – und Rogate heißt übersetzt:
"Betet!". Ganz so, wie wir es in der alttestamentlichen Lesung gesehen haben: Moses Fürbitte für sein Volk hat
vor Gott schließlich Erfolg gezeigt und auch so, wie wir es in der Epistel-Lesung aus dem ersten Timotheus-Brief
erfahren haben: tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen. Bittet, so werdet ihr nehmen, so nennt es unser Predigtwort aus dem Evangelium nach Johannes. Hinzu kommen ein weiterer Gedanke: der Glaube wird in Bildern beschrieben. Beide Aussagen sind eng ineinander verwoben – wie aber sollen wir sie uns vorstellen?

Denn Bilder sind so schwer zu greifen: zu uneindeutig sind sie oft genug für unseren Geschmack. Ach wie gern hätten wir doch manchmal diese höchst eindeutigen Aussagen, die Worte und Sprache, Ausdruck und Geste so klar, so deutlich machen, dass man nur das eine, sozusagen "wirklich" Gemeinte darunter verstehen kann. Sie und ich aber wissen, dass das so nicht ist. Schon der gleiche Satz, anders betont, mit anderer Mimik ausgesprochen
bewirkt höchst Unterschiedliches. Ich denke an einen Kollegen, der immer sehr traurig ist, wenn ihm die Gottesdienstbesucher nach dem Gottesdienst die Hand schütteln und sagen: "Schöne Lieder haben Sie da wieder ausgesucht, Herr Pfarrer!" Warum ist er traurig? Er hört aus dem Lob der Lieder den Gedanken: "Na ja, wenn er
schon nicht predigen kann, muss ich wenigstens die Lieder lobend erwähnen." Vielleicht kennen Sie es selber aus
dem alltäglichen Leben, nehmen wir mal das Essen: er sagt zu ihr als Köchin: "Was ist das Grüne da in der
Suppe?" – Was wird die Köchin wohl hören? Ich gebe ein paar Beispiele: "Es schmeckt ihm schon wieder nicht" oder
"Ich bin eine schlechte Köchin" oder vielleicht auch die Aufforderung: "Ich muss das Grüne nächstes Mal
weglassen". Wie wird sie ihm antworten – im schlechtesten Fall vielleicht: "Du alter Nörgler – wenn´s dir nicht
schmeckt, geh doch woanders essen!". Der Versuch, Sprache konkreter, eindeutiger hinzubekommen – es gab diese Versuche bereits mehrmals – wird nicht gelingen, solange wir in dieser Welt leben. Das sind die Schwierigkeiten, mit denen wir – selbst wenn wir es noch so gut mit den Mitmenschen meinen – immer zu leben haben müssen. Mit den Bildern der Bibel ist es ganz ähnlich: die gesamte Geschichte des Christentum ist voll von Auslegungen der biblischen Bilder, die zu Mißverständnissen, Unterdrückung und damit zum Gegenteil dessen geführt haben, was sie eigentlich wollten: Befreiung des Menschen, damit er im Geiste Gottes leben kann. Scheinbar behauptet auch Jesus in unserem Predigtwort die Eindeutigkeit der Gebete: bittet, so werdet ihr nehmen. Jedoch weiß jeder von uns hier, der schon einmal verzweifelt um eine ganz konkrete Sache gebeten hat, dass das Gebet keinen Automatismus kennt: die Dinge geschehen oft anders, als ich sie mir in meinen Wunschträumen in Einzelheiten ausgemalt habe.

Ist also alles umsonst: der Glaube und das Gebet, weil nicht eindeutig genug, weil nicht nach außen kommunzierbar und v.a., weil nicht genug attraktiv in einer Welt, in der Schnelligkeit und Effizienz doch fast schon eigene Götter geworden sind? Auch die Jünger atmen erleichtert auf: "Siehe, nun redest du frei heraus und
nicht mehr in Bildern!" Ein "endlich sagt er mal, was Sache ist" höre ich aus diesen Worten. Und dennoch, liebe
Gemeinde, meine ich, dass dies die einzig angemessene Form für unseren Glauben und unser Gebet ist. Denn der
Glaube ist ja etwas, was nicht ich alleine mache oder in der Hand halte: es ist kein Vermuten von irgendwelchen
Tatsachen es ist kein Herumrätseln und philosophisches Deuteln: wer im Blick auf den Glauben zu Gott diesen Satz
sagt: "Glauben heißt nicht Wissen!" der hat keine Ahnung, wovon er spricht. Denn zum Glauben gehören zwei: der
Mensch und Gott – die Beziehung zwischen Gott und dem Menschen aber ist lebendig, eben kein Vertrag mit festen
Klauseln: nach dem Motto, "wenn Paragraph 1 nicht so und so erfüllt wird, tritt folgendes ein…", sondern der
Glaube ist v.a. mit dem Wort Vertrauen umschrieben und darin liegt eine Liebe zum Gegenüber. Am Beispiel von
vorne zwischen dem Mann und Frau bei Essen ließe sich dies zeigen: herrschte dort Vertrauen, Liebe zueinander, wären die Worte zwar immer noch mehrdeutig hörbar, aber die Verletzung, die ich beschrieben habe, würde sich nicht einstellen. Die Bilder sind nötig, weil sie so großen Raum für ihre Deutung eröffnen. Sie sind so gut angemessen für das, was wir Christen in dieser Welt treiben, weil für jeden und für jede eine Möglichkeit bieten, sich darin zu finden, und zwar mit einer Eindeutigkeit, die für den Einzelnen gut ist. Zwei Menschen
sehen sich ein Gemälde an: der eine ist beunruhigt, weil ihn etwas anspricht, was tief in seiner Seele verborgen
ist. Der andere ist angetan von der Harmonie der Farben und empfindet das Bild als beruhigend – auch er sieht
die Wahrheit in diesem Bilde! Wenn Christus in Bildern zu uns redet, dann ist es richtig, dass der eine sich
angesprochen fühlt, mehr Verantwortung in seinem Leben als bisher zu übernehmen und der andere gleichzeitig
erleben kann, dass er etwas mehr auf sich selber hören darf und sich zurücknehmen soll, um sich zu schonen. Das Gebet lebt auf die selbe Weise: nicht die Fülle der Worte und dass man möglichst alle Situationen bedacht und durchgebetet, hat macht das Gebet zu Gott aus: wir kennen die Stelle aus dem Matthäus-Evangelium: "Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgen sieht, wird dir´s vergelten. Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet." Macht man es anders, so tritt häufig das Phänomen ein, dass einer aus der Gebetsrunde plötzlich anfängt, "gegenzubeten", weil er meint, das, was gerade gesagt worden ist, träfe auf ihn nicht in der richtigen Weise zu. Der Glaube in Bildern und das Gebet, liebe Gemeinde: beide beschreiben auf ihre Weise das wichtige Geschehen zwischen Mensch und Gott. Das Geschehn übrigens, das Christus selbst durch sein Opfer am Kreuz wieder möglich gemacht hat. So bleibt Christus auch Vorbild für uns in diesen beiden Dingen: wir beten in seinem Namen, wir beten in seiner Haltung. Ganz wie er es
selbst im Garten Gethsemane vorgelebt hat: "nicht mein, sondern dein Wille geschehe!" So ist das Beten für uns
ein Ausdruck der Demut, ein Eingeständnis der eigenen Unwissenheit, der nicht-Erklärbarkeit. Im Gebet übergebe ich meine eigenen quälenden Gedanken an denjenigen, dem ich vertraue, dass er einen Plan mit meinem Leben hat und ich danke ihm für das, was ich in meinen Lebensbild als beglückend und befreiend erfahren durfte. Wie aber besser, als in einer bildhaften Geschichte, liebe Gemeinde, ließen sich diese beiden Dinge ausdrücken?

Es war also einmal ein Tautropfen, in dem sich die Farben des Regenbogens spiegelten. Noch ruhte er geschützt auf einem prächtigen Blatt eines schönen Baumes am Rande des Meeres. Bald aber kam ein kräfiger Wind auf, der den Baum erschütterte und die Blätter rasseln ließ. So stürzte der Tautropfen und fiel ins Meer. Er aber hatte fürchterliche Angst, dass es nun aus und vorbei sei mit ihm: würde er sich nicht unwiederbringlich auflösen
müssen in diesem riesigen Gewässer? Wäre nicht sein Spiegelbild des Regenbogens ein für alle Mal verloren? So mühte er sich mit aller Kraft, er selbst zu bleiben und schaffte es, sich nicht aufzulösen, bis er den Grund des
Meeres erreichte. Dort wurde er geschluckt von einer großen Muschel und sein Leben in dieser Welt schien
endgültig zu Ende zu sein. Denn vorbei war seine Freiheit, sich selbst entscheiden zu können, noch viel mehr
aber sein paradiesischer Zustand auf dem Blatt von einst. Da aber sprach die Muschel zu ihm: sperre dich nicht
gegen meinen Schutz, den ich dir biete, sondern vertraue mir und ich verspreche dir, dass du wachsen wirst und stark sein wirst und dass deine Vergessenheit bald überwunden sein wird. Da ließ sich der Tautropfen darauf ein und er vertraue der Muschel, wenngleich er nicht mehr sehen konnte, was die große Welt zusammenhielt. Aber spürte Tag um Tag und Woche um Woche, wie er wuchs und kräftig wurde, ganz so, wie es die Muschel versprochen hatte. Eines Tages aber drang plötzlich Licht in die Muschel und der Tautropfen konnte fast von dem selben Platz, von dem er früher über das Meer blickte, hinaussehen und er hörte die Stimme eines jungen Mädchens rufen: seht her, was ich hier gefunden haben: eine wunderschöne, große Perle. Seht nur, wie sich in ihr alle Farben des
Regenbogens gesammelt haben.

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