Dabei sein ist alles!

<i>[Am Ostermontag 2002 wurde die Predigtreihe "Petrus & Co." fortgesetzt. Diesmal ging es um den Jünger Thomas. Unser Küster Thomas Hallmen beging mit seiner Frau an diesem Tage sein 25. Jubiläum. Viele Küsterkollegen waren zu Gast.]</i>

Liebe Herr und Frau Hallmen, liebe Gäste, liebe Gemeinde!

Vor Jahren war ich bei einer Familienfeier zu Gast und am Tisch saß ein Bremer Weltmeister und Olympiateilnehmer. Die olympischen Sommerspiele lagen noch nicht lange zurück. Ich fragte den Sportler, ob die Spiele eine Enttäuschung für ihn waren, nachdem er keine Medaille errungen hatte. Überhaupt nicht, sagte er. Das Flair zusammen mit den besten Sportlern der Welt, die Abschlussfeier, all diese Dinge seien ihm unvergesslich. Dabei gewesen zu sein, das war ihm das wichtigste. Dabei sein ist alles, das gilt auch für die Jünger, die sich am allerersten Ostersonntag getroffen hatten. Es war wohl mehr ein Gedankenaustausch als ein Gottesdienst, da wurden keine Predigten gehalten, sondern Geschichten erzählt. Abenteuergeschichten. Friedhofsgeschichten. Geschichten von einem leeren Grab, von Engelerscheinungen, einige wollten dem gekreuzigten Jesus oder einem ihm sehr ähnlich sehenden begegnet sein. Sie konnten sich alle keinen rechten Reim darauf machen. Mitten hinein in diese Gesprächsrunde platzt auf einmal der Auferstandene. Die verschlossene Tür war ihm kein Problem. Ihre Aufregung weicht dem Verstehen, weicht der Osterfreude. Nur ein Tatbestand trübt die Freude. Da ist ein Stuhl leer geblieben. Thomas ist nicht dabei gewesen. Ausgerechnet heute.

Nun wird sich mancher fragen, ist diese Ostergeschichte wirklich so passend für eine Predigt vor vielen Küsterfamilien? Denen kann das ja nicht passieren. Die sind sonntags immer dabei. Außer sie haben Urlaub, Kur, Langeoog Rüstzeit oder sind krank. Ein Küster gehört Sonntags in die Kirche. Ja, so sollte es sein und das ist auch der Wunsch und die Hoffnung vieler Christen angesichts des Stellenabbaus in den Gemeinden landauf landab: Dass ihnen die Küster erhalten bleiben bzw. die Mesner, wie man in Süddeutschland sagt oder die Kastellane, wie man in einigen Baptistengemeinden sagt, das ist ein Titel was, klingt richtig blaublütig. Ja, ein Küster gehört sonntags in die Kirche. Aber wir hoffen natürlich, dass es sie nicht nur pflichtmäßig, sondern auch von Herzen in den Gottesdienst zieht. Darüber machen sich schon die Kinder Sorgen, ob der auch in die Kirche kommt, wenn er nicht mehr muss. Als ich gestern im Schaukasten das Plakat für Ostersonntag gegen das heutige mit dem Hinweis auf das heutige Jubiläum austauschen wollte war Hilfe nötig.. Das weht so an der Ecke, da fliegen einem beim Dekorieren schnell die Pappen um die Ohren, und wenn der Haken nicht hält, könnte mans sogar von der schweren Glasscheibe guillotiniert werden. Küster spielen kann richtig gefährlich sein, aber manchmal muss eben ganz fix das alte Plakat aus dem Kasten. Die 6jährige Erica half mir dabei und las sich interessiert den Text für die heutige Veranstaltung durch. Was fragt sie ganz entsetzt, Herr Hallmen hört auf, seh ich den nie wieder? Ich konnte sie beruhigen, es ist ja ein Jubiläum und kein Abschied. Außerdem sind wir, wenn das mal wirklich so weit ist, ohne Sorge. Auch das Vorgängerehepaar, Küster Urban und seine Frau, waren als ich herkam, schon 7 Jahre in Ruhestand und waren jeden Sonntag im Gottesdienst, und man sah dann, Küster perfektionieren in den vielen Dienstjahren nicht nur Handwerkliches, sondern auch Liturgisches. Jedenfalls waren die Gastorganisten immer sehr beeindruckt. Die Salutatio, das der Herr sei mit euch, wird hier nämlich gesprochen, wieso weiß ich auch nicht, das war hier immer so, und die Gemeinde singt und mit deinem Geist. Und wenn der Organist den Ton nicht zügig intonierte, leitete Werner Urban die Gemeinde a capella mit dröhnender Stimme an.

Die Gesangsqualitäten der hiesigen Küster haben sich dann offenbar herum gesprochen. Jedenfalls hatten wir hier mal eine sehr romantische Trauung, zu der ein Solist für zwei Liedvorträge eingeflogen war. Das war eine Überraschung für das Brautpaar, und die beiden konnten den Startenor auch nicht sehen, weil er von der Empore sang. Hinterher sagt die Braut zu mir: Und noch mal ganz besonderen Dank an Ihren Küster, er hat das Ave Maria so schön gesungen …

Zurück zu dem Jünger Thomas, der zu seinem Pech etwas ganz entscheidendes verpasst hat. Nun kann das ja immer mal passieren, dass man einen wichtigen Event verpasst, man kann ja schließlich nicht überall sein bei den vielen interessanten Angeboten, die es so gibt. Aber im weiteren Verlauf stellt sich heraus, der Thomas hat, weil er diese Zusammenkunft versäumt hat, die Gemeinschaft mit Jesus verpasst. Das, was nach einam ganz normalen Treffen ohne besonderen Höhepunkt aussah, wurde zu etwas einzigartigem, weil Jesus dazu kam. Man stelle sich vor, der Petrus sieht den Thomas am nächsten Tag auf der Straße und ruft ihm schon von weitem zu: He Thomas, bleib stehen, wieso warst du gestern nicht da, du hast das allergrößte verpasst. Du wirst es nicht glauben, ich kann es mir auch selber noch nicht richtig erklären, aber es ist wirklich passiert. Wir saßen zusammen, und auf einmal ist Jesus dazu gekommen. Der Herr ist auferstanden! Aber Thomas guckt nur geringschätzig und meint: April, April!

Ich kenne unglaubliche Geschichten, wie Leute, kluge Leute, verladen wurden am 1. April. Wir lachen darüber. Aber es gibt so viele, die bis heute allen Ernstes der Meinung sind, die Kirche wolle sie verladen, täuschen, sie spiele etwas vor, diese alten Geschichten von den Wundern und der Auferstehung, von einem Gott der Liebe, vom Leben nach dem Tod seien fromme Illusion, ein schlechter Aprischerz. Eigentlich gut, dass der Thomas damals nachfragte. Denn weil Jesus auf seine Zweifel einging, dürfen wir heute um so sicherer sein, dass die Auferstehung Jesu von den Toten eine wirkliche Tatsache ist. Was ich so wunderbar finde: Dem Thomas genügte es nicht, nur zu hören, was andere sagen über Jesus. Er wollte selber eine Begegnung mit Jesus. Das ist es, was jeder von uns braucht. Denn das ist ja gerade im Raum der Kirche, das ist gerade bei denen, die oft zur Kirche kommen oder bei der Kirche beschäftigt sind, eine Gefahr: Dass wir eine Meinung über Jesus teilen. Das ist ja immerhin schon was. Aber das kann die Begegnung mit Jesus nicht ersetzen. Und der Thomas war nun einer, der dachte über alles nach, der konnte nicht einfach die Meinung von andern übernehmen. v Es heißt oft, Thomas war ein Zweifler. Ich würde eher sagen, er war gründlich. Er gab sich nicht zufrieden mit Informationen aus 2. Hand. Er suchte Gewissheit. Er suchte Antworten. Wir werden es noch merken im Rahmen der Predigtreihe über die Jünger Jesu, wie verschieden doch die einzelnen sind in ihrem Charakter, in ihrer Persönlichkeit. Das verliert man ja nicht, wenn man Christ wird. Wir hörten gestern von Johannes, der so ein Gefühlsmensch war. Einer der sich hinein versetzen kann in die Sorgen anderer und der daran trägt. Der Jünger der an der Seite Jesu ruhte, heißt es einmal, also die persönliche Nähe, das emotionale Erleben von Gemeinschaft war ihm ganz wichtig. Er war ein Mann der Herzens. Petrus dagegen war ganz anders, der war ein Mann der Tat, der schnellen Entschlüsse, des mutigen Bekenntnis. Petrus gibt Antworten: Thomas ist wieder anders. Der ist ganz vorsichtig. Der überlegt. Der stellt Fragen. An einer anderen Gelegenheit, noch vor der Leidenswoche Jesu, sagt er: Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst, wie können wir den Weg wissen? Das ist typisch Thomas, der stellt alles in Frage.

Es ist ganz wichtig für die Gemeinde Jesu, dass Leute Raum haben für ihre Anliegen, die genau fragen. Die gründlicher fragen als die anderen. So anstrengend das manchmal ist. Ihr kennt das bestimmt, da sitzt man zusammen im Hausbibelkreis oder wenn ein Fest ist zu planen, da sind junge Muttis dabei die können auch nicht so lange, man will zur Sache kommen und da fragt doch einer tatsächlich: Warum machen wir das überhaupt. Die ersten verdrehen die Augen, bitte jetzt nicht, oder die Sprechstunde vom Pastor ist erst Donnerstag, wir haben das doch voriges Jahr auch so gemacht und alle waren zufrieden. Und jetzt kommt der und hält uns auf mit diesen Grundsatzdiskussionen. Und doch ist es wichtig und auch dafür muss man sich Zeit nehmen. Das muss nicht immer sofort sein, auch die Vielfrager und Vieldenker müssen sich daran gewöhnen, dass man sich anpassen muss. Z.B an die Vieltuer anpassen muss. Das kann gar nicht schaden. Wir Theologen sind ja auch so Vielfrager und Vieldenker, und da kann es sehr nützlich, sein, wenn die sich auch mal mit praktischen Dingen beschäftigen. So wie auf einer Fortbildung in Kloster Wülfinghausen, da sind nur Nonnen. Die waren froh, 25 starke Männer zu sehen, und wir wurden dann jede Mittagspause eingeteilt zum Abwaschen, umgraben oder andere praktische Dinge. Ich bin sicher, dass Jesus in der Zeit seines Unterwegssein mit den Jüngern dafür gesorgt hat, dass sie alle immer wieder praktische Aufgaben bekommen. Trotzdem blieb der Thomas ein Vielfrager und Vieldenker. Und das es solche gibt unter uns, ist wirklich wichtig. Kirche gerät in Gefahr, wenn sie immer nur ihre Traditionen abspult, wenn nicht mehr gefragt wird, was ist unser Ziel, nicht nur das globale Ziel, dass Jesus groß wird, sondern auch konkrete Ziele meinetwegen mit einem Osterbrunch wie gestern, wen wollen wir einladen, wie müssen wir den Ablauf gestalten, damit Gäste gern wieder kommen usw. Die evangelische Kirche verdankt ihre Existenz überhaupt einem Thomas-Typ, denn Martin Luther hat gezweifelt, tief gezweifelt an den grundsätzlichsten Glaubenslehren, an der Lehre von der Gnade. Wie kriege ich einen gnädigen Gott? Und er hat sich nicht mit den billigen Antworten zufrieden gegeben sondern hat in der Schrift geforscht, wie es sich genau verhält. Und auch Thomas stellt die grundsätzlichen, die wesentlichen Fragen, warum musste Jesus sterben, kann es wirklich stimmen, dass er auferstanden ist. Und er ist dabei konstruktiv. Er macht die Sache Jesu nicht madig. Er drückt sich nicht vor Glaubensentscheidungen, indem er an der Kirche rum mäkelt. Er hätte ja auch sagen können: Ach ihr sonntags mit eurem frommen Klüngel, das ist mir zu miefig, da spielt sich doch nichts ab, das lohnt sich für mich nicht, die Zeit opfern dafür. Thomas geht da hin. Und dort findet er die Antworten. Antworten, die ihn überwältigen. Der vor einer Woche noch gesagt hat, "ich glaube nur, was ich sehe!" schämt sich jetzt. Er schämt sich über seine Zweifel, über seinen Kleinglauben, über sein Misstrauen. Ganz überwältigt fällt er auf die Knie und stammelt: "Mein Herr und mein Gott!"

Wie wunderbar, dass Jesus ihn nicht alleine ließ in seinen Fragen. Jesus gibt ihm Gewissheit. Aber, und das ist zu beachten, nicht über dem Bücherstudium, nicht in einem gelehrten Gespräch unter vier Augen. Sondern in der Gemeinschaft am Sonntag.

Mir kam zu Ohren, wie vor einiger Zeit in einer Gruppe hier gefragt wurde: Warum ist das so wichtig, dass man am Sonntag zur Kirche kommen muss? Als einer, der wo immer möglich positiv an die Dinge heran geht, nehme ich an das war ein Thomas-Frage, eine Frage in guter Absicht. Also nicht die listige Absicht eines Langschläfers, ein Alibi für seine Trägheit zu bekommen. Denn es ist in der Tat wahr: Die Gemeindehäuser sind oft größer als die Kirchen, die Zahl der Gruppen unter der Woche steigt, anstrengend für die Küsterfrau zu Putzen, für den Küster, um den Schlüsselüberblick zu behalten. Und bei etlichen Treffen während der Woche wird, zumindest bei uns, die Bibel gelesen, gemeinsam gebetet, es ist eine Art von christlicher Gemeinschaft, die die dahin Kommenden motiviert, jede Woche zu kommen. Und einzelne kommen wöchentlich öfter als Sonntags in den Gottesdienst. Die Gründe sind verständlich: Es ist vertraut, man hat eine ähnliche Interessenlage, etwa dann, wenn man altersmäßig nicht zu sehr auseinander liegt. Das ist alles gut, aber kein Ersatz für den Gottesdienst am Sonntag. Die Bibel ist hier ganz klar, sie sagt, dass vom Tag der Auferstehung an die Christen wöchentlich am ersten Tag der Woche, am Sonntag zusammen kamen. Der klarste Beleg dafür ist der vorliegende. Die Uhrzeit war frei, hier ist es am Abend, der Tag war verbindlich. Es heißt: Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger versammelt waren. Und nun hätten sie allen Grund gehabt, nach diesem aufregenden Besuch sich baldmöglichst wieder zu treffen, auf ähnliche Wunder hoffend. Aber sie kommen erst wieder eine Woche später zusammen: "Und nach 8 Tagen waren seine Jünger abermals drinnen versammelt." Der Apostel Paulus wird später den Christen in Korinth schreiben: "An jedem ersten Tag der Woche lege ein jeder von euch bei sich etwa zurück." Also auch die Kollekte wurde schon früh am Gottesdienst am Sonntag gesammelt.

Warum ist gerade dieser Tag so wichtig? Weil er an die Auferstehung erinnert, und es ist nicht von ungefähr, dass die ersten Christen wie noch heute die kath. Kirche an jedem Sonntag Abendmahl feiern, der Sonntag wird hervorgehoben als der Tag, wo alle zusammen kommen und die Gegenwart Jesu feiern und erleben. Und dieser Tag ist auch darum wichtig, weil gerade am Sonntag im Gegensatz zu Kleingruppen oder Interessengruppen die unterschiedlichsten Typen da sind, auch die sich nicht so leicht in eine Gruppe fügen, weil sie abweichend sind in ihrer Art oder hier bei Thomas mit ihren unbequemen Fragen.

Gewiss lässt das Neue Testament die Freiheit, sich nicht abhängig zu machen von bestimmten Tagen. Aber die ersten Christen haben davon keinen Gebrauch gemacht. Es war ihnen klar, dass nichts so sehr die Herrlichkeit Christi verdeutlich und ehrt, dass kein Tag sich besser eignet für einen Gottesdienst wie der Sonntag. Gewiss gibt es auch andere Wochentage, die mit Ereignissen der Jesusgeschichte verknüpft sind und die sich geeignet hätten, sich in Zukunft immer an diesem Tag zu treffen. Der Donnerstag, wenn man die Gemeinschaft betonen will, wie sie beim letzten Abendmahl war. Der Freitag, wenn man das Kreuz betonen will. Aber für die ersten Christen war es gar keine Frage, dass sie den Sonntag genommen haben, weil sie überwältigt waren von der Osterfreude. Und sie machten mit diesem Tag klar: Das ist das allerwichtigste: Jesus lebt, und im Namen des Lebendigen und Auferstandenen wollen wir uns versammeln. Und darum beginnen wir bis heute jeden Gottesdienst in diesem Namen.

Es gibt so viele in unserer Nachbarschaft, in unserer Stadt, die meinen, sie hätten nichts verpasst, wenn sie Sonntags um 10 frühstücken oder ins Grüne fahren statt die Kirche anzusteuern. Von Thomas lernen wir, wie sehr man sich da täuschen kann. Darum lasst uns selber die Gemeinschaft suchen, lasst uns nicht aufhören die Fragenden und Erwartungslosen einzuwerben. Damit sie die herrliche Erfahrung machen können: Dabeisein ist alles!

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