Christus – und das Leben beginnt

Liebe Gemeinde!

Fleißige Hörerinnen und Hörer von NDR 2 kennen diesen Spruch: „NDR 2 und das Leben beginnt”. Er tönt mehrmals am Tag aus dem Radio. Da meine Söhne gerne diesen Sender hören, schallt dieses Motto mir auch des öfteren aus ihren Zimmern entgegen. Manchmal frage ich mich da, wie ich eigentlich ohne NDR 2 leben kann. Mir gefällt es nämlich ganz gut und ich habe das Gefühl, dass mein Leben auch ohne NDR 2 schon begonnen hat.

Leben ist ja ein riesig großes Wort. Im rein biologischen Sinne benutzen wir es für jedes Lebewesen dieser Erde ob Frosch, Maus oder Mensch. Was allerdings das Leben lebenswert macht, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Für die einen mag es ein Radiosender sein oder das, was die Werbung uns täglich vorgaukelt: Ein teurer Urlaub, ein schnelles Auto, das neueste Handy und vor allem und immer wieder: die Gesundheit. Gelungenes Leben ist für manchen Menschen nur vorstellbar mit materiellen Gütern und körperlicher Gesundheit. Aber auch diejenigen, die so denken, spüren irgendwann: das ist nicht alles. Menschen können unter den schönsten Weihnachtsbäumen sitzen, umgeben von den tollsten Geschenken und trotzdem kreuzunglücklich sein.
Erfülltes Leben, sieht über die Ränder des Lebens hinaus. Es hat zu tun mit Gewissheiten, die über unser irdisches Leben hinausgehen. Wir haben das im weihnachtlichen Licht wieder erleben dürfen, dass der größte Lebensreichtum uns geschenkt wurde in dem Kind von Bethlehem. Ohne großen Pomp und Glitzer, ganz schlicht und eindringlich.

Der Jesus, der da geboren wurde, hat schon bei seiner Geburt tiefen Eindruck hinterlassen: bei seine Eltern, bei den Hirten und den Weisen aus dem Morgenland, bei Simeon und Hanna. Erst recht hat Jesus die Menschen begeistert und angesteckt, die ihm gefolgt waren: seine Jüngerinnen und Jünger.

Auch nach seinem Tod hörte die Begeisterung nicht auf. Menschen auf der Suche nach erfülltem Leben spürten: in Jesus hat sich etwas erfüllt. Unsere Suche nach Sinn kann an ihm nicht vorbei. Er hat dieses manchmal so harte und verzweifelte Leben mit Gott in Einklang gebracht. Sein Weg war geprägt von Liebe zu den Menschen und zu Gott. In ihm wird Gott greifbar, kommt er zum Anfassen nahe. Er wird Fleisch, dieser Gott. Bleibt nicht der Unfassbare, bleibt nicht der Ferne, bleibt nicht der Rätselhafte. Gott übt seine Macht nicht aus wie ein ferner Weltenlenker, der seine Menschen wie Marionetten behandelt.

Das hat Menschen damals so begeistert. Das steckt sie an bis heute.

Der Predigttext für heute ist so voller Begeisterung, dass der Schreiber sich fast überschlägt. Das macht es beim Zuhören vielleicht etwas schwer. Im 1. Johannesbrief lesen wir ganz am Anfang, im 1. Kapitel:

[TEXT]

Vollkommene Freude wird hier weitergesagt; es ist fast atemlose Begeisterung. Hier hat einer gespürt, dass Gott sich ganz und gar auf die Menschen eingelassen hat. Gott ist keine Schicksalsmacht, die unergründlich bleibt. In Jesus Christus redet er mit den Menschen.

Gott ist das Geheimnis der Welt und er bekommt Hand und Fuß. Grenzenloses Staunen. Das Wort des Lebens ist zum Anfassen nahe gekommen. Wir haben es gesehen mit unseren Augen, wir haben es betrachtet und mit Händen betastet. So wie die Hirten in Bethlehem voller Staunen und Freude wieder zurück an ihre Arbeit gingen, so ist auch der Schreiber des Johannesbriefes voller Freude über das entdeckte volle Leben. Er ruft es hinaus, was ihn so froh macht. Und wir werden mit hinein genommen in diese Freude. Das klingt wie eine Einladung. Eine Einladung, sich einzulassen auf einen Gott, der menschlich ist. So menschlich, dass er wie einer von uns geworden ist. Wir dürfen Anteil nehmen an dieser Freude. Bei Christus geraten wir in ein Kraftfeld. Wir werden hineingezogen in eine Lebenskraft, die bis ins Mark vordringt. „Christus – und das Leben beginnt!”

Auf der Suche nach Leben sind die Menschen heute, bald 2000 Jahre nach diesen begeisterten Worten aus dem Johannesbrief immer noch, mehr denn je. Diese Lebenssuche äußert sich enorm vielfältig. Nicht umsonst hat die Esoterik so einen Zulauf. Manche Menschen finden ihre Erfüllung in chinesischer Heilkunde oder in buddhistischen Ritualen, nicht wenige in einem Mix aus Astrologie und eigenen Gedanken über Gott und die Welt. Allerdings erlebe ich oft in Gesprächen, dass die Suche nicht gestillt wird. Viele geraten trotz der entlegensten und individuellsten religiösen Gedanken immer weiter weg von Sinn erfülltem und eben auch zufriedenem Leben. Ich glaube, dass sinnvolles Leben sich auch darin zeigt, dass Menschen zufrieden sind. Je mehr jemand auf der Suche ist, desto unglücklicher kann er oder sie werden. Denn immer wieder meint man sich am Ziel der Suche und hört dann doch wieder von etwas Neuem, Verlockendem, das der Seele verspricht, Ruhe und Zufriedenheit zu finden.

Bei dieser Suche kann die Begegnung mit Christus zu einem unendlich wertvollen Schatz werden. Er ist kein Guru, der von uns verlangt, dass wir meditieren oder beten, nicht will, dass wir zuerst andere Menschen werden und nicht verlangt, dass wir uns ihm unterwerfen. Sein erstes Wort an uns ist: Komm Freund, komm Freundin, geh mit mir! Er spricht uns an und bietet uns sein Leben. Ohne jede Gegenleistung. Einfach so. Geschenkt!

Darin zeigt sich der Gott, der diese ganze Welt in Händen hält. In diesem wunderbaren Menschen bricht das Licht Gottes durch. In seinen Worten dürfen wir Gottes Worte nicht nur ahnen, sondern Gott spricht zu uns durch ihn.

Nun gibt es viel, was Jesus uns hinterlassen hat an schönen, eindringlichen Geschichten und Worten. Sie alle aufzuzählen, macht keinen Sinn. Am deutlichsten tritt Jesus für mich dort in Erscheinung, wo er Menschen frei macht: Fürchte dich nicht, sagt er. Mit unbeirrbarerer Freiheit spricht er Menschen los von ihrer Sünde. So heilt er Menschen, die niedergebeugt sind, die krank geworden sind von all der Last ihrer schweren Tage. Wie viele Menschen leben bis heute in völliger Unfreiheit, weil sie sich abhängig machen. Abhängig von vermeintlichen Partnern, die ihnen Liebe versprechen und sie nur ausnutzen, abhängig vom Erfolg, der gnadenlos ist oder abhängig von der Meinung anderer, die Schwächen nicht gelten lassen. Abhängigkeiten sind so vielseitig! Hier Jesus Christus zu begegnen, das bedeutet, sein Wort zu hören: du bist frei. Frei, als Mensch vor Gott zu leben. Frei, mit erhobenem Kopf dazustehen und zu spüren: ich werde geliebt, ich werde so angenommen, wie ich bin. Da brauche ich mich nicht zu verbiegen, mich nicht kaputt zu machen, mir nicht vorschreiben zu lassen, wie ich zu leben habe.

Das ist Gottes Wort an uns. Dieses Wort ist mehr als nur hingeschriebene Buchstaben, mehr als leicht dahingesagte Wörter. Es ist lebendig. Die ersten Augenzeugen Jesu waren erfüllt davon. So erfüllt, dass sie es weitersagen mussten und dann auch aufgeschrieben haben.

Wir versuchen diesem Wunder vom lebendigen Wort in jedem Gottesdienst nachzuspüren. Wir versuchen es weiterzusagen mit unseren Worten. Dabei spüren wir die ungeheure Kraft, die vom lebendigen Wort ausgeht. Das ist eine Kraft, die Menschen tröstet, die Wunden heilt, die Suchende ans Ziel kommen lässt. Menschen sagen es sich weiter, dieses Wort. Und doch ist Gott dabei im Reden und Hören. Immer wieder verwandeln sich dann die Worte, um die wir uns bemühen und werden zu Gottes Wort, das ins Herz trifft. Wenn das geschieht, werden Menschen verwandelt. Dann spüren sie die Nähe zum Kraftfeld des Lebens, werden sie hineingezogen in das Licht, von dem unsere vielen Kerzen in der Weihnachtszeit nur ein kleines unscheinbares Abbild sind.

Unbändig war die Freude des Briefschreibers. Unbändig und unbeholfen sind manches Mal auch unsere Versuche, das in Worte zu fassen, was Gott da eigentlich getan hat.

Mit Weihnachten sind wir mitten drin in der Entdeckungsreise des Lebens. Im Stall von Bethlehem stehen wir im Zentrum des Lebens. Staunend stehen zu bleiben und zu lauschen, zu betasten und zu sehen – darin öffnet sich das Leben. Leise aber eindringlich wird uns dann ein Licht aufgehen. Und in diesem Licht leuchtet uns das Wort entgegen. Welches? Das Wort des Lebens. Sein Wort, Gottes Wort, das nicht blutleer ist, sondern Mensch geworden. Christus. Auf ihn sich einlassen – und das Leben beginnt!
Das sagen wir – damit unsere Freude vollkommen sei.

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