Christopherus

Liebe Schwestern und Brüder!

Weihnachten ist das Geburtstagsfest des neuen Menschen. Dabei geht es nicht nur um die Geburt des Jesuskindes vor mehr als 2000 Jahren, sondern zugleich um eine neue Geburt für jeden einzelnen Menschen – eine Geburt zu einem neuen, heilen, unbeschädigten Leben. Das alles hängt ganz eng zusammen.

Deshalb spricht der Titusbrief in einem Atemzug von der Erscheinung der (Freundlichkeit und) Menschenliebe Gottes, vom Bad der Wiedergeburt (und Erneuerung) und vom ewigen Leben.

Wir hören noch einmal den Predigttext. Achten wir dabei auf diese Stichwörter und wie sie verknüpft sind: „Als aber erschien die Freundlichkeit und die Menschenliebe Gottes unseres Heilandes, machte er uns heil – nicht aus Werken der Gerechtigkeit, die wir taten, sondern nach seinem Erbarmen – durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im Heiligen Geist, von dem er auf uns reichlich ausgoss durch Jesus Christus, unsern Heiland, damit wir – gerecht gemacht durch seine Gnade – Erben des ewigen Lebens würden, das wir erhoffen. Das ist gewisslich wahr.“

Dieser Schluss-Satz zeigt es ganz deutlich: der Text spricht die Sprache des Katechismus – eine dichte, lehrhafte Sprache. Ich möchte sie übersetzen in die Bildersprache der Legende. Ich lade Sie ein, die Bilder in sich aufzunehmen und sich darin wiederzufinden.

1. Bild: Die Erscheinung der Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes
Christophorus hatte lange vergeblich nach Gott gesucht. Ein Fährmann hatte ihm den Rat gegeben, am Fluss zu bleiben und die Menschen durch die Furt zu tragen. So nahm Christophorus einen großen Stab in seine Hand, darauf stützte er sich im Wasser; und so trug er die Menschen alle hinüber. Als er einst in seiner Hütte ruhte, hörte er, wie eine Kinderstimme rief: „Christophorus, komm heraus und setz mich über.“ Er stand auf und lief hinaus, konnte aber niemanden finden; also ging er wieder in seine Hütte. Da hörte er die Stimme abermals. Er ging wieder hinaus und fand niemanden. Danach hörte die Stimme zum dritten Mal, und als er hinausging, fand er ein Kind am Ufer, das bat ihn gar sehr, es hinüberzutragen.

Als aber erschien die Freundlichkeit und die Menschenliebe Gottes unseres Heilands, – in einem Kind. Das Kind am Ufer ist eine unscheinbare Erscheinung. Dreimal muss es rufen, ehe Christophorus es sieht. Und dann bittet es „gar sehr“ um die Hilfe des kräftigen Mannes.

Komm und sieh die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes! Er „zwingt nicht – er bittet und vertraut. Er wurde ein Kind, damit wir keine Angst vor ihm haben – ein Kind … das uns vertrauend die Arme entgegenbreitet …, das sich angewiesen macht auf unsere Liebe, damit es uns die seine schenken kann.“ (Heinrich Spaemann)

Das Kind spricht Christophorus auf seine stärkste Seite an – er ist ja ein tüchtiger, kräftiger Träger. Dieser Heiland fängt nicht damit an, die schwachen Seiten der Menschen aufzuspüren, um sich dann als Retter und Helfer anzubieten. Die Menschenliebe Gottes schließt Vertrauen und Wertschätzung ein. Es ist wohl so: nur wer sich angenommen und wertvoll fühlt, kann sich dann auch seinen Schwächen und dunklen Seiten stellen und sich auf einen Prozess der Erneuerung einlassen. Davon handelt das 2. Bild.

2. Bild: Das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung
Christophorus nahm das Kind auf sein Schulter, ergriff seinen Stab und ging in das Wasser. Aber siehe da: das Wasser wuchs höher und höher, und das Kind wurde so schwer wie Blei. Je weiter er kam, desto höher stieg das Wasser und um so schwerer wurde ihm das Kind auf seinen Schultern, so dass er in große Angst kam und fürchtete, er müsste ertrinken. Und als er mit großer Mühe durch den Fluss geschritten war, setzte er das Kind nieder und sprach: „Du hast mich in große Gefahr gebracht, Kind, und bist auf meinen Schultern so schwer gewesen: hätte ich die ganze Welt auf mir gehabt, es wäre nicht schwerer gewesen.“ Das Kind antwortete: „Das soll dich nicht wundern, Christophorus; du hast nicht allein alle Welt auf deinen Schultern getragen, sondern auch den, der sie geschaffen hat.“

Christophorus geht also los. Je weiter er geht, desto weicher wird er in den Knien, desto mehr kommt er an die Grenzen seiner Kraft. Wie hat das Kind das fertig gebracht – dieses kleine, schwache, verletzliche Wesen?

Das erinnert mich daran, wie Weihnachten es doch immer wieder schafft, auch in dem härtesten Menschen eine weiche Seite (Saite) anzurühren. Das wehrlose Kind übt eine Wirkung aus, der sich kaum jemand entziehen kann. Vielleicht wird Weihnachten deshalb oft gefürchtet. Probleme, die man schon unter den Füßen zu haben glaubte, mit denen man halbwegs zurechtkam, werden zu Weihnachten (manchmal) unerträglich schwer. Einsamkeit, Verlust des Partners, Streit in der Familie, Verletzungen, die Menschen einander zufügen, ja auch die Tatsache, dass kein Friede in der Welt ist – das kann gerade an Weihnachten so niederdrücken, dass jemand denken kann: Ich schaff‘s nicht – es schwemmt mich weg.

Ist das das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung – das Bad, durch das Gott uns heil macht?

Christophorus hat beides erfahren: erst hat ihn das Kind auf seine starke Seite angesprochen und ihm etwas zugetraut; dann erlebt er mit dem Kind auf den Schultern seine Gefährdung, seine schwache Seite. Beides ist auch in jedem von uns. Und indem beides angenommen, geliebt wird, werden wir heil. Deshalb höre ich die Christophorus-Legende als Ermutigung, vor den Gefühlen nicht davonzulaufen, die Weihnachten in uns weckt – sondern hineinzugehen, hindurchzugehen.

3. Bild: Das ewige Leben
Und das Kind sprach weiter: „Und damit du siehst, dass ich die Wahrheit rede, so nimm deinen Stab, wenn du wieder hinübergegangen bist, und stecke ihn neben deiner Hütte in die Erde; so wird er des Morgens blühen und Frucht tragen.“ Christophorus ging hin und pflanzte seinen Stab in die Erde; und als er morgens aufstand, trug der Stab Blätter und Früchte.

Christophorus hat wieder Boden unter den Füßen. Auch wir kennen sicher das Gefühl, wenn nach einer schweren Zeit die Lebensgeister in uns wieder erwachen. Das braucht oft etwas Zeit – bei Christophorus eine Nacht.

Weihnachten hat mit Leben zu tun. Das Fest weckt in uns die Sehnsucht nach Leben und Lebendigsein – oft so stark, dass auch das schönste, gelungenste Fest sie nicht stillen kann. Vielleicht blicken deshalb unsere Weihnachtslieder schon voraus zum himmlischen Saal, zum ewigen Leben … und singen „Eia wär‘n wir da!“ Und auch unser Predigttext endet mit einem solchen Ausblick: Gott machte uns heil, damit wir … Erben des ewigen Lebens würden, das wir erhoffen.

In der Legende von Christophorus wird am Ende sein Stab zum Lebensbaum. Der Stab, mit dem er durch das gefährliche Wasser gegangen ist, mit dem er die Last der Welt mitgetragen hat – dieser Stab erblüht, trägt Blätter und Früchte. Ein Bild der Hoffnung, nicht nur für Christophorus, sondern für die ganze Welt, für die wir uns nach Frieden sehnen.

Und wer denkt beim Lebensbaum nicht an unsern Weihnachtsbaum, der mit Kerzen und Sternen geschmückt „mitten in der längsten Nacht des Winters steht? Er bringt die Nacht nicht zum Verschwinden, sondern er leuchtet in ihr“. (Carl Friedrich von Weizsäcker)

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