Christi Herrschaft

Liebe Gemeinde,

wir feiern heute ein kirchliches Fest, dessen Bedeutung nicht mehr allgemein bekannt ist. Vielmehr – und das kann man ja heute ruhig zugeben – ist der Tag, den wir heute feiern durch einen anderen überlagert worden: nämlich durch den sogenannten "Vatertag". Da ziehen dann die Väter – und manchmal sogar auch solche, die eigentlich gar keine Väter sind – raus in die Natur unter freien Himmel und – sagen wir es mal vorsichtig: "wandern". Wahrscheinlich wird auf dieser Wanderung dann auch die eine oder andere Stärkung zu sich genommen – manchmal, so habe ich gehört, wohl auch in flüssiger Form. Was soll man also nun als Prediger damit tun, zumal doch der Anlass unseres Festes auch ein wenig schwierig zu erklären ist: Christus ist in den Himmel gefahren, so berichtet es z.B. auch die Apostelgeschichte des Lukas. Aber welche Bedeutung hat dies denn für uns – was bringt uns dieses Wissen? Denn man kann ja zu Recht verweisen auf das, was vorher und nachher geschehen ist: vorher (also nach Ostern) – das ist ganz klar, kam Christus zu seinen Jüngern und "redete mit ihnen über das Reich Gottes": Christus war also nahe bei ihnen, zwar in kleinem Kreis, aber immerhin: diese vierzig Tage nach Ostern hatte sie also seine direkte Gesellschaft, seine direkt Unterweisung, seine ganze Nähe. Das ist sehr viel, so will ich meinen. Dann kam diese Himmelfahrt. Dann geschah gewissermaßen 10 Tage lang nichts und dann kam das nächste große Fest: Pfingsten: dort wurde der Heilige Geist, den Christus als Tröster versprochen hatte, ausgesandt, über die Menschen ausgegossen, damit sie leben können untereinander und miteinander, damit sie jemanden hätten, der sie begleitet, wenn der Herr selbst nicht persönlich anwesend ist. Damit sie etwas haben, was sie im Leben antreibt und ihnen die Kraft gibt, nicht aufzugeben. Auch das – so will ich meinen – ist doch eine ganze Menge und sticht im ersten Augenschein doch deutlich von Christi Himmelfahrt ab. Also noch mal: welche Bedeutung kann dann Christi Himmelfahrt überhaupt für uns haben, wenn das doch anscheinend nur der Punkt zwischen zwei anderen großen Ereignissen ist. Und um das ein wenig beleuchten zu können, muss ich jetzt doch auf die ganzen Väter und Vatertagsbegeisterten eingehen, um an ihrem Beispiel unser Fest darstellen zu können. Denn – und das ist ja oft so mit unseren kirchlichen Festen und wie sie in die Gesellschaft eingewandert sind – oft wissen diejenigen, die einen solchen Tag begehen, gar nicht mehr, was eigentlich dahintersteckt. So nehme ich als erstes den Zug der Väter raus in die Natur: die Leute gehen raus, raus aus ihren Häusern, raus aus den Wirtsstuben, wo man sich vielleicht sonst trifft, raus aus den Vereinen und Gesellschaft und natürlich auch raus aus den Beziehungen, in denen sie sonst stecken: am Vatertag dürfen in der Regel keine Frauen mitwandern – die "Väter" bleiben unter sich. Das alles aber hat einen tieferen Grund – früher hat man Christi Himmelfahrt auch draußen gefeiert. Ein Teil unserer Gemeinden, z.B. in der Stadt (ich denke an Johannis oder Stephan) macht das heute auch: sie gehen raus, damit auch im Gottesdienst klar wird, wie weit Christi Macht reicht. Seine Herrschaft ist nicht begrenzt auf einen Teil unserer Gesellschaft, sein Einfluss ist nicht beschränkt auf Räume, die in irgendeiner Weise geheiligt sein mögen. Auch unser Gotteshaus hier ist kein besonderer Ort seiner Gegenwart, sondern ist im eigentlichen Sinne nur ein Versammlungsort, um gemeinsam zu feiern. Freilich wird man an diesem Ort, weil er eben fast nur zum Gottesdienst genutzt wird, eher an Gott denken als draußen, aber das ist eigentlich nicht angelegt. Wer schon mal in Jerusalem war, wird es vielleicht wissen: dort gibt es Reste einer alten, kleinen Kirche, die Himmelfahrtskirche hießt: diese Kirche hat an dem Platz, an dem vielleicht unser Altar steht oben in der Decke ein rundes Loch, um darzustellen, dass Christus weiter reicht, höher geht, nicht beschränkt ist. Das allein reicht aber noch nicht: ich nehme mein Beispiel mit den wandernden Vätern: sie gehen nicht nur raus in die Natur – dorthin, wo also überall auch Christus herrscht, nein, sie gehen auch eine kurze Zeit raus aus ihren normalen Bindungen. Auch das, liebe Gemeinde, ist Christi Himmelfahrt und unser Predigtwort beschreibt es ja eindrücklich: "Christus ist eingesetzt im Himmel über alle Reiche, über alle Gewalt, über alle Macht, über alle Herrschaft und über alles, was sonst noch einen Namen hat." So gesehen ist Christi Himmelfahrt der rechte Anlass, sich zu überlegen, in welchen Bindungen man selber steht, welche Bindungen und Gewalten nach einem greifen oder einen schon im Griff haben, so dass man ihnen nicht auszukommen scheint, und sie einen fest in der Hand halten. Christi Himmelfahrt ist der Aufruf auch an uns Christen uns nicht entmutigen zu lassen von dieser Welt, die uns mit ihren Mächten bedrängt und angeht. Ich brauche das nicht weiter auszuführen: sie alle wissen um diese Gewalten: sei es die Krankheit, die einen das Leben nur noch durch eine dunkle Brille sehen lässt, sei es der Schock über Entwicklungen in unserer Gesellschaft wie die Morde in Erfurt, die uns den Mut nehmen, an die Zukunft zu glauben oder sei es die Gewalt im Beruf, die einen um den Arbeitsplatz fürchten lassen, die einen dazu zwingen, sich immer mehr und mehr nach der Decke zu strecken, damit der Chef ja nicht das berufliche Aus über einem beschließt. Christi Himmelfahrt gibt darauf keine Antwort in dem Sinne, dass es erklären würde, warum wir diesen Gewalten immer noch ausgesetzt sind, aber es lenkt den Blick auf den, der über all diesen Mächten, Zwängen, und Bindungen steht und ruft uns zu: lasst euch nicht unterkriegen, lasst euch nicht klein machen von den Herrschaften dieser Welt, sondern blickt nach oben in den Himmel und wisst: ich spreche das letzte Wort. Mögen es auch die Vatertagswanderenden vielleicht nicht wissen, aber mit ihrem "Ausbrechen" aus Bindungen gestalten sie etwas auf weltliche Art, was Christen uns auch immer wieder vor Augen führen sollten.

Bleibt noch das Zweite, liebe Gemeinde, was wir uns am Bild des Vatertages klarmachen können. Ganz am Anfang sprach ich von der "Stärkung", die sich diese Väter zukommen lassen. Freilich eine rechte einseitige Stärkung, aber immerhin doch etwas, worum es eigentlich bei Christi Himmelfahrt ebenfalls geht. Sehen wir auf unser Predigtwort: "Christus wurde als Haupt gesetzt über die ganze Gemeinde – diese ist sein Leib." Wir dürfen uns das ruhig ganz bildlich vorstellen: wir alle sind Christi Gemeinde, freilich größer als Unteraltertheim: alle Christinnen und Christen gehören zu seinem Leib, sind Teil einer großen funktionierenden, wunderbaren Schöpfung, die in einem großen Zusammenspiel das ihre in dieser Welt beiträgt. Dazu muss man nicht unbedingt verstehen, warum die Füße etwa einmal so und das andere mal so mit den Zehen wackeln, man muss nicht die Blutkreisläufe kennen oder das Nervensystem: wichtig ist nur, dass der Leib im ganzen richtig arbeitet, die richtige Richtung geht und alle seine Funktionen erfüllt. Wichtig ist aber auch noch zu wissen, wer diese Richtung angibt. Das sagt das Bild mit dem Haupt, welches Christus ist: er ist sozusagen unser aller Kopf, er überblickt den Weg, lässt die Füße den richtigen Tritt finden, achtet darauf, dass man sich nicht die Armen anstößt und er sorgt dafür, dass der Magen genügend zu Essen und zu Trinken bekommt. Er wählt sogar die Speise aus, damit der Magen nicht verdorben wird. Hier ist unsere Stärkung. Sie geschieht mehrfach und auf wunderbare Weise: wir erfahren sie durch sein Wort, z.B. hier in der Kirche, wir erfahren sie aber auch durch andere Menschen, die uns christusgleich begegnen, uns helfen und uns beistehen. Und wir erfahren sie auch durch erleuchtete Momente unseres Dasein. Momente, in denen uns die Augen aufgehen und wir plötzlich weiter sehen, in denen wir begeistert ein Stück des Himmels offen gesehen haben. Sie merken schon, liebe Gemeinde: auch Christi Himmelfahrt lässt sich nicht von den anderen Festen in unserer Kirche trennen. Das letzte, was ich sagte, gehört schon wieder zu Pfingsten. Aber: und das ist das Wesentliche an unserem Predigtwort und an dem Fest, was wir heute feiern dürfen: wir dürfen gewiss sein, dass Christus unser Haupt ist, der uns versorgt mit allem was wir brauchen, um diese Wanderung in diesem Leben heil zu überstehen. Der auf uns acht gibt, dass wir zurückkehren in das Land, das uns verheißen worden ist. Deswegen dieser starke Aufruf: Christus ist der Herr über alle Gewalten: er sitzt zur Rechten Gottes.

Die Vatertagswanderer mögen verzeihen, dass ich sie heute als Beispiel missbraucht habe, aber vielleicht ergibt sich ja für den einen oder anderen von uns somit die Gelegenheit, durch diese Bild darüber zu reden, worum es eigentlich geht: Jesus Christus, unser Herr und Heiland ist die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt.

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