Das blaue Wunder

Liebe Gemeinde,

wie kommt Gottes Reich – das Himmelreich zu uns Menschen? Dieser Frage möchte ich heute nachgehen. Dabei denke ich nicht so sehr an den Schluss der Geschichte – von dem wir erwarten, dass Gott Sein Reich in dieser Welt aufrichten wird – sondern ich denke dabei an den Fluss der Geschichte – also an heute. Jesus hat seinen Predigtdienst damit begonnen, dass er den Menschen ankündigte: "Das Himmelreich ist nahe gekommen." Und dieses Wort Jesu hat bis heute Gültigkeit! Es ist nicht zurückgenommen und auch nicht dezimiert. Wo Jesus ist, da ist das Himmelreich den Menschen nahe gekommen!

Wenn wir das Wort "Reich" hören – denken wir dabei unwillkürlich an ein politisches Gebilde – aber schauen wir einfach in unseren Text und fragen, was heute – mitten im Fluss der Geschichte – mit dem Kommen des Himmelreiches gemeint ist! Hier wird uns gesagt, wie sich das Reich Gottes er-innert und sich äußert – also nach innen kommt und sich Aus-druck verschafft: Das Evangelium wird gepredigt und Menschen werden dadurch gesund. Es wird etwas hörbar, was nicht dem menschlichen Geist entspringt und es wird etwas sichtbar, fühlbar, erlebbar von dem, was das Evangelium sagt. Damit beginnt es: Aus der unsichtbaren Welt Gottes wird etwas hörbar. Und diese Botschaft muss in unseren Gedanken aufgenommen werden und es will uns dort erreichen, wo sich unser Leben entscheidet, so dass es sich ändert. Und dieses Wort Gottes will Menschen so berühren, dass sie etwas von und mit Gott erleben. Wo das Himmelreich den Menschen nahe kommt, da fallen nicht nur gute Worte – da wird dieses Wort auch etwas bewirken!

Dieses Wort will in uns etwas gesund machen. Predigen und Heilen sind darum in den Evangelien oft zwei Worte, die in einem Atemzug genannt werden. Ja, das kann passieren, dass Menschen körperliche Heilungen erleben. Heilung von Krankheiten ist keine Garantie und auch kein Beweis – aber es ist eine Realität, dass Gott Menschen auf Seine Weise gesund werden lässt. Und ich will nicht aufhören – auch heute dafür zu beten und es von Gott zu erwarten, dass Er Menschen heilt. Heilung muss dort geschehen, wo Wunden sind, wo etwas krank geworden ist – sich also auf dem Wege der Zerstörung befindet. Und wir wissen es alle: krank kann man nicht nur körperlich sein – auch unsere Seele kann krank werden. Auch dahin will sein heilendes Wort kommen.

Und was wir genauso nötig haben, ist, dass Heilung in unsere Beziehungen kommt. Wie viele liegen miteinander im Streit. Und wenn man im Streit liegt, ist etwas krank – sprich: auf dem Weg der Zerstörung. Dahinein muss Heilung kommen. Noch ein Punkt ist hier angesprochen: Gottes Reich kommt so, dass Menschen Befreiung erleben. So will Sein Wort in uns hineinkommen und Platz schaffen, dass Mächte und Zwänge und Unfreiheiten, – die nicht in einen Menschen hineingehören – hinausgeworfen werden. Das Reich Gottes kommt so, dass sich die bösen Mächte verabschieden müssen. Ja aber wie geschieht das? – Wie kommt Gottes Reich – das Himmelreich zu uns Menschen?

Ich möchte dazu einen Vergleich gebrauchen. Vor einigen Wochen waren wir in Dresden und besuchten unsere älteste Tochter. Es war ein Sonntag "mit Sonne" – und wir wanderten vom Diakonissenhaus elbaufwärts bis zum Blauen Wunder. Über das Blaue Wunder gelangten wir auf die andere Elbseite und wanderten wieder Richtung Stadt. Die Fähre brachte uns dann zurück an den Ausgangspunkt unserer Wanderung. Auf der Brücke machte ich einige interessante Fotos – mich begann das Blaue Wunder zu interessieren. Das Blaue Wunder ist eine 3500 t schwere Stahlkonstruktion mit einer Spannweite von 141,5 m. Sie überspannt die Elbe und verbindet Loschwitz mit Blasewitz. Diese eiserne Hängebrücke, hat keinen Flusspfeiler sondern nur 2 Pfeiler an den jeweiligen Ufern. 1893 wurde sie eingeweiht und galt damals als technisches Wunderwerk. Und da die Brücke einen blauen Anstrich bekam – nannte man sie im Volksmund das Blaue Wunder. Und so heißt die Brücke heute noch. Auch das war ein Wunder, bei dem die Brücke sozusagen mit einem blauen Auge davon kam, als das Blaue Wunder als einzige Elbbrücke Dresdens den 2. WK überlebte. Durch das mutige Handeln Dresdner Bürger konnte die von SS-Leuten vorbereitete Sprengung verhindert werden.

Vom blauen Wunder sprechen wir in unserer Umgangssprache ja meistens drohend! "Du wirst schon noch dein blaues Wunder erleben" – sagen wir und meinen: "Wenn du so weiter machst, dann wirst du etwas Schlimmes erleben, über das du dich nicht zu wundern brauchst." In diesem Sinne möchte ich heute nicht über das Blaue Wunder reden. Blau ist ja auch die Farbe des Himmels. Wenn der Himmel uns nahe kommt, dann geschehen Wunder. Ob diese Wunder blau sind oder rot oder schwarz – das sei dahingestellt. Aber an dem Blauen Wunder in Dresden kann ich mir verdeutlichen, wie das Himmelreich kommt. Da ist als erstes ein Weg über dem Wasser. Zwei Ufer sind voneinander durch einen breiten Fluss getrennt. Es gibt kein hinüber und herüber. Eine Brücke ist darum ein wirkliches Wunder. Etwas Trennendes wird überbrückt. Im NT gilt es seit Petrus als ein Wunder, wenn ein Mensch durch Jesus über das Wasser gehen kann. Eine Brücke ermöglicht es nicht nur einen Menschen, sondern viele – und das noch über Jahrzehnte hinweg – über das Wasser zu gehen. Und man sollte wenigstens, wenn man auf dem Blauen Wunder steht, einmal daran denken, dass es ein Wunder ist, dass Gott Menschen die Ideen und den Verstand gegeben hat, so etwas zu bauen. Das Blaue Wunder ist – wie es damals die Menschen bezeichneten: ein Wunder! Freilich, die Wunder haben es an sich, dass sie Alltag werden, dass sie selbstverständlich werden und das man sie übersieht. Aber Wunder sind und bleiben Wunder, auch wenn wir sie nicht registrieren – oder sie vielleicht doch zuweilen neu entdecken.

Vielleicht ist es genauso mit vielen Dingen, die Gott heute unter uns wirkt und wir gar nicht mehr richtig wahrnehmen. Hier steht im Text, dass es Jesus jammerte. Dieses Wort wird im NT ganz selten gebraucht – es ist ein starker Ausdruck dafür, dass Jesus tief bewegt ist. Er sieht das ganze Jammertal, in dem sich Menschen befinden. Sie sind am Verhungern und sie haben keine Orientierung mehr. Ausgepowert und ohne Mitte leben sie "umher". Er sieht das ganze Jammertal der Menschen, wo es kein herüber und hinüber von Gott und zu Gott gibt. Und das bewegt ihn. Ist das nicht ein Wunder, dass sich überhaupt noch jemand von der Not anderer bewegen lässt? Was würde Jesus sagen, wenn er uns heute sieht? Was sagt Jesus, wenn er in Dein und mein Herz schaut? Vielleicht sagt Jesus auch: Es tut mir so weh, wie reich und satt und krank meine Christen sind. Und da sind einige, die sind richtig ausgelaugt und bedauern nur noch sich selbst. Und dann sieht er die vielen, die im Streit liegen: da ist kein Nachgeben, kein Verzicht – eine Kultur des Hasses. Und dann sieht er die kranken Körper – er sieht die Wunden und die Schmerzen. Er sieht die kranken Seelen, wo sich Stolz oder Lüge in das Wesen hineinfressen. Und damals wie heute sagt Er: das Himmelreich muss zu meinen Menschen – ich muss Brücke sein. Und Er ist die Brücke! Er ist Gott und Mensch. Wie das Blaue Wunder in Dresden: der Pfeiler auf dieser Flussseite – der zweite auf der gegenüberliegenden Seite und dazwischen spannt sich die Brücke. So ist Jesus Brücke: von Gott zu uns Menschen – von uns Menschen zu Gott. Er ist ganz Gott – der eine Pfeiler auf Gottes Seite und er ist ganz Mensch – die andere Säule auf unserer Seite. Und Er allein ist die Brücke, die sich zwischen beiden Ufern spannt. Er ist der einzige Weg von Gott und zu Gott. Das Jammertal gab es damals – Jesus hat es klar benannt. Und das Jammertal gibt es heute – wir brauchen nur einmal auf uns selber zu achten und hinzuhören, wo wir überall jammern. Aber es gibt über dem allem eine Brücke – Jesus Christus. Es gibt in IHM und durch IHN eine neue Art zu Leben: wo ich anfange zu vergeben und nicht Gleiches mit Gleichem zu vergelten , ja wo wir anfangen zu lieben, da werden Dinge gesund – bis hinein in körperliche Bereiche.

Ja, vielleicht sagen wir jetzt: Wenn nur Jesus so augenscheinlich und handfest da wäre wie damals! Gibt es denn keinen Weg, wie das Himmelreich heute zu uns / zu den Menschen kommt? Lassen wir uns noch einmal an unseren PT erinnern. Jesus gibt seinen Jüngern ein Beispiel. Damit beginnt er. Er zog umher und predigte das Reich Gottes und heilte Menschen. Und dann teilte er seinen Jüngern mit, was ihn bewegte. Er brachte den ganzen Jammer zur Sprache. Und da sprach er davon, was er sah – er sah eine große Ernte. Mitten im Jammertal sah er, wie sich etwas bereitete, wie etwas reif wurde. Aber dann kam der nächste Schreck: er sah nur wenige, die ernten konnten. Er sah wenige, die den Menschen das Evangelium sagen, so dass Heilungen geschehen. Und dann sagte er: Bittet. Fangt an zu beten. Betet zu Gott. Ruft zu Gott! Schreit eure Not hinauf zu IHM. Es kommt nicht auf das Feuer an, das in uns brennt, sondern Gott will selbst das Feuer seines Heiligen Geistes geben. Aber wir sollen darum bitten! Das war mir eine echte geistliche Erkenntnis auf der Elbbrücke in Dresden: Das Blaue Wunder besteht aus vielen vielen einzelnen Teilen, die durch viele viele Nieten zusammengehalten werden. Das wir uns für Nieten halten, ist für Gott kein Grund, ein Wunder daraus zu machen. Das ist ein Wunder Gottes, dass Er damals wie heute Menschen für das Kommen seines Reiches gebraucht. Und keiner denke dabei von sich – mich kann Gott sowieso nicht gebrauchen – gerade die Nieten haben im Reich Gottes eine wichtige Funktion. Gerade, wo von Menschen nichts zu erwarten ist, weil sie in den Augen der Menschen wie Nieten sind, kann Gott sich verherrlichen. Und so steht es hier. Er, Jesus, rief die Jünger zu sich und Er! gab ihnen Vollmacht, zu predigen, zu heilen und die Teufel auszutreiben und Er sandte sie zu den Menschen.

Ist das nicht eine einzigartige Ermutigung an uns – ja ein Wunder!, dass Jesus sich mit uns begnügt? Er will durch uns handeln. Und wir werden Wunder erleben – Seine Wunder. Wir hörten vom Blauen Wunder, dass es wie durch ein Wunder als einzigste Brücke den Krieg überlebt hat. Das ist für mich auch ein Vergleichspunkt zu unserem PT. Das Evangelium ist seit Jesus die einzigste Brücke geblieben, die uns mit Gott verbindet. Kirchen sind gekommen und gegangen. Theologien sind aufgetaucht und verschwunden. Gottes Wort ist geblieben. Das ist ein Wunder, dass wir heute noch das Evangelium hören. Alle anderen Botschaften der Menschen sind vergangen, wie sie gekommen sind. Wo das Evangelium gepredigt wird – ist das Himmelreich nahe gekommen. Mit einem Wunsch möchte ich schließen: Ich wünsche Euch – mir – uns – in der kommenden Woche ein Wunder. Das Wunder muss nicht blau sein. Aber es soll den Namen, die Signatur, Jesu tragen. Und vielleicht brauchen wir ein Zusatz-Wunder, nämlich das wir das, was ER tut, auch als solches erkennen – dann werden wir bezeugen, dass auch heute das Himmelreich nahe herbeigekommen ist.

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