Christus gibt uns seinen Frieden

In die Zeit von Juli und August fällt nach jüdischem Kalender der Monat Aw. An seinem 9. Tag lässt sich das Volk Israel an die zweimalige Zerstörung seines Tempels und somit auch Jerusalems erinnern. Es ist ein schmerzlicher Gedenktag, der seinen Ausdruck auch darin findet, dass am ganzen Tag gefastet wird. Hierzu werden Texte der Hl. Schrift gelesen – zum Schluss aus dem Buch des Propheten Jesaja das 54. Kapitel, aus dem wir vorhin einen Abschnitt gehört haben: Durch den Mund seines Propheten lässt Gott sein Volk nicht nur in der babylonischen Verbannung wissen: Ich bin bei euch, eure Lage ist nicht trostlos, ist nicht ohne Hoffnung, zusammen mit mir habt ihr eine Zukunft– auch ihr Heutigen des 21. Jahrhunderts!

Wie sehr musste es Jesus schmerzen, was rund 600 Jahre nach der 1. Zerstörung aus Jerusalem, aus Israel, dem von Gott auserwählten Volk, wieder geworden war. Wir hören aus dem Hl. Evangelium nach Lukas:

[TEXT]

Liebe Schwestern, liebe Brüder! „Denk ich an Deutschland in der Nacht, so werd‘ ich um den Schlaf gebracht …“ dichtete einst Heinrich Heine, und so geht es mir auch, wenn ich mir heute unser politisches Deutschland anschaue. Dass Jesus über Jerusalem weint, dass er vorübergehend Ordnung schafft im Tempel, kann ich daher gut nachempfinden. Dass die Juden in aller Welt auch heute noch den 9. Aw als Gedenktag für die zweimalige Zerstörung Jerusalems und des Tempels begehen, verstehe ich ebenfalls. Aber warum ausgerechnet wir als evangelische Kirche einen „Israelsonntag“ fest im Ablauf unseres Kirchenjahres haben, scheint nur bedingt nachvollziehbar zu sein. „Auschwitz“ als alleinige Begründung dafür wäre mir zu wenig!

Damals – während des babylonischen Exils – trat unter dem Volk Israel ein uns unbekannter Mann auf, dem unsere Theologen den Namen Deuterojesaja gegeben haben. Dieser konnte seinen Leidensgenossen neue Hoffnung geben: Der HErr, unser Gott, hat uns nicht verlassen, er ist bei uns, solidarisch leidet er mit uns mit! Und dieser unser Gott hat uns zwar für unsere Untreue ihm gegenüber hart bestraft, aber er will nicht unsere Vernichtung, er liebt uns nach wie vor, Großes hat er noch mit uns vor: „Denn der HERR hat dich zu sich gerufen wie ein verlassenes und von Herzen betrübtes Weib; und das Weib der Jugendzeit, wie könnte es verstoßen bleiben! spricht dein Gott. Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln.“ (Jes 54, 6+7) ruft dieser Prophet seinen Mitverbannten zu – wir haben es vorhin gehört, als aus der Schrift gelesen wurde. Gott vergisst sein Volk nicht; nichts kann es aus seinem Herzen verdrängen! Denn wer kann jemals die große, die wirkliche Liebe seines Lebens vergessen? Deshalb schmerzt es Gott, dass sein geliebtes Volk sich ihm gegenüber so untreu verhalten hatte; aber seine übergroße Liebe lässt sich nicht abtöten, sie überwindet auch diese Zertrennung. Und so wie Jahwe dem Noah nach der Sintflut geschworen hatte, nie mehr ein Vernichtungswerk gegen seine Schöpfung in Gang zu setzen, so lässt er den Exilierten durch seinen Propheten verkünden: Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der HERR, dein Erbarmer. (Jes 54, 10)

Ich denke, mit dieser Erinnerung an die Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel können wir Jesu Weinen über Jerusalem und sein Aufträumen im Tempel, im Hause Gottes gut nachempfinden: Indem Jesus Jerusalem vor sich liegen sieht, sieht er auch seine Landsleute, das von Gott auserwählte Volk, sein geliebtes Israel. Welch eine Entwicklung hat dieses Volk genommen! Der Perserkönig Kyros hatte es zwar aus seiner babylonischen Gefangenschaft herausgeführt und zurückgebracht in das von Gott zugesprochene Land; aber ein wirklich freies, ein unabhängiges Volk ist es seitdem in diesen gut 500 Jahren nie mehr geworden. Politische Heißsporne und religiöse Eiferer, wie die Zeloten und Makkabäer, meinen, mit blutigen Überfällen auf römische Besatzungstruppen und Einrichtungen Israel wieder zu einem freien, unabhängigen Land putschen zu können. Sie wollen nicht sehen, dass sie ihr Volk auf diese Weise immer tiefer ins Unglück, ja in den Untergang ziehen.

All dies erkennt Jesus, als er Jerusalems ansichtig wird. Es ist ja hinlänglich bekannt, welch kurzen Prozess die römische Besatzungsmacht mit Ländern macht, die sich nicht befriedigen lassen wollen. Aber wie sollen Ordnung und Frieden im Land Einzug halten, wenn diese sogar im Tempel, im Hause Gottes nicht anzutreffen sind? Deshalb räumt Jesus im Hause des Vaters auf. Aber er trifft auf das Unverständnis und den Hass genau der Menschen, die es eigentlich besser wissen müssten, der Theologen.

Dagegen das einfache Volk, es scheint zu ahnen, worum es Jesus geht? Auf jeden Fall sind sie fasziniert von seinen Predigten. Diese Menschen spüren: Hier tritt ein Mann auf, der spricht unsere Sprache, die Sprache der einfachen, der kleinen Leute, weil er unsere Sorgen und Nöte kennt und sie zu seiner Angelegenheit macht!

Jesus nimmt sich solidarisch, d.h. mitleidend und dabei aktiv, der Lebensbedrängnisse der Zu-Kurz-Gekommenen, der immer Benachteiligten an. Sie sind es, die unter den Aktionen der jüdischen Widerständler und theologischen Elite sowie den Bestrafungsreaktionen der römischen Besatzungsmacht leiden. Ihnen gilt seine Liebe, seine Zuwendung. Sie sind das geknickte Rohr, das er, der Knecht Gottes nicht zerbrechen wird. Er ist es, der ihr verglimmendes Licht wieder zum Leuchten bringen wird. Das spürt das Volk; deshalb scharen sie sich um ihn und nehmen begierig seine Predigten in sich auf.

Und als der Christus ist Jesus genau das Licht, das in die Welt gesandt ist, um uns aus unseren Dunkelheiten herauszuführen. Deshalb sind wir getauft auf Gott, den Vater und den Sohn und den Hl. Geist. Darum gehören auch wir nun zu Gottes geliebtem Volk. Und genau deswegen ist der Israelsonntag für uns wichtig, ja unverzichtbar: Christus Jesus kennt unsere Sorgen und Nöte, unsere Bedrängnisse und Leiden; unsere Tränen sind auch seine Tränen. Bei aller Verlassenheit, der wir uns hilflos ausgeliefert sehen, ist ER stets bei uns. Und das ist die Botschaft des Evangeliums am heutigen Tag an einen jeden von uns: Gott hat dich nicht aufgegeben – im Gegenteil, Christus ist bei dir und macht deine Not zu seiner Angelegenheit. Mit ihm als Beistand wirst du deinen Frieden finden. Und deshalb lasst euch zurufen:

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus!

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