Brockensammlung

<i>[Diese Predigt wurde für den Sonntag Sexagesimae 2001 konzpiert.]</i>

Bethel – heißt wörtlich Haus Gottes. Der Name erinnert an die Geschichte von Jakob, der auf der Flucht ist vor seinem Bruder, den er betrogen hat. In der Wüste ist für ihn Bethel – das Haus Gottes. Daraus wurde in Israel eine heilige Stadt. Aus dem Namen wurde ein Stadtteil von Bielefeld – und mehr. Es wurde ein Ort der Hoffnung für Menschen, die am Rande standen. Wir machen uns das heute oft nicht klar, was das bedeutet hat, behindert zu sein vor 150 Jahren in Zeiten der Industrialisierung. In engen Arbeiterwohnungen mit vielen Kindern und wenig Geld, wenig Essen, wenig Kleidung. Damals fingen in Deutschland Leute wie Johann Hinrich Wichern oder Friedrich von Bodelschwingh zusammen mit vielen anderen Menschen an, die Not zu sehen und etwas zu tun. Spenden wurden gesammelt, Häuser wurden gekauft, Unterkünfte für verwahrloste Kinder und Jugendliche z.B. in Hamburg geschaffen. In Bielefeld galt die Aufmerksamkeit mehr den Behinderten, speziell den Epileptikern. Ihnen sollte geholfen werden. Dahinter steckte das biblische Menschenbild, dass es kein Leben erster und zweiter Klasse gibt, sondern nur menschliches Leben. Bodelschwingh war es wichtig, dass kein Mensch umkommt. Darum folgten auch andere Betreuungseinrichtungen z.B. für Obdachlose und straffällig gewordene. Bald spürte er, dass er ihrem Leben Sinn geben musste. Darum wurden Arbeitsmöglichkeiten geschaffen. Eine davon war die Brockensammlung. Der Name Brockensammlung erinnert an eine biblische Geschichte:

[TEXT]

Die Brockensammlung ist für mich ein Phänomen. Nicht so sehr die Tatsache, dass Jahr für Jahr 6-7 Tonnen Altkleider und Schuhe bei uns gesammelt werden. Das könnten wir auch unter ‚Überflussgesellschaft‘ abhaken. Aber wir muten den Menschen ja auch einiges zu. Sie müssen Säcke abholen und sie – wenn es irgendwie geht – auch wieder zu uns bringen. Es sind nicht so viele, die anrufen: "Holt bitte unsere Säcke". Andere Organisationen machen es den Menschen einfacher. Aber wir bekommen schon im Januar Anrufe: "Wann…?" Für mich ein Beweis für das ungeheure Vertrauen, das Bethel genießt. "Fairwertung" heißt ein Stichwort: Die Zusage Bethels: Wir sorgen für eine Verwertung, die gut und anständig ist. Wir lassen nicht verwerten, wir tun es selbst und schaffen damit Arbeitsplätze für Behinderte – und lassen das auch überprüfen und bewerten. das ist wichtig. Aber wichtiger ist wohl der Ruf von Bethel. Und das hängt eng mit unserer Geschichte zusammen: Jesus wird uns hier vorgestellt als ein Verkündiger des Wortes Gottes. Er zieht Menschen an – und er sorgt sich um sie. Es reicht ihm nicht, dass sie sein Wort haben. Er will, dass sie mehr haben – dass sie satt werden. Er ist Prediger und Diakon. Er bringt den einen Jungen, der etwas hat dazu zu teilen – und alle werden satt. Die Vernunftorientierten sagen: Das Vorbild hat gewirkt. Alle haben gesehen, was sie haben und geteilt. Andere sagen: Ein Wunder der Brotvermehrung. Beides hört sich gut an. Alle werden satt – aber das reicht nicht: Sammelt die Brocken, damit nichts umkommt. Das Evangelium erzählt uns nicht, was mit den Resten geschieht. Meine Phantasie kann sich hier grenzenlos entfalten. So ähnlich geht es mir auch wenn ich die Berge von Säcken sehe, die gesammelt werden.

Bodelschwingh hatte Phantasie – wie Menschen zu helfen wäre. Er sah die Not und ging sie an, oft ohne zu wissen, ob er das morgen noch alles würde finanzieren können. Er hatte die Phantasie damit zu rechnen, dass Menschen sich anstecken lassen und mitziehen bei dem großen Werk. Wir gehören zu den Menschen, denen er so etwa zugetraut hat. Mit ihm sammeln wir Brocken. Mit ihm versuchen wir keinen Menschen verloren zu geben – ohne zu fragen wozu, sondern nur weil wir wissen: "Es gibt keinen Menschen auf der Erde, den Gott nicht liebt." Darum feiern wir auch heute das Abendmahl. Wir wissen, dass dieses Teilen von Brot und Traubensaft uns noch nicht zu Schwestern und Brüdern macht, aber es ist ein Anfang. Ein Anfang, in dem wir uns wahrnehmen könne als Menschen, die auf einen weg gestellt sind, als Menschen, die Vergebung brauchen und es brauchen, dass sie die Kraft gewinnen, anderen zu vergeben.

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