Buffeterlebnis

Liebe Gemeinde,

kennen Sie Albert Schweitzer? Klar kennen sie den. Er war Urwaldarzt in Lambarene, großer Kirchenmusiker und Theologe. Sein theologisch bedeutsamstes Werk heißt: Die Geschichte der Leben Jesu Forschung. Schweizer rechnet in dem Buch mit der Forschung des 19. Jahrhunderts ab. Immer wieder hatten Wissenschaftler versucht, aus der Bibel den historischen Jesus zu zaubern. Den Forschern war klar, dass nicht alles so gewesen sein kann, wie es die einzelnen Evangelisten schildern. Schon deshalb nicht, weil sie sich ja widersprechen.

Auch bei den Wundgeschichten sollte ein vernünftige Erklärung her. Man wollte möglichst viel von ihnen retten und das hieß. Die Wunder mussten dem, was man mit den Sinnen fassen kann, standhalten. So wurde gemutmaßt, dass Jesus gar nicht auf dem See spaziert ist, sondern es für seine Jünger nur so aussah. Er sei vielmehr im dichten Nebel am Ufer entlanggegangen. Für eine weitere Wundergesichte, die Brotvermehrung dachte man sich aus, dass Jesus zum Vorbild für alle geworden ist. Er gibt Brot und Fisch weiter und andere machen es ihm nach. Jeder packt seine Vorräte aus und so bleibt noch eine ganze Menge übrig. Aber hören wir uns die geschickte, den Predigttext für den heutigen Sonntag einmal an.

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Wer Wundern nun kritisch gegenübersteht, dem leuchtet diese Erklärung der Forscher von damals gleich ein. Der gute Gastgeber beschämt seine Gäste, dass sie so wenig zum Gelingen des Mahls beigetragen haben. Wer so wenig hat und so viel geben will, der lockt die eigenen Vorräte aus der Tasche. Wie gesagt, einige Ausleger aus dem letzten Jahrhundert orientierten sich an Jesus als dem guten Gastgeber und den eigenen Schamgefühlen. Viel haben und wenig geben. Das darf nicht sein.

Albert Schweitzer macht mit seinem Buch 1906 Schluss mit historischen Mutmaßungen. Er sagt. Wir kommen nicht zu dem historischen Jesus zurück. Alle, die über ihn geschrieben haben, haben an ihn geglaubt. Die Berichte der Evangelisten sind deshalb keine Historien sondern Glaubenszeugnisse. Fakten gib es nicht zu holen. Deutungen allemal. Das ist jetzt fast 100 Jahre her. Was bedeutet das heute? Zunächst: Seit Albert Schweitzer haben wir wenig dazugelernt. Es bleibt dabei. Jesus der junge Mann mit den Lederlatschen, den staubigen Füßen und dem einfachen Umhang werden wir nicht finden. Jedenfalls nicht in den Schriften der Bibel. Das heißt: auch die Wunder lassen sich nicht historisch beweisen. Wie sollen wir sie aber dann verstehen? Ich möchte ihnen dazu eine Begebenheit aus alter Zeit erzählen. Sie handelt von einer ähnlichen Wundergeschichte.

Der Kirchenvater Hieronymus wurde von einem kritischen Geist auf die Probe gestellt. Der fragte: Stimmt es, dass Jesus bei der Hochzeit zu Kana aus Wasser Wein gemacht hat, als die Gäste nichts mehr zu trinken hatten. Der Kirchenvater antwortete: Ja das stimmt. So, sagte der Kritiker, ich habe ausgerechnet, dass bei der Menge der Krüge Jesus insgesamt 300 Liter Wein gemacht hat. Glaubst du, dass die ohnehin schon angesäuselten Gäste den auch noch ausgetrunken haben. Wollte Jesus so ein Besäufnis? Der Kritiker grinste. Hieronymus blieb ganz ruhig und antwortete: Die haben den Wein nicht ausgetrunken. Von diesem Wein trinken wir heute noch.

Liebe Gemeinde, ich darf an dieser Stelle den Kirchenvater ergänzen. Auch wir hier in Kuhstedt trinken noch davon. Albert Schweitzer hat Recht. Was sollen wir mit dem historischen Jesus. Wenn er damals auch die Masse gespeist hat. Was hilft uns das? Nichts. Ein Held, der für uns nicht mehr ansprechbar ist, gehört zwischen zwei Buchdeckel oder in einen Hollywoodstreifen. In unserem Leben hat er nichts zu suchen.

Neulich wurde ich zu einem Fest eingeladen. Die Gastgeber baten die Gäste, keine Geschenke mitzubringen. Dafür sollte jeder eine Köstlichkeit zum Buffet beitragen. Ich war überrascht. Mein Nudelsalat nahm sich im bunten Gemisch der reich dekorierten Teller und Platten ganz bescheiden aus. Am Buffet erzählte mir jemand, dass es ihm ganz ähnlich gegangen war. Er habe auch etwas mitgebracht und jetzt hatte er Mühe, es wieder zu finden. Wahrscheinlich hat jeder so gedacht. Man könnte sagen: Jeder war an diesem Buffet beteiligt, aber der Gesamteindruck hat jeden überwältigt. Ob der Gastgeber am Ende des Abends zwölf Körber Krümel eingesammelt hat, weiß ich nicht. Ich weiß, dass Albert Schweitzer recht hatte. Ein historischer Jesus tut heute für uns keine Wunder mehr. Er lädt uns nicht mehr an seinen Tisch ein. Ein Jesus, der seinen Platz in unserem Glauben hat, schreibt uns dagegen auch heute noch eine Einladung.

Wenn ich an das Buffeterlebnis bei dem Fest denke, kann ich an das Wunder aus der Bibel glauben. Fünf Brote und zwei Fische, davon kann man eigentlich genau so wenig satt werden wie von der kleinen Oblate und dem Schluck Wein beim Abendmahl. Es kommt eben drauf an, was jeder mitbringt Manchmal ist das eine kleine Salatschüssel und manchmal der Glaube daran, dass Jesus meinen hungrigen Geist satt macht. Denn eins ist sicher: Ohne Einladung geschieht kein Wunder. Meine eigenen Vorräte reichen für mich selbst nie. Wenn ich sie mit anderen teile, geschieht das Wunder. Alle werden satt. Auch ich.

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