Das Beste (bis) zum Schluss

„Das Beste zum Schluss“ hieß einmal eine Werbung im Sommerschlussverkauf. Und manche Büchersüchtigen lesen immer zuerst den Schluss eines Buches, bevor sie sich an seine Lektüre machen. Zugeben tun sie’s natürlich nicht. Auch der heutige Predigttext ist so Schluss. Der Evangelist stellt dieses Wort Jesu an das Ende seines Evangeliums. So dass alle, die es lesen, wenn sie den Buchdeckel zuklappen, sagen: „Ja genau, so soll es sein!“ Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. Punkt. Schön hat er das wieder gesagt, der Jesus.

Doch es sind nicht nur die letzten Worte eines Evangeliums in Buchform. Es könnten auch die letzten Worte Jesu überhaupt gewesen sein. Jedenfalls liest sich das bei Matthäus so. Sein Kollege Lukas schildert noch die Himmelfahrt und fährt dann fort mit seiner Geschichte vom Leben der Apostel. Johannes hat einen anderen Schluss und Markus kopiert die letzten Worte Jesu aus dem Matthäusevangelium. „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“
Denke ich an solche letzten Worte, denn fallen viele letzte Wort ein, die wir im Alltag immer mal so wieder sagen. Früher, wenn meine Eltern uns Kinder alleine zu Hause ließen: „Macht fei niemanden die Türe auf!.“ Oder am Beginn einer längeren Dienstreise die Frau zum Mann: „Fahr vorsichtig!“. Oder der halbwüchsigen Tochter, die auf dem Weg zu einer Party ist „Bleib nicht so lange und komm pünktlich, du hast morgen Schule!“ Wie vieles andere ist es zwar sinnlos das zu sagen, aber dann hat man’s wenigstens gesagt. Nur gut das jetzt Schulferien sind. Wenn wir uns solche letzten Worte vor Augen halten, dann erinnern wir uns auch an ihre Verbindlichkeit, oder besser: an ihre Nicht-Verbindlichkeit. Denn solche zusammenfassenden Wünsche oder Ermahnungen erscheinen uns häufig viel zu groß. Ich kann schwer damit umgehen. Eine gebündelte Ermahnung geht gerne zum einen Ohr rein und zum anderen wider heraus. Wie gehen die Jünger mit Jesu letzten Worten um, frage ich mich. Was hören wir heute?

Zuerst: Bei Matthäus ist es eine gestellte Situation, genauer eine bestellte. Aber die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte. Hinbestellt könnte man es auch nennen. Bei Matthäus ist das eine bewusste Ortsansiedlung. Ob Jesus dieses Sätze wirklich in Galiläa gesagt hat, ist fraglich, auch wenn das für ihren Inhalt keine Rolle spielt. Er hat sie gesagt und sie wurden von ihm der Nachwelt überliefert. Doch für den Evangelisten Matthäus ist es wichtig, dass die Geschichte mit Jesus da aufhört, wo sie begonnen hat. In Galiläa.
Auf den Berg gingen sie, sicher nicht auf einen Heiligen Berg, wie heute viele, die nach Herrsching gekommen sind. Nicht einmal einen bestimmten Berg gibt der Evangelist an, nur den Berg. Und man könnte sich an die Bergpredigt erinnern, an die Zusammenfassung der Lehre Jesu. Sozusagen das Beste auf fünf Seiten. Der Bezug von Jesu Worten hier und Jesu Worten da ist gewollt. Elf Jünger sind es und das wird betont, damit auch klar ist: Wir leben nach Ostern, Jesus wurde verraten, einer hat sich umgebracht, die Elf sind es nun, die miteinander unterwegs sind. Die nach den Wirren des Karfreitag wieder zusammengefunden haben. Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten. Es hat schon oft Filmschaffende inspiriert, dass da etwas vergeistigter Jesus unterwegs ist. Mit einem mal sehen sie ihn. Vorher nicht. Und da er so scheinbar aus dem Nichts tritt, entscheidet sich mit einem mal, für was die Jünger von Jesus halten. Die Reaktion fällt schnell aus: Einige fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten. Und es ist wie mit den ersten drei Sekunden, in denen sich bei Begegnungen zwischen Menschen so vieles entscheidet. Ist man sich sympatisch oder nicht. Springt der Funke über oder bleibt alles auf Distanz. Hier entpuppen sich die Jünger nicht als gläubige Schar, sie zerfallen in solche und solche. In solche, die Jesus sofort und bedingungslos verehren und solche die zweifeln. Ich finde es spannend, dass der Evangelist diese Spannung zulässt. Er hätte ja nichts darüber berichten müssen. Dass einige nicht und sofort dem auferstandenen Jesus glauben, an ihn glauben, hätte ja auch Betriebsgeheimnis bleiben können. Ist es aber nicht. Und ich finde diese Ungläubigkeit auch bei mir vor. Vermutlich auch bei jedem von ihnen. Wenn der auferstandene Jesu plötzlich vor uns stehen würde, ich wüsste nicht, ob ich niederfallen könnte oder nicht auch zweifelte. Jeder von uns heute kann sich das fragen. Der Zweifel darf da mit zur Erstbegegnung mit Jesus gehören.

In diese Situation spricht nun Jesus: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. 19 Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes 20 und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. In den Sommermonaten ist dieser Satz Jesu häufig zu hören. Weniger für Sie, denn die wenigsten Gemeindeglieder suchen sich auf unserer Homepage den Termin der Nächsten Taufe und gehen hin. Auch wenn es ein öffentlicher Gottesdienst ist, und auch wenn die Zahl der Gottesdienste in Herrsching, Wörthsee oder Seefeld dadurch etwa dreimal so hoch ist, wie aus dem Gemeindebrief ersichtlich. Die Worte Jesu werden etwas unglücklich „Der Taufbefehl“ genannt und sind wesentlicher Bestandteil jeder Taufe, so wie die Lesung des Kinderevangeliums oder das Taufen auf den dreieinigen Gott. Und da im Sommer viele Taufen sind, sagen meine Kollegin und ich diese Sätze im Sommer häufig in einem Gottesdienst.
„Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. 19 Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes 20 und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“
Die Zusammenfassung Jesu Willen könnte man sagen. Fünfgliedrig der Auftrag: Erstens: Ich spreche in der Vollmacht Gottes. Zweitens: Ihr sollt euch in Bewegung setzen. Drittens: Alle Menschen sollen Jünger und Jüngerinnen werden. Viertens: Tauft sie, so wie ich getauft wurde. Fünftens: Lehret sie, was es heißt Christ oder Christin zu sein. Und zuletzt das Versprechen: Ich bleibe bei euch, an jedem Tag eures Lebens.
Wir könnten jetzt in einem zweiten Teil der Predigt trefflich diesen Auftrag Jesu bis ins kleinste entfalten. Was bedeutet das gehen? Sollen wir zu den Menschen hingehen oder warten bis sie zu uns kommen. Wieso alle Menschen? Muss man in der heutigen Zeit nicht jedem Menschen seinen Willen lassen. Das „alle Menschen“ wurde doch schon viel zu oft missbraucht. Taufe als Kleinkinder? Die wissen ja noch gar nicht, was das bedeutet! Und Lehre? Die Kinder lernen doch heute nichts mehr!
All das könnten wir jetzt diskutieren. Könnten miteinander ins Gespräch kommen, auch wenn eine Predigt ja meist als Monolog angelegt ist und ich es bisher erst sehr selten erlebt habe, dass jemand widersprochen hat.
Sicher werden wir in unserer Gemeine auch immer wieder das ein oder andere klären müssen. zum Beispiel, wie wir Kinder von Eltern taufen können, die aus der Kirche ausgetreten sind. Oder: Wie man in einer doch recht knappen Zeit den Konfirmandinnen und Konfirmanden überhaut noch das Wesentliche beibringen kann, wo sie doch von zu Hause fast nichts mehr mitbringen. All das muss immer wider neu diskutiert und geklärt werden. Nichts versteht sich von selbst.

Da merke ich, das diese letzten Worte Jesu etwas bewirken. Sie sind nicht wie der Schluss eines Buches, das die Spannung der Vorseiten aufhebt. Sie sind nicht wie jene letzten Worte. „Passen Sie gut auf sich auf!“ Auch nicht wie eine bedeutungsschwere Rede, nachdem man in bewunderndes Schweigen verfällt. Die knappen Anordnungen reizen zur Umsetzung und je länger man bei ihnen bleibt, desto mehr lässt sich die Bewegung spüren. Erst sind die Jünger in Jerusalem, sind wie erstarrt vom Tod ihres Freundes. Die Osterbotschaft erreicht sie nur mühsam und man meint fast den knacksenden Knochen zu spüren, als die Frauen ihnen sagen „Geht nach Galiläa, wie er euch gesagt hat. Dort werdet ihr ihn sehen“. Und jetzt sind sie da, sind in der Hitze Palästinas auf den Berg gestiegen und hören: Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker. Alle Völker, das sind nicht nur die Einwohner Herrschings/Wörthsee. Ja nicht mal die des Landkreises oder Bayern. Gehet hin! Zu Fuß! Tauft, lehrt, erzählt weiter! Und kein Wort ist zu hören von den Zweifelnden, keine Rückfrage: Ja wie sollen wir das denn manchen, wo wir uns doch selber nicht sicher sind? Auch keine Einschränkung: Das was ich euch jetzt gebiete oder geboten habe gilt selbstverständlich nur für die, die wirklich an mich glauben können. Geht! Macht! Tut! Jesu Vermächtnis ist die Bewegung nicht der Stillstand. Die Evolution und nicht die Tradition. Das Immer-wieder-neu-überdenken und nicht das In-Ewigkeit-festschreiben.

Was machen diese Worte mit uns. Zuerst verunsichern sie. Denn zum Beispiel beim Lehren in der Schule überfällt mich immer wieder der Zweifel wie einst Karl Valentin im Buchbinder Wanninger „Jetzt hab ich’s den anderen schon so oft g’sagt!“ Jetzt schon wieder. Und taufen. Wo bleiben denn die vielen Kinder, die sie getauft haben? fragen mich immer wieder Menschen aus der Gemeinde.
Jesu Worte treffen auf Menschen, die sich in ihrem Glauben nicht sicher sind. Uns hier in der Kirche genauso wie die Jünger auf dem Berg. „Als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten.“ Und diese Unsicherheit ist Programm. Wir haben keinen gesicherten Stand. Und das hingehen, das Menschen überzeugen, das zum Glauben bringen und vom eigenen Glauben reden hört nie auf. Also eine endlose Aufgabe? Vom Standpunkt des einzelnen Menschen aus JA. Ich werde nicht alle Völker erreichen auch wenn ich noch so oft im Radio bin. Ich kann keinen Glauben pflanzen, der ewig hält. Die Aufgabe lässt sich nur angehen, wenn sie auf viele Schultern verteilt wird. Elf Jünger sind es, die da eingesetzt werden. Und ich bin mir sicher, wenn Jesus die enge Definition der katholischen Kirche von heute gehört hätte, er hätte die symbolische Zahl für unendlich viele damals genommen. Nur um der Diskussion aus dem Weg zu gehen, ob einer unserer Vorgänger ein Apostel war oder nicht. Denn die Berufung auf einen Apostel legitimiert wenig und auch ist ja nicht geschrieben, ob Petrus einer der Glaubenden oder einer der Zweifelnden. Ich habe die Vollmacht sagt Jesus und er sagt keinen Ton, dass er sie mit der Beauftragung der Elf irgendwie aus der hand gegeben hätte oder danach nichts mehr übrig hätte.

Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes 20 und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Der Schluss des Evangeliums ist offen. Es ist eigentlich nur ein großer Anfang, denn jetzt muss es weiter gehen. Und dann erst sehen wir, dass er alle Tage bei uns ist. Bis an das Ende der Welt. „Mag sein, dass der Jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht.“ (Dietrich Bonhoeffer)

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