Das Feuer der Liebe

Von Christus geliebte Pfingstfestgemeinde.

Es ist mit dem heutigen Pfingstfest so wie mit allen kirchlichen Festen, mit Weihnachten, Karfreitag, Ostern, Himmelfahrt: wir wissen, dass sie kommen, wir wissen, was berichtet wird. Aber wie begegnen wir der Gefahr, das alles bleibt bei einer uralten und bekannten Geschichte? Wie kommt die Geschichte zu uns? Was hat das alles mit unserem Glauben heute zu tun?

Dabei ist das ja schon faszinierend: Dieses wundersame und machtvolle Ereignis am Fest 50 Tage nach Ostern: das Brausen vom Himmel, der gewaltige Wind, die zerteilten Zungen wie Feuer, die spürbare Austeilung des Heiligen Geistes, die Predigt, hörbar in vielen Sprachen; das Entsetzen, die Ratlosigkeit, die Predigt des Petrus, und schließlich: 3000 Menschen kommen zum Glauben und lassen sich taufen.

Das war, liebe Gemeinde, ein einmaliges und grundlegendes Fest, nicht zu wiederholen, nicht zu kopieren.
Staunen lässt es uns Menschen – damals wie heute; viele macht es ratlos, viele lässt es spotten, viele lässt es aufhorchen, umkehren, glauben.

Aber Pfingsten ist immer wieder; ist jedes Jahr wieder, ist jeden Sonntag, jeden Tag neu.

Dazu hat der Herr selbst etwas zu sagen, seinen Jüngern, seiner Gemeinde, seiner Kirche, uns.

Der Blick geht weg von der Sensation, vom Außergewöhnlichen, weg auch von der Extase und vom Enthusiasmus. Der Herr lenkt unseren Blick auf unseren Alltag, auf unser tägliches Leben – und ich sage: auf unser tägliches Pfingsten.

Und dabei geht es um die Liebe und um das Wort.

Nicht zuerst um die Nächstenliebe. Die hatte gerade vorher noch eine große Rolle gespielt, denn gerade eben hatte Jesus seinen Jüngern die dreckigen, staubigen Füße gewaschen und ihnen damit ein Vorbild gegeben – so sollt ihr miteinander umgehen, liebevoll, auf das Wohl des Anderen bedacht, auch wenn es persönlich unangenehm wird. Die Liebe zueinander soll der Welt ein Zeichen sein, was bei euch wichtig ist, die Menschen sollen aufhorchen, nachdenklich werden und staunen, wenn sie sehen, wie ihr miteinander umgeht.
Und wir wissen ja, wie wichtig Jesus seine Liebe zu uns genommen hat. Nicht nur, dass er seinen Jüngern die Füße gewaschen hat, er hat sein Leben für sie – für uns – gegeben. Größere Liebe, so sagte er selbst, gibt es nicht.

Wer so reich beschenkt ist, auf den wirkt das. Geschenke lassen uns nicht kalt. Wenn sie nicht völlig verfehlt sind, machen sie Freude, machen sie dankbar und verstärken die Verbindung zum Schenker. Wer mir etwas schenkt, ist mir näher gekommen, hat eine Beziehung verstärkt. Eine Reaktion im Inneren wird ausgelöst.

Die Liebe, die Jesus uns schenkt, bleibt nicht ohne Wirkung in uns. Und genau das will Jesus auch so, er will, dass wir ihn auch lieben. Bloß: wie kann das aussehen, wo wir ihn doch nicht sehen. Wir können ihm keine Füße waschen, keine Blumen und auch sonst nichts schenken. Vielleicht geht es auch gar nicht darum, ihm etwas zu geben, damit er merkt, dass wir ihn lieben.

Wenn ich jemanden liebe, dann ist mir sein Leben wichtig, seine Wünsche. Was er sagt, beschäftigt mich. Ich höre zu und werfe einen Brief nicht nach hastigem Überfliegen weg. Ich hebe ihn auf und lese ihn vielleicht später wieder, genieße jedes Wort, das mich wichtig macht, mich wert achtet, mir die Liebe zum Ausdruck bringt.

Ein Wort von jemandem, der mich liebt, hat eine ganz andere Bedeutung als von irgend jemandem. Da höre ich genau hin, mit einer positiven Grundeinstellung; ich vertraue, dass er es gut mit mir meint und suche, das Gute zu hören, auch wenn es zunächst gar nicht so klingt. Ich lese und höre alles auf dem Boden seiner Liebe zu mir.

So kann ich auch Worte hören, die unangenehm sind, weil sie mich vielleicht kritisieren, weil sie mich in Frage stellen, weil sie mir Fehler und Schwächen offenbaren. Das höre ich nicht gern und wenn es mir jemand sagt, dem ich misstraue, dann höre ich auf das Wort nicht oder lasse es gar nicht an mich heran.

Wer mich liebt, der darf mich kritisieren, denn er tut es nicht, um sich selbst zu profilieren oder um mich klein zu kriegen, sondern um ehrlich zu sein, um mir zu helfen, um mir eine neue und sinnvolle Orientierung zu bringen.

Das war ja schon mit den 10 Geboten so; die kann man sehr negativ hören, als Verbote dessen, was Spaß macht, als Einengung der persönlichen Entfaltung, als Beschränkung der Lebensmöglichkeiten.

Aber wenn ich weiß, dass der, der sie sagt, mich liebt, dann höre ich seine Sorge um mich und mein Leben heraus; dann weiß ich, dass die Gebote meinem Leben gut tun, dass sie mich schützen – und meinen Nächsten vor mir; dann vertraue ich, dass es dem Gelingen meines Lebens dient, und zwar dauerhaft und langfristig.

Worte, die Leben ermöglichen und schützen; Worte, die ein Volk, eine Gemeinschaft tragen und begleiten – darum geht es hier. Worte, die eingebunden sind von der Liebe dessen, der sie sagt, zu denen, die sie hören. Aus den Worten spricht seine Liebe und sie machen Liebe als unsere Antwort möglich.

Was bedeutet es für uns christliche Gemeinde, das an Pfingsten zu hören? Dass unsere Liebe zu ihm so etwas wie die Antenne ist, die Worte Jesu nicht nur zu hören, sondern sie auch einzuordnen in unser Leben. Damit die Worte ihre Kraft in uns entfalten können. Dass Jesu Worte in unserem Leben wichtig sind, weil sie uns in den Entscheidungen des Lebens helfen; weil sie uns trösten, wenn wir seelisch angeschlagen sind; weil sie uns neu eine Richtung geben, wenn wir uns verlaufen oder verirren; weil sie uns korrigieren, wenn wir falsche und schlechte Wege gehen, weil sie uns Kraft und Hoffnung geben, die wir verloren haben, weil sie uns aufbauen, wenn wir zerbrechen.

Was heißt diese große Bedeutung der Worte Jesu anderes, als dass er und sein Vater in uns Wohnung nehmen.

Wenn solch ein hoher Besuch nun ins Haus steht, wird man dann nicht aufgeregt, bekommt noch größere Sorgen als zuvor, weil man denkt, die Wohnung sei nicht gut genug, nicht aufgeräumt und viel zu klein? Ehe du nun umherläufst, liebe Seele, mit Besen und Staublappen, hör zu! Wenn Gott, der dreieinige Gott, kommt, dann will er bei uns Wohnung machen. Er nimmt nicht einfach Wohnung – wie’s jetzt leider gegenüber Luthers alter, textgemäßer Übersetzung heißt – als wäre die Wohnung vorhanden. Nein, Wohnung machen heißt sie recht und passend machen. Ja, Gott macht Wohnung, und dass er das macht – und wie er das macht, das ist das Wunder.

Lieben und wohnen gehören zusammen, wenn die Liebe ernst ist und kein flüchtiges Verhältnis. Wenn die Liebe bleibend ist, dann sucht sie eine Bleibe. Nennen wir nicht unsere Wohnung eine Bleibe? Auf Griechisch heißt Wohnung, so steht es bei Johannes, Bleibe. Das ist das erste Wunder, dass Gott aus Gründen seiner Liebe bei uns bleiben will. Das zweite ist, dass er sich ganz klein und gering macht, in eine solch bescheidene Hütte wie unsere Seele einzuziehen, und uns ganz groß und herrlich macht.

Gott bleibt bei seinen Jüngern, auch wenn Jesus Christus nicht mehr bei ihnen ist. Er bleibt – ohne gesehen zu werden – im Herzen und in der Seele. Er bleibt lebendig, wach durch den Tröster, den sein Vater senden wird. Weil wir den Geist haben, darum ist Jesus Christus bei uns. Anders, als beim ersten und einmaligen Pfingstfest in Jerusalem, geht es nun nicht mehr um die Extase, damit wir spüren, Christus lebt. Es geht um sein Wort. Der Tröster wird uns lehren und erinnern.

Liebe Gemeinde, am Pfingstfest heute geht es um unser alltägliches Pfingstfest. Wir werden beschenkt mit dem Geist. Wir müssen uns nicht rechtfertigen und nicht verstecken. Wir haben das Wort unseres Herrn und der Geist Gottes hat sich an dieses Wort gebunden. Es gibt Wirkungen des Heiligen Geistes nur gebunden an Gottes Wort. So wollte es der Herr und so geschieht es. Das lässt uns wegsehen von unseren Erfahrungen, hin zum Wort. Kirche Jesu Christi ist nicht Erfahrungskirche, sondern Kirche des Wortes – auch wenn wir damit gegen jeden Strom innerhalb und außerhalb der Kirche schwimmen.

Der Geist lehrt uns; d.h. er öffnet uns das Wort Jesu. Damit es kein geschichtliches Zeugnis bleibt, sondern ein aktuelles, ein lebendiges Wort für uns wird. Erkennt jemand, wie das Wort ihn zur Erkenntnis von Sünde führt, wie es ihm Hoffnung gibt oder Freude macht, Wege fürs Leben zeigt – dann ist das eine Wirkung des Heiligen Geistes. Führt das Evangelium dazu, dass ein Mensch Jesus Christus vertraut, dann ist es die Kraft des Geistes. Er erinnert uns an Jesus Christus und seine Worte, damit das in der Kirche das sagen hat, und nicht menschliche Meinungen, wissenschaftliche Erkenntnisse oder persönliche Erfahrungen. Der Heilige Geist holt die Worte Jesu aus der Geschichte heraus und stellt sie uns heute vor Augen; und zwar so, dass wir uns und unser Leben darin erkennen; dass wir erkennen, wie Jesu Worte für unser Leben und für unsere Zukunft entscheidend sind. Das alles ist wenig spektakulär, nichts, womit man öffentliches Aufsehen erregen könnte, eher eine bescheidende, zurückhaltende Wirkung des Geistes – aber eine nach dem Willen Jesu, die uns am Ende das ewige Leben schenken wird.

Große Taten und Erfahrungen hat Jesus Christus denen nicht in Aussicht gestellt, die ihm nachfolgen; wohl aber, dass der Heilige Geist seine Worte bei uns wach und lebendig hält; dass seine Worte unser Leben bestimmen und uns in sein Reich führen. Wir werden nach Pfingsten nicht nur wundervolle, sondern eher bedrückende Erfahrungen machen in dieser Welt. Wir werden spüren, dass wir hier nicht zuhause sind, dass wir fremd bleiben und auch irgendwann gehen müssen. Wir werden erfahren, dass unser Glaube anderen fremd bleibt, dass sie uns nicht verstehen, (manchmal sogar eigene Familienmitglieder) dass sie uns für verrückt halten, für weltfremd. Das muss uns nicht überraschen und braucht uns nicht zu erschrecken. Christus gibt, was diese Welt gar nicht geben kann: einen Frieden, den es hier nicht gibt. Frieden, stärker als Angst und Trauer, stärker als Skepsis und Misstrauen; Frieden, der nicht mit Verträgen und mit Waffengewalt gesichert werden muss, nicht mit Mauern und Zäunen und doch immer gefährdet und bedroht bleibt. Frieden, der in den Herzen wohnt. Frieden mit Gott und mit unseren Mitmenschen. Und nur Menschen mit solchem Frieden im Herzen können auch in dieser Welt Frieden stiften. Ein Friede ist es, der aus der Ruhe kommt, aus der Gelassenheit, dass wir uns Leben nicht erkämpfen müssen, unsern Glauben nicht beweisen müssen, den Frieden nicht schaffen müssen, das ewige Leben nicht verdienen müssen, denn wir sind nicht allein. Christus lebt und er ist bei uns alle Tage bis ans Ende dieser Welt. Darum sagt er: Fürchte dich nicht!

Damit wir das nicht vergessen, sondern darauf fest vertrauen mit unserem ganzen Leben, bitten wir seit Pfingsten – und können es jeden Tag tun: ‚Komm, Heiliger Geist, erfüll die Herzen deiner Gläubigen und entzünd in ihnen das Feuer deiner göttlichen Liebe!‘

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