Das erlösende Wort …

Ich habe mich lange gefragt, was uns da dieser Johannes 75 Jahre nach der Auferstehung erzählen will. Längst gibt es christliche Gemeinden, ein Apostel Paulus ist schon durch den ganzen Mittelmeerraum gezogen, die biblischen Texte bekommen ihren letzten Schliff, die Kirche beginnt sich sozusagen zu organisieren. Und da schreibt Johannes sein Evangelium. Er weiß, dass es Matthäus, Markus und Lukas auch schon gemacht haben, aber er will Eigenes bringen. Will noch etwas sagen, was die anderen noch nicht bzw. so nicht gesagt haben. Aber was? Auf den ersten Blick befremdet mich das Verhalten der Maria. Da ist die Maria und geht zum Grab. Es ist – aus welchem Grund auch immer – offen. Maria reißt aus. Die Angst vor dem Tod hält sie ab, nachzuschauen, was da los ist. Es bleibt nur eine Erklärung, sie haben den Leichnam weggenommen. Grabräuber waren da. Und während zwei Jünger die Sache näher untersuchen und wir genau geschildert bekommen, wie es im Grab aussah, bleibt Maria draußen und weint. Ihre Trauer hält sie fest. An die Auferstehung denkt niemand. Wer käme auch darauf. So wie wir heute in der Kirche selbstverständlich davon reden, wie wir Kinder taufen nur wegen des lebendigen Jesus, wie wir ganz traditionell Osterlieder singen, so einfach war das damals nicht.

Aber vielleicht ist es auch für uns gar nicht so einfach. Und vielleicht sind heute unsere Gedanken ganz unterschiedlich. Vielleicht bewegen uns Zweifel, ob das denn überhaupt stimmt mit der Auferstehung. Im Laufe der Geschichte sind viele Erklärungen gefunden worden. Oder da erzählen Menschen von ihrer Erfahrung, als sie klinisch tot waren und es alles hell und warm wurde. Für die einen der Beweis, für andere nur ein psychologisch erklärbarer Vorgang.

Maria steht im Garten und weint. Sie weint über das Unglück, das ihr widerfahren ist. Alle Hoffnungen sind zerschlagen. Der Mensch, den sie lieb hatte, ist nicht mehr. Da ist der Schrecken, dass der Tote nicht mehr im Grab ruhen darf. Heute sagen wir: es hat auch nichts mehr Ruhe. Da ist die Angst, dass alle guten Ideen, alle Lebensansichten ins Nichts zerfließen. Wir dachten, er würde uns erlösen, haben andere am Karfreitag gesagt.

Kennt das nicht mancher auch, dass da plötzlich alles kaputt ist. Oder dass der Tod das Miteinander zerstört. Das Erschrecken, dass Gewalt um sich greift und auch noch zu siegen scheint. Dass gute Ideen und Vorhaben nichts mehr sind. Was haben wir 1989 an eine bessere Gesellschaft geglaubt, und was ist in diesen 10 Jahren den Bach herunter gegangen? Vor 10 Jahren sind kleine Kinder in die Schule gekommen mit vielen guten Wünschen und begleitet von Hoffnungen. In ein paar Wochen machen sie Prüfung und wissen nicht, was dann kommt.

Maria steht im Garten und weint. Und auf einmal dreht sie sich um. Vielleicht war es das Gefühl, da ist jemand hinter mir. Vielleicht einfach, weil sie das Grab nicht mehr ansehen kann. Und da ist wirklich jemand hinter ihr. Johannes verrät uns, dass es Jesus ist, Maria weiß es nicht. Und darüber habe ich gegrübelt. Gibt es so etwas. Vor drei Tagen hat sie ihn noch lebend gesehen und jetzt soll sie ihn nicht erkennen? Da fällt mir ein, dass Lukas eine ähnliche Geschichte geschrieben hat, von den beiden Jüngern die nach Emmaus gehen und Jesus ist bei ihnen und sie erkennen ihn nicht und erzählen ihm ihre ganze Trauer. Wahrscheinlich ist die Auferstehung so unbegreiflich, die Wende zum neuen Leben so unwahrscheinlich, dass man im wahrsten Sinne seinen Augen und Ohren nicht traut. Maria kommt auf die seltsamsten Ideen, nur nicht auf die Auferstehung. Der Gärtner hätte Jesus weggeschafft und sie will ihn selber wieder holen. Verzweifelte Ideen.

Aber auch das kennen wir doch. Wir zermartern uns das Gehirn nach Lösungen, suchen nach Schuldigen und nach Erklärungen. Die Regierung ist schuld, die Medien sind schuld an der Gewalt. Man müsste doch ganz einfach die Gewalt verbieten in den Filmen. Man müsste doch ganz einfach härtere Strafen einführen. Man müsste das viele Geld in diesem Land nur gerecht verteilen, dann hätten alle etwas und Arbeit gäbe es in Hülle und Fülle. Man müsste etwas für die Jugend tun, dass sie von der Straße runterkommt. Verzweifelte Ideen.

Und dann passiert es doch. Ein Wort und Maria weiß, es ist alles ganz anders. Am liebsten würde sie Jesus um den Hals fallen. Aber es geht nicht. Das Neue geht nicht weiter wie das Alte. Aber sie weiß, sie muss ihn nicht mehr suchen. Sie weiß, sie muss nicht mehr ins Grab starren. Die Stimme war das Zeichen wie es bei den Jüngern aus Emmaus das gemeinsame Essen war. Und es genügt.

Es genügt so sehr, dass diese einfache Geschichte seit 2000 Jahren Menschen bewegt. Sie kann auch uns bewegen. Vielleicht, nein sicher, steht Jesus manches Mal hinter uns. Drehen wir uns um oder starren wir wie gebannt auf all das, was das Leben schwer macht. Bleiben wir bei den verzweifelten Ideen, es müsste und sollte. Oder lassen wir uns ansprechen und wegreißen zu einem ganz anderen Blickwinkel. Das hat ja das Christentum so beliebt und berühmt gemacht, dass inmitten der Welt die Sicht auf manches ganz anders wurde. Das Geld wird nicht gerecht verteilt werden, aber vielleicht können wir an unserem Ort gerechter sein. Härtere Strafen für Triebtäter bringen überhaupt nichts, aber vielleicht erziehen wir unsere Kinder im Sinne von Jesus gewaltfrei damit sie keine Täter werden, das Fernsehen wird vorerst nicht anders werden, aber vielleicht leben wir wieder so, dass wirs gar nicht mehr brauchen. Wo Jesus das Leben bringt, wird es anders für uns.

Johannes schreibt diese Geschichte 75 Jahre nach der Auferstehung. Das heißt für mich auch, schon in dieser urchristlichen Zeit war die Auferstehung nicht so einfach zu verstehen. Schon damals haben Menschen diese Botschaft gebraucht: dreh dich um und lass dich ansprechen. Und schon damals ist es passiert. Menschen wurden verändert und ihre Welt wurde anders. Und darum hat das Christentum überlebt und wird auch weiter überleben. Heute ist es unsere Geschichte. Sie kann uns Mut machen, das erlösende Wort zu hören. Und damit neu zu leben.

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