Checkpoint Gott

Liebe Gemeinde,

10 Gebote in Stein gehauen, auf immer und ewig, von Gott für den Menschen. 10 Gebote als fest abgesteckter Lebensgrund einer Menschheit, die momentan über ihre Grenzen stirbt. 10 Gebote als Spielregeln der Freiheit, die wir fortdauernd verletzen.

Seit letzten Sonntag gibt es einen Krieg mehr auf dieser Welt. Er hält uns in Atem in unserer Angst vor Terror und Gewalt. Er hält uns gefangen in seinen Bildern, die wir jeden Abend sehen. Er lässt uns im Zweifel, ob das, was wir tun, wirklich das Richtige ist. Wir sehnen uns nach Eindeutigkeit, hoffen auf klare Grenzen zwischen Gut und Böse, Freund und Feind, Terror und Gerechtigkeit.

Plötzlich erwachen überholt geglaubte Formeln wie Freiheit und Gerechtigkeit, Mut und Treue zu neuem Leben. Lange schlummerten diese Worte in den Programmen der politischen Parteien und in den Predigten der Kirche. Nun führt sie fast die ganze Welt im Mund, die Schulterreihen geschlossen gegen den Terror. Es ist eine Zeit der Predigten starker Männer und Frauen, allen voran der amerikanische Präsident, der grenzenlose Gerechtigkeit und dauerhafte Freiheit im monumentalen Kampf zwischen Gut und Böse verspricht.

Wo ist Gerechtigkeit in diesen Tagen? Bei allem Verständnis für die ohnmächtige Wut der Mächtigen nach den Attentaten: Es ist ein Aberglaube zu behaupten, dass irgendein Krieg Gerechtigkeit schaffen könnte. Und zugleich ist es in der gegenwärtigen Situation ebenso unabweislich, dass wir uns nicht schuldlos aus diesem Konflikt stehlen können, indem wir einfach tatenlos zusehen. In der letzten Woche wurde nicht der Terror bombardiert. Es waren Menschen, Männer, Frauen und Kinder, die von Bomben zerfetzt, unter Trümmern begraben oder verstümmelt wurden. Darüber sollten uns die Predigten der starken Männer und Frauen nicht hinweg täuschen. Ebenso wenig die Bilder des Krieges in der Tagesschau: das geheimnisvolle, fast schöne, dunkelgrüne Aufblitzen in den Nachtsichtgeräten, die Pressekonferenzen, in denen versichert wird, dass nur militärische Objekte eliminiert werden, die startenden Flugzeuge mit Care-Paketen für die Zivilbevölkerung. Auch wenn die sogenannte zivilisierte Welt Brot und Böller auf Afghanistan abwirft: Es macht diesen Krieg keinen Deut gerechter. Wo ist Gerechtigkeit in diesen Tagen? Im radikalen Pazifismus? In der Absage an jedwede Teilnahme an einem militärischen Einsatz? Wer glaubt, seine Hände rein halten zu können, indem er sie in den Schoß legt, irrt. Spätestens nach einem weiteren Attentat müssen wir uns fragen lassen, was wir getan haben, es zu verhindern. Wo ist Gerechtigkeit in diesen Tagen? Wo finden wir eindeutige Richtlinien, die uns aus der Gewalt führen? Georg W. Bush soll nach Angaben seines Vaters die Bibel zweimal durchgelesen haben. Und wie jeder bekennende Christ wird er unseren heutigen Predigttext halbwegs auswendig können. Die meisten von uns werden ihn irgendwann einmal vor irgendeinem Pastor aufgesagt haben müssen, vielleicht sogar noch mit den Erklärungen aus Martin Luthers Kleinem Katechismus.

Klare Sätze "Du sollst …", "Du sollst nicht …", einfach zu begreifen, unmittelbar einleuchtend, Grundlage aller Gesetze der westlichen Welt. Und in der Woche, seit dem es einen Krieg mehr auf dieser Welt gibt, in dem wir von Kriegspropaganda belogen werden und die Bomben fliegen, hören wir die uralten Gebote Gottes für den Menschen, in Stein gehauen, auf immer und ewig. Du sollst nicht töten, heißt es dort, klar und deutlich, ohne wenn und aber, ohne eine juristische Hintertür des Kleingedruckten. Du sollst nicht töten. Du sollst nicht mit Flugzeugen in Hochhäuser fliegen. Du sollst auf keinen Menschen eine Bombe werfen.

Eine Konfirmandin meinte diese Woche, die 10 Gebote hätten sich überholt in der Zeit der Flugzeugentführungen, der Bombenattentate und Milzbranderreger. Und wenn wir danach fragen, inwieweit wir diese Gebote wirklich einhalten, hat sie recht: Der Feiertag wurde entheiligt, als letzten Sonntag die Flugzeuge starteten, die Minister reden falsch Zeugnis über Gewinne und Verluste, der sinnlose Tod Tausender Menschen in Amerika gebiert neue sinnlose Tode in Afghanistan. Wenn wir danach fragen, inwieweit wir Menschen die 10 Gebote einhalten, waren sie vielleicht schon überholt, ehe Mose vom Berg Sinai herabgestiegen war. Du sollst nicht töten. Wenn’s doch so einfach wäre. Wenn wir doch nur einfach diese vier Worte befolgen könnten, um Friede auf Erden zu schaffen. Wer glaubt, auf Seiten der Gerechtigkeit zu stehen, indem er auf die Buchstaben der göttlichen Gebote pocht, wird spätestens in diesen Tagen eines Schlimmeren belehrt. Denn wir merken: Wir können nicht auf seiten der Gerechtigkeit stehen. Die Spirale der jetzigen Gewalt dreht sich auf einem Boden Jahrhunderte alten Unrechts, auf dem unsere ganze Welt steht. Die Saat von Terror und Gewalt wuchs auf einem uralten Boden der Ignoranz, des Dogmas und der Ausbeutung. Und wie so oft schon ernten wir, was wir gesät haben. Die Machtspiele unserer Welt, die sie in eine 1. und eine 3. Welt aufteilte, sind Hintergrund für den Hass und die Gewalt dieser Tage. Unsere wirtschaftspolitisches Begehren nach allem, was unser Nächster hat, war die Saat, die wir jetzt ernten.

Du sollst nicht töten. Kein Mensch stirbt durch andere Menschen aus gutem Grund, sondern er stirbt aus einem bösen, Gott verhassten Grund. Und auch wir haben mit unserem Wahn, allmächtig, unbesiegbar und unverwundbar sein zu wollen, Anteil an diesem bösen Grund. Natürlich wäre es zynisch und menschenverachtend zu behaupten, Tausende von Amerikaner in Manhatten und Washington hätten selbst Schuld an ihrem Tod. Die Attentate in Amerika waren ein Gipfel perverser Ungerechtigkeit, die jeden Namen Gottes auf dieser Welt nur klein machten. Nichts kann diesen tausendfachen Mord rechtfertigen oder gar entschuldigen.

Doch auch wir können uns nicht auf Gott oder auf unendliche Gerechtigkeit berufen, wenn wir auf Gewalt mit Gewalt reagieren. Ohne wenn und aber: Du sollst nicht töten. Kein Mensch stirbt durch einen anderen aus gutem Grund, egal wie schuldig er auch sein mag.

Vielleicht (!!) ist der Einsatz gegen Afghanistan wirklich das letzte Mittel der Notwehr einer bedrohten Welt. Auf die Gerechtigkeit Gottes kann er sich nicht berufen. Auch wenn wir es uns wünschen: Die 10 Gebote sind nicht die Grenzen in denen unser Volk in Frieden und Gerechtigkeit lebt. Denn das Unrecht unserer Welt ist längst ins Grenzenlose gewachsen. Und trotzdem ist kein Buchstabe, kein Jota überholt. Mit 10 Geboten wollte Gott der Freiheit des Menschen Grenzen setzen, allein um sie zu schützen. Das aus Unrecht und Sklaverei befreite Volk Israel erhielt seine Weisungen, um nicht erneut in Unrecht und Sklaverei zu verfallen.

Es sind Gebote der Freiheit. "Ich bin der HERR, dein Gott, der dich aus der Knechtschaft geführt hat." Mit der durch Gott geschenkten Freiheit fangen diese 10 Gebote an, nicht mit starrer, menschlicher Moral. Sie wollen unser Leben nicht beschneiden, sondern es beschützen. Bei der Übertretung eines jeden Gebotes heißt es: Sie verlassen jetzt den göttlichen Sektor der Freiheit. Kehren Sie um oder Sie werden Gefangener Ihrer Selbst, Vertriebener ihrer eigenen Furcht, Opfer ihrer eigenen Selbstgerechtigkeit.

Das Land hinter den Grenzen der göttlichen Freiheit ist aussichtslos und ohne Hoffnung. Wer die Gebote überschreitet, verliert sich selbst. Doch die Gebote sind nur die Grenzpfosten, nicht das Land selbst. Wer nur auf die Grenzen des Landes starrt, auf die Pfähle eindrischt, um sie immer tiefer in die Erde zu treiben, wird von dem Land der Freiheit nichts erahnen. Die göttlichen Gesetze sind lediglich die Enden der Freiheit. Die Mitte liegt woanders. Sie liegt in Gott selbst, der mitten unter uns wohnen will.

Die Freiheit beginnt dort, wo wir uns dieser Mitte zuwenden und uns von Gott befreien lassen. Gott wartet auf uns. Es wird uns im Moment schmerzlich bewusst, dass wir die Grenzen der Freiheit und Gerechtigkeit nicht verteidigen können. Je mehr wir um Sicherheit kämpfen, desto mehr Blut fließt. Je mehr wir die Freiheit sichern wollen, desto unfreier wird unser Volk. Je mehr wir Gerechtigkeit schaffen wollen, desto tiefer verstricken wir uns im Unrecht. Freiheit und Gerechtigkeit wachsen nicht an den Grenzen. Freiheit und Gerechtigkeit wachsen aus unserer Mitte heraus, wenn wir uns als von Gott Befreite und Gerechtfertigte anerkennen. Gott wartet auf uns.

Der Weg zu Freiheit und Gerechtigkeit beginnt dort, wo wir unsere eigene Schuld, unser eigenes Versagen erkennen und den Traum austräumen, dass wir es alleine schaffen könnten. Dies ist der erste Schritt. Der zweite Schritt fängt mit dem Satz an, mit dem Martin Luther jedes Gebot in seinem Kleinen Katechismus einleitet: "Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen." Und das heißt: Ernst machen mit der Freude, die der ganzen Welt widerfahren soll, also:

Das Vertrauen wagen, dass wir nicht verlieren können, wenn wir unseren Reichtum mit der ganzen Welt teilen. Die Hoffnung einüben, dass kein Graben zu tief ist, als dass er nicht mit Liebe überwunden werden kann. Am Glauben festhalten, dass Gott nicht auf seiten der Todesmächtigen steht, sondern auf der der Lebensschwachen. Gott wartet auf uns. Er will mit uns einen neuen Anfang setzen. Er sehnt sich mit uns nach einer Zukunft, in der kein Mensch mehr die Grenzen der Freiheit überschreitet, weil er aus ihrer Mitte heraus lebt. Der Weg in diese Freiheit kann ganz sicher nicht mit Kampfbombern geflogen werden. Er ist mühsam und dauert lange. Doch es ist der einzige Weg. Er begann mit einem Gott, der uns befreien will. Und nur dorthin führt er zurück.

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