Darf man das?

"Darf man das?" – wir leben in einer Zeit, in der diese Frage wieder gestellt wird. Seit dem 11. September hat sich das geändert. Man hat im Zusammenhang mit diesem furchtbaren Tag vom Ende der Spaßgesellschaft gesprochen. Es wird neu nachgedacht über Werte des Lebens und über Regeln für das Zusammenleben der Menschen und Völker, der Rassen und der Religionen. Bis dahin war fast alles erlaubt, was Spaß macht. Wer altbewährte Regeln und Ordnungen in Spiel brachte, galt als Spielverderber. Wer die Einhaltung der 10 Gebote anmahnte, wurde als Moralist abgetan. Heute aber werden wieder wichtige Fragen gestellt.

Darf man Spaß haben angesichts der Bedrohungen dieser Welt? Darf man Feste feiern, während anderswo in der Welt Menschen umkommen? Darf man auf Vergnügen aus sein bei den so großen Sorgen und Ängsten unserer Zeit? Und vor allem: Ist es nicht doch besser, wenn es grenzüberschreitend Regeln und Normen gibt, die für alle verbindlich sind? Sie wird also wieder gestellt – die Frage: Darf man das! Und es wird auch diskutiert: Wer gibt denn die richtigen Antworten auf diese Frage? Ist da vielleicht auch der christliche Glaube wieder gefragt? Oder steht er zu sehr im Ruf eines Moralpredigers? Ist nicht all zu oft im Namen Gottes ein "Nein" gesagt worden auf die Frage: Darf man das? Sind nicht die 10 Gebote immer wieder als 10 Verbote interpretiert worden? Können Menschen unserer Zeit die Antworten annehmen, die die Kirche auf heikle Fragen gibt. Oder sind es allzu oft Antworten von gestern, die allzu unbedacht als Wahrheiten von heute ausgegeben werden? Wir haben die Geschichte von den ährenausraufenden Jüngern gehört. Sie ist ein sehr interessantes Beispiel zum Nachdenken über die Frage: Darf man das?

Gemeinsam mit Jesus gehen die Jünger über Land. Sie führen offensichtlich gerade keine tiefgründigen Gespräche über den Glauben und das Reich Gottes. Sie freuen sich ihres Lebens und sind dabei wohl dem Reich Gottes sehr nahe. Sie haben Herz und Sinne offen für das, was ihnen da am Wegesrand entgegenwinkt an verlockenden Angeboten – für das Auge, für das Herz und auch für den Magen. Es steht nichts davon da, dass die Jünger aus Hunger die Ähren abstreiften und aßen. Vielleicht taten sie es einfach aus Appetit, aus Lust. Kornähren sind ein Wunder Gottes. Volles Leben steckt da drin, eingepackt in ein paar strohige Hüllen. Die Körner darin sind nicht zu verachten. Sie sind etwas für den Appetit, für das Bedürfnis nach Freude. Essen ist ja viel mehr als nur Nahrungsaufnahme. Es weckt Lebensfreude. Es erfüllt Sehnsucht. Es schafft Zufriedenheit. Beim Essen kommen sich Leib und Seele ganz nahe. Wenn das Essen nicht mehr schmeckt, dann ist das ein recht schlechtes Zeichen für die Gesundheit und für das seelische Gleichgewicht eines Menschen. Wer das Essen genießt, genießt auch das Leben.

Aber wir kennen das: Wenn einer sich seines Lebens freut, dann kommt prompt ein anderer daher, dem das nicht gefällt. Da sind ein paar Pharisäer, ein paar Aufpasser, damit ja nicht jemand etwas tut, was man nicht tun darf. Sie achten darauf, dass die alten Gesetze eingehalten werden und dass die Bäume der Lebensfreude nicht in den Himmel wachsen. Solche Aufpasser gab es nicht nur damals! Da haben sie also wieder mal jemanden erwischt. Die Jünger Jesu bedienen sich einfach an der gedeckten Tafel in Gottes Natur. Und dieser Jesus duldet das auch noch. Und weil er nicht dagegen einschreitet, müssen es eben die Pharisäer tun. Dazu sind sie ja schließlich da. Allerdings, gegen das Ausraufen der Kornähren ist im Grunde nichts einzuwenden. Das ist ein offiziell erlaubtes Tun. Auch der Besitzer des Kornfeldes darf dem Wanderer das nicht verbieten. Was gewachsen ist, das ist von Gott, und er hat es für alle zu ihrer Freude wachsen lassen. Aber es ist ja Sabbat. Und für diesen einen Tag in der Woche gibt es strenge Vorschriften. Da ist jede Arbeit verboten. Nicht das Essen ist verboten. Aber das Ernten. Das Ausraufen gehört nach dem Gesetz zur Arbeit. Und die ist an diesem Tag streng verboten.

Viele strenge Vorschriften gibt es bei den Juden, die gewährleisten sollen, dass das Gebot der Sabbatruhe nicht verletzt wird. Warum eigentlich diese Strenge? Der Sabbat soll doch ein Tag der Freude sein. Er beginnt am Freitagabend und geht bis zum Sonnabend Abend. Ich habe schon viel darüber gelesen, wie der Sabbat vorbereitet und wie er gefeiert wird. Im Radio höre ich gelegentlich einmal die Sabbatfeier, die immer freitags nachmittags übertragen wird. Da wird aus der Thora, dem Gesetzbuch der Juden, vorgelesen. Sitten und Bräuche werden erläutert. Und mir ist immer wieder deutlich, wie reich die Juden sind, weil sie diesen 7. Tag gehütet haben als einen Tag, der aus dem Alltag deutlich herausgehoben ist, eben dadurch, dass es für ihn besondere Regeln gibt. Diese Regeln sind wichtig! Mit dem Sabbat besitzen die Juden einen großen Reichtum. Er ist ein richtiger Festtag. Es ist jede Woche ein kleines Weihnachtsfest. Ein Festtag – wie passt es dazu, dass es so strenge Verbote gibt, und dass es Leute gibt, die dazu da sind, über der Einhaltung dieser Verbote zu wachen? Sollte man nicht gerade an diesem Tag der Lebensfreude freien Lauf lassen?

Ich denke, Regeln sind eine gute Sache. Regeln hat Gott selber uns gegeben. z.B. in den 10 Geboten. Sie sind gute Regeln, damit Leben gelingt. Dazu gehört auch das 3. Gebot: Du sollst den Feiertag heiligen. Wir kennen es in dieser Kurzfassung nach Luthers Kleinem Katechismus. In der Bibel steht die längere Fassung, in der es heißt: Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des Herrn deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun. Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde gemacht, und ruhte am siebenten Tage. Damit ist deutlich: Der Ruhetag gehört zur Schöpfungsordnung Gottes dazu.

Und nicht nur die Bibel, auch das tägliche Leben bestätigt es: Keiner kann auf Dauer ungestraft dieses Gebot missachten. Wir sehen es im öffentlichen Leben: Es gibt immer wieder Streit über die Streichung von Feiertagen zugunsten der Pflegeversicherung, über flexiblere Arbeitszeiten und die rollende Woche, über verlängerte Ladenöffnungszeiten. Wir sehen es in dem Freizeitverhalten der Menschen. Das Wochenende ist zur Vergnügungsjagd ausgeartet und der Sonntag leidet unter Katerstimmung. Die Statistiker bestätigen es: In den deutschen Familien gibt es sonntags am häufigsten Streit und Auseinandersetzungen. Wir sehen es vielleicht auch in unserem eigenen Leben: Wo keine Regeln mehr gelten, wo es einmal eingerissen ist, da haben wir viel verloren.

Jesus hat nicht den Geboten widersprochen. Er war für Gottes gute Regeln. Aber er war dagegen, dass im Namen Gottes Lebensfreude verstümmelt wird, dass Gebote zum Selbstzweck werden, und dass Glaube sich weltfremd gibt. Wir leben in einer Zeit großer Unsicherheiten und vieler Fragen. Der christliche Glaube hat gute Antworten auf diese Fragen. Wir dürfen freilich nicht bei Antworten von gestern bleiben, die der heutigen Wirklichkeit nicht mehr gerecht werden. Ich denke, dass die Geschichte mit Jesus und den Jüngern am Kornfeld geeignet ist, interessante neue Antworten zu finden auf die Fragen unserer Zeit.

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