Damit nichts uns halten kann!

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Freunde.

Der Advent und auch Weihnachten, das sind Zeiten voller Geheimnisse, Zeiten auch voller Unverträglichkeiten. Da hört man einerseits von vielen die Klage über den Verlust der Besinnlichkeit und Ruhe dieser Tage, aber andererseits mag sich kaum einer dem entziehen. Familienweihnacht wird geplant. Was schenke ich wem? Dass auch alle zum Essen da sind! Um elf in die Kirche! Und dann am zweiten Feiertag zu Tante Klärchen! Wenn die Feiertage doch erst rum wären!

Nun denn, wenn es Grund zur Klage gibt, was ist denn dann der Sinn der Adventszeit? Zumindestens die biblischen Texte und Lesungen dieser Wochen geben sich geheimnisvoll. In großen Worten ist dort von Erlösung die Rede, vom Kommen der Gnade. Und dem Weihnachtsverdrossenen und der Adventsgeschädigten kann es schon einmal ganz eigenartig zu Mute werden. Auch unser heutiger Predigttext aus dem Buch Jesaja ist großartig und zwiespältig zugleich. Er eröffnet das sog. Trostbuch, in dem die harsche Gerichtsansage des älteren Propheten, in die Ansage neuen Trostes umschlägt. Aber hören wir erst einmal hinein:

[TEXT]

Sicher, diesem Text eignet ein gewisse Großartigkeit, aber im Grunde lässt er einen auch ratlos zurück. Klingt er am Anfang wie ein gigantisches Straßenbauprojekt irgendwo in den Steppen und Wüsten des Nahen Ostens, so erscheint er am Ende fast zynisch, als der Inhalt der Trostpredigt kurz wiedergegeben wird. Alles ist vergänglich, auch der Mensch welkt, wie das im Wind verdorrende Gras auf dem Feld. Nur Gottes Wort tut das nicht. Schön, denkt man sich und fragt sich, was daran tröstlich sein soll, die eigene Vergänglichkeit vor Augen geführt zu bekommen.

Etwas hilflos steht man davor. Aber vielleicht geht es einem mit diesem Text so wie mit dem Advent als ganzem: Es fehlt einem der Schlüssel dazu. Was steckt dahinter?

Diejenigen, die diese Worte als erste gehört haben, waren die ins Exil geführten Israeliten. Aus der Heimat waren sie nach der Niederlage gegen die Babylonier entführt worden und in der Fremde neu angesiedelt worden. Jerusalem, die prächtige Stadt Davids lag in Trümmern, der große Tempel Salomos, das Haus Gottes, lag zerstört. Die Hoffnungen auf eine Heimkehr waren mäßig, die Heimat lag zerstört, die Wege dorthin abgeschnitten durch die Besatzer und die unwirtlichen Wege zurück. Wenn man versucht zu hören, wie eben jene ersten gehört haben, dann verändert sich der Klang der Worte. Den Weggeführten wird im Grunde die Rückkehr angesagt, aber in Bildern, die alles übersteigen, was man fähig ist aus eigener Kraft zu glauben. Die Berge und Hügel, die im Wege stehen, zwischen ihnen und der gottgegebenen Heimat, sollen weichen, die unwirtliche Steppe, die die Rückwanderung bedrohlich macht, soll einer ebenen Bahn weichen. Das sind natürlich ganz unsinnige Erwartungen, aber es sind die Bilder mit denen Gott seine eigene Sehnsucht beschreibt. Es sind die Bilder, die sich den Weggeführten ins Herz geschrieben sein sollen. Sie sollen sich nicht täuschen lassen, wenn sie den Ruf zurück hören, dann sollen die Hügel und Berge und Wüsten schwinden und Gott wird ihren Weg schützen und begleiten.

Das, liebe Schwestern und Brüder, ist dann doch ein tröstlicher Gedanke, denn man mag ja nur mal auf sich blicken: Das eigene Herz und Denken ist doch zumeist gut bestückt mit den Schluchten und Bergen und Steppen des Alltags, die einen von allem unbeschwerten und fröhlichen Leben abhalten wollen. Angst vor dem, was morgen sein könnte. Unsicherheit, wie weit meine Wege mich tragen werden. Sorgen. Jeder und jede von uns kann diese Dinge für sich selbst benennen. Die Worte des Propheten rufen auch uns etwas Wichtiges im Namen Gottes zu: Lasst euch davon nicht lähmen, sondern geht im Vertrauen darauf, dass er diese Schluchten füllen und die Berge abtragen wird. Deswegen sollt ihr Vertrauen fassen und seine Wege gehen. Nichts soll euch aufhalten. Nichts.

So gesehen wird auch der eigenartig anmutende Hinweis auf die Vergänglichkeit des Menschen ein wichtiger Hinweis. Er stellt die Verhältnisse klar. Wir Menschen sind wohl zumeist so gebaut, dass wir menschlichen Vorbildern nacheifern oder folgen. Ganz häufig ist das so. Menschen beeinflussen unseren Weg. Es sind die vielen Stimmen, die einem dies und jenes mitgeben wollen. Unter denen damals, die im Fremden Land entführt leben mussten, mag es die Stimmen gegeben haben, die sagten, warum wieder fortgehen, es geht uns auch hier ganz gut. Warum noch diesem Gott folgen, der doch verloren hat, sonst wären wir nicht hier? Wer wieder aufbrechen will, ist doch wahnsinnig? Gefahren wurden hochgeredet.

Wahrscheinlich gibt es auch in unserem Leben diese Stimmen, die raten, sich nicht zu beunruhigen, es gehe einem doch gut, es sei doch alles gut. Die vielen sichtbaren Stimmen, die einen davon abhalten wollen, Zutrauen zu fassen zur Stimme dessen, der unsichtbar ist. All diese Stimmen, die einen bereden, während das Leben tropfend Tag für Tag vergeht und wir vergessen, die Frage nach seinem Sinn zu stellen.

Gegen diese Stimmen ist gesagt: "Alles Fleisch ist Gras,(…). Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich." Die Stimmen vergehen, sie haben keinen Bestand. Keiner von uns, keine von uns kann eines anderen Leben leben, kann eines anderen Leben gelingen lassen. Aber Jesaja behauptet, dass Gott eben dies kann. Ihm zu folgen, seine Stimme zu hören, das bedeutet, sich auf einen Weg zu machen, über die eigenen Berge und Schluchten und Wüsten hinaus und gute Wege und blühende Länder zu finden. In seinem Namen die vielen Dinge, die uns halten wollen, zurückzulassen. Manche Sorge, manche Verletzung, manche Schuld. Er wird sie tragen und ebnen. Das hat er zugesagt. Und er hat es in seinem Sohn Jesus Christus wahr gemacht.

Auch im Buch des Propheten Jesaja ist deutlich davon gesprochen, dass Gottes Wort Kraft hat zu verändern. Derselbe Prophet sagt am Ende seiner Visionen über Gottes Wort: "Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und läßt wachsen, daß sie gibt Samen, zu säen, und Brot, zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende." (Jes 55,10-11)

So soll es sein: Gott hat sein Wort gesandt, damit wir über uns selbst hinauswachsen, damit nichts uns halten kann, keine Sorge, keine Schuld, keine Angst. Im Namen Jesu Christi.

drucken