Dann werden wir Gott begegnen!

Liebe Gemeinde,

Schließen sie doch einmal die Augen. Lassen sie vor sich das Bild einer Wüste entstehen: Endlose Weite – Sand – Steine – vertrocknetes Gras – aufgerissene Erde wie Millionen kleiner Schollen – flimmerndes Licht – Backofenhitze am Tag – Kälte, die sich durch die Kleider frisst in der Nacht – Wind, der stachelige Pflanzen vor sich hin treibt, Konturen verwischt, zudeckt – Sand in den Augen, im Mund – ausgedörrte Haut – trockene Zunge – ausgetrocknete Bachläufe – Tierkadaver – Autowracks – Müll – Vögel an einem verschlammten Tümpel – Stille – Wege enden im Nichts – sich verlierende Reifenspuren – jeder Schritt will bedacht sein – Tagesproviant auf dem Rücken: ein Schlauch mit Wasser. Wann kommt Regen? Der Wind dreht sich, treibt schwarze Wolken vor sich hin, und in einem gigantischen Wolkenbruch entlädt sich der Himmel, in dicken Tropfen, dass man seine hand nicht vor Augen sehen kann. Wasser läuft in Rinnsalen auf den Boden, füllt in Kürze die Bachläufe, die den Sand mitreißen zu einer braunen Brühe, sickert in die Bodenfurchen. Wie von Zauberhand grünt und blüht die Wüste in nur wenigen Tagen, fest verschlossen haben die Samenkörner überdauert, das Wasser weitet sich zu einem See- aus allen Richtungen kommen Tiere aus ihren Unterschlüpfen herbei um ihren Durst zu stillen und für Nachwuchs zu sorgen. Kinder plantschen ausgelassen im Wasser, der Wanderer entdeckt tausend neue Wunder – Wege und Pfade, Quellen und Bäche.

Wer einmal die Wüste so erlebt hat, hat eine tiefe, kostbare Erfahrung gemacht, ist in das Wunder des Lebens eingetaucht. So ein Mensch war z.B. Antoine de Saint-Exupéry, der in einer kurzen Anekdote von dieser Erfahrung spricht:

Der Leiter hatte einige Stammesführer der Wüstenbewohner zu einem kräftigen Wasserfall gebracht. Dumpf rauschend fiel er herab. Sie hatten von dem Wasser gekostet. Es war süß. Sie standen stumm und starrten auf diese Wasserfülle. Wasser, das in der Wüste sein Gewicht in Gold wert ist. Es war ihnen, als drohten die Wasservorräte der ganzen Welt aus einem lecken Speicher auszulaufen. Schließlich sagte der Leitet der Gruppe: "Gehen wir weiter!" Sie aber rührten sich nicht von der Stelle und baten nur: "Noch einen Augenblick!" Weiter sprach keiner ein Wort. Stumm und ernst schauten sie: Hier lief aus dem Bauch des Berges so viel heiliger Lebensstoff, dass er ganze verschmachtende Karawanen zum Leben erwecken konnte. Hier zeigte sich Gott für sie sichtbar. Hier konnte man nicht gleich einfach weitergehen. Der Führer mahnte wieder: "Weiter ist hier nichts zu sehen, kommt!" Sie antworteten: "Nein. Wir müssen warten!" "Worauf denn?" "Bis es aufhört!" (Romane/Dokumente, Karl Rauch Verlag, Düsseldorf 1966, verkürzt)

Da, wo Wasser die Wüste zum Blühen bringt, wo es Fruchtbarkeit hervorruft gegen die Macht des Todes, da ist Gott. Das ist ein Lebenstraum – ein Tagtraum – Erfahrung – Hoffnung und Wirklichkeit zugleich. Advent heißt Warten auf Gottes Ankunft. Von der explosiven, lebendigen Kraft dieser Begegnung kündet der Prophet Jesaja im 35. Kapitel:

[TEXT]

Diese Worte richten sich an die, die nach Gefangenschaft und babylonischem Exil nach Israelzurückgekehrt sind. Jahrzehntelang haben sie ihren Glauben hochgehalten, ihre Kultur gepflegt, Hoffnungen gehegt: Einmal werden sie auf den Berg Zion heimkehren. "An den Wasserflüssen Babylons saßen sie und weinten als sie Zions gedachten" Und nun waren sie heimgekehrt. Dia Äcker waren trocken, die Häuser zerstört, Fremde im Land und das Heiligtum zerfallen. Da machte sich Resignation breit, die Hände erschlafften, die Knie wankten, die Herzen verzagten. Rachegedanken kamen hoch. Alles schien zerstört, die Träume von der verheißung in das Land zurückzukehren, wo Milch und Honig fliessen, geplatzt. In diese Situation hinein spricht Jesaja: "Siehe da, schaut: Euer Gott!" "Verlert Gott doch nicht aus den Augen; wenn ihr so bedrückt zu Boden schaut, verliert ihr den Blick füt das Wesentliche: Gott. Schaut hoch, sucht ihn; und Wasser wird die Wüste zum Blühen bringen. Laßt euch befreien von allen Narben und Wunden der Vergangenheit. Gott wird rächen, rechten, richten, eine Weg der Heilung, der Heiligung sichtbar machen, der zu einer neuen Begegnung führt. Und während ihr schaut und sucht bleibt nicht stehen, geht den Weg, stärkt erschlaffte Hände und festigt wankende Knie, sprecht den Verzagten Mut zu".

Müde ausgebrannt, resigniert, ziellos, hoffnungslos sind auch Worte unserer zeit. Wir leiden an verkrusteten Strukturen, Herzlichkeit ist eine Pflanze, die an den Wurzeln schon gefährlich trocknet. Unsere Gesellschaft ist auf der Suche nach Zielen und Werten, weil es nicht weitergehen kann mit "Null Bock", "NO future" und Gewalt; weil unser Streben nach immer mehr Geld und Wohlstand sich als Sackgasse erweist. Immer mehr bleiben auf diesem Weg liegen, müde, schlaff, leblos. Worauf richten wir unser Augenmerk? Worauf warten wir noch? Was bedeutet uns Advent:Gott wird kommen? Und die Antwort wird nicht ausbleiben: Diese Prophezeiungen sin so uralt uns haben sich immer noch nicht erfüllt. Wie oft wurde Israel von Krieg heimgesucht, von Fremden bestzt, zerstört. Wann soll Gott denn kommen. Generationen um Generationen sind gestorben ohne diese "Endzeit" zu erleben. Und doch, können wir entgegnen, hat sich Israel an seinem Traum festgehalten, sich Mut zusprechen lassen und ist am Leben geblieben. Hat sich daran gemacht von selbst Gott entgegen zu gehen und das Land mit aller Anstrengung in einen blühenden Garten zu verwandel. Der Weg der Heilung und Heiligung ist es noch nicht, wenn das Festhalten an der Verheißung soviel Schmerz und Tod mit sich bringt. Doch 1000 Jahre sind vor Gott wie 1 Tag, und eines Tages vielleicht ist die Zeit reif. Bis dahin gilt es den Augenmerk auf Gott zu richten, nicht auf den Boden und die Lebenswüste. "hebe deine Augen auf zu den Bergen, von welchen dir Hilfe kommt" heißt es im Psalm. Und was hat diese Verheißung aus Jesajas Mund für das Volk Israeöl mit uns zu tun? Mag man weiterfragen. Wir sind Christen. Wir warten im Advent auf das Christkind,das alle Jahre wider auf die Erde nieder kommt …

Lukas und Matthäus erzählen davon, dass Johannes der Täufer aus dem Gefängnis heraus Jesus fragen Lässt (Mt 11,2ff/Lk 7,20ff): Bist du der, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten? Und Jesus antwortet: "Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf, Armen wird die Frohe Botschaft gepredigt." Johannes hatte von Jesu Wundertaten gehört. Er verstand die Botschaft: Hier begegnet Gott den Menschen – das ist kein Tagtraum – es ist wirklich hier und jetzt. Für die Christen der ersten Generationen hat sich das Leben grundlegend geändert. Lebendige Hoffnung ließ sie durch Tod und Verfolgung hindurch gehen, den Blick auf Gott gerichtet, doch auch ihren Weg begleitete Schmerz und Tod. Und heute – dauert das Warten zu lange, sind die Wunder, die auf die verheißung hinwiesen schier nicht zu glauben- ist Jesus zu lange schon fort. Die Arme sinken, der Schritt wird langsamer, Menschen werden mutlos und leer, den Blick auf den Boden gerichtet.

Deshalb feiern wir jedes Jahr Advent, Liebe Gemeinde, damit wir die Verheißungen, die Worte Jesajas und der anderen nicht vergessen. Damit wir unseren Blick nach vorne richten, auf eine Begegnung mit Gott. Damit wir uns gegenseitig aus der Leblosigkeit rufen. Vielleicht werden wir auf die eine oder die andere Weise erleben wie Wüsten blühen, Bäche aus der Steppe hervorbrechen, wie Sand zum Teich wird und dürstendes Land zu Wasserquellen. Vielleicht betreten wir den Weg zu Gottes Heiligtum und tragen Freude auf unseren Gesichtern. Unser Problem ist, daß wir fast blind geworden sind. Wir leben im Überfluss, es grünt und blüht, wir kämpfen eher mit dem Hochwasser als mit der Dürre. Doch unser Reichtum ist so selbstverständlich, dass wir ihn kaum bemerken, auch nicht dankbar sind für diesen Segen Gottes. Wir sind blind geworden für die Schönheit unseres Lebens und trachten nach immer mehr und dabei wächst unsere Unzufriedenheit. Wir sind fast taub geworden für die Bitten der Notleidenden, derer die am Weg liegen geblieben sind, der Hoffnungslosen und Ziellosen. Wir sind etwas lahm geworden, wir bewegen uns nicht mehr offen aufeinander zu; wenn wir laufen, dann um die Wette. Wir wagen kaum einen Aufbruch aus den sicheren Nest in eine Zukunft voller Ungewissheit um wie Abraham Gott zu folgen. Wir sind nahezu verstummt. Frohe Botschaft und Fürbitte finden kaum mehr den Weg aus dem stillen Kämmerlein hinaus. Wo Unrecht geschieht schreien wir nicht auf, sondern schweigen. Unsere Seele vertrocknet und wir gehen mit gleichgültiger Mine durchs Leben.

Es ist Advent. Lassen wir uns wachrufen, den Blick auf das Wesentliche richten – Gott. "Schaut doch, euer Gott", ruft Jesaja. Gehen wir los und suchen nach der Quelle des Lebens. Hoffentlich macht man dabei nicht die Erfahrung, wie sie in der Geschichte vom alten Brunnen beschrieben ist, die ich ihnen jetzt vorlesen möchte: (Nach John A. Sanford: Alles Leben ist innerlich, Walter Verlag, Olten und Freiburg, 1974)

In der Nähe eines alten Bauernhauses lag ein alter brunnen. Sein Wasser war ungewöhnlich kalt und rein und köstlich zutrinken. Aber das besondere war: Er trocknete nie aus. Selbst bei der größten sommerlichen Dürre, wenn schon überall das kostbare Naß rationiert wurde, gab er getreu sein kühles, klares Wasser. Dann kam die Zeit, wo alles modernisiert wurde. Das Haus wurde umgebaut; es wurde auch eine moderne Wasserleitung gelegt. Den alten Brunnen brauchte man nicht mehr. Er wurde verschlossen und versiegelt. So blieb es mehrere Jahre. Eines tages wollte ein Hausbewohner aus neugierde noch einmal in die feuchte Tiefe des Brunnens sehen. Er deckte ihn ab und wunderte sich: Der Brunnen war total ausgetrocknet. Der Mann wollte herausbekommen, wie das geschehen konnte. Aber es dauerte lange, bis er den Grund wußte: Ein solcher Brunnen wird von Hunderten winziger Bäche gespeist, die unter der Erde für den ständigen Wasservorrat sorgen. Die winzigen Öffnungen der vielen Bächlein bleiben rein und offen, wenn immer wieder Wasser abgeschöpft wird. Wird ein solcher Brunnen aber nicht mehr benutz, dann versiegen die Bäche.

Verliert man die Quelle des Lebens aus den Augen, verliert man auf die Dauer auch den Zugang zu ihr. Wir brauchen einander um die Hoffnung wachzuhalten, die die Verheißung für alle Menschen bedeutet. Wir müssen einander stärken und Mut zusprechen und vor allem den Mund aufmachen und Gottes Frohe Botschaft weitersagen, dann werden wir Gott begegnen, ja schließlich heil werden. Mit den Worten Friedrich Dürrs: [Lied 540, 1-5 Kündet allen in der Not]

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