Buße und Seligkeit

Liebe Gemeinde,

was will dieser Buß- und Bettag von uns? Ist der Bußruf ein gültiges Angebot, wenn man sich angegriffen und bedroht fühlt? Ist "selig werden" ein realistisches und lohnendes Ziel?

Ich stelle diese Fragen auf dem Hintergrund der Ereignisse seit dem 11. September und im Blick auf die Tatsache, dass Sie heute hier im Gottesdienst sind und nicht bei der Arbeit oder zu Hause.

Für mich steht nämlich die Frage auch im Raum: Was habe ich verkehrt gemacht – bzw. habe ich etwas falsch gemacht, dass so etwas in der Welt passieren kann? Ist diese Androhung aus dem Lukasevangelium etwas, was mir hilft und weswegen ich oder Sie in diesen Gottesdienst gekommen sind? Wenn ich höre mit welcher Härte wir heute Worte Jesu hinnehmen müssen, dann stellen sich diese Fragen.

Denn die Menschen, die sich in die Türme des WTC in New York gestürzt haben, waren überzeugt, sie werden dadurch selig. Ist es das, was "selig werden" bedeutet?! Die Fundamentalisten im Islam sind überzeugt, dass sie ihr Leben hergeben müssen für die Sache ihres Gottes und dann und so selig werden. Das erschreckt.

Freilich hoffen wir alle, dass bald die vermuteten Drahtzieher der Terroranschläge und einige Anstifter von Fundamentalismus gefasst werden. Das Gefühl der Bedrohung nimmt vielleicht ab. Aber die Bedrohung an sich ist nicht weg. Es wird andere geben, die nach ihrem Verständnis und ihren Möglichkeiten "selig werden" wollen.

So ein "selig werden" ist für uns bestimmt kein lohnendes Ziel. Davon bin ich überzeugt. Aber was ist es dann? Und wie kommen wir dahin?

Durch Buße. Dies will uns der heutige Buß- und Bettag sagen. Der Bußruf ist ein gültiges Angebot, wenn man sich bedroht und angegriffen fühlt. Und selig werden ist ein lohnendes und realistisches Ziel – selbst und gerade in solcher Situation.

Ich will Ihnen sagen, welche Buße und welches "selig werden" da gemeint ist.

Voraussetzung ist nach dem Predigtwort eine todernste Situation. Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem. Er weiß, dass dort der Tod auf ihn wartet. Dass und wie ernst es jetzt wird – das bringt er hier seinen Anhängern bei: "Ihr müsst endlich begreifen, worum es geht! Listet nicht auf, wann und wo und wie ihr bei mir wart. So etwas machen Übeltäter. Und die werde ich nicht kennen. Ringt darum, dass ihr durch die enge Pforte hinein geht. Das will ich von euch."

Also keine üblen Taten! Das leuchtet ja ein. Aber Jesus sagt mehr: Überhaupt keine Taten! Buße tun bedeutet: nichts tun im Sinne von nicht handeln.

Buße stellt also nicht vor die Alternative, viel oder wenig zu tun, stellt nicht vor die Alternative zwischen Gut und Böse. Der Bußruf fordert auf, sich auf Gottes Gnade und Liebe voll einzulassen. Dies bedeutet: sich durch die enge Pforte durchzuringen.

Wir wissen ja aus dem Johannesevangelium, diese Pforte ist Jesus selber. Er sagt: "Ich bin die Tür, wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden." (Joh. 10,9) Und wir wissen ja, dass Jesus die Liebe, die Gnade und Barmherzigkeit Gottes ist.

Er hat darum gerungen, dass wir sie zu spüren bekommen. Er hat darum gerungen und es durchgesetzt, dass Gottes Liebe und Gnade bestehen bleibt. Einzig und allein dieses muss erkannt und geglaubt werden. Einzig und allein diese "Pforte", nämlich Jesus Christus, erhält uns in Gottes Gnade.

Und sie ist deshalb eng, weil neben dem Glauben jegliches Mitbringsel den Durchgang durch diese Pforte verhindern soll. Keine Taten, keine oberflächlichen Begründungen, kein Aktionismus soll im Gepäck sein. "Denn viele," das sagt Jesus auch, "werden danach trachten," dass sie so "hineinkommen, und werden’s nicht können."

Buße bedeutet also ernst zu nehmen, zu vertrauen und als ausreichend zu betrachten: allein Jesus Christus ist der Weg zur Seligkeit.

Was bedeutet "selig werden"?

Es ist dem, der Jesus hier fragt, auch sehr ernst damit. "Es sprach aber einer zu ihm: Herr, meinst du, dass nur wenige selig werden?"

Da macht sich einer Sorgen. Da klingt auch Angst mit. Da verspüre ich Nervosität. Da denkt einer an sich uns seine Seligkeit: "Herr, wenn nur wenige – dann wie steht’s mit mir?"

Das sind auch Fragen, Gedanken und Gefühle, die ich bei Ihnen vermute, weil Sie heute in diesem Gottesdienst sind. Ich möchte für alle sagen: "Mir ist es ernst damit. Was bietet mir das Evangelium, also die Frohe Botschaft, an?"

Als Antwort lese ich bei Lukas von Drohung, von Angst machen, von Ausschluss, von Beschimpfung. Das kann für mich insofern gute Botschaft sein, als dass es eine Basis für richtige Lebensentscheidungen ist. Denn das Wissen um die Folgen des eigenen Handelns erweist sich als sinnvoll und hilfreich. Ein banales Beispiel: Wenn man beginnt Auto zu fahren, ist es wichtig zu wissen, dass man aus der Kurve geschleudert wird, wenn man mit überhöhter Geschwindigkeit in sie hineinfährt.

Es ist wichtig, um die Gefahr und die Folgen im vorhinein zu wissen. Es ist zudem fair und es traut dem Menschen zu, die Verantwortung für sein Handeln zu tragen und gegebenenfalls notwendige Veränderungen zu vollziehen.

Aber damit bin und werde ich nicht "selig". Das höre ich auch in den Worten Jesu in diesem Abschnitt. Ich bin dann vielleicht zufrieden, glücklich und kann unversehrt leben. Aber wenn ich nach der Seligkeit suche, die ich von Jesus haben will und das mit der Angst und Sorge tue, die in der Frage des Jüngers zu verspüren ist, dann antwortet Jesus auch sehr nervös.

Damit ich endlich begreife: die Seligkeit, die Jesus geben will, das ist die völlige Freiheit von Angst und Sorge um mein Leben, die völlige Freiheit von Handlungszwang und Aktionismus, die völlige Freiheit vom Gefühl der Bedrohung.

Selig werden bedeutet, das Angebot Jesu anzunehmen und alles los zu lassen, was bedrückt, besorgt und Angst macht. Letzteres würde nämlich unser Gepäck so vergrößern, dass wir nicht durch die enge Pforte passen.

Darum und so gehören Buße und Seligkeit zusammen: loslassen, umkehren und auf Christus allein schauen.

Diese Art von Buße und dieses Ziel, selig zu werden und zu sein ist deshalb ein gültiges und realistisches Angebot, wenn man sich bedroht und angegriffen fühlt. Es hilft auch, um sorgloser und zuversichtlich der Bedrohung entgegen zu sehen und sie zu überleben.

Jesus Christus hat dafür gerungen und gewonnen. Wir brauchen es nur noch anzunehmen und damit selig zu werden. Dass dies gelingt, dazu bewahre unsere Herzen und Sinne der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, in Jesus Christus.

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