Das alles?!

Liebe Gemeinde, Schwestern, Brüder –

das ist schwierig mit den Bibelabschnitten zu diesem Christfest: Gestern Abend sind wir schon einmal sanft aus dem Stall in Bethlehem und von der Krippe, dem Kind, Maria und Josef, den Tieren in unsere Gegenwart hinausgeschoben worden. Und heute scheint es auch so, als sei das Christfest für unseren Bibeltext schon abgeschlossen, ein Epilog sozusagen. Lassen wir uns darauf ein? – Es bleibt uns nichts anderes übrig.

Aber: Warum auch nicht? Warum der kleine, vergangenheitsverlorene Blick auf Heu und Stroh, von Ochs und Esel längst schon gegessen und verdaut, der Blick auf die Krippe, der Jesus an diesem Geburtstag, schon längst entwachsen ist?

Das alles war – und es ist gut, dass es war und wir es heute wieder – holen und feiern und es ist schön, dass der Blick in diese ebenso kleine wie schöne und trügerische Idylle zurückgleiten darf; dafür bin ich dem Evangelisten Lukas dankbar. Aber eben: es war – das alles war. Es ist Vergangenheit, für Maria und Josef damals schon schwer genug, wäre da nicht die Schar der himmlischen Heerscharen gewesen, Gottes Nähe und die Hirten und die Weisen. Verweilen wir getrost einen Augenblick bei diesem Bild, bevor uns Gottes Wort in unsere Gegenwart zurückruft …

<i>[Musik]</i>

Das alles war: Der Weg nach Bethlehem, der Stall, die Krippe, das Kind – dieses Kind -, die Menschen. Und nun stehen wir wieder in einer anderen Zeit, an einem anderen Ort: in unserer Zeit, an unserem Ort. Und nun diese Worte: Aber dann haben wir – durch unseren Erlöser und Retter Jesus Christus – Gottes Freundlichkeit und Menschenliebe erfahren. Nicht, weil wir etwas geleistet Besonderes hätten, das uns so liebenswert machte – nein, seine Barmherzigkeit war es, die uns durch eine neue Geburt zu neuen Menschen gemacht hat. Das alles geschah durch den Heiligen Geist, den Gott uns durch unseren Erlöser Jesus Christus in reichem Maße geschenkt hat. So sind wir allein durch dessen unverdiente Güte von aller Schuld befreit und warten voll Hoffnung auf sein himmlisches Reich, das wir als seine Kinder erben werden. Darauf können wir vertrauen.

Vertrauen – das ist das Wort. Vertrauen? Worauf? Vertrauen auf die Freundlichkeit und die Menschenliebe Gottes. Sie zieht nun – nach dem Maß an Vertrauen, dass wir aufbringen – in unseren Leben mit so wie damals der Stern mit den Weisen. Seine Freundlichkeit und sein Vertrauen sind das Kapital, auf dem wir bauen, von dessen Rendite wir leben, das uns das Ziel unserer Leben erreichen lässt so, dass wir zurückschauen werden mit weit geöffneten Augen, staunend, sagen: „Das hast Du gemacht, Gott. Und das Hin und Her meines Lebens, diese ganzen krummen Linien haben doch einen Sinn gemacht. Und hat ein Ziel. Nun bin ich bei Dir.“ Anbetend: Wie die Hirten, wie die Weisen, wie Generationen vor uns, die das Ziel erreicht haben.

Die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes. Was bewirkt sie? Sie bewirkt, dass wir uns öffnen können: Das ist doch das Problem – wir würden so gerne offen sein und haben in unseren vielen Anläufen so viele Verletzungen erfahren (und auch ausgeteilt), dass es zur natürlichen Haltung geworden ist, lieber zum großen Teil in uns selbst verschlossen zu bleiben – nur kleine Bereiche unseres Ichs bekommen in gesicherter Umgebung „Freigang“ wie ein Häftling. Der Rest bleibt drin im eigenen Schneckenhaus, gefangen zwar, obgleich auch dieser Teil unserer selbst gern leben würde. Aber da, in uns selbst, da kann uns wenigstens nichts passieren. Und nun ist das anders geworden. Nun öffnen wir uns, sind befreit, uns öffnen zu können: von Gottes Geist zur Freiheit befreit: Wir öffnen uns dem Weihnachten damals ebenso wie unserem gegenwärtigen Gott, dass wir immer wieder erfüllt werden mit Gottes gutem Geist, mit Geistesgegenwart, die wir sonst so sehr vermissen, mit Liebe, die wir gerne leben würden, stünden wir uns nicht immer wieder selbst im Weg, mit Vergebung für uns so klar und eindeutig, dass wir anderen und – viel, viel schwerer – uns selbst vergeben können. Aus dem Gefängnis unserer selbst entlassen – hinein in die Gemeinschaft der gleichfalls befreiten Schwestern und Brüder. Gottes Gabe ist das. Wir haben dazu nichts beigetragen – außer dass wir das Vertrauen Gottes in uns angenommen und gelebt haben. Und selbst das ist schon wieder Gottes Gabe. Denn woher kommt das Vertrauen in Gottes Freundlichkeit, wenn nicht von Gott selbst.

Ich stelle mir uns selbst vor wie den Maulwurf aus dem einen Kinderbuch, der – selbst noch vom Sonnenlicht geblendet – den Kopf aus dem Dunkel streckt und um sich schaut. Was erkennt er, was wir?

So sind wir allein durch dessen unverdiente Güte von aller Schuld befreit und warten voll Hoffnung auf sein himmlisches Reich, das wir als seine Kinder erben werden.
Erstaunen: Das alles? Das alles für die Kinder Gottes; behält denn Gott gar nichts mehr für sich zurück, alles für uns: alles? Wirklich alles? – überhaupt: Kinder Gottes, nicht mehr Fremde jenseits von Eden? Kinder Gottes. Wir sind’s – und mit der Menschwerdung Gottes hat es angefangen, spürbar, sichtbar, wirksam, wirklich zu werden.
Die Engel haben recht gehabt mit dem Jubel dieser Nacht – und Titus, dass er uns sanft von der Krippe und unserer kleinen Weihnachtswelt und Weihnachtserwartung weg an unseren Ort von Weihnachtsjubel geschoben hat.
Dem Gott allen Friedens aber sei Lob, Dank, Preis und Anbetung durch Jesus Christus, der uns durch Seinen Geist zum Leben befreit. – Dass wirs nicht nur hören, sondern aufleben und leben.

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