Damit wir auf dem Weg bleiben …

Liebe weihnachtliche Gemeinde,

wir sind noch mitten drin in Weihnachten. Mit dem Heiligabend liegt die Zeit mit den größten Erwartungen hinter uns. Heute läuft das Fest allmählich aus. Die letzten Verwandtenbesuche stehen an und damit die letzten Geschenke. Als Gesellschaft haben wir unsere Probleme mit Weihnachten. Zeitung und Fernsehen sind voll davon, dass die übergroßen Erwartungen in den Familien leicht mehr Streit statt mehr Frieden erzeugen und das ausgerechnet zum Fest des Friedens und der Liebe.

Gleichzeitig ist Weihnachten ein interkulturelles Erfolgsmodell. Auch in China ist es sehr im kommen, unverstanden oder leicht buddhistisch eingefärbt. Und aus unserem Wirtschaftsleben ist die Weihnachtszeit mit ihren großen Umsätzen nicht mehr wegzudenken. An Weihnachten verdichten sich unsere Träume von Frieden, von einem anderen Leben. Und gleichzeitig haben wir Angst vor dem Druck, der dadurch entsteht. So stehen wir in der Spannung:
– unsere Bequemlichkeit würde am liebsten alles so lassen, wie es ist – und die meisten von uns leben ja nun auch gut so wie es ist.
– Unsere Hoffnung aber ist eine poetische und religiöse Kraft in uns, die den bekannten Horizont überschreiten will, weil wir eben nicht nur auf der Erde leben, sondern aus dem Himmel stammen.

Ich möchte uns einen Predigttext lesen, der diese Hoffnung in Bilder fasst, Bilder von großer Ausdruckskraft, die eine große Wirkungsgeschichte haben. Ich lese aus Jesaja 11 die Verse 1-9:

[TEXT]

Ein Bild von idealer Herrschaft wird uns gezeichnet. Aus dem Geschlecht des großen Königs David, das eigentlich schon hinreichend durch viele unfähige Könige seine Unwirksamkeit bewiesen hat, soll ein neuer König kommen, der all die großen Erwartungen erfüllen soll. Aus dem Stumpf eines schon vor langem gefällten Baumes soll nun endlich ein neuer Sproß kommen. Was schon tot schien, bekommt neue Kraft.

Diese ideale Herrschaft voller Weisheit und Gerechtigkeit wird auch Frieden mit der Natur bringen und nicht zuletzt Frieden mit Gott. Wir Christen lesen diese Verheißung als eine Fingerzeig auf Jesus, den Friedenskönig, der auf einem Esel, nicht auf einem Schlachtroß in Jerusalem einzog, begrüßt von dem Königsgruß: Hosianna, du Sohn Davids. Der König einer neuen Weltzeit, verheißen durch einen neuen Stern, der aber nicht in einem Palast, sondern in einer Krippe zur Welt kam, Kind armer Leute, zuerst gehuldigt von den verachteten Hirten.

Dieser neue König Jesus war dann als Erwachsener tatsächlich wie ein guter Hirte für sein Volk: er hat den Armen eine befreiende Botschaft verkündet, durch Krankenheilungen Unheil vermindert, durch die Speisungswunder und die Ermutigung zur Nächstenliebe und zur Feindesliebe die Menschen zu einem neuen Miteinander ermutigt. Er hat immer wieder deutlich gemacht, dass auch die Verlorenen und Sünder wieder aufzunehmen seien in die Gemeinschaft. Aber seine Herrschaft war merkwürdig, wie es die Geburtsgeschichte schon zeigte: Die Herrschaft dieses Friedenskönigs war unter dem Gegenteil verborgen: statt die Gewalttätigen zu töten wurde er selbst getötet. Er wurde nicht im Tod gelassen und seine Botschaft begann sich trotzdem durchzusetzen. Und ich denke, bei allen sehr dunklen Flecken auf der Geschichte des Christentums hat es insgesamt zu Menschlichkeit und Toleranz beigetragen.

Aber wir merken: diese große Verheißung unseres Predigttextes von wirklichem Frieden und wirklicher Gerechtigkeit, die steht noch aus, trotz 2000 Jahren Christentum. Wir warten immer noch auf wirklichen Frieden zwischen Reich und Arm, zwischen Mensch und Natur, zwischen Mensch und Gott. Wir warten auf eine Instanz, die stark und gerecht genug ist, der Gewalttat in den Arm zu fallen. Wir warten darauf, dass wir wieder ohne schlechte Gefühle essen und trinken und die Sonne genießen können. Wir warten darauf, dass die Geschlechter einander besser achten und verstehen, damit Familiengeschichten zu gelingenden Geschichten werden. Wir warten darauf, dass bei uns in Deutschland Fremde Ausländer geachtet werden, damit die offene Wunde des Nationalsozialismus sich endlich schließen kann. Wir warten darauf, dass Menschen die vielen technischen Möglichkeiten nutzen, ihre Persönlichkeit zu entwickeln, religiöse Tiefe zu gewinnen, einander zu fördern und zu stärken. Wir warten darauf, dass es einen Ausgleich gebe zwischen denen, die zuviel Arbeit und Stress haben und denen, die zu wenig mit sich anzufangen wissen. Sie können diese Aufzählung sicher noch um einiges fortsetzen. Was machen wir nun mit diesen hochgesteckten Erwartungen unseres Predigttextes. Realistisch betrachtet erwarten wir für das kommende Jahr keine grundsätzliche Veränderung unserer Lebensbedingungen. Dieser Überschuss an Erwartungen kann uns Zielvorgabe und Kraftquelle unseres Glaubens sein. Glauben kann aus nichts etwas machen. Manchmal sogar aus nichts mehr als aus zuviel, was unsere Seele zustellt. Nicht umsonst sind diese großen Erwartungen in Israel v.a. in der Zeit der größten Krise entstanden. Nicht umsonst wächst der christliche Glaube v.a. in den armen Ländern. Not lehrt beten, sagt das Sprichwort. In schwierigen Zeiten brauchen wir v.a. die Kraft des Glaubens und diese Kraft der Hoffnung, die den bekannten Horizont überschreitet, die schon etwas von dem Kommenden vorwegnimmt, die uns etwa schmecken und sehen lässt von der zukünftigen Welt.

Die zukünftige Welt Gottes, die uns solche Bibeltexte wie unser Predigttext bildhaft vor Augen stellen, sie ist ja nicht nur etwas in ferner Zukunft, sie ist immer schon gegenwärtig, zwischen uns, unter uns. Das, was sein wird, es geschieht schon, dann und wann. Es geschieht für den Glaubenden. Es gibt ja mehr als das, was vor Augen ist. Manchmal wird der Schleier von unseren Augen weggenommen und wir sehen ein Wunder.

Deshalb, liebe weihnachtliche Gemeinde, feiern wir jedes Jahr mit gleichen Bräuchen und Liedern Weihnachten. Damit wir auf dem Weg bleiben hin zu der Welt, die uns von Gott her entgegenkommt. Damit in uns der Glaube gestärkt werde, der aus Nichts etwas machen kann und die Hoffnung, die den bekannten Horizont überschreiten will. Damit auch wir bequemen Menschen, denen es gut geht, Bilder entwickeln von dem, was sein könnte: einer menschliche Welt mit dem menschlichen Gott mitten unter uns, ein Friede, der auch auf die Natur ausstrahlt. Möge es in diesem Sinne unter uns Weihnachten werden, immer wieder neu. Wir werden es gleich singen: Es gibt ja schon mitten im großen Leide die wahre Freude und es gibt schon die Vorwegnahme der Freude, die dort herrschen wird "voller Freud ohne Zeit dort im andern Leben".

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