Bußtag – noch sinnvoll?

Liebe Gemeinde!

Heute morgen um 7 Uhr sind an mehreren zentralen Stellen unserer Stadt Posaunenchöre aufgetreten. Handzettel und Plakate verkündeten die Losung: "Der Bußtag muss bleiben!" Das brachte einiges an Aufmerksamkeit. Vor einigen Jahren ist es sogar vorgekommen, dass an einem der Einsatzorte die Hüter des Gesetzes eingegriffen haben. Beamte der Bahnhofspolizei bedeuteten unsern Bläsern höflich, aber bestimmt, dass selbst das Vordach zum Hbf gehöre und sie dort nicht musizieren durften. Damals musste der Posaunenchor draußen in Kälte und Nieselregen blasen. Inzwischen werden die Absprachen zwischen Kirche und den örtlich Zuständigen wohl rechtzeitig abgestimmt. Viel toleranter den Kirchen gegenüber geht es aber am Hauptbahnhof nicht zu. Davon kann die Bahnhofsmission ein Lied singen.

Die Pilger, die zur Zeit des Pilatus zu einer Wallfahrt in Jerusalem eintrafen, bekamen den Arm des Staates weit empfindlicher zu spüren. Die römischen Besatzer fühlten sich von der Demonstration der Frommen provoziert. Sie zerstreuten die Versammlung, und als die Schwierigkeiten machten, wurde gewaltsam durchgegriffen. Es gab etliche Tote, einige davon stammten aus Galiläa. Mit dieser empörenden Nachricht wird Jesus konfrontiert. Eine aufgebrachte Menge, machte damals ihrem Ärger vor den Ohren Jesu Luft: Wenn die Römer nichts mehr zu sagen hätten, dann würde alles besser, meinen sie. Jesus provoziert sie mit einer Gegenfrage: (V2 und 3). Er sagt damit: Buße geht alle an. Uns alle. Deshalb ist ein Bußtag als besonderes Datum heilsam. Ein Tag, der ausdrückt: Buße geht uns alle an.

Lasst mich grundsätzlich etwas zun heutigen Datum sagen. Ich habe auf die Frage aus der Gemeinde, wann haben wir im Herbst die Gottesdienste an Reformation und Bußtag entschieden geantwortet: Natürlich um 10 Uhr! Nun weiß ich, diese Zeit kommt nicht jedem gelegen, und wenn aus unserem Kreis diejenigen, die zum Gottesdienst wollen, der Meinung ist, abends ist besser, können wir das gerne tun. Lasst mich nur begründen, warum es noch um 10 ist.

Es gab eine Zeit, da war der Bußtag ein anerkannter kirchlicher Feiertag. Das war im Bewusstsein. Das ist dann nach und nach zurück gegangen. Bis bei nur halbherzigem Widerstand der ev. Kirchen der Staat diesen Feiertag zur Finanzierung der Pflegeversicherung kassiert hat. Ihr mögt selbst beurteilen, lag es an Gefährdung von außen, lag es an innerer Schwäche der Kirchen. Wie man damit umgeht, wenn ein kirchlicher Feiertag in der Gesellschaft ein normaler Arbeitstag ist, können wir am Reformationstag ablesen. Da ist schon lange kein arbeitsfrei. Aber immer war vom Staat zugestanden, wer dann zur Kirche will, kriegt frei. Er muss natürlich beim Chef oder bei der Behörde arbeitsfrei erbitten für diese Stunde Gottesdienst und dann wieder an den Arbeitsplatz zurückkehren. Und nun frage ich, was ist für Kirche das richtige. Wenn sie den Schwanz einzieht und sagt, gut, gut, dann machen wir abends, und spät genug, damit man genug Zeit hat, nach Hause zu gehen, essen und dann wieder los. Oder wenn sie an einem Tag, wo es um das evangelische Bekenntnis schlechthin geht, an einem Tag, wo der Luther sein Leben riskiert hat für den Glauben, die Fahne hoch hält und sagt: Wir bleiben dabei. Sonst kann der Staat mit recht sagen: Was wollt ihr denn, ihr bietet ja nichts an! Einige haben sich gewundert am Reformationstag und vielleicht wundern sich jetzt wieder welche, dass die Kindergartenkinder teilgenommen bzw. mitgewirkt haben. Natürlich wollen wir sie dabei haben. Soll es etwa so sein, dass wir an einem kirchlichen Feiertag, wenn die Glocken läuten, die Mitarbeiter im Spielkreis weiter ihrer Arbeit nachgehen, als wäre alles wie sonst. Das sei ferne! Und die Kinder sollen merken, jetzt ist eine Unterbrechung im gewohnten Ablauf. Warum denn? Weil Luther am 31. Oktober den Anstoß für die Bildung der ev. Kirche, weil er für die Freiheit des Glaubens eintrat. Das soll alt und jung verbinden mit diesem Datum und nicht Halloween oder Tag des Radfahrers oder was sonst an neuen Feiertagen im Anzug ist! Sicher ist eine Schwierigkeit, ich gebe es zu: Der Bußtag ist nicht mit einem festen Datum verknüpft. Einem geschichtsträchtigen Datum. Vor Jahrhunderten waren die Bußtage regional. Die Fürsten der jeweiligen Territorien hatten für ihre Kirchen zu unterschiedlichen Zeiten die Bußtage festgelegt. Vielleicht kommt das einmal wieder. Dann gedenkt Eschede am entsprechenden Datum des Zugunglückes, Kaprun des Brandes um Tunnel, unsere Stadt am 10. Nov. der Verschleppung der Bremer Juden nach Minsk. Vielleicht kommt demnächst eine Lösung, mit der sich alle identifizieren können. Denn das Buße nötig ist, diese Einsicht verbreitet sich immer mehr, auch wenn dafür heute weltliche Ausdrücke gebraucht werden wie Trendwende, Nullrunde u.ä.

Bußtag halten ist eine Form, wie ein Land, oder ein Ort ein schlimmes Ereignis bewältigen kann. Wo man demonstriert: Das ist nicht ein Privatproblem, etwa eine Familienangelegenheit, wenn ein Kind nach Wochen ermordet aufgefunden wird. Da ist es angemessen, wenn im Ort ein Schweigemarsch organisiert wird. Oder Großveranstaltungen wie in den Stadien von New York, als die Vertreter der Religionen auf jeweils ihre Weise Klage und Bitte öffentlich ausdrückten. Auch eine nichtreligiöse Gesellschaft in Mitteleuropa braucht solche Formen, um ihre Trauer, ihre Ratlosigkeit, ihren Umgang mit Schuld ausdrücken zu können. Man könnte jetzt sagen: Sollen doch in Zukuft die Anlässe die Form erzwingen. Kein fester Feiertag mehr, sondern Gelegenheitsbußtage. Die Kirche oder andere tragende Institutionen könnten jeweils dazu aufrufen, wenn ein Anlass wichtig genug ist, zur allgemeinen Buße aufzurufen.

Dennoch meine ich, in einer Zeit wie der unsrigen sind die besonderen Tage, die das Leben ordnen, besonders wichtig. Zur Zeit Jesu etwa gab es einen solchen Bußtag, das war der Große Versöhnungstag. Der Opferdienst gerade mit den Opfern, die Sündenvergebung bewirkten, lief wohl das ganze Jahr über. Der war mehr privat ausgerichtet auf Verschuldungen des Einzelnen. Aber einmal im Jahr am Großen Versöhnungstag (Jom Kippur) kam das ganze Volk zusammen und ließ sich im Rahmen einer großen Zeremonie entsündigen von bewusster und unbewusster Schuld.

Wie brauchen solche Gedenktage, die für Unterbrechung sorgen im gewohnten Treiben von Kaufen und Verkaufen, Sich amüsieren, langweilen, geringfügig oder grob sündigen. Wir haben einen verderblichen Mangel an ordnenden Tagen. An ordnenden Zeiten. Wir leben in einer Phase, wo alle ordnenden Zeiten abgeschafft werden, der Bußtag ist nur ein Glied in dieser Kette. Fernsehen rund um die Uhr, einkaufen rund um die Uhr, telefonieren rund um die Uhr, die Kontinente überfliegen rund um die Uhr. Bald sind es nur noch die 4 Jahreszeiten und Tag und Nacht, die als Ordnungsfaktoren übrig bleiben, wie im bibl. Schöpfungsbericht erwähnt: (Gen 1, 14 lesen) Am Schluss dieses Schöpfungsberichts wird die göttl. Ruhe am 7. Tag betont. Hier kommt klar zum Ausdruck, dass ordnende Zeiten wichtig sind für unser äußeres Leben wie für unsere Seele. Der Wechsel von Arbeitstag und Ruhetag, und darüber hinaus besondere Tage, die unser Leben strukturieren.

Ich denke zurück an die Trauerfeier für einen alten Hastedter. Der hat in seinen letzten Jahren die Woche strukturiert mit Arbeiten im Hause: Dienstag Garten, Donnerstag die Treppe, am Wochenende die Küche. Die Hauptarbeit leisteten inzwischen andere, aber er muddelte da noch rum so weit es seine Kraft erlaubte. Diese Ziele halfen ihm. Besondere Zeiten helfen uns. Sie abschaffen und für einerlei erklären bringt uns nicht Freiheit, sondern Not. Die alte Sitte, wonach in Bremen am Bußtag der erste Braunkohl auf den Tisch kommt, mag mancher albern finden oder Ausdruck von Hilflosigkeit für unkirchliche, die mit dem heutigen Datum nichts anfangen können. Es war trotzdem eine Einzelheit, die das Jahr mit ordnete, auch für den der Kohl und Pinkel nicht mag.

So gewiss die Zeiten unser Leben ordnen: Die Zeit ist doch noch etwas unpersönliches. Gott selbst will unser Leben ordnen. Darin besteht das sachliche Anliegen des Bußtages. Mit seinen klaren Geboten gibt uns der Schöpfer Leitlinien an die Hand, die uns für die Zukunft leiten und an hand derer wir vergangene Schuld aufspüren können. Und auch das ist noch die halbe Wahrheit. Gott will ja nicht nur, dass wir parieren, dass wir anständig sind. Er möchte, dass Sinn erwächst aus unserm Leben, Glück, Erfüllung, positiver Einfluss auf andere. Also all das, was die Bibel Frucht nennt und im Gleichnis vom Feigenbaum auf den Punkt bringt. (V6-9 lesen). Was hörst du aus diesem Gleichnis heraus? Welchen Gott nimmst du hier wahr? Einen, der nur die Erfolgreichen belohnt. Ist das wie im Fußball: Noch eine Saison, aber der Stuhl wackelt jetzt schon? Beachten wir die beiden Personen, die hier auftreten. Der Weinbergbesitzer und der Weingärtner. Der Gärtner ist Jesus. Wir sind der Baum. Jesus legt ein gutes Wort für uns ein. Er weiß: Wir sind zu schwach, um ernsthaft Buße zu tun.

Gewiss war Luther im Recht, als er in der ersten seiner 95 Thesen proklamierte: Als unser Herr und Meister Jesus Christus sagte, man solle Buße tun, wollte er, das ganze Leben des Christen solle eine Buße sein. Tägliche Buße. Weil wir nun zu schwach sind, täglich innezuhalten und und erneuern zu lassen, brauchen wir besondere Zeiten, Anlässe. Denn wir sind zu schwach. Aber auch mit diesen Zeiten, auch mit den Geboten der Bibel als Richtschnur, auch mit dem Vorbild anderer Christen tut sich zu wenig bei uns. Wir schaffen es nicht. Auch die Drohung des Besitzers mit der letzten Chance bringt auf Dauer keine effektive Buße zustande. Da geschieht etwas unerwartetes. Jesus legt ein Wort für uns ein: "Lass ihn, ich tue jetzt etwas für ihn." Was hat er denn getan? Jesus hat die Drohung des Weinbergbesitzers auf sich genommen. Lass den faulen Baum stehen, hau den guten ab! Das Erlösungswerk Jesu am Kreuz bringt alle menschlichen Vorstellungen von Buße durcheinander. Denn die übliche Vorstellung ist entweder: Regt euch nicht auf, so schlimm ist es doch gar nicht mit der Welt und mir mir. Oder: Alles geht den Bach runter, da kann niemand mehr was ändern, da hilft auch keine beten.

Doch. Wo Jesus kommt, gilt: Siehe, ich mache alles neu. Jesus verspricht: Das Alte zählt nicht mehr. Gott kann auch eingeschliffene Gewohnheiten ändern. Vertraue mir. Darum bedeutet Bußtag: Wir haben noch eine Chance. Solange diese Erde noch steht, so lange Gott ihr Zeit gibt, haben wir eine Chance. Jeder von uns kann Frucht bringen mit seinem Leben, auch wenn das vielleicht nie auf öffentliches Interesse stößt. Deshalb ist es gut, dass wir diesen Tag Buß- und Bettag nennen. Denn das unsere Zeit für die Umkehr überreif ist, hat sich herumgesprochen. Aber woher die Kraft für diese Umkehr kommt, und wer dann auch weiter die Kraft gibt, auf dem neu eingeschlagenen Weg zu bleiben, fest zu bleiben ein Leben lang, das muss sich noch herumsprechen. Jesus gibt diese Kraft. Im Abendmahl schöpfen wir daraus. Er soll uns weiter die Richtung geben, uns zeigen, wo wir lang sollen, wo wir uns von etwas abwenden sollen, wo neue Aufgaben sind. Darauf sich zu besinnen lohnt sich immer.

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