Christliche Streitkultur

Liebe Gemeinde,

manchmal stelle ich mir vor, Paulus würde mir die Worte aus seinen Briefen direkt persönlich sagen, und dann antworte ich ihm gerne und manchmal wird da auch ein Gespräch oder ein Antwortbrief für die Predigt draus. Heute bin ich froh, dass ich diese Sätze nur lesen muss, denn wenn er sie mir direkt gesagt hätte, wäre ich, glaube ich, vor Scham am liebsten im Boden versunken. Ich habe gedacht: Kennt der uns, wusste der damals schon, wie es uns heute geht, und vor allem, wer hat diesen Predigttext eigentlich für uns ausgesucht?

Ich habe mich ehrlich erschrocken. In einer Zeit, in der wir in unserer Gemeinde nicht unerhebliche Probleme haben, wo wir nicht sicher sind, wie es weitergehen soll, und wo wir auch wahrlich nicht immer liebevoll demütig, geduldig und wo wir alles andere als einig sind, ermahnt uns dieser Abschnitt genau dazu.

Beim zweiten Überlegen fiel mir ein, dass Paulus uns heute in Emst ja nicht direkt gemeint haben kann, es muss also in Ephesus eine Situation gegeben haben, die vielleicht ähnlich war wie unsere. Dass die Epheser nicht viel anders waren als wir, fand ich dann auch ein bisschen tröstlich. Paulus hatte wohl das Gefühl, er musste seine Gemeinde in Ephesus ermahnen. Sie sollten unbedingt versuchen, der Berufung würdig zu leben. Was das heißt, konkretisiert er anschließend. Er sagt: lebt in Demut, in Sanftmut und in Geduld. Ertragt einer den anderen in Liebe. Und seid darauf bedacht, die Einigkeit im Geist zu wahren durch das Band des Friedens. Das ist ein hoher Anspruch, den er da formuliert und die Epheser damals wussten wohl wie wir heutigen auch, dass das schwierig ist. Aber wenn wir mit Ernst Christen sein wollen, dann gilt uns wohl dieser Anspruch. Wir Christen sollen versuchen, so zu leben, wie Christus es uns vorgemacht hat. Er hat den Anspruch an uns, dass wir mit Ernst versuchen, uns einander in Liebe zu tragen und demütig, sanftmütig und geduldig miteinander umgehen. Nun wir sind Menschen, und uns ganz normalen Menschen fällt das immer wieder sehr schwer. Jeder hat seine eigenen Interessen, und jeder hat seine Vorstellung davon, wie das Zusammenleben in einer christlichen Gemeinde am besten gehen kann. Und diese Vorstellungen sind unterschiedlich. Und wenn diese Vorstellungen aufeinander treffen, dann sind Konflikte unvermeidlich. Das ist an sich ja auch nicht das Problem. Die Frage ist nur, wie wir mit diesen Konflikten umgehen.

Was mir beim Lesen weiterhin aufgefallen ist, jedenfalls als ich den Zusammenhang angesehen habe, war Folgendes: Unmittelbar vor diesem Abschnitt bittet Paulus seinen himmlischen Vater für eben diese Gemeinde. Er bittet um Kraft und Stärke aus dem Heiligen Geist, dass Christus in den Herzen der Menschen wohne und sie in der Liebe gegründet bleiben. Dann nach diesem Fürbittengebet ermahnt er sie, und das heißt für mich etwas ganz Wichtiges. Paulus weiß, dass die Eigenschaften, die er fordert, die er anmahnt, geschenkt werden aus der Fülle der Liebe des himmlischen Vaters und dass der Geist den Menschen bereit macht, diese Liebe zu leben und weiter zu geben. Er sagt also nicht einfach: Reißt euch doch mal endlich zusammen und benehmt euch wie Erwachsene Menschen, geht anständig miteinander um und seid friedlich. Nein, er bittet Gott um Stärke und Kraft und Liebe und erinnert dann die Menschen daran, dass Demut, Geduld, Sanftmut und Liebe die Formen des Umgangs miteinander sind, die einem Christen zustehen. Diese Ermahnungen waren für die Epheser offensichtlich nötig und sie sind es für uns auch. Und weil Paulus keine bestimmte Gruppe oder Einzelperson, sondern alle anredet, sind auch alle gemeint und so denke ich sind auch wir alle gemeint. Jeder und jede von uns wird hier daran erinnert, dass es einem Christen gut ansteht, nach Einigkeit im Heiligen Geist zu streben und das Miteinander von Liebe, Geduld, Sanftmut und Demut geprägt sein zu lassen. Und weil alle angesprochen sind und nicht einzelne, geht es auch nicht um einzelne Fehler oder Auffälligkeiten in seiner Gemeinde, sondern er beschreibt das Wesen einer Gemeinde. Eine christliche Gemeinde sollte von diesen Eigenschaften geprägt sein. Aus dem Miteinander der Christen in einer Gemeinde sollten die Außenstehenden, die Kritiker, die Neider und alle Andersgläubigen sehen, wie eben Christen miteinander umgehen. Und die tun das, in dem sie ihrem Herrn nacheifern und viel Geduld aufbringen, sich selbst in Demut nicht höher oder besser stellen als die anderen, in dem sie liebevoll miteinander umgehen und auf Einigkeit achten. Diese Einigkeit nun darf meiner Meinung nach nicht mit einer falschen Harmoniesuche verwechselt werden. Wir ham uns alle lieb, ist nicht das Motto, was dahintersteckt. Wenn eine Gemeinde einig im Geist ist, dann heißt das, dass sie weiß, was ihre Aufgabe und ihr Ziel ist, dass sie weiß, sie ist gesandt in die Welt, um der Welt vorzuleben, wie Christus das Miteinander der Menschen wünscht, damit Liebe und Frieden herrschen und nicht Anarchie und Ellbogenmentalität. Eine christliche Gemeinde, die einig im Geist ist, muss nicht automatisch immer einer Meinung sein, das wäre auch langweilig und irgendwie nicht vorstellbar. Wo Menschen zusammenleben da gibt es immer wieder Probleme. Das wissen wir, das ist eine Binsenweisheit. Und solche Probleme müssen angesprochen und gelöst werden. Und wo immer mehrere Menschen an einer Problemlösung beteiligt sind, und das ist fast immer der Fall, da gibt es auch unterschiedliche Meinungen, wie diese Probleme gelöst werden können. Und das ist auch gut so, denn selbst das selbe Problem kann in einer unterschiedlichen Situation eine andere Lösung erfordern. Es ist also gut, das es unterschiedliche Lösungsvorschläge gibt. Und wenn die beteiligten Menschen engagiert sind und sich einsetzen für ihre Sache, dann sind sie auch emotional beteiligt und dann ist die Suche nach Kompromissen, nach der jetzt passenden besten Lösung keinesfalls einfach. Dann gibt es auch mal Streit. Und dieser Streit ist vielleicht sogar nötig. Die Frage ist nur, wie dieser Streit geführt wird. Und hier werden die Mahnungen und Erinnerungen des Paulus wichtig. Wenn man streiten muss, dann ist eine christliche Kultur für diesen Streit nötig. Dann muss man sich erinnern lassen, dass wir von Gott berufene Menschen sind. Alle. Auch der jeweilige Streitpartner oder auch Streitgegner. Und dann ist Demut eine wichtige Tugend. Sich selbst und seine eigene Meinung nicht höher als die andere einschätzen, sondern neben die andere genauso berechtige Meinung stellen, vielleicht sogar nach den Gründen und der Berechtigung der anderen Meinung suchen, sie zu verstehen suchen und den anderen mit seiner Meinung anzunehmen, Geduld zu haben, zuhören, auf das achten, was der andere sagt, das will Paulus von seinen Ephesern und auch von uns. In Liebe den anderen zu tragen ist eine wichtige Aufforderung, denn Liebe lässt den anderen er selbst sein. Liebe versucht, den anderen zu verstehen. Sie versucht, zu verstehen, warum der andere so redet und nicht anders, warum seine Position so völlig anders ist als meine. Und Liebe verurteilt den anderen nicht. In Liebe kann man kritisieren, man kann sagen, was man für falsch hält, aber in Liebe kann man den anderen nicht pauschal verurteilen. Der andere ist genauso Christ wie ich, und meint es genauso gut wie ich. Wenn ich das voraussetze, dann bin ich auf einem guten Weg, selbst dann, wenn ich das Gefühl habe, für meine Position kämpfen zu müssen.

Ich denke also, meine Schämröte vom Anfang darf getrost einer Dankbarkeit weichen. Ich sollte vielleicht dem Paulus dankbar sein, dass er mir und uns diese Ermahnungen mit auf den Weg gibt, denn wir haben sie offenbar nötig. Immer dann, wenn es irgendwo in einer Gemeinde schwierig wird, wenn Probleme auftauchen und unterschiedliche, vielleicht auch sehr unterschiedliche Wege diskutiert werden, diese Probleme zu lösen, sollten wir uns an diese Ermahnungen erinnern und unsere Suche nach der guten Lösung, unseren Streit um den richtigen Weg auf diesem Weg austragen, der von Demut, Sanftmut, Geduld und gegenseitiger Liebe geprägt ist.

Paulus schreibt übrigens nach seinen Ermahnung noch einige ganz ganz wichtige Sätze. Er schreibt: Denn es ist EIN Leib und EIN Geist, wie ihr auch berufen seid zu EINER Hoffnung eurer Berufung; es ist EIN Herr, EIN Glaube, EINE Taufe EIN Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen.

Es schreibt es ist, und nicht es soll sein. Es ist in der Tat ein Herr, ein Glaube, ein Gott und Vater aller.

Dies ist eine herrliche Zusage. Wir müssen nicht diese Einigkeit schaffen, wir müssen nicht diesen einen Leib herstellen. Dieser eine Gott hat diesen einen Leib geschaffen und gesetzt und berufen und weil das so ist, sind wir zu Einigkeit aufgerufen. Wir sind nicht dazu aufgefordert, seine Gemeinde zu einem Leib zu machen, das hat er gesetzt. Wir sollen nur seiner Bestimmung gemäß leben. Das erleichtert uns die Aufgabe ungemein. Die Einigkeit brauchen wir nicht zu machen, wir sollen sie lediglich leben. Das ist natürlich nicht immer einfach, das wissen wir genau. Und wir haben es in den letzten Wochen und Monaten leidvoll erfahren. Unser Suchen nach dem richtigen Weg für unsere Gemeinde in Emst und unsere Gemeinden in der Region Ost ist eine schwierige Aufgabe. Und nicht immer war das, was wir getan haben von Liebe bestimmt und Demut und Geduld war auch nicht immer unsere auffälligste Eigenschaft in all den Verhandlungen und Gesprächen. Aber, und das, denke ich, dürfen wir jedem unterstellen, das Ziel in Christus eins zu sein, seinen Leib zu pflegen und zu erhalten, das vereint uns. Und wenn unsere Triebkraft das Streben nach der Einigkeit in Christus ist, dann sind wir auch auf dem richtigen Weg. Selbst dann, wenn es auf diesem Weg mal Uneinigkeit oder auch Streit gibt. In diesem Zusammenhang bin ich noch auf einen Vers gestoßen, der etwas weiter hinten im selben Kapitel steht: Zürnt ihr, so sündigt nicht. Und lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen. Das zu beherzigen ist eine große Weisheit und ein hilfreicher Rat für alle Auseinandersetzungen, die es vielleicht geben kann. Und selbst wenn die Entscheidungen und Diskussionen und Gespräche auf diesem Weg nicht immer liebevoll und demütig und geduldig waren oder sind, dann dürfen und sollen wir uns dennoch unter der Gnade des einen Herrn immer wieder zusammenfinden. Wir dürfen uns auch und gerade in unserer Lieblosigkeit, wenn wir uns dabei ertappen, seiner Gnade und Vergebungsbereitschaft gewiss sein, wenn wir sie denn suchen und wollen. Und wenn wir uns in dieser Situation von Paulus dazu ermahnen lassen und uns daran erinnern, was unsere Aufgabe als Christen in dieser Welt ist, dann werden wir auch lernen, in Zukunft angemessen, und das heißt demütig, geduldig und liebevoll, Probleme anzugehen und in der Einigkeit des Geistes zu lösen. Und dann können wir uns, unseren Nachbarn und all den anderen Menschen um uns herum auch zeigen, wessen Kinder wir sind. Es ist ein Herr, ein Glaube, eine Taufe. Es ist ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen.

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