Christ-Sein, das ist nichts für Looser?

Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen, liebe Gemeinde: wie wird das aussehen – wie beschreibt es unser Predigtwort: vielleicht so?: es werden alle Krankheiten geheilt und alle Gebrechen, es werden alle unreinen Geister ausgetrieben und wiederum: alle Krankheiten geheilt? Ich kenne einige, die das so behaupten würden: dass Gott nahe ist, sieht man daran, dass es wieder Wunder und Zeichen gibt, dass Dämonen aus hilflosen Menschen herausgerissen werden durch die Kraft des Gebetes; dass Gott nahe ist, sieht man daran, dass Heilungen allerorts geschehen, Lahme wieder gehen und Blinde sehen; dass Gott nahe ist, sieht man daran, dass der Heilige Geist, dessen großes Fest ja erst vor zwei Wochen begangen worden ist, wieder und wieder ausgeschüttet wird unter den wahren Gläubigen und dass dort Zeichen geschehen wie die Zungenrede, wie die prophetische Schau, dass Menschen umgerissen werden von der Wucht des Geistes, sich hinwerfen und in göttlichem Lachen sich wenden. Eine Gemeinde sogar erkennt, dass das Reich nahe herbeigekommen ist daran, dass die Amalgam-Füllungen in den Zähnen zu Goldfüllungen umgewandelt werden: Wunder, Zeichen, Aufbruch, Leben und Sieg: Ja, so wollen wir Gott, den Helden uns vorstellen – ein strahlender Glanz soll in unsere Augen treten und die Welt soll erkennen: Christ-Sein: das ist nichts für Looser!

Und wie gerne reden wir von solchen Sieges-Erlebnissen, wie gerne lassen wir uns mitreissen von den Dingen, die uns direkt berühren und ansprechen: manchmal bin ich nahe am Wasser gebaut und kann einfach mitweinen, wenn im Fernsehen eine ach so rührend tragisch-schöne Liebesgeschichte erzählt wird, ich kann in einem Buch mitfiebern, wenn die Spannung ins scheinbar Unerträgliche gesteigert wird und es ergreift mich eine unbändige Hast, die nächste Seite zu lesen und als Leser geht es mir dabei wie dem Helden, der gerade auf der Flucht ist: mein Pulsschlag wird beschleunigt. Oder: wer von ihnen das Finale der Champions-League gesehen hat. Ich kam erst spät nach Hause und habe daher nur noch das Elfmeter-Schießen und da auch nur den Schluß gesehen: das Miterleben der letzten Schüsse und als Oliver Kahn den entscheidenden Ball gehalten hatte: da war kein Halten mehr bei den Fans und bei den Zuschauern: Sieg! Sieg! Sieg! Und dann die Nahaufnahme auf den Torhüter: mit weit aufgerissenen Mund durch über das Spielfeld rennend. Das sind Erlebnisse, siegreiche Erlebnisse, die uns direkt ergreifen. So auch, wenn Christus sprich?: das Himmelreich ist nahe herbeigekommen?

Nein, liebe Gemeinde: das Predigtwort spricht eine andere Sprache: als Jesus das Volk sah, da jammerte es ihn, denn sie waren verschmachtet und zerstreut wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und als er das sah, da sprach er: Die Ernte ist groß – geht hin zu den verlorenen Schafen und sprecht: das Himmelreich ist nahe herbeigekommen! Die Not macht die Ernte groß und die Arbeiter, die gesandt werden, haben wenig von den Sieger, die wir kennen. Deswegen werden sie im Predigtwort überhaupt erwähnt, angefangen mit Simon Petrus, dem Jünger mit der großen Klappe: ich will nicht weichen von dir, Jesus, spricht er! Der Jünger, der das Schwert zieht, als man Jesus im Garten gefangen nehmen will – der Jünger, der so tut, als hätte er schon den Sieg erreicht. Und was war: Jesus heißt ihn, sein Schwert einstecken, weil er weiß, dass durch Kampf und Gewalt nichts zu erreichen ist. Und Petrus selber? Er verleugnet den Herrn dreimal: mit dem – nein, mit dem habe ich nichts zu schaffen: ich kenne ihn doch gar nicht! Das Schlußlicht in der Aufzählung macht Judas Iskariot: "der ihn verriet" steht bei Matthäus. Judas, der Zweifler, der Grübler, der die große Sache, für die Jesus in seinen Augen eintrat, gefährdet sah, der deswegen das Geld nahm und Jesus an die Gegner auslieferte – auch er gehört zu den Zwölfen, die ausriefen: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Und es steht nicht geschrieben, dass man die Worte dieser beiden Beispiels-Jünger nicht aufgenommen hätte, sie nicht verstanden hätte, dass sie nicht fähig gewesen wären, die Taten zu tun, für die sie Jesus ausgesandt hatte. Was also nun?

Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen – aber es kommt anders, als wir es uns manchmal wünschen würden. Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende, sagt Jesus. Und diese Arbeiter sind ganz normale Menschen, keine Helden, die wir eh niemals erreichen würden, sondern Menschen wie du und ich. Menschen, die sich einsetzen für eine Sache, Menschen, die von einer Botschaft berührt worden sind und Menschen, die etwas von dem weitergeben möchten, ja manchmal auch müssen, von dem sie selber angerührt worden sind. So ist auch an uns das Reich Gottes – die Botschaft des Evangeliums herangetragen worden: von Menschen, die sich selber daran gehalten haben mit ihren Schwächen und mit ihren Zweifeln, aber von Menschen, die von einer größeren Hoffnung getragen worden sind, nämlich von der Frohbotschaft, dass sie Gott als ihre Kinder angenommen hat. Wir aber, liebe Gemeinde: wir haben die nämliche Aufgabe: Arbeiterinnen und Arbeiter in Gottes großer Ernte zu werden – und wir haben den nämlichen Blickwinkel – auf die Verschmachteten und auf die Zerstreuten, auf die, die keinen Hirten haben, sprich, die nicht wissen, was sie am Leben erhält, die nicht wissen, in welche Richtung sie gehen sollen, um das lebensspendende Wasser zu finden und die, die sich verirrt haben in den Weiten des Leben, in denen sie das große Glück zu finden hofften. Und wir sind die nämlichen Jünger.

Erst kürzlich hat ein Teil von uns die Geschichte gehört von dem Pfarrer, der seine Gemeinde einlud zu einen großen Trauergottesdienst: wer war verstorben?: die Kirche vor Ort, so hieß es in der Traueranzeige: eine altersschwache Dame, eingetrocknet und verhungert, weil sich keiner mehr um sie gekümmert hat, gestorben an mangelnder Zuwendung, an Liebesentzug und am schlimmsten Übel: an der Gleichgültigkeit. Und was machte dieser Pfarrer mit den Trauergästen: er lud sie ein, in den offenen Sarg zu gucken, um einen letzten Blick auf die Verstorbene zu erhaschen und alle, die am Sarg vorbeizogen und hineinblickten erschraken bis aufs Mark. Denn was sie im Sarg sahen war ein großer Spiegel und in diesem Spiegel sahen sie sich selber! Denn sie waren ja die Kirche vor Ort, die Gemeinschaft der Christinnen und Christen. Sie waren die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Reiches Gottes. So auch wir, liebe Gemeinde. Mitarbeiterschaft kann ganz vielfältig sein: von dem Amt des Kirchenvorstehers und der Kirchenvorsteherin: oft ein zähes Planen und Rechnen im Hintergrund, Diskussionen über Geld und Räumlichkeiten, dennoch wird hier der Acker bereitet, damit die Frucht gedeihen kann. Hin zu den Menschen, die sich engagieren in den Gruppen und Kreisen: Frauenkreis und Frauentreff, Krabbelgruppe und Jugendarbeit, hin zu denen, die die Orgel spielen, die das Gras mähen, die die Blumen am Altar bereiten, hin zu denen, die die Glocken läuten, die die Monatsgrüße austeilen, hin zu denen, die die Kranken besuchen, die bei den Einsamen vorbeischauen, die mit anpacken, wenn es nötig ist.

Mitarbeiterschaft am Reiche Gottes ist vielfältiger, als ich es hier aufzählen kann, denn vieles geschieht im Verborgenen, im Kleinen, vieles geschieht so, wie auch die Jünger waren: kleinlaut, mit Zweifeln, mit der Frage, ob das denn das richtige ist, was wir tun. Dennoch ermutigt uns das Predigtwort, Mitarbeiter zu bleiben oder Mitarbeiter zu werden, mitzuwirken an der Verkündigung des Reiches Gottes, jeder und jede auf seine Art und Weise und sich nicht abschrecken zu lassen von den scheinbaren Siegen, die man an sich selber nicht glaubt und vermutet. Das ist mir das wichtige heute: der Weg geht andersherum: nicht von den Heilungen und Siegen hin zu der Überlegung, ob wir Mitarbeiter werden könnten, sondern: vom Aufruf Gottes: bittet, dass Arbeiter gesandt werden zu den Zerstreuten – hin zu der Erkenntnis: wir sind diese Arbeiter, wir sind diese Jüngerinnen und Jünger, und zwar mit all den Fehlern, all den Makeln, die auch schon Petrus und Judas hatten. Und dann, liebe Gemeinde, dann wird es auch in unserem Leben diese kleinen Siege geben, von denen ich vorhin sprach und die Jesus seinen Jünger so vollmächtig zugetraut hat.

Ihr aber, geht hin und predigt: das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.

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