Christus ist mitten unter euch!

Liebe Gemeinde,^

eine einst blühende Gemeinde mit vielen, vielen Mitarbeitern und Helfern war in große Not geraten: irgendwie war ein Stillstand eingetreten und die Menschen wußten nicht mehr, warum sie sich damals so wohl in der Gemeinschaft gefühlt hatten. Zurück blieben ein paar wenige Verunsicherte, die nicht recht sagen konnten, warum sie zurück geblieben waren: war es die Angst, draußen keinen Halt zu finden – war es Gewohnheit: schon immer gingen sie doch in diese Gemeinde. So hielten sie mit Mühe und Not das nötigste Gemeindeleben aufrecht. Aber ihr Leben war ausgefüllt mit Klage und Schwermut – ach, warum, warum nur ist all die Schönheit aus unserem Leben verschwunden?

Am Rande der Gemeinde war aber vor einiger Zeit ein einzelner, älterer Mann hinzugezogen: er besuchte die Gemeinschaft nicht und ließ sich auch sonst kaum blicken. Vielleicht gerade deswegen ging eines Tages der Leiter der Gemeinde zu ihm, trat in sein kleines Haus und sah auf dem Tisch eine geöffnete Bibel liegen. Das rührte den Gemeindeleiter so sehr an, dass er in ein lautes Weinen ausbrach und dem alten Mann sein Leid klagte. Der aber hörte sich seine Geschichte an und sagte: geh wieder zurück in deine Gemeinschaft und sage deinen Mitarbeitern nur diesen einen Satz – danach aber darfst du ihn nie wieder aussprechen. Der Satz lautete: "Christus ist mitten unter euch!" Der Gemeindeleiter kehrte zurück und setzte gleich am nächsten Tag eine Versammlung an, erzählte dort von seiner Begegnung mit dem alten Mann und auch, dass dieser Satz nur einmal gesagt werden dürfe. Dann schaute er alle MitarbeiterInnen und Helfer, die noch übrig waren der Reihe nach an und sagte: "Die Botschaft lautet: In einer oder einem von uns ist Christus!". Alle waren danach sehr aufgewühlt und fragten sich untereinander: Wer mag es sein – vielleicht Betina? Oder Stefan oder Oliver? Seitdem aber gingen sie wieder anders miteinander um: irgendwie fröhlicher, offener, liebevoller. Sie lebten jetzt zusammen wie Menschen, denen eine Wahrheit aufgegangen war. Das merkten auch die Leute, die ab und an in die Gemeinde kamen – sie waren tief beeindruckt, von dem was sie dort vorfanden. Und es dauerte nicht mehr lange, da wuchs die Gemeinde wieder und strahlte ein helles Licht in ihre Umgebung aus.

Liebe Gemeinde, noch eine zweite Geschichte möchte ich Ihnen heute an diesem Ostersonntag vorlesen – sie steht im Evangelium nach Johannes im 20. Kapitel, die Verse 11 bis 18.:

[TEXT]

Maria stand also draußen und weinte – sie weinte, noch bevor sie sah, dass der Leichnahm des Mannes, der ihr Leben so grundsätzlich verändert hatte, nicht mehr im Grab lag. Vor dem nächsten Schreck, nämlich, dass sie nicht hinpilgern konnte zu einem Grab und andächtig davor stehen, um sich zu erinnern, was dieser Mensch Jesus alles getan hatte – noch vor diesem Schreck also stand der erste Schreck: dieser Jesus von Nazareth war gestorben – er war tot und kalt geworden: sie selbst hatte gesehen, wie er am Kreuz sein Leben aushauchte: mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen! Diese Klage hatte sich tief eingebrannt in ihr Herz: mein Gott, warum hast du mich verlassen. So musste sie sich wohl auch gefühlt haben: verlassen, alleine, einsam – die Gemeinde der JüngerInnen und Jünger, die diesem Jesus nachgefolgt waren, war fast zerbrochen: verschlossen hatten sie sich hinter festen Türen, fast lebendig eingemauert, so kam es ihr vor. Dabei hatte sie doch so fest an ihn geglaubt, an den Menschen, der sie geheilt hatte von allem Leid und aller Krankheit – innerer wie äußerer, die sie in ihrem Leben schon erleiden musste. Ihre Augen hingen voller Liebe an diesem Schreiner aus Nazareth, aber es war mehr als die Liebe, die sie bisher zu Männern empfunden hatte – hier war etwas, was sie wieder an die Welt und an Gott glauben ließ. Und jetzt war er fort und sie fühlte sich so, als sei damit auch ihr Glaube verschwunden. Nicht ganz vielleicht, sonst wäre sie nicht zum Grabe gegangen, aber ihr Glaube war nur noch ein schwacher Abglanz von dem, was urspünglich in ihr brannte. Vielleicht so etwas wie eine Erinnerung an gute Zeiten. Vielleicht deswegen ging sie zum Grab, um diese Erinnerung wieder zu stärken und ihr ein wenig Hoffnung zu geben, damit sie sich nicht auch – wie die anderen – lebendig in ihrem Haus vergraben musste.

Aber es war noch nicht genug, dieses erste Weinen. Denn als sie in das Grab hineinsah, musste sie feststellen, dass auch ihr Notnagel, das schwache Abbild ihrer großen Wende im Leben, verschwunden war: wo sollte sie nun hingehen, gab es doch jetzt auch keinen Ort mehr, um die Erinnerung wachzuhalten. Das war ihr zweites Weinen. Und nun sind da welche, die sie noch nie gesehen, Fremde gleichermaßen – sie sitzen dort, wo ihre Erinnerung liegen sollte: der eine an der Stelle, wo Jesu Kopf lag, jener Kopf mit dem schönen Mund, aus dem Worte des Lebens hervorkamen, die wundersam bisher nie gekannte Türen öffneten und Leben erschlossen, wo vorher Tod war; der andere an der Stelle, wo Jesu Füßen lagen, jene Füßen, die unermüdlich zu den Kranken und Geächteten, zu den Sündern und den Armen gingen, damit sie geheilt würden, als ob es ein Beispiel dafür wäre, dass Gottes Welt eine gute Welt ist. Und diese Fremden fragen: warum weinst du? Sie fragen so, als ob sie nicht begriffen hätten, dass ohne Jesus von Nazareth, ohne diesen anfassbaren Mann aus Fleisch und Blut, eben nichts gelänge. Und Maria ist bemüht, es ihnen zu erklären: ich weiß nicht mehr, wo er ist. Und als sie das erklären muss – noch dazu den Fremden, brechen aus ihr erneut die Tränen hervor: das ist ihr drittes Weinen. Und weil sie nicht mehr hinsehen kann, wo es doch nichts mehr zu sehen gibt, dreht sie sich um und sieht dort einen, den sie so auch noch nie gesehen hat. Und der fragt ein zweites Mal: warum weinst du? Er fragt aber noch weiter, ohne die erste Antwort abzuwarten: wen suchst du? Sie aber geht gar nicht auf die Fragen ein, sondern glaubt, in dem Mann gegenüber einen Gleichgesinnten zu erkennen – nämlich einen, der die Stätten der Toten pflegt, um die Erinnerung nicht verblassen zu lassen. In diesem Eifer sagt sie zu ihm: sage mir, wo er liegt, dann will ich ihn holen! Dann aber nennt der Fremde Maria bei ihrem Namen. So erinnert er sie daran, dass es um sie geht: Maria – du bist eine, der ich geholfen habe. Maria, du sollst keine Hüterin von toten Dingen werden, du, in der doch einst das Leben aufgebrochen ist: du sollst leben und Leben sollst du ausstrahlen. Dreimal musste Maria weinen und dreimal musste sie gefragt werden, ehe sie erkannte, was dieser Jesus doch gesagt hatte: nämlich dass er der Christus sei! Und jetzt erst bricht es aus ihr heraus: Meister!

Maria darf ihren Meister nicht anfassen: sie wird ihn nicht in den Griff bekommen, dieses Leben und diese Freude, die ihr da gegenübersteht. Sie soll gar nicht erst in die Versuchung kommen, ihn wieder irgendwo "hinlegen" zu wollen, ihn einreiben zu können, für die Ewigkeit, sie soll sich nicht an ihn hängen, an seine starken Schultern, damit sie sich verstecken kann vor dem, was ihr das Leben noch zu bieten hat. Maria: du sollst dein Leben leben können – deswegen bin ich gekommen und deswegen bin ich gestorben! Aber Maria erhält eine höhere Auszeichung: geh weg von diesen Gräbern, Maria und geh hin zu den Menschen, die dabei sind, sich selber zu lebendigen Gräbern zu machen: sage ihnen, was du gesehen und gehört hast: nämlich, dass ich lebe, damit ihr leben könnt.

Ich stelle mir vor, dass sie gelacht haben wird, diese Maria, ich stelle mir vor, dass ihre Füßen zu den Füßen geworden sind, die sie nicht mehr hat sehen können auf dem Totenlager und dass ihr Mund zu dem Mund geworden ist, aus dem für andere lebensnotwendige Botschaft kam. Und vielleicht hat sie dabei die Worte benutzt, die Jesus selber gesprochen hatte, als er noch ein Schreiner auf Erden war: "Ich lebe und ihr sollt auch leben."

Gott-sei-Dank, liebe Gemeinde, sind die Marias auf dieser Welt noch nicht ausgestorben – und die Osterzeit ist die beste Zeit, um sich daran zu erinnern. Denken sie an die Gemeinde, von der ich vorhin berichtet habe: für diese Gemeinschaft war der alte Mann die Maria alleine mit dem kurzen Satz: "Christus ist mitten unter euch!"

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